{"id":109,"date":"2014-07-02T16:54:14","date_gmt":"2014-07-02T14:54:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=109"},"modified":"2021-04-11T16:13:27","modified_gmt":"2021-04-11T16:13:27","slug":"aus-des-teufels-gute-nacht-geschichten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=109","title":{"rendered":"Aus des Teufels Gute Nacht Geschichten"},"content":{"rendered":"<p><!--more--><\/p>\n<div style=\"text-align: right\"><em>Ich lese keine historischen B\u00fccher mehr. Fr\u00fcher, als ich es noch tat, war mir immer so, als l\u00e4se ich des Teufels Gute-Nacht-Geschichten.<\/em><br \/>\nHeinrich Heine in einem Brief an Ferdinand Lasalle<\/div>\n<div style=\"text-align: right\"><\/div>\n<div style=\"text-align: right\"><\/div>\n<div style=\"text-align: right\"><\/div>\n<div style=\"text-align: right\"><em>Wir m\u00f6gen nicht wissen, was\u2026das Menschliche sei, aber was das Unmenschliche ist, das wissen wir sehr genau.<\/em><br \/>\nAdorno<\/div>\n<div style=\"text-align: right\"><\/div>\n<div style=\"text-align: right\"><\/div>\n<div style=\"text-align: right\"><\/div>\n<div style=\"text-align: right\"><em>Alles Gute war einmal B\u00f6se. <\/em><br \/>\nNietzsche<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>SS-Scharf\u00fchrer Griebe hatte trotz seines viehischen Berufes, er war Kommandant eines Au\u00dfenlagers des KZ Mauthausen, eine nicht unsympathische Vorliebe f\u00fcr klassische Musik, vornehmlich Violinkonzerte von Mozart, Beethoven und H\u00e4ndel.<br \/>\nEr selbst dilettierte im Geigenspiel, wobei er peinlich darauf achtete, dass niemand im Lager mitbekam, wenn er sein Instrument hervorholte, um mit hauchzartem Strich einige kurze Notenfolgen zu spielen.<br \/>\nEines Tages kam ein bekannter Geigenbauer ins Lager. Griebe gab Anweisungen, den Mann zu schonen. Einmal lie\u00df er ihn holen, damit er sein Instrument inspiziere und die neuen Saiten aufziehe, die seine Frau ihm aus Berlin geschickt hatte. Kurz darauf traf ein ber\u00fchmter Violinist mit seiner Frau und Tochter ein. Griebe beobachtete, wie sie die Rampe vom Bahnsteig heruntergingen, der hagere Mann, die ihn um fast einen Kopf \u00fcberragende Frau und das M\u00e4dchen, etwa zehn oder zw\u00f6lf Jahre alt, mit langen Haaren, die ihr bis zu den Kniekehlen herabhingen.<br \/>\nDa kam Griebe eine Idee. Zun\u00e4chst rief er seinen Adjutanten und gab ihm Anweisungen. Dann schickte er nach dem Geigenbauer und auch dieser bekam Befehle, die sofort auszuf\u00fchren seien. Nach drei Tagen schlie\u00dflich lie\u00df er den Musiker zu sich kommen. Der hie\u00df Valentin Scheenspill und war einer der vielen Amsterdamer Juden, welche die letzten Transporte ins Lager gebracht hatten.<br \/>\n\u201eDu spielst Geige?\u201c, fragte Griebe.<br \/>\nScheenspill nickte.<br \/>\n\u201eWas kannst du spielen?\u201c<br \/>\n\u201eAlles mein Herr\u201c, antwortete Scheenspill, \u201eMozart, Beethoven\u2026\u201c<br \/>\n\u201eH\u00e4ndel auch?\u201c<br \/>\n\u201eAuch H\u00e4ndel, selbst wenn seine Violinenst\u00fccke nicht zu den bekanntesten z\u00e4hlen.\u201c<br \/>\nGriebe gab dem Juden eine Ohrfeige.<br \/>\n\u201eBelehre mich nicht! Ich will, dass du spielst. Mozart, Beethoven und H\u00e4ndel.\u201c<br \/>\nScheenspill verbeugte sich und sagte: \u201eWenn der Herr mir ein Instrument zur Verf\u00fcgung stellen kann, ich habe derzeit keines.\u201c<br \/>\n\u201eDaf\u00fcr\u201c, sagte Griebe und \u00f6ffnete seinen Geigenkasten, \u201eist gesorgt.\u201c<br \/>\nEr entnahm zun\u00e4chst die Violine und gab sie Scheenspill. Dann zog er den Geigenbogen hervor, hielt ihn hoch und fuhr mit den Fingern \u00fcber die Bespannung.<br \/>\n\u201eDas ist ein einzigartiger Bogen\u201c, sagte Griebe, \u201ebespannt mit einem ganz besonderen Material &#8211; dem feinen und wunderbar langen Haar eines jungen M\u00e4dchens. Ich wei\u00df, dass Menschenhaar f\u00fcr einen Geigenbogen nicht taugt, aber es ist das deiner Tochter, damit wirst du doch wohl einen sch\u00f6nen Wohlklang erzeugen k\u00f6nnen, oder?\u201c<br \/>\nScheenspill nickte stumm, nahm den Bogen und setze die Violine ans Kinn. Dann begann er zu spielen und es klang erb\u00e4rmlich. Die T\u00f6ne flossen ineinander ohne klare Kontur, als schallten sie in einem Raum aus Wolle und Staub. Scheenspill versuchte lauter zu spielen, doch je mehr Druck er auf den Bogen gab, desto mehr Haare rissen oder wurden durch die Reibung versengt. Dennoch fuhr er fort, versuchte sich an Mozart dem \u00d6sterreicher, an Beethoven dem Deutschen und an H\u00e4ndel, der solange in England lebte, jenem Land, das zwar um seine eigene Existenz k\u00e4mpfte, dem aber das Schicksal der Juden v\u00f6llig gleichg\u00fcltig war.<br \/>\nAls er es nicht mehr ertragen konnte, schlug Griebe dem Juden das Instrument aus der Hand.<br \/>\n\u201eEs ist abscheulich\u201c, rief er, \u201eabscheulich, was du aus der Musik machst! \u201c<br \/>\nScheenspill sah den Scharf\u00fchrer an und sagte: \u201eDie Musik ist abscheulich. Beethoven ist abscheulich, Mozart ist abscheulich.\u201c<br \/>\nGriebe nahm den Geigenbogen und versetzte dem Juden Hiebe auf Kopf und R\u00fccken. Dann rief er seinen Adjutanten und gab Befehl, den Gefangenen erschie\u00dfen zu lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">*<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die 1923 von Petljura angef\u00fchrten Pogrome in Kiev machten Efim Kogan zum Waisen, Einzelkind, Witwer und Kinderlosen. Zusammen mit seinem Vetter Iosif beschloss er, nach Pal\u00e4stina zu gehen. Ihr Weg f\u00fchrte sie zun\u00e4chst nach Odessa. Dort fanden sie einen Frachter, der sie nach Istanbul brachte. Bei dem Versuch auf einem d\u00e4nischen Kutter anzuheuern, wurde Iosif erstochen. Efim versteckte sich daraufhin im Laderaum eines englischen Handelsschiffes und kam so nach Zypern. Zwei Monate sp\u00e4ter betrat er in der N\u00e4he von Gaza das Heilige Land.<br \/>\nDas Kibbuz Cheftziba s\u00fcdlich des Sees Genezareth wurde ihm zur neuen Heimat. Die Landarbeit fiel ihm nicht schwer und innerhalb eines Jahres lernte er nicht nur hebr\u00e4isch, sondern auch arabisch und englisch.<br \/>\nAls der j\u00fcdische Nationalfonds weiteres Land von einem in den USA lebenden Araber kaufte, kam es zu einem Aufstand der dort lebenden Fellachen. Gem\u00e4\u00df ihrem Verst\u00e4ndnis geh\u00f6rte das Land zwar Ben Anisari und er konnte es verkaufen an wen immer er wollte, aber die Olivenb\u00e4ume und auch der Brunnen waren ihr Eigentum und unver\u00e4u\u00dferlich.<br \/>\nEfim bekam den Auftrag, die Wasserstelle zu sichern. Was das hie\u00dfe, wollte er wissen.<br \/>\nDie Araber vergiften den Brunnen, sobald wir daraus trinken, bekam er zur Antwort.<br \/>\nSo bezog er, begleitet von drei Soldaten des Kibbuz, Wache. Es kamen jedoch nur Frauen aus dem nahegelegenen Bet Sche\u2019an, die in irdenen Kr\u00fcgen Wasser sch\u00f6pften.<br \/>\nWir sollten sie daran hindern, unser Wasser zu trinken, sagte einer der Juden.<br \/>\nIst es unser Wasser, fragte Efim, oder das Wasser Gottes, das f\u00fcr alle Menschen sprudelt?<br \/>\nSie werden es vergiften, rief ein anderer.<br \/>\nWir werden es verhindern, sagte Efim.<br \/>\nDoch einer der M\u00e4nner, die so unzufrieden damit waren, dass Efim den einheimischen Frauen gestattete, aus ihrer Quelle Wasser zu sch\u00f6pfen, berichtete dies nicht nur im Kibbuz, sondern auch den Verantwortlichen der Hagana und der Histadrut. Diese schickten am folgenden Tag ein gutes Dutzend bewaffneter M\u00e4nner, um alle Pal\u00e4stinenser zu verjagen, wobei einige der Frauen erschossen wurden. Efim bekam den ausdr\u00fccklichen Befehl, nur noch die Juden aus dem Kibbuz an den Brunnen zu lassen.<br \/>\nTrotz der Wachen, versuchten die Bewohner von Bet Sche\u2019an sich nachts anzuschleichen, um wenigstens einige Kr\u00fcge zu f\u00fcllen. Meist wurden sie verjagt, doch wann immer es Efim m\u00f6glich war, lie\u00df er sie gew\u00e4hren.<\/p>\n<p>Zati Dawud war fr\u00fcher ein Hitzkopf gewesen, nun aber versuchte er die Leute in Bet Sche\u2019an zu beruhigen. Es muss einen Weg geben, sich mit den Juden zu einigen, sagte er.<br \/>\nDie Juden verachten uns, bekam er zu h\u00f6ren, und werden nicht mit uns reden. Wir sind wie Vieh in ihren Augen, und noch weniger als das.<br \/>\nIch werde, sagte Zati, mit dem Juden sprechen, der uns das Wasser holen l\u00e4sst.<br \/>\nAlso sprach Zati mit Efim. Wir sollen wir \u00fcberleben ohne Wasser, fragte er.<br \/>\nWie sollen wir \u00fcberleben, wenn wir vergiftet werden, bekam er zu Antwort.<br \/>\nWir vergiften euch nicht. Es ist unsere Quelle, warum sollten wir unser eigenes Wasser vergiften?<br \/>\nEs ist, sagte Efim, nicht mehr euer, sondern unser Wasser. W\u00e4re es noch das eurige, dann m\u00fcssten wir euch darum fragen und br\u00e4uchten keine Angst zu haben, dass ihr es vergiftet. Nun aber ist es unseres und es gibt keinen Grund, warum ihr es nicht vergiften solltet.<br \/>\nDa es nur diesen Brunnen gibt, f\u00fcr Bet Sche\u2019an und auch f\u00fcr eurer Kibbuz, ist es egal, wem er nun geh\u00f6rt. Wenn wir ihn teilen, dann gibt es keinen Grund ihn zu vergiften, au\u00dfer man wolle sich selbst vergiften.<br \/>\nEfim nickte. Dann sagte er noch: Ich wei\u00df, das viele von uns nicht so denken, aber mir erscheint es gut und gerecht, das Wasser zu teilen. Wann immer ich Wache habe, k\u00f6nnt ihr holen, soviel ihr tragen k\u00f6nnt. Im Gegenzug dazu versprichst du mir, das Wasser nicht zu vergiften.<br \/>\nIch verspreche es, sagte Zati.<br \/>\nUnd so kam es, dass \u00fcber einige Monate hinweg sowohl die Juden aus dem Kibbuz, als auch die Bewohnen von Bet Sche\u2019an aus dem Brunnen ihr Wasser sch\u00f6pften.<br \/>\nEinem von Efims Leuten, ebenfalls ein ukrainischer Jude, missfiel dessen Einverst\u00e4ndnis mit den arabischen Nachbarn und er beschwerte sich im Kibbuz. Wiederum erfuhren es auch die F\u00fchrer der Hagana und der Histadrut. Sie lie\u00dfen Efim von seinem Posten abholen, verh\u00f6rten ihn und nachdem sie ihn einige Tage in Gewahrsam gehalten hatten, bekam er eine neue Aufgabe innerhalb des Kibbuz zugeteilt. Derjenige, der Efim verraten hatte wurde der neue Aufseher \u00fcber den Brunnen und mit aller Gewalt und Brutalit\u00e4t vertrieb er jeden Araber, der sich auch nur in die N\u00e4he der Wasserstelle wagte.<\/p>\n<p>Kurz darauf, Efim schaufelte gerade einen Graben zur Bew\u00e4sserung eines Gem\u00fcsefeldes, schlich sich Zati auf die j\u00fcdischen Felder hinaus, um mit Efim zu reden.<br \/>\nSie vergiften den Brunnen, sagte er.<br \/>\nWann?<br \/>\nHeute Nacht.<br \/>\nWir m\u00fcssen das verhindern, sagte Efim. Um unser und euer Willen.<br \/>\nIch wei\u00df, antwortete Zati. Ihr werdet jeden einzelnen von uns t\u00f6ten, stirbt auch nur ein Jude.<br \/>\nJa, sagte Efim, so wird es sein.<br \/>\nIn der Nacht legten sie sich nahe Bet Sche\u2019an auf die Lauer. Als sie einige M\u00e4nner aus dem Dorf schleichen sahen, erhoben Efim und Zati ihre Waffen.<br \/>\nKehrt zur\u00fcck, riefen sie, oder wir schie\u00dfen.<br \/>\nDoch pl\u00f6tzlich tauchten hinter ihnen Schatten auf und bevor sie nur einen Schuss abgeben konnten, wurden sie \u00fcberw\u00e4ltigt.<\/p>\n<p>Die Juden fanden Efim am n\u00e4chsten Morgen im Brunnen. Man hatte ihm ein breites Eisenrohr in den After gerammt, durch das seine Peiniger junge vergiftete Ratten geschoben hatten, auf dass diese sich zun\u00e4chst an seinen Eingeweiden g\u00fctlich t\u00e4ten, bevor sie dort selbst eingingen. Einige der Ratten hatten noch den Weg zur\u00fcck ins Freie gefunden und schwammen tot im giftigen Wasser.<br \/>\nZati dagegen hing, eingen\u00e4ht in einen Sack, an einem Pfahl in der Mitte des Dorfes Bet Sche\u2018an. Jeder hatte in der Nacht seine Schreie geh\u00f6rt und auch das schreckliche Fauchen der Katzen, die man mit in den Sack gegeben hatte und die, durch einige wenige Stockschl\u00e4ge kirre gemacht, seinen nackten K\u00f6rper mit ihren Krallen zerfleischten. Als die Soldaten der Hagana das Dorf niederbrannten, nahm einer von ihnen das blutige B\u00fcndel vom Pfahl und warf es zu den anderen Toten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":27,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[],"class_list":["post-109","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/109","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/27"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=109"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/109\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":116,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/109\/revisions\/116"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=109"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=109"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=109"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}