{"id":1169,"date":"2018-11-10T20:27:41","date_gmt":"2018-11-10T18:27:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=1169"},"modified":"2021-04-11T16:03:16","modified_gmt":"2021-04-11T16:03:16","slug":"aldo-sass-immer-breitbeinig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=1169","title":{"rendered":"Aldo sa\u00df immer breitbeinig"},"content":{"rendered":"<p>Aldo sa\u00df immer breitbeinig.<!--more--> Sein Gro\u00dfvater, erz\u00e4hlte er, sei in der Fremdenlegion gewesen. In den Ardennen h\u00e4tten die Franzosen ihn aufgegriffen und da er eine Totenkopfuniform trug, vor die Wahl zwischen Kriegsgericht und besagter Legion gestellt. Lange vor den Amerikanern sei er so in Indochina gelandet. Einmal hatte Aldo ein Foto gesehen von einem Mann mit kantigem Gesicht, auf dem Kopf eine M\u00fctze rund wie ein Nudeltopf und einer Frau, von der man ihm sagte, sie sei seine Gro\u00dfmutter, was ihm einen geh\u00f6rigen Schrecken einjagte, denn diese Frau sah aus wie ein kleines M\u00e4dchen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aldo sa\u00df immer breitbeinig. Aber es wirkte nicht wie das \u00fcbliche maskuline Raumgreifen, sondern eher, als wolle er etwas willkommen hei\u00dfen, das ihm bisher nicht begegnet war. Der Gro\u00dfvater hatte sich in Metz niedergelassen, nach dem Anschluss des Saarlandes zogen er und das M\u00e4dchen nach Saar-Louis. Hier kamen Aldos Mutter und seine f\u00fcnf Onkel zur Welt. Er kannte sie nur aus Geschichten, denn sie hatten sich, wie die Mutter berichtete, in alle Winde zerstreut, weshalb Aldo bei jedem Sturm immer damit rechnete, dass einer von ihnen vor ihre T\u00fcr geweht w\u00fcrde, denn so viele Winde, dachte Aldo, konnte es ja nicht geben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Manchmal schrieb Aldo seine Tr\u00e4ume auf und sortiert sie wie die Filmangebote auf Netflix. Neu hinzugef\u00fcgt; mit dem Profil von Aldo weitertr\u00e4umen; weil Sie von banjospielenden Fr\u00f6schen getr\u00e4umt haben; Tr\u00e4ume f\u00fcr einen Traummarathon; dramatische Tr\u00e4ume. Wenn der Schalk ihm in den Nacken griff schrieb er: Kunden, die von brennenden Weihnachtsb\u00e4umen tr\u00e4umten, tr\u00e4umten auch von Goldfischen, die ihr Abitur vergeigten. Seine Mutter hatte damals eine Stelle in einem Hotel in Frankfurt bekommen und dort einen amerikanischen Soldaten kennengelernt. Ein Foto von ihm besa\u00df Aldo nicht, aber seine Mutter hatte ihm erz\u00e4hlt, er sei gro\u00df und so dunkel gewesen, wie Gro\u00dfmutters Schrank aus Mooreiche. Einmal h\u00e4tten ihnen ein paar Halbstarke auf ihren Mopeds nachgestellt, aber der Schrank aus Mooreiche sei flink gewesen und gerannt wie man das jetzt im Fernsehen sieht, dass die Dunklen rennen, bei Olympiaden zum Beispiel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aldo sa\u00df immer breitbeinig. In der U-Bahn, im Bus und auf dem Sofa. Elena aber forderte ihren Platz ein, schob das eine Bein zur Seite und lie\u00df sich neben ihn fallen. Schaute ihn dabei an und wartete auf eine Reaktion. Manchmal grinste er. Dann fuhr ihm Elena mit ihren schlanken Fingern durchs Haar und sagte: Mein Gro\u00dfer. Wenn er nicht grinste, sondern auf den Fernseher starrte, mit so ernster Miene als w\u00fcrde man ihm dort gleich sagen, an welchem Tag er zu sterben h\u00e4tte, legte sie ihre kleine Hand mit den schlanken Fingern auf das eben abgedr\u00e4ngte Bein und bat mit dieser Ber\u00fchrung um Entschuldigung. Es kam vor, dass Aldo dann davon sprach, wie sch\u00f6n es w\u00e4re, eigene Kinder zu haben. Es kam aber auch vor, dass Elena ihre Hand zur\u00fcckzog (und damit ihre Entschuldigung) und ihrerseits anfing davon zu sprechen, wie sch\u00f6n es w\u00e4re, eigene Kinder zu haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Frau S\u00fc\u00dfkind nannte Aldo ihren Sonnenschein. So gut k\u00f6nne er lesen, wenn man bedenke. Herr Munsch bedachte nichts. Bei der Mathematik gab es diese Art von R\u00fccksichtnahme nicht. Sie war \u2013 hatte Jesus nicht etwas \u00c4hnliches vom Weg zum ewigen Leben erz\u00e4hlt- eine schmale Pforte, die man nur unter gro\u00dfen Anstrengungen zu durchschreiten vermochte. Und gro\u00dfe Anstrengungen hatte er von Aldo nie gesehen. Eher ein Dahind\u00fcmpeln in den Gemeinpl\u00e4tzen des Einmaleins. Herr Grevenbroich war sich unschl\u00fcssig in der Beurteilung des Sch\u00fclers. Nat\u00fcrlich m\u00fcsse man bedenken. Anderseits schade zu viel R\u00fccksichtnahme auch denen, die eifrig vorangingen. Und darunter gab es auch solche wie Aldo. Frau Silly warf in der Notenkonferenz eine F\u00fcnf in den Raum wie eine Endl\u00f6sung. Sie lehrte Religion und kannte sich damit aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aldo sa\u00df immer breitbeinig. Meist trug er kurze Khakihosen, die etwas zu eng waren und man sehen konnte, auf welcher Seite es sich Hodensack und Gem\u00e4cht bequem gemacht hatten. Er hatte kleine, gr\u00fcne Augen, die blitzartig braun werden konnten. Sein Gro\u00dfvater hatte an Gott geglaubt, niemand von all den Toten, die ihn jede Nacht besuchten, \u00e4nderte daran etwas. Aldos Mutter verwahrte ein Talisman in ihrer Kittelsch\u00fcrze und einmal, als sie glaubte, ihn verloren zu haben, wollte sie sich in eine Jauchegrube st\u00fcrzen. Lazlo hatte sie im letzten Augenblick geschnappt und dabei gek\u00fcsst. Sie heirateten und Aldo wusste nicht mehr, ob er da schon auf der Welt war oder erst vor der Welt, denn er dachte, dass sich die Menschen, wie an einer Supermarktkasse am Wochenende, anstellen um auf ihre Geburt zu warten. Dass sie da noch keine Menschen sind, war ihm klar, aber er hatte nie die Zeit sich vorzustellen, was sie zu diesem Zeitpunkt sind. Seelen vielleicht, Eidotter oder T\u00e4towierungen auf der Haut von Str\u00e4flingen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Beerdigungen waren Aldo ein Gr\u00e4uel. Es wurde zu viel geredet, zu viele Menschen waren da und all die Blumen und Gebinde und Kr\u00e4nze verursachten bei ihm allergische Reaktionen. Kreuze mochte er auch nicht. Vor allem diejenigen nicht, an denen dieses sch\u00fcchterne M\u00e4nnlein hing. Er h\u00e4tte sich niemals. Seine Mutter liebte den Delinquenten, sprach mit ihm und rief ihn bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit an. Aldo kam er vor wie all die M\u00e4nner, die ihr bisher begegnet waren. Selbstmitleidig und auf zerst\u00f6rerische Art passiv. Nachts schaute er auf ntv gerne Dokumentationen \u00fcber den Zweiten Weltkrieg und hoffte in einem der Filme seinen Gro\u00dfvater zu entdecken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aldo sa\u00df immer breitbeinig. Er hatte keine Schwester, die ihn darauf aufmerksam machen konnte. Einmal gab es etwas, das eine Schwester h\u00e4tte werden k\u00f6nnen. Oder ein Bruder. Es wurde Blut im Klo. Die Mutter heulte vier Wochen lang. Peter gelang es nicht sie zu tr\u00f6sten und zog aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aldo sa\u00df immer breitbeinig. Auch auf seiner Hochzeit. Es sang ein Kinderchor und Aldo meinte in den d\u00fcnnen Stimmen etwas zu vernehmen, das sch\u00f6n war und auf alle Menschen gleichsam verteilt werden sollte. Sein frisch angetrauter Schwager fuhr das Hochzeitsauto. Auf dem Heimweg bog er zu schnell in eine Kurve und Chlo\u00e9 riss es aus ihrem Hochzeitskleid. Aldo kam heil davon. Der Schwager nahm sich zwei Wochen nach der Beerdigung das Leben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er hatte Bilder von Chlo\u00e9, die er sich abends anschaute und dabei Wein trank. Die Wohnung \u00e4chzte vor Leere. Er sah auf die Fotos und dachte an seine Mutter. Die hatte immer gesagt, man k\u00f6nne nichts verlieren. Manches k\u00e4me einem abhanden, aber dann w\u00e4re es so gewollt. Von wem gewollt, hatte er einmal gefragt und seine Mutter r\u00fcmpfte die Nase, wie sie es immer tat, wenn man ihr zu nahe r\u00fcckte oder eine unangebrachte Frage stellte. Von wem gewollt, wiederholte er die Frage und die Mutter nahm einen Staubwedel in die Hand oder den Sp\u00fcllappen, irgendetwas unverf\u00e4ngliches jedenfalls mit dem sie anfing herumzuhantieren bis ihr eine dumme Antwort einfiel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Thermoplastik AG war ein Zulieferer von Opel und Mercedes. Seit zwei Jahrzehnten bediente Aldo dort die Spritzgussmaschinen. Erst als Hilfsarbeiter, dann als Maschinenf\u00fchrer, am Ende als Schichtleiter. Er mochte den stetigen Wechsel zwischen Fr\u00fch-, Mittags- und Sp\u00e4tschicht. Wenn er im Winter um halb elf Uhr abends aus der warmen Fabrikhalle trat, schien die kalte Luft zu ihm zu sprechen. Um sechs Uhr morgens war die Welt ein frisch gewischter Tisch, auf den Tag seine Dinge abstellte. Die Mittagsschicht erlaubte allerlei Erledigungen und f\u00fcr billiges Geld in drittklassigen Hotels zu fr\u00fchst\u00fccken. Die erste Abmahnung bekam er wegen Alkoholkonsums w\u00e4hrend der Arbeit. Die zweite, weil er einen Kollegen geschlagen hatte. Als er dann, das erste Mal seit er bei der Thermoplastik AG arbeitete, zu sp\u00e4t kam, wurde er fristlos gek\u00fcndigt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aldo sa\u00df immer breitbeinig. An seinem Schreibtisch in der Einzimmerwohnung. Er schrieb Listen:<br \/>\nW\u00fcnsche in schwachen Momenten; W\u00fcnsche in starken Momenten; Mutter; dreibl\u00e4ttrige Kleebl\u00e4tter; vierbl\u00e4ttrige Kleebl\u00e4tter; Vater; Filme, die gut waren trotz Happy End; Filme die schlecht waren, obwohl kein Happy End; Gott.<br \/>\nDie Listen waren unterschiedlich lang und manchmal verschob er die Positionen innerhalb der Aufstellung. So stand \u201aSchindlers Liste\u2018 eines Tages unter Gott und \u201eNo country for old man\u201c unter Mutter. Chlo\u00e9 aber stand immer unter den vierbl\u00e4ttrigen Kleebl\u00e4ttern. Genauso wie das M\u00e4dchen neben dem Nudeltopfmann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nur einmal nach Chlo\u00e9 ging Aldo auf eine Hochzeit \u2013 er hatte sich vorher vergewissert, dass das Brautpaar mit einem Taxi die Feier verlassen w\u00fcrde \u2013 und inmitten der fraglos gl\u00fccklichen oder zumindest zufriedenen Menschen kam er sich vor wie einer von diesen obskuren Zeitgenossen, die b\u00f6se Kommentare unter harmlose, die Freuden des gelungenen oder zumindest halbwegs gelungenen Privatlebens zelebrierende Tweets schrieben. Obwohl er nichts sagte und au\u00dfer mit einer entfernten Verwandten der Braut keinerlei Konversation pflegte. Er stand herum wie ein unn\u00fctzes M\u00f6belst\u00fcck und trank sich in die gewohnte selbstherrliche Traurigkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aldo sa\u00df immer breitbeinig. Auf der Parkbank, die ihm w\u00e4hrend des Sommers als Bett diente. Auch wenn die Tauben und Spatzen ihn \u00e4rgerten, es war ein guter Platz. Ab und zu wurde er bestohlen und ab und zu bestahl er andere. Es war wie in der Fabrik, nur ohne Schicht. Der Lohn kam nicht von selbst. Chlo\u00e9 besuchte ihn in der Nacht, manchmal auch Elena. Wie das Leben wohl auss\u00e4he, g\u00e4be es einen kleinen Aldo? Der w\u00e4re ja schon gro\u00df und was d\u00e4chte er nun \u00fcber seinen Vater? Egal, er dachte \u00fcber seinen Vater was er wollte und niemand sollte ihm da hineinreden. Also durfte auch der kleine, nie dagewesene Aldo von seinem Vater halten, was er wolle. \u00dcberhaupt, dachte Aldo, sollte man jedem Menschen das Recht zugestehen, zu denken, wie er will. Das w\u00e4re ein Kreis, der in immer enger werdenden Spiralen zur Gerechtigkeit f\u00fchre.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der bei\u00dfende Geruch weckte Aldo, aber da stand er schon in Flammen und h\u00e4tte er sich dabei beobachten k\u00f6nnen, wie er gegen die ekligen Bisse der Hitze ank\u00e4mpfte, h\u00e4tte er sich wahrscheinlich gesagt: So ein Unsinn, daf\u00fcr ist es doch l\u00e4ngst zu sp\u00e4t. Er h\u00e4tte in seine kochenden Aug\u00e4pfel geschaut, an sein Leben gedacht und laut schreiend gefragt: K\u00f6nnen wir das nicht nochmal von vorne beginnen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aldo sa\u00df immer breitbeinig.<\/p>\n","protected":false},"author":27,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[],"class_list":["post-1169","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1169","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/27"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1169"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1169\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1173,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1169\/revisions\/1173"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1169"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1169"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1169"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}