{"id":1189,"date":"2018-11-19T06:52:28","date_gmt":"2018-11-19T04:52:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=1189"},"modified":"2021-04-11T08:26:47","modified_gmt":"2021-04-11T08:26:47","slug":"2018-46","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=1189","title":{"rendered":"2018\/46"},"content":{"rendered":"<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Lekt\u00fcre<\/strong><\/p>\n<p><em>Joachim Fest \u2013 Gl\u00fcck als Verdienst. Eine biografische Betrachtung \u00fcber Golo Mann (Sinn &amp; Form\u00a0 Heft 4 2004)<\/em><\/p>\n<p>Bevor ich \u00fcberhaupt eine Zeile von Thomas Mann gelesen hatte \u2013 obwohl er mir durchaus als literarische Gr\u00f6\u00dfe bekannt war &#8211; las ich den Wallenstein von Golo Mann und seine deutsche Geschichte des 19. &amp; 20. Jahrhunderts. Glaubt man den Biografen \u2013 wie in diesem Fall Joachim Fest \u2013 so litt Golo Mann zeitlebens darunter, nur der Sohn zu sein. F\u00fcr mich war sehr lange Thomas Mann nur der Vater jenes Golo, der so wissend, unaufgeregt und auch pointiert \u00fcber die deutsche Geschichte zu erz\u00e4hlen wusste. Der Vater kam erst sp\u00e4ter und hat, in meinem Fall, dem Sohn nie den Rang abgelaufen. Mein Interesse an Thomas Mann ist partikular. Den Zauberberg m\u00f6chte ich lesen, wegen der Zeitbez\u00fcge, vor allem der damals vorherrschenden und sich gegenseitig bek\u00e4mpfenden Denkbewegungen willen. Josef &amp; seine Br\u00fcder habe ich gelesen, weil alttestamentarische Erz\u00e4hlungen die Gute-Nacht-Geschichten meiner Kindheit waren und ich diesen etwas entgegensetzen wollte, das sie aus dem mir eingetrichterten Wortw\u00f6rtlichnehmen herausgreifen und in den ihnen entsprechenden mythischen Kontext einsetzen sollte.<\/p>\n<p>Bei Golo Mann brauchte es diese Umwege nicht. Ich wei\u00df nicht wann ich es lernte, aber eines Tages war die Erkenntnis da: In der deutschen Geschichte gibt es zwei gro\u00dfe Ungl\u00fccke. Den drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg und die Nazizeit. Die L\u00fccken dazwischen mussten ausgef\u00fcllt werden. Und da war Golo Mann der richtige Helfer.<\/p>\n<p>Bleibt man beim Biografischen, so l\u00e4sst sich sagen: er war ein ungl\u00fccklicher Mensch. Wahrscheinlich auch ein schwieriger Zeitgenosse. Seinen B\u00fcchern macht das nichts aus und mag er sich noch so oft in seinem Grab in Kilchberg um die eigene Achse drehen, die Welt geht etwas kl\u00fcger zu Grunde, weil er \u00fcber den \u00fcbergro\u00dfen Schatten seines Vaters und seines \u00e4lteren Bruders sprang, zur Feder griff und anfing zu schreiben.<\/p>\n<p>Fun Fact: In seinen Schriften gibt es nur zwei Personen, die Golo Mann nicht bei vollem Namen, sondern nur mit den Initialen nennt. Der eine ist A.H. Der andere: T.M.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>A<em>xel Honneth \u2013 Anerkennung<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hume und Smith, zwei englische Philosophen, die sich Gedanken um die Moral machten. Ihre Erkenntnis: Moral entsteht, wenn es einen \u00fcbergeordneten Beobachter gibt. Dieser aber existiert nur im Kopf eines jeden Individuums und es erhebt sich die Frage, woher dieser Beobachter wei\u00df, worauf er zu achten hat. Wer ist der Souffleur der inneren Stimme? Sie gingen davon aus, es handele sich um ein intrinsisches Bed\u00fcrfnis nach Anerkennung, um nicht aus dem sozialen Kontext zu fallen. Woher dieser Drang aber stammte, wussten sie nicht zu sagen.<\/p>\n<p>Heute findet man die Antwort in jedem billigen Management-Ratgeber oder den Anweisungen zum Lifestyle Improvement. \u00a0Wir sind noch immer die Affen, die wir vor 100tausend Jahren waren. Diese lebten in kleinen Gruppen und der Verbleib in dieser Gruppe entschied \u00fcber Leben und Tod. Der \u00fcbergeordnete Beobachter (oder Der gro\u00dfe Andere, wie Lacan ihn bezeichnete), ist eine Empathieinstanz in der eigenen Wahrnehmung, die Gedanken und Gef\u00fchle anderer Gruppenmitglieder zu antizipieren wei\u00df. Sie gleicht das eigene Handeln stets gegen\u00fcber dem von der Gruppe und deren F\u00fchrern erwarteten ab, um nicht Gefahr zu laufen, aus dem Sozialverband ausgeschlossen zu werden.<\/p>\n<p>Moral ist kein Fels in der Brandung, keine gesetzte Gr\u00f6\u00dfe oder etwas von \u201eoben\u201c angeordnetes. Sie ist der durch alle Schichten einer Gesellschaft akzeptierte Modus des Zusammenlebens. Der kann dem entsprechen, was wir heute als akzeptabel und in dem Rahmen der formulierten Menschenrechte passend empfinden, k\u00f6nnte aber auch Menschenopfer, die Behandlung von Frauen als zweitklassige Wesen, die Ermordung von Ungl\u00e4ubigen oder die Verdammung von Empf\u00e4ngnisverh\u00fctung \u00a0oder au\u00dferehelichem Geschlechtsverkehr umfassen.<\/p>\n<p>Neben den Ideologen gilt es sich deswegen auch vor den Moralaposteln zu h\u00fcten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Linkslesen und Rechtslesen<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Magarete Stokowski hat eine Lesung in einer Buchhandlung abgesagt, die auch B\u00fccher von rechten Verlagen in ihrem Sortiment hat. Die Buchhandlung argumentiert dahingehend, dass es zur Erm\u00f6glichung eines Diskurses zwischen den Lagern notwendig sei, die jeweiligen Standpunkte zu kennen \u2013 ergo auch die B\u00fccher lesen zu k\u00f6nnen, die sich programmatisch der einen oder der anderen Denkweise zuordnen lassen.<\/p>\n<p>Ich mag Magarete Stokowski. Als Mann bin ich in Sachen Feminismus immer auf Hilfe angewiesen und sie hat mir in ihren Texten immer wieder Denkanst\u00f6\u00dfe gegeben, die mich mein Handeln als Mann hinterfragen lassen. Hier aber geht es um mehr. Die Frage, die im Raum steht: Wann darf man jemanden zum Schweigen bringen? Ginge es nach Stokowski, sollten B\u00fccher aus H\u00e4usern wie dem Antaios-Verlag nicht in Buchhandlungen zu finden sein. Weil, so ihre Argumentation, selbst wenn jemand sie aus reinen Recherchezwecken kaufte, letztendlich damit die rechte Szene damit unterst\u00fctze.<\/p>\n<p>Was Stokowski dabei vergisst: Auch sie unterst\u00fctz die rechte Sache alleine durch ihr Vorhandensein. Denn sie schafft ein Feindbild, von dem die Rechten sich trefflich n\u00e4hren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Rechten werden nicht stark dadurch, dass ihre B\u00fccher in Buchhandlungen zu erwerben sind. Sie werden stark, wenn die demokratischen Kr\u00e4fte des Landes sich ihrer Rhetorik anpassen und \/oder ihren regressionistischen Forderungen nachgeben. Sie werden stark durch gezielte Propaganda in den sozialen Netzwerken. B\u00fccher spielen bei all dem eine eher kleine Rolle.<\/p>\n<p>Warum also so tun, als w\u00e4ren sie infekti\u00f6s? Wenn der Buchmarkt ein Spiegelbild der Gesellschaft ist, dann geh\u00f6ren rechte B\u00fccher dazu, so ekelhaft das auch ist. Oder soll ein Buchladen sauberer sein, als die Stra\u00dfe oder die Stadt in der ich wohne? Weil dies viel einfacher und die gew\u00fcnschte S\u00e4uberung punktuell leichter durchzuf\u00fchren ist?<\/p>\n<p>Magarete Stokowski Verhalten ist eine Aufforderung an alle: Verbannt die rechten B\u00fccher aus den Buchhandlungen und kauft nicht bei denen, die es nicht tun. Das ist ein durch und durch gr\u00fcner Ansatz ein Problem zu l\u00f6sen. Zumal es auch B\u00fccher aus der linken Ecke gibt, die keinen Deut besser sind, das gleiche Verbl\u00f6dungspotential enthalten und, w\u00fcrden sie wirklich gelesen und das Gelesene umgesetzt, genauso eine Gefahr f\u00fcr eine demokratische Gesellschaft bildeten, wie die Pamphlete eines G\u00f6tz Kubitschek.<\/p>\n<p>Letztendlich zeigt dieser Vorfall, wie vertrackt die Situation ist und wie unsicher viele noch sind, was den Umgang mit den Rechten angeht. Dabei ist die Sache eigentlich ganz einfach: Entweder man macht eine Politik, welche den Menschen eine Grundsicherung garantiert und die Platz l\u00e4sst f\u00fcr all die vielen Nester, in denen sich der nackte Affe aufgehoben f\u00fchlen und n\u00fctzlich machen kann. Oder man f\u00fchrt irgendwann wieder Krieg und erschie\u00dft Nazis.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":27,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-1189","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-archiv"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1189","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/27"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1189"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1189\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1192,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1189\/revisions\/1192"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1189"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1189"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1189"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}