{"id":1200,"date":"2018-12-02T19:41:00","date_gmt":"2018-12-02T17:41:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=1200"},"modified":"2021-04-11T08:26:47","modified_gmt":"2021-04-11T08:26:47","slug":"2018-48","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=1200","title":{"rendered":"2018\/48"},"content":{"rendered":"<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Lekt\u00fcre:<\/strong><\/p>\n<p><em>sans phrase \u2013 Zeitschrift f\u00fcr Ideologiekritik, Heft 12<\/em><\/p>\n<p>In seinem Aufsatz \u201eTrotzki ist kein Jude\u201c zeichnet Olaf Kistenmacher ein Bild des Antisemitismus in Russland nach der Oktoberrevolution und man versteht, warum linke Bewegungen bis heute ein Problem mit Antisemitismus und Antizionismus haben. Auch wenn der Kommunismus international gedacht war (Arbeiter aller L\u00e4nder vereinigt euch) und Marx selbst ein Jude, so konnte doch die gewaltsame Einf\u00fchrung des Sozialismus in Russland nicht den vorherrschenden Antisemitismus aus den K\u00f6pfen der Menschen vertreiben, auch wenn er in der Theorie bek\u00e4mpft wurde. Da Judenhass sich aber nicht auf rationelle \u00dcberlegungen zur\u00fcckf\u00fchren l\u00e4sst und auch nicht durch Neueinordnung etwaiger negativer pers\u00f6nlicher Erfahrungen (die es in 99,99 % der F\u00e4lle nicht gibt) in zumindest neutrale Gef\u00fchle verwandeln l\u00e4sst, st\u00f6\u00dft hier alle Theorie an seinen Grenzen. Wer im zaristischen Russland ein Antisemit war, der war es dann auch unter sowjetischer Herrschaft und hat dieses Erbe ungeschw\u00e4cht weitergetragen.<\/p>\n<p>Hinzu kam, dass der ausgerufene Klassenkampf ein Kampf gegen den Kapitalismus war und man mit diesem oftmals den \u201eJuden\u201c assoziierte, der im Geheimen die Strippen der Geldmacht zog. Selbst als w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges offensichtlich wurde, dass die europ\u00e4ischen Juden nur durch einen Sieg der Alliierten vor der vollst\u00e4ndigen Ausl\u00f6schung bewahrt werden konnten und die Notwendigkeit eines eigenen j\u00fcdischen Staates mehr als evident war, verweigerte sich die linke Ideologie dieser Denkweise, weil es einen Sieg des westlichen Imperialismus bedeutete. Da es vor allem die USA waren, die Israel vom Tag seiner Gr\u00fcndung an unterst\u00fctze, fand im Denken vieler Linker eine Gleichsetzung der verhassten kapitalistischen Gro\u00dfmacht mit dem j\u00fcdischen Staat statt, die bis heute anh\u00e4lt und man bereit ist, das Existenzrecht Israels (und damit das Leben seiner gesamten j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung) in Frage zu stellen und sich auf die Seite derer stellt, die zum Ziel \u00a0haben, jeden Juden im Nahen Osten zu t\u00f6ten. Nat\u00fcrlich wird diese Haltung als eine Form des Antisemitismus bestritten, sondern \u201eberechtigte Israelkritik\u201c genannt, die Mutigeren bezeichnen sich noch als Antizionisten. Wer aber, so schreibt Karl Pfeiffer am Ende seines Artikels \u201eSpartakus gegen Zion\u201c, Israel, das hunderttausenden Holocaust\u00fcberlebenden eine neue Heimat geboten und Millionen von Juden integriert hat, boykottieren oder gar liquidieren (die Ein-Staat-L\u00f6sung) will, der ist Antisemit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Uwe Johnson &#8211; Jahrestage<\/em><\/p>\n<p>Die Gruppe 47 war f\u00fcr mich lange Zeit ein Faszinosum und ich versuchte so viel wie m\u00f6glich \u00fcber diese Gruppe und von den Autoren, die ihr damals angeh\u00f6rten zu lesen. Nicht einmal vor Peter Handke machte ich halt. Der einzige, der unter diesem Radar blieb war Uwe Johnson und ich kann gar nicht sagen, warum es bisher nur zu dem sporadischen Anlesen von \u201eMutma\u00dfungen \u00fcber Jakob\u201c gereicht hat, obwohl das Buch seit gut zwei Jahrzehnten in meinem B\u00fccherregal steht.<\/p>\n<p>Vor einiger Zeit las ich dann, dass eine Neu\u00fcbersetzung ins englische von Johnsons Jahrestagen herausgebracht wurde und da erinnerte ich mich, oder wurde neugierig. Also erstand ich die einb\u00e4ndige, 1.700 Seiten umfassenden Suhrkamp-Ausgabe der Jahrestage und lese nun, wenn es geht, pro Tag einen Tag. Bis Ende n\u00e4chsten Jahres sollte ich also damit durch sein. Ich habe keine Erwartungen an dieses Buch, au\u00dfer, dass es mich in das Jahr zur\u00fcckbringt, in dem ich geboren wurde und mich mit einem Erz\u00e4hlen konfrontieren wird, das ich so noch nicht kenne.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Alte M\u00e4nner<\/strong><\/p>\n<p>Wenn ich beim samst\u00e4glichen Einkauf die alten M\u00e4nner sehe, die selbst bei Regen oder Schnee vor dem Kaffee neben dem Supermarkt sitzen, rauchend und redend, grauhaarig, der eine mit Toupet, der andere mit fleckigem Gesicht, ein weitere in verbeulten und unsauberen Jogginghosen, der n\u00e4chste mit schnittiger Cord Weste \u00fcber den prallen Bauch gespannt, dann denke ich mir, so m\u00f6chtest du nicht werden. Das ist, was die \u00e4lteren Herren betrifft nicht abwertend gemeint, ich kann mir mich nur nicht so vorstellen, so unwiderruflich alt, dass man es selbst mit der allergr\u00f6\u00dften Willenskraft nicht mehr leugnen k\u00f6nnte. Dabei wei\u00df ich, sollte ich so alt werden wie diese Herren, bin ich bestimmt froh \u00fcberhaupt noch da zu sein. Fehlendes Haupthaar, Altersflecken und eine aus den Fugen geratene Figur werden mich nicht ann\u00e4hernd so st\u00f6ren, wie jetzt in meiner Vorstellung. Dabei sind dies nur Statthalter, Sinnbilder des Verfalls und des Verfliegens der Zeit, die mit jeder Sekunde ein St\u00fcck von uns mitnimmt, obwohl wir es so ungern hergeben. Meine Abwehr ist eine hilflose und pathetische Geste und hat mit dem sprichw\u00f6rtlichen \u201ein W\u00fcrde altern\u201c so gar nichts zu tun. Wobei sich die Frage stellt, ab wann man denn in W\u00fcrde zu altern hat. Ab 50 oder erst ab 70. Wom\u00f6glich ist dieses \u201ein W\u00fcrde altern\u201c kein Prozess, sondern nur ein Ergebnis. Man sieht den selbstzufriedenen \u00e4lteren Menschen und folgert aus dem Anblick. Seine innere Verzagtheit sieht man ihm nicht an.<\/p>\n<p>Ich denke, meine gr\u00f6\u00dfte Angst ist der Verlust der Selbstverst\u00e4ndlichkeit und wenn ich die \u00e4lteren M\u00e4nner beobachte, dann sehe ich mich wie sie, nur ohne mich. Es ist eine Mischung aus dem \u00dcberfluss an Vorstellungskraft und dem v\u00f6lligen Fehlen von Identifikation. Die einzige L\u00f6sung des Problems scheint zu sein, nicht dar\u00fcber nachzudenken und davon auszugehen, sowieso nie so alt zu werden. Dann werde ich in zwanzig oder drei\u00dfig Jahren zwar nicht in W\u00fcrde gealtert sein, aber freudig \u00fcberrascht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Blutwurst<\/strong><\/p>\n<p>Die Deutsche Islamkonferenz 2018 hat viele Gr\u00fcnde f\u00fcr eine kritische Auseinandersetzung geboten. Nicht zuletzt das Catering. War unter dem reichhaltigen Fingerfood-Angebot doch auch Blutwurst vom Schwein. Unsensibel, so die einen, kein Grund sich aufzuregen, denn es gab ja nicht <em>nur<\/em> Blutwurst, die anderen. Manche halten es f\u00fcr ein Zeichen gelungener Integration, wenn sich nun Muslime \u00fcber dieses Essensangebot emp\u00f6ren, immerhin sei eine solche Reaktion typisch deutsch. Ich halte es eher f\u00fcr eine typische Reaktion von Menschen, die in einem Ideologienetz gefangen sind, was ihnen den Blick \u00fcber den eigenen Tellerrand unm\u00f6glich macht. Und damit meine ich nicht nur diejenigen, die das Essen von Schweinefleisch aus religi\u00f6sen Gr\u00fcnden ablehnen, sondern auch solche, die meinen, man m\u00fcsse auf religi\u00f6se Gef\u00fchle unbedingt R\u00fccksicht nehmen, als handele es sich dabei um ein sch\u00fctzenswertes und von allen Seiten bedrohtes Gut und es sei die Verpflichtung einer demokratischen Gesellschaft, ihr ungest\u00f6rtes Fortbestehen zu sichern.<\/p>\n<p>Dabei sind jene religi\u00f6sen Gef\u00fchle, die sich so leicht verletzten lassen Ausdruck eines schwachen theologischen Innenlebens und einer \u00dcberzeugungsarmut, die st\u00e4ndig nach F\u00fctterung durch die Best\u00e4tigung von au\u00dfen lechzt. \u00a0In meiner Zeit als aktiver christlicher Fundamentalist wurde ich wegen unserer offensiven Missionierungst\u00e4tigkeit oftmals pers\u00f6nlich beleidigt. Meine religi\u00f6sen Gef\u00fchle aber hat das nie verletzt, weil mein Selbstverst\u00e4ndnis als Christ davon nie ber\u00fchrt wurde. Wir suchten nicht nach Anerkennung, sondern nach neuen J\u00fcngern f\u00fcr die Sekte. Religionen aber, die auf der einen Seite hartn\u00e4ckig an einem altert\u00fcmlichen und v\u00f6llig \u00fcberholten Weltbildern festhalten, auf der andern Seite aber ihren Platz in einer modernen Gesellschaft behaupten wollen, setzen ihre Mitglieder einem inneren Zwiespalt aus, den sie nur durch eine aggressive Verteidigungshaltung kompensieren k\u00f6nnen. Jede Kritik oder jede gef\u00fchlte Missachtung der eigenen Anschauung wird so zum Angriff auf die eigene Person und\/oder Gruppe und wird pers\u00f6nlich genommen. Und wenn es nur eine bl\u00f6de Wurst ist, die zu essen niemand gezwungen wurde.<\/p>\n<p>Um ein solches, von den eigentlichen Problemen, welche die diesj\u00e4hrige DIK aufgeworfen hat, ablenkendes Vorkommnis zuk\u00fcnftig zu vermeiden, schlage ich f\u00fcr die n\u00e4chste Konferenz vor, das Catering von einem der muslimischen Verb\u00e4nde organisieren zu lassen, und nicht von irgendeinem Mitarbeiter des Innenministeriums oder das BaMF, der das wahrscheinlich f\u00fcnf Mal die Woche macht und sowieso wei\u00df, dass f\u00fcr alle etwas dabei ist, vom Veganer, \u00fcber den religi\u00f6sen Di\u00e4tiker bis hin zum urbayerischen Porcuvoren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":27,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-1200","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-archiv"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1200","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/27"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1200"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1200\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1202,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1200\/revisions\/1202"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1200"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1200"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1200"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}