{"id":1182,"date":"2018-11-13T23:08:13","date_gmt":"2018-11-13T21:08:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=1182"},"modified":"2021-04-11T08:26:47","modified_gmt":"2021-04-11T08:26:47","slug":"13-xi-18","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=1182","title":{"rendered":"13\/XI\/18"},"content":{"rendered":"<p>Gestern traf ich einen Mann, der mir erz\u00e4hlte, es br\u00e4che ihm jedes Mal einen Finger, wenn er einen Satz schriebe<!--more--> (egal ob mit der Hand oder auf einer jener altmodischen Maschinen oder auf einer jener neumodischen Tastaturen), meist sei es der Zeigefinger &#8211; wahrscheinlich, so nahm er an, weil dieser am vorwitzigsten war &#8211; manchmal aber auch einen der Daumen, obwohl diese mit dem Schreiben recht wenig zu tun h\u00e4tten, zwar flei\u00dfig die Leertaste bedienten oder \u2013 der rechtsh\u00e4ndige &#8211; den Griffel stabilisierte, aber ansonsten keinen Einfluss auf das Geschriebene nahmen. Weniger oft tr\u00e4fe es den Mittel- und den Ringfinger, was, so der Mann, wohl damit zu tun habe, dass diese Finger zu sehr damit besch\u00e4ftigt waren, sich den dritten Platz hinter Zeigefinger und Daumen zu erk\u00e4mpfen und ihnen das, was sie so dahintippten oder dahinkritzelten im Grunde egal war. Ein kleiner Finger dagegen br\u00e4che nur bei Gedichten und Essays \u00fcber den deutschen Idealismus, weswegen er beides zu schreiben aufgeh\u00f6rt habe, obwohl gerade dies seine literarischen Vorlieben gewesen waren, die Lyrik und der deutsche Idealismus, gebrochene kleine Finger aber am meisten schmerzten, was an der anatomischen Eigenheit dieser Handteile l\u00e4ge, denn in ihnen, den kleinen Fingern, w\u00e4ren Knochen, Muskel, Sehnen und Nerven auf so engem Raum ineinander verflochten und verwachsen, dass jedweder Schaden, der ihnen zugef\u00fcgt w\u00fcrde, sich unweigerlich auf alle anderen Finger auswirke und das Schreiben unm\u00f6glich mache, manchmal f\u00fcr Wochen. Tats\u00e4chlich sei ihm der gebrochene Mittelfinger am liebsten, nicht nur weil es sehr selten vorkam, sondern weil gerade dieses Glied, wenn ausgestreckt und mit Mull umwickelt, eine unmissverst\u00e4ndliche Geste darstellte, hin zum Text, hin zum Leser und auch hin zum Schreibenden, also ihm, und er nicht anders k\u00f6nne, als das von ihm Geschriebene noch gr\u00fcndlicher zu hinterfragen als er es ohnehin tue, wenn es nur den Zeigefinger, den Ringfinger, den kleinen Finger oder den Daumen erwischte. Wobei es ihm wunderte, warum diese Tortur des Fingerbrechens \u00fcberhaupt n\u00f6tig sei, da er ohnehin alles was er schrieb anzweifelte, es ihn nicht selten sogar davor ekelte, just in dem Moment, wenn er es niederschrieb, er kaum je einen Satz vollendete, weil dieser starke Widerwille gegen das Hervorgebrachte ihn meistens alles l\u00f6schen lie\u00df sobald es geschrieben war und er in all den Jahren, die er nun als Schriftsteller lebte, selten \u00fcber die ersten beiden Worte hinaus gekommen war, er sich gar nicht daran erinnern konnte jemals einen Satz wirklich zu Ende geschrieben zu haben, so gro\u00df sei die \u00dcbelkeit, die jeder einzelne Buchstaben in ihm erzeugte, aber manchmal, da gel\u00e4nge es ihm unter kaum zu erdenkenden M\u00fchen. Und dann br\u00e4che es ihm einen Finger.<\/p>\n<p>Ich riet ihm, seine Lyrik und seine Essays \u00fcber den deutschen Idealismus in ein Diktierger\u00e4t hineinzusprechen und von einer Person abtippen zu lassen, deren Finger vor diesem omin\u00f6sen Brechen sicher seien. Es g\u00e4be zum Beispiel in Indien Menschen, die dies f\u00fcr kleines Geld t\u00e4ten und aufgrund der Entfernung bek\u00e4me er auch nicht mir, wenn dort dann doch die ein oder andere Extremit\u00e4t zu Bruche ginge. Man k\u00f6nne solche Dienstleister ergoogeln. Es br\u00e4uchte dazu auch keine ganzen S\u00e4tze.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern traf ich einen Mann, der mir erz\u00e4hlte, es br\u00e4che ihm jedes Mal einen Finger, wenn er einen Satz schriebe<\/p>\n","protected":false},"author":27,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-1182","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-archiv"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1182","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/27"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1182"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1182\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1186,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1182\/revisions\/1186"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1182"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1182"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1182"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}