{"id":1075,"date":"2017-07-02T17:26:09","date_gmt":"2017-07-02T15:26:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=1075"},"modified":"2021-04-11T08:27:14","modified_gmt":"2021-04-11T08:27:14","slug":"zeitmaschinen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=1075","title":{"rendered":"Zeitmaschinen"},"content":{"rendered":"<p>Vielleicht ist es gar keine Liebe. Nur f\u00e4llt mir kein anderes Wort ein um das Gef\u00fchl zu beschreiben, wenn es einem so vorkommt, als h\u00e4tte man schon das ganze Leben gemeinsam verbracht, obwohl man sich erst seit einigen Monaten kennt.<!--more--><\/p>\n<p>Der \u00e4u\u00dfere Schein interessiert mich nicht. Das ist Maske, Make-up, Stoff. Den Menschen dahinter entdeckt man erst nach und nach. Und wenn er gut ist, spielt die H\u00fclle keine Rolle. St\u00f6\u00dft er einen ab, kann auch die sch\u00f6nste Verpackung nichts daran \u00e4ndern. Au\u00dfer man ist ein oberfl\u00e4chlicher Mensch, aber oberfl\u00e4chliche Menschen kommen gar nicht dahin, wo wir sind.<\/p>\n<p>Das Alter ist ein Krebs, der dich von au\u00dfen her verzehrt. Du f\u00fchlst dich gut, aber da sind diese Falten in den Augenwinkeln, der etwas schlaffe Mund, der Bauch, der eine halbherzige Schwangerschaft nach\u00e4fft, die vom Stauwasser angedickten Fu\u00dfkn\u00f6chel. Hinzu kommen Schmerzen, mit denen du Bekanntschaft machst wie fr\u00fcher mit anderen M\u00fcttern auf dem Spielplatz. Innen aber bist du stehengeblieben, hast aufgeh\u00f6rt \u00e4lter zu werden, irgendwann zwischen dem f\u00fcnfunddrei\u00dfigsten und vierzigsten Lebensjahr und fortan hatte alles, was mit deinem K\u00f6rper passiert, nichts mehr mit dir zu tun. Deine faltigen Br\u00fcste sind dir so unbegreiflich wie die Tatsache, dass es jemanden noch Freude macht, sie zu ber\u00fchren.<\/p>\n<p>Ich glaube nicht, dass es einen Sinn hinter all dem gibt was uns zust\u00f6\u00dft. Es passiert einfach, greift in unser Leben und erst sp\u00e4ter wird dir klar, dass du nicht mehr der bist, der du vorher warst. Man h\u00e4lt sich an dem fest, was man kennt und denkt sich, wenn du das jetzt auch noch verlierst, musst du ganz von vorne anfangen. Aber dieses Vorne, ahnst du, ist mit jedem Tag ein St\u00fcck weiter weg.<\/p>\n<p>Als ich Sonja erz\u00e4hlte, dass ich einen Mann kennengelernt habe, weiteten sich ihre Augen und sie strahlte \u00fcber das ganze Gesicht. Sie hatte ihren Vater zwar geliebt, aber nach seinem Tod nicht wirklich vermisst. Manche Menschen sind besser eine Erinnerung als realer Teil deines Lebens. Wie er hie\u00dfe, wollte sie wissen, was er mache, wie er aussehe. Nur die eine, die entscheidende Frage stellte sie nicht. Weil es ihr \u00fcberhaupt nicht in den Sinn kam. Das kann ich ihr nicht ver\u00fcbeln, denn mir w\u00e4re es auch nicht in den Sinn gekommen. H\u00e4tte Sonja mir von einem neuen Liebhaber erz\u00e4hlt, es w\u00e4ren wom\u00f6glich Stunden des Redens und Zuh\u00f6rens vergangen, bis ich jene Frage gestellt h\u00e4tte, welche in dem ganzen Zusammenhang die am wenigsten wichtige ist.<\/p>\n<p>Vater starb als ich elf Jahre alt war. Sie hatten nahe Kleinweiler eine Grube ausgehoben und waren gerade dabei, die Kipplaster zu bef\u00fcllen. Einer der Arbeiter verschloss die Heckklappe nicht richtig und als die Baggerschaufel eine gute Tonne Erde auf die Ladefl\u00e4che warf, sprang sie auf und zerschlug Vater den Kopf. Meine Mutter heiratete bald wieder und ich lief, wie das alle in meinem Alter taten, irgendwelchen Tr\u00e4umen hinterher. Erreicht habe ich sie nie, aber ich gew\u00f6hnte mich an das Laufen.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde es nicht Verachtung nennen. Auch Entsetzen trifft es nicht. Verst\u00e4ndnislosigkeit schon eher. Weil ihnen die Erfahrung dar\u00fcber abgeht. Weil sie es gewohnt sind, dass sich Gleichaltrige zusammenfinden oder es eben alte M\u00e4nner mit Geld sind, denen sich junge Frauen, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer, an den Hals werfen. Wenn du als \u00e4ltere Frau aber mit einem wesentlich j\u00fcngeren Mann ausgehst und dein Verhalten erkennen l\u00e4sst, hier handelt es sich nicht um Mutter und Sohn, da springen allen die Fragezeichen aus den Gesichtern. Die stehen allerdings, vermute ich, nur hinter den S\u00e4tzen, die sich mit den Motiven des Mannes besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Wie lernt man sich kennen? So, wie alle anderen auch. Durch Zufall. Ich hatte etwas Geld gespart und war noch nie am Meer gewesen. Im Reiseb\u00fcro empfahlen sie mir eine Pauschalreise. Das Hotel nur f\u00fcnf Minuten vom Strand entfernt, im Landesinneren eine Menge Sehensw\u00fcrdigkeiten. Es k\u00e4me bestimmt keine Langweile auf, auch wenn ich alleine reiste. Und dann ist es doch irgendwie langweilig, trotz Meer und Unmengen alter Steine, die Geschichten erz\u00e4hlen. Mit dem Urlaub ist es wie mit dem Essen. Egal, wie gut es ist, alleine schmeckt es ein wenig schal. Auf der Tour zu einer der Ruinenst\u00e4tten sa\u00dfen wir nebeneinander im Bus. Wir unterhielten uns und so fing es an.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich schmeichelt es dir, auch wenn du es zun\u00e4chst nicht ernst nimmst. Es ist so, als schaue man eine romantische Kom\u00f6die, deren Mangel an Realismus man bel\u00e4chelt, sie aber trotzdem genie\u00dft. Dann allerdings passiert etwas, mit dem du nicht gerechnet hast. Du f\u00fchlst dich nicht mehr geschmeichelt, sondern herausgefordert. Du identifizierst dich mit dem, was du denkst, das der andere in dir sieht und dieser Blick auf dich selbst erinnert dich an fr\u00fcher und du wirst s\u00fcchtig danach, so wie du fr\u00fcher s\u00fcchtig danach warst. Verliebt sein, das ist weniger das Verlangen nach der anderen Person, sondern der Rausch in den du ger\u00e4tst, wenn du den verkl\u00e4rten Blick des anderen auf dich selbst \u00fcbernimmst.<\/p>\n<p>Mein Freundeskreis ist \u00fcberschaubar. Die meisten kenne ich seit der Schule. Man trifft sich am Wochenende oder zu den \u00fcblichen Feiern. Mit dem einen geht man zu einem Fu\u00dfballspiel, mit dem anderen zum Kegeln. Einige heirateten fr\u00fch, einige etwas sp\u00e4ter. Einer ist mittlerweile schon zwei Mal geschieden. Hat auf unsere Freundschaft aber keine Auswirkung, so wenig wie der Umstand, dass ich nie geheiratete habe. Und auch jetzt ist es so wie fr\u00fcher. Wenn wir mit den Familien zusammen sind, habe ich sie dabei und alle sind froh damit. Sie selbst, glaube ich, auch. Mache ich etwas mit den Freunden alleine, sprechen wir nicht dar\u00fcber. Nicht \u00fcber Kinder, nicht \u00fcber Scheidungen, nicht \u00fcber unsere Frauen. Vielleicht sind wir deswegen noch Freunde.<\/p>\n<p>Wann f\u00e4ngt man an sich zu sch\u00e4men? Scham, das kommt immer von au\u00dfen. Sie geh\u00f6rt zu den Dingen, die man einem Menschen erst beibringen muss. So wie Religion und Hass. Oft sind es die Menschen, die dir am n\u00e4chsten stehen. Und weil es Sonja war, kam noch die Dem\u00fctigung dazu, mich wie ein Kind zu f\u00fchlen, das sich vor seinen Eltern rechtfertigen muss. Diese Umkehrung der Verh\u00e4ltnisse, wenn man vom eigenen Kind Moralpredigten gehalten bekommt. Von einem Mutterkomplex sprach sie bei ihm und ich wolle wohl auf Biegen und Brechen meine Jugend zur\u00fcck, als w\u00fcrden wir uns gegenseitig als Zeitmaschinen benutzen. Ich wei\u00df, dass sie es nicht so meinte und Angst davor hatte, jemand br\u00e4che mein altes Herz. Aber selbst unsere eigenen Kinder haben keine Ahnung davon, wie alt oder wie jung unser Herz wirklich ist.<\/p>\n<p>Wie ich \u00fcber das Altwerden denke? Wie denken Sie denn dar\u00fcber? Wie denken Sie \u00fcber Ihre Geburt? Das sind doch Dinge, auf die wir keinen Einfluss haben. Nat\u00fcrlich wird sie vor mir sterben, wenn mir kein Ungl\u00fcck zust\u00f6\u00dft. Aber was hat das mit dem Hier und Jetzt zu tun? Mit dem Leben, das wir heute f\u00fchren. Fragen Sie mich, wenn es soweit ist und dann sage ich Ihnen, was ich dar\u00fcber denke.<\/p>\n<p>Mit dem Feminismus stand ich immer ein klein wenig auf Kriegsfu\u00df, weil mir die Tendenz nicht gefiel, aus dem berechtigten Wunsch nach Gleichberechtigung auch eine grunds\u00e4tzliche Gleichheit abzuleiten. M\u00e4nner und Frauen sind nun mal verschieden. Verstehen Sie mich nicht falsch, der Kampf der Frauen ist noch lange nicht vorbei. Aber er sollte an den richtigen Fronten gek\u00e4mpft werden. Ich befinde mich im Moment in der Etappe und genie\u00dfe das Gef\u00fchl, keiner Bedrohung ausgesetzt zu sein. Er besch\u00fctzt mich. Nicht auf diese grobm\u00e4nnliche Art, als sei ich sein Eigentum. Ich habe einen Wert f\u00fcr ihn. Und dieser Wert r\u00fchrt daher, dass ich eine Frau bin. Ich bin das, was er nie sein kann. Und was die Vermutung meiner Tochter angeht: in der m\u00e4nnlichen Anh\u00e4nglichkeit was uns Frauen betrifft, ob wir nun zwanzig oder sechzig sind, schwebt doch immer eine gewisse Muttersehnsucht, oder? Ihre Fixierung auf unsere Br\u00fcste, ihre Sucht nach unserem Scho\u00df, die v\u00f6llige Dreingabe ihrer Sinne wenn sie den H\u00f6hepunkt erreichen, das kommt doch nicht nur vom Testosteron.<\/p>\n<p>Sie sagt mir, was sie erwartet und ich sage ihr, ob ich das kann. Das war bei den anderen Frauen, den j\u00fcngeren, nicht so. Da musste ich es erraten und lag meistens falsch. Oder dachte, ich l\u00e4ge falsch. Das ist der Grund, warum man ab einem gewissen Alter keine Freundschaften mehr schlie\u00dfen kann, weil einem die Zeit fehlt, jemanden so lesen zu lernen, dass das Miteinander selbstverst\u00e4ndlich wird. Sie aber macht aus sich kein Geheimnis und was mich angeht, ich war schon immer leicht zu durchschauen. Sollte es also nicht funktionieren, werden wir das rechtzeitig kommen sehen.<\/p>\n<p>In zwei Wochen feiern wir unser Einj\u00e4hriges und fahren wieder ans Meer. Obwohl es ziemlich kitschig ist. Der Ort hatte mit all dem ja nichts zu tun. Nett ist es aber trotzdem und ich freu mich schon darauf, neben ihm im Bus zu sitzen und heimlich mitzulesen, wenn er in seinen Reisef\u00fchrer vertieft ist. Irgendwann wird er es bemerken, mir das B\u00fcchlein hinhalten und sagen: Nehmen Sie ruhig, ich bin damit fast durch. Und ich werde antworten: Nein, lassen Sie sich bitte nicht st\u00f6ren. Nur halten Sie das Buch einfach ein bisschen zu mir her\u00fcber, dann k\u00f6nnen wir beide darin lesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vielleicht ist es gar keine Liebe. 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