{"id":1174,"date":"2018-11-11T21:56:01","date_gmt":"2018-11-11T19:56:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=1174"},"modified":"2021-04-11T08:26:47","modified_gmt":"2021-04-11T08:26:47","slug":"2018-45","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=1174","title":{"rendered":"2018\/45"},"content":{"rendered":"<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>USA<\/strong><\/p>\n<p>Die erhoffte \u201eBlue wave\u201c bei den Wahlen in den USA ist ausgeblieben. Zwar haben die Demokraten \u00a0die Mehrheit im Kongress, der Senat aber ist nach wie vor fest in der Hand der Republikaner. Gejubelt wurde trotzdem. Vor allem, weil so viele Frauen f\u00fcr die demokratische Partei in den Kongress einziehen werden. Das ist f\u00fcr sich gesehen nat\u00fcrlich positiv. Die gr\u00f6\u00dfte Begeisterung, hierzulande vielleicht sogar mehr als in den USA selbst, rief die Tatsache hervor, dass unter diesen Frauen auch zwei Muslima sind. Als stelle die religi\u00f6se Orientierung automatisch eine Kompetenzbescheinigung aus. Als k\u00e4me wieder etwas mehr Hoffnung in die Welt, weil eine Frau mit Kopftuch ein politisches Amt bekleidet. Ilhan Omar und Rashida Tlaib verbindet eines: Ihr Hass auf Israel. Sie unterst\u00fctzen die Boykottbewegung gegen Israel und sind f\u00fcr die sogenannte \u201eEin-Staat-L\u00f6sung\u201c was den Nahostkonflikt betrifft. Im arabischen Narrativ hei\u00dft das, die Vernichtung des Staates Israel und die Vertreibung\/Ermordung aller Juden. Man kann also davon ausgehen, dass die Hamas sich \u00fcber diesen Wahlerfolg genauso gefreut hat, wie viele Deutsche aus den Kreisen der Linken und der Gr\u00fcnen. Das sind jene, die aus Sorge um die armen Pal\u00e4stinenser seit Jahrzehnten keinen Schlaf mehr bekommen. Allerdings nur, wen diese von Israel unterdr\u00fcckt\/ausgebeutet\/ermordet werden. Was in den Fl\u00fcchtlingslagern in Jordanien geschieht ist ihnen genauso egal, wie die Zust\u00e4nde in den Auffanglagern in Libyen. Das Leid von Moslems ist nur dann interessant, wenn man Israel als den \u00dcbelt\u00e4ter ausmachen kann. Werden Politiker gew\u00e4hlt, die genau dieses Denken unterst\u00fctzen und antisemitische Verschw\u00f6rungstheorien kolportieren, dann ist das kein Erfolg f\u00fcr die Demokratie \u2013 auch wenn es sich um Frauen und\/oder VertreterInnen von Minderheiten handelt.<\/p>\n<p>Fun Fact: Dass mit Sharice Davids und Deb Haaland erstmals zwei indigene Frauen in den Kongress gew\u00e4hlt wurden, interessiert hierzulande weit weniger.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Lekt\u00fcre<\/strong><\/p>\n<p>Sinn &amp; Form \u2013 Heft 6\/2018<\/p>\n<p>\u00dcber diese wunderbare Literaturzeitschrift habe ich <a href=\"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/sinn-form\/\">hier<\/a> schon geschrieben. Mein Standpunkt hat sich seitdem auch nicht ge\u00e4ndert. Sinn &amp; Form ist selbst so zeitlos, wie die Literatur, die in ihr zu finden ist. Sie versteht sich nicht als Erforschungsinstrument zeitgen\u00f6ssischen Schreibens und ihre Ignoranz, was den Mainstream-Literaturbetrieb angeht, hat etwas sehr Sympathisches. Es ist eine positive R\u00fcckw\u00e4rtsgewandtheit, weil sie <em>die<\/em> Vergangenheit nicht ruhen l\u00e4sst, die nicht ruhen sollte. Nat\u00fcrlich geht ihr Blick auch ins Hier &amp; Heute, meistens aber greift sie in das B\u00fccherregal des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts. So befindet sich in der neusten Ausgabe ein Aufsatz von Lorenz J\u00e4ger \u00fcber Christoph Friedrich Heinle, einem v\u00f6llig unbekannten Dichter, der sich gemeinsam mit seiner Freundin am 8. August 1914 das Leben nahm. Er war ein Freund von Walter Benjamin und obwohl dieser darum bem\u00fcht war, Heinle einem breiteren Publikum zug\u00e4nglich zu machen, scheiterten diese Versuche. Interessant an diesem jungen Mann und seiner Gef\u00e4hrtin ist der Grund f\u00fcr ihren Suizid. Sie wollten nicht alt werden, sahen im \u00c4lterwerden den nat\u00fcrlichen Feind eines jeden jungen Menschen, weil die Zunahme an Lebensjahren automatisch mit dem Verrat an den Idealen der Jugend einherging. Ob der Ausbruch des ersten Weltkrieges eine zus\u00e4tzliche Motivation f\u00fcr die Selbstt\u00f6tung des jungen Paares darstellte ist nicht auszumachen. Ganz auszuschlie\u00dfen ist es nicht, waren es doch alte M\u00e4nner, die die jungen dazu aufforderten, sich dem Krieg zum Fra\u00df vorzuwerfen. Einen gr\u00f6\u00dferen Verrat an der Jugend kann man sich nicht vorstellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Gedenktage<\/strong><\/p>\n<p>Der November ist ein deutscher Monat, mehr noch als der Mai, der mit der Geburt des Grundgesetztes und der Kapitulation Nazideutschlands vor den Aliierten schon einiges in die Schale wirft. Mit der Reichspogromnacht, dem Waffenstillstand 1918 und dem Fall der Mauer hat der November aber deutlich die Nase vorne. Demenentsprechend kann man besonders in diesem Monat hochrangige Politiker mit einge\u00fcbten Betroffenheitsmienen auf zahlreichen Gedenkveranstaltungen sehen. Unwillk\u00fcrlich fragt man sich, ob sie eigentlich wissen, wessen sie da gedenken. Bei den Novemberpogromen setzt man ein mehr oder weniger umfassendes Wissen um die Ereignisse noch voraus, wie aber verh\u00e4lt es sich mit dem Ersten Weltkrieg. Kennen die Politiker, die sich medienwirksam an den H\u00e4nden halten die Umst\u00e4nde, die zu der Barbarisierung eines ganzen Kontinentes beigetragen haben? Haben sie noch vor Augen, mit welcher Begeisterung hunderttausende von Soldaten in den Krieg zogen, als handele es sich um eine Schulhofkeilerei? Ist ihnen bewusst, dass Ressentiment und \u00fcbersteigerter Nationalstolz in die Situation gef\u00fchrt hatten, verst\u00e4rkt durch himmelschreiende Inkompetenz und Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung seitens der damaligen Herrscherh\u00e4user und Parlamente? Denken sie daran, dass der zweite Weltkrieg nur eine Fortsetzung des ersten war, weil zwar die Waffen schwiegen, aber die Zornkammern nicht entleert worden waren? Weil das Hegemonialdenken des neunzehnten Jahrhunderts noch nicht abgelegt worden war und man die Welt immer noch f\u00fcr ein Schachbrett hielt, auf dem man nach Gutd\u00fcnken Figuren hin und her schob, immer nur den eigenen Vorteil im Blick? Wei\u00df Frau Merkel um die Zusammenh\u00e4nge zwischen dem 11. November 1918 und dem 09. November 1938? Oder sind diese Gedenkveranstaltungen f\u00fcr sie und ihre europ\u00e4ischen Amtskollegen nur Termine, die es zu absolvieren gilt, die aber keinerlei Einfluss mehr haben auf ihre Idee einer Politik, die Kriege und Pogrome zuk\u00fcnftig vermeidet?<\/p>\n<p>Wir Deutschen sind Meister im Gedenken. Nur: Gedenken ist nicht Erinnern. Gedenken ist eine Geste, Erinnern aber ist ein Wiedererleben, ein Gegenw\u00e4rtigmachen. Wer erinnert, tr\u00e4gt die Last der Vergangenheit. Wer gedenkt, will sich davon befreien. Meinetwegen k\u00f6nnte man alle Gedenktage abschaffen, wenn man daf\u00fcr sorgte, dass sich alle erinnern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":27,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-1174","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-archiv"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1174","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/27"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1174"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1174\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1180,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1174\/revisions\/1180"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1174"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1174"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1174"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}