{"id":1194,"date":"2018-11-26T12:37:43","date_gmt":"2018-11-26T10:37:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=1194"},"modified":"2021-04-11T08:26:47","modified_gmt":"2021-04-11T08:26:47","slug":"2018-47","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=1194","title":{"rendered":"2018\/47"},"content":{"rendered":"<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>The Ballad of Buster Scruggs<\/strong><\/p>\n<p>Die Coen-Br\u00fcder machen Filme, die anzusehen sich wirklich lohnt und das genau Gegenteil von der Massenware sind, die \u00fcber die g\u00e4ngigen Streaming-Portale ausgesch\u00fcttet wird. Dass ihr neuester Film nun auch bei Netflix erscheint entbehrt nicht einer gewissen Ironie, ist aber letztlich nur ein Zeichen f\u00fcr den Wandel der Filmindustrie. Und auch die Coen-Br\u00fcder werden mit ihrer Arbeit Geld verdienen wollen.<\/p>\n<p>The Ballad of Buster Scruggs ist jedenfalls ein herrlicher, teilweise absurder, immer ironischer und sehr gewaltsamer Episodenfilm. Seitenhiebe auf die derzeitige politische Situation in den USA inklusive. Aber wie auch immer man diesen Film einsch\u00e4tzen und auch beurteilen mag, er zeigt mir einmal mehr, wie Geschichten erz\u00e4hlt werden k\u00f6nnen, wie unsinnig oftmals der Griff nach dem Epischen und weit Ausgeholten ist, kann man doch auf kurzer Strecke ebenso Welten erschaffen, manchmal sogar komplexere und mit weit vielf\u00e4ltigeren Rezeptionsangeboten.<\/p>\n<p>Mein Favorit unter den Geschichten: Der Schausteller, dessen Attraktion in einem jungen Mann ohne Arme und Beine besteht, der allabendlich vor mehr oder weniger gelangweiltem Publikum Shakespeare und Abraham Lincoln zitiert. Immer mit dem gleichen melancholischen Enthusiasmus, egal ob zwei oder zwanzig Leute zuh\u00f6ren. Die Einnahmen aber sind karg und als dem Schausteller ein Huhn mit Rechenkenntnissen angeboten wird, wirft er den jungen Mann in einen Fluss und macht sich fortan mit dem Huhn auf Reisen.<\/p>\n<p>Man kann, aber muss das nicht interpretieren. Die Geschichte an sich hat so viel Wucht, so viele Kanten, die sich an der Erlebniswelt des Betrachters brechen, dass man nicht nach Bedeutungsebenen zu suchen braucht.<\/p>\n<p>Nur die letzte der sechs Geschichten schert in dieser Hinsicht ein wenig aus und erschlie\u00dft sich einem erst dann, wenn man versteht, dass jene f\u00fcnf Personen, die sich in einer Kutsche befinden (die, auch wenn man es dem Kutscher befiehlt, nicht anh\u00e4lt) eigentlich gerade \u00fcber den Styx gerudert werden und jene abgelegene Herberge, an der sie alle aussteigen, ihren Ankunftsort in der H\u00f6lle darstellt.<\/p>\n<p>Es gibt Filmemacher, die einen so gut wie nie entt\u00e4uschen. Neben Inarritu und Tarantino, geh\u00f6ren die Coen-Br\u00fcder ebenfalls dazu.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der Missionar und die Wilden<\/strong><\/p>\n<p>Im Golf von Bengalen gibt es eine kleine Insel, die zu betreten von der indischen Regierung verboten wurde, weil dort ein indigener Stamm lebt, der Ende des 19. Jahrhunderts einige schlechte Erfahrung mit Besuchern aus der sogenannten Zivilisation gemacht hatte und seitdem jeden, der sich ihrer Insel n\u00e4hert, Pfeile ins Herz bohrt. So auch einem jungen christlichen Missionar und man kommt nicht umhin, diesen, auf Fotos durchaus sympathischen wirkenden, Menschen noch im Tode spazierenwatschen zu wollen ob seiner Naivit\u00e4t, Dummheit und Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung. War ihm die Gef\u00e4hrlichkeit seiner selbstauferlegten Mission doch durchaus bekannt. Und auch wenn es mir um den armen Kerl nicht wirklich leidtut, weil die Welt mit jedem religi\u00f6sen Eiferer, der von ihr verschwindet ein wenig besser dran ist, so kann ich es dennoch nachempfinden, was ihn angetrieben hat. Immerhin war auch ich einmal ein Soldat Christi und als solcher bereit f\u00fcr den wahren Glauben zu sterben. Heute aber erscheint mir das als eine unglaubliche Verschwendung von Energie, Geld, Zeit und, wie im besagten Falle, von Leben.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt \u2013 diese Hybris. Z\u00e4hlt der Hochmut zwar zu den Tods\u00fcnden, sind doch vor allem die Eiferer und M\u00e4rtyrer von ihm durchdrungen, denken sie doch, sie h\u00e4tten so ein spezielles Verh\u00e4ltnis zu ihrem Gott, dass dieser f\u00fcr sie n\u00f6tigenfalls die Naturgesetzte beugen oder sie nach ihrem qualvollen Dahinscheiden, in der n\u00e4chsten Welt mit unaussprechlichen Herrlichkeiten belohnen w\u00fcrde. Woher wollen sie wissen, dass es Gott nicht lieber gewesen w\u00e4re, wenn sie zu Hause geblieben und einer alten Frau beim Einkaufen geholfen h\u00e4tten, statt auf entlegenen Inseln \u00fcber den Haufen geschossen zu werden, noch bevor man \u00fcberhaupt Jesus, Gott oder Bibel sagen konnte? Zwar reden sie st\u00e4ndig von Gott, aber im Grunde dreht es sich nur um sie selbst. Gott, das ist nur der Rahmen, in den sie ihr Ego gie\u00dfen, auf dass es strahle und zur Geltung komme. Was noch hinzukommt: Wer bereit ist, sein Leben f\u00fcr einen Gott zu opfern, der ist auch schnell bereit, andere auf diesem Weg mitzunehmen.<\/p>\n<p>Ein wesentlich interessanterer Aspekt betrifft allerdings jene \u201eWilden\u201c, dieses obskure Inselvolk von North Sentinel. Deren handfeste Fremdenfeindlichkeit hat den Vorteil, unter Artenschutz zu stehen. Und wer angesichts dieser Anthropofossilien von \u201eBewahren\u201c und \u201eUrspr\u00fcnglichkeit\u201c redet, der soll sich wenigstens eingestehen, dass das, was er auf der einen Seite sch\u00fctzen will, das ist, was an anderen Fronten bek\u00e4mpft wird. Scheinbar muss man nur klein oder urspr\u00fcnglich genug sein, um einen Freibrief zu bekommen, was die Missachtung allgemein gesch\u00e4tzter zivilisatorischer Errungenschaften angeht. In den achtziger Jahren strandete ein Frachter vor North Sentinel und es ist nur einem kr\u00e4ftigen Sturm zu verdanken, dass die Besatzung mit Hubschraubern gerettet werden konnte, bevor die Boote der Inselbewohner das Schiff erreichen und diese den Matrosen ihre \u00fcbliche Willkommensbotschaft ins Herz jagen konnten.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich haben diese Inselbewohner Grund skeptisch zu sein, was Fremde angeht. Das haben wir in unserer wesentlich zivilisierteren Welt auch. Allerdings haben wir gelernt, dass den Gegen\u00fcber deswegen gleich zu t\u00f6ten kein Problem l\u00f6st, sondern nur weitere schafft. Zivilisation ist die \u00dcberwindung der tief im Menschen angelegten Instinkte, aus dem Wissen heraus, dass in dieser \u00dcberwindung ein Mehrwert f\u00fcr alle steckt. Zivilisation ist die F\u00e4higkeit, \u00fcber den Tellerrand der \u00fcberschaubaren Gruppe (bei Menschen zwischen 100 und h\u00f6chstens 150 Personen) hinauszublicken und in der Andersartigkeit nicht sofort eine Bedrohung zu sehen, sondern, sofern man sich auf die Grundregeln des Zusammenlebens (aka Menschenrechte) einigen kann, eine Bereicherung. Deswegen ist Zivilisation anstrengend, weil es eine intellektuelle Kraftanstrengung erfordert, die in erster Linie politisch und sozial motiviert ist. Fallen diese Motivationen weg \u2013 wie wir es momentan in fast der gesamten westlichen Welt beobachten k\u00f6nnen \u2013 dann erodieren die zivilisatorischen Errungenschaften nach und nach und das Primitive, das genuin Menschliche schl\u00e4gt wieder durch.<\/p>\n<p>Ein Eingeborenenstamm auf einer einsamen Insel, der jeden Fremden aus Furcht t\u00f6tet, bereichert diese Welt genauso wenig, wie Kulturen, die sich Ideologien unterwerfen, die nur an das im Menschen urspr\u00fcnglich angelegte appellieren und der Weiterentwicklung des Homo Sapiens hin zu einer echten Zivilisation im Wege stehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Lekt\u00fcre:<\/strong><\/p>\n<p><em>Bloodlands &#8211; Timothy Snyder<\/em><\/p>\n<p>Die Bloodlands erstrecken sich von Zentralpolen bis nach Wei\u00dfrussland, einschlie\u00dflich der Ukraine und den baltischen Staaten. In dieser Region wurden zwischen 1933 und 1945 etwa 14 Millionen Menschen ermordet. Und bei dieser Zahl handelt es sich nur um Zivilisten. Sie alle wurden Opfer des Stalinismus und der Naziherrschaft unter Adolf Hitler.<\/p>\n<p>Man sollte sich ab und zu diese Zahl vor Augen halten, um nicht zu vergessen wozu der Mensch f\u00e4hig ist. \u00a0Und da reicht es nicht, nur mit dem Finger auf Stalin und Hitler zu zeigen. Diese alleine h\u00e4tten es nicht geschafft so viele Leben zu nehmen. Das ging nur mit Hilfe eines Gro\u00dfteils der jeweiligen Gesellschaft, \u00fcber die sie herrschten. Und diese Hilfe war leicht zu haben. Sie brauchten nur an die im Menschen durch die Evolution verankerten Instinkte appellieren, indem sie \u00c4ngste sch\u00fcrten und Ressentiments n\u00e4hrten.<\/p>\n<p>Dass die Menschen aus dieser Erfahrung nichts gelernt haben und diese 14 Millionen Menschen tats\u00e4chlich v\u00f6llig sinnlos und umsonst gestorben sind, k\u00f6nnen wir heute beobachten, wenn in demokratischen Wahlen Demagogen an die Macht kommen, deren Misogynie und Fremdenfeindlichkeit, deren Hass auf Minderheiten und Randgruppen ihren W\u00e4hlern durchaus bekannt ist, sie sich aber in der \u00fcber sie ausgesch\u00fctteten Abgrenzungsrhetorik geborgen und zu Hause f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Was wir heute erleben, ist der erneute Ausruf des Kampfes ums \u00dcberleben, der es, um ihn gewinnen zu k\u00f6nnen, erforderlich macht, zivilisatorische Errungenschaften beiseite zu schieben. Zivilisation, das ist die \u00dcberwindung des reinen Existenzkampfes und das Investieren der so gesparten Energien und Ressourcen in ein besseres Leben f\u00fcr m\u00f6glichst viele Menschen. Deswegen geht die Konzentration auf den \u00dcberlebenskampf immer mit einem Verlust von Lebensqualit\u00e4t anfangs, und mittel- bis langfristig mit dem Verlust von Lebensgrundlagen einher. Wo die n\u00e4chsten Bloodlands sein werden, wei\u00df man noch nicht zu sagen. Dass es sie, wird die derzeitige politische Fallrichtung nicht umgelenkt, wieder geben wird, ist gewiss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wer sein Kind liebt, der spart die Rute nicht (Buch der Spr\u00fcche 13:24)<\/strong><\/p>\n<p>Noch so ein Zivilisationsding: Der Jahresbericht \u201eBeziehungsgewalt\u201c des Bundesministeriums f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend (hey, wo sind die M\u00e4nner hier zwischen Jugend und Senioren? Brauchen die kein eigenes Ministerium, weil sowieso fast alle Ministerien fest in M\u00e4nnerhand sind? Oder liegt es daran, dass die im Ministeriumsnamen zusammengefassten Bev\u00f6lkerungsgruppen am meisten unter der Politik zu leiden haben, die eben diese M\u00e4nner haupts\u00e4chlich zu verantworten haben? W\u00e4re es nicht besser, die Verursacher mehr zu kontrollieren und zu reglementieren, als nur den Schaden zu managen, den sie Tag f\u00fcr Tag anrichten?) wurde ver\u00f6ffentlich und f\u00fcr ein wenig Alarmstimmung gesorgt, weil es nicht wirklich besser geworden ist, die h\u00e4usliche Gewalt betreffend. Schlechter zwar auch nicht, auch wenn es durch die Bedeutungserweiterung des Terminus \u201eGewalt\u201c so aussieht.<\/p>\n<p>Fakt aber ist: Das Zuhause ist f\u00fcr viele Frauen und noch viel mehr Kinder (die erleben n\u00e4mlich die Gewalt von Vater- und Mutterseite her) der gef\u00e4hrlichste Ort. Was zeigt, das zivilisiertes Benehmen bei vielen nicht fester Bestandteil ihres Charakters ist, sondern nur wie ein Kleidungsst\u00fcck \u00fcbergeworfen wird, wenn man das Haus verl\u00e4sst. Beim Zur\u00fcckkommen wird es schnell abgestreift und man ist wieder ganz Urzeitmensch, der widerstandslos seinen Gef\u00fchlen und Stimmungen ausgesetzt ist und sich nur \u00fcber Handgreiflichkeiten zu artikulieren wei\u00df.<\/p>\n<p>Zivilisatorische Hemmer dabei sind, wieder einmal, die Religionen, allem voran das Christentum und der Islam. In Bibel wie im Koran ist Gewalt eine L\u00f6sung. Auch h\u00e4usliche. Beide B\u00fccher sind durchtr\u00e4nkt von einer patriarchalischen Weltanschauung, in der Frauen, Kinder und Tiere Eigentum des Mannes sind und seine Regeln zu befolgen haben. Spuren sie nicht, setzt es Hiebe. Oder schlimmeres.<\/p>\n<p>Zum Thema h\u00e4usliche Gewalt und wie sie eine Gesellschaft pr\u00e4gen kann, empfehle ich Michael Hanekes Film \u201eDas wei\u00dfe Band\u201c. Auch wenn dieser Film am Vorabend des Ersten Weltkrieges spielt, so zeigt er doch, wie diejenigen aufwuchsen, die zwanzig Jahre sp\u00e4ter lauthals \u201eHeil Hitler\u201c riefen und bereitwillig in die Bloodlands str\u00f6mten, um zu t\u00f6ten, was ihrer Meinung nicht zu leben verdiente.<\/p>\n<p>Der Umstand, dass h\u00e4usliche Gewalt, vor allem gegen Kinder, immer noch ein gro\u00dfes Problem in unserer Gesellschaft darstellt zeigt, wie verletzlich sie noch immer ist und wie zerbrechlich das, was man, oftmals viel zu leichtfertig, als zivilisiert bezeichnet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":27,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-1194","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-archiv"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1194","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/27"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1194"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1194\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1199,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1194\/revisions\/1199"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1194"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1194"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1194"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}