{"id":1219,"date":"2019-04-27T08:32:36","date_gmt":"2019-04-27T06:32:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=1219"},"modified":"2021-04-11T08:26:47","modified_gmt":"2021-04-11T08:26:47","slug":"thats-what-i-do","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=1219","title":{"rendered":"That\u2019s what I do"},"content":{"rendered":"\n<p>Gestern h\u00e4tte ich mir beinahe ein T-Shirt bestellt mit dem\nAufdruck: \u201cThat\u2019s what I do. I read books and I know things.\u201c (Ich habe\ngegoogelt, woher der Spruch kommt, aber au\u00dfer Shopping-Seiten, die Shirts mit\ndieser Aufschrift anbieten und jemanden, der in einem Forum behauptete, Tyrion\nLanister h\u00e4tte diesen Satz in zwei Game of Thrones Folgen gesagt \u2013 und von\nanderen Forumsteilnehmer widerlegt wurde, weil er wohl tats\u00e4chlich sagte: I\ndrink and I survive \u2013 habe ich nichts gefunden. Auf dem T-Shirt war ein Hase zu\nsehen, weshalb ich annahm, vielleicht sei es ein Zitat aus Alice im Wunderland,\nein Gedanke dessen Abwegigkeit ich nicht einsch\u00e4tzen kann, da ich Alice im Wunderland\nnie gelesen habe.)<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor ich den Bestellbutton anklickte wurde mir aber\nbewusst, warum ich diesen Spruch so gut fand. Er sagt nichts davon, dass man\nauch \u00fcber das Gelesene sprechen w\u00fcrde. Eine mir zutiefst sympathische\nSelbstgen\u00fcgsamkeit liegt in jenem \u201e&#8230;and I know things\u201c. Es ist frei von\njedwedem \u00dcberzeugungseifer. Nat\u00fcrlich liegt dar\u00fcber auch ein Hauch von Arroganz\naber wer sagt, die Tatsache etwas zu wissen gehe auch mit der Verpflichtung\neinher, mit anderen dieses Wissen zu teilen bzw. sie von der Richtig- und\nWichtigkeit der gelernten Dinge zu \u00fcberzeugen? Vor allem, weil das Wissen, das\nman in B\u00fcchern finden kann, jedem, der des Lesens m\u00e4chtig ist, zug\u00e4nglich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Mich erinnerte das an eine Szene aus dem Film \u201eSaving\nPrivate Ryan\u201c von Steven Spielberg. Kurz vor der letzten Schlacht unterh\u00e4lt\nsich der von Tom Hanks gespielte Leutnant mit jenem Privat Ryan, den sie auf\nBefehl von ganz oben sicher nach Hause bringen sollen. Der junge Mann erz\u00e4hlt\ndem Leutnant von seinen Br\u00fcdern (die alle schon im Krieg gefallen waren) und\nwie sie das letzte Mal alle zusammen gewesen waren. Dann fordert er den\nLeutnant auf von dessen Familie zu erz\u00e4hlen, doch dieser sagt nur: \u201eNein. Das\nbehalte ich lieber f\u00fcr mich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Weigerung seine Erinnerungen in diesem Moment zu teilen,\nhatte nichts mit der Person des jungen Soldaten zu tun, sondern mit dem Wert,\ndie sie f\u00fcr den Leutnant hatten und der \u00dcberzeugung, dass sie, w\u00fcrde er sie\nunter diesen Umst\u00e4nden teilen, an Kostbarkeit verl\u00f6ren weil pl\u00f6tzlich etwas\nFremdes an ihnen haftete, auch wenn der Soldat nichts darauf erwidert h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein T-Shirt mit diesem Aufdruck zu tragen, so dachte ich mir,\nw\u00e4re ein Widerspruch in sich selbst, w\u00fcrde es aus jenem selbstzufriedenen \u201eI\nknow things\u201c doch wieder ein Statement machen, eine Einladung zum Dialog, den\nman ja eigentlich verweigert. Also dr\u00fcckte ich den Bestellbutton nicht (es gab\nnoch eine Tasse mit derselben Aufschrift, die aber kostete fast 20 Euro und f\u00fcr\ndas Geld kann man sich ja schon wieder ein oder zwei B\u00fccher kaufen. Au\u00dferdem\nw\u00fcrde ich diese Tasse nur zu Hause verwenden \u2013 n\u00e4hme ich sie mit auf die Arbeit\nw\u00fcrde ja wieder ein T-Shirt daraus \u2013 nur f\u00fcr mich sozusagen und damit zur\nreinen Selbstbest\u00e4tigung, die ich nur dann n\u00f6tig hatte, w\u00e4re ich nicht von\nmeiner Meinung \u00fcberzeugt und m\u00fcsste jeden Morgen durch eine Tasse ihre\nRichtigkeit vor Augen gehalten bekommen).<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber Jahre hinweg \u00fcberlegte ich schon oftmals beim Lesen,\nwie ich \u00fcber das Gelesene schreiben k\u00f6nnte, wie neu gewonnene oder schon l\u00e4nger\nerworbene aber durch die momentane Lekt\u00fcre erneut best\u00e4tigte Ansichten an den\nLeser gebracht werden k\u00f6nnten. Das tat ich dann auch in meinem Blog, in\nverschiedenen Foren und sozialen Medien, immer in der Erwartung auf eine\nReaktion und mit der Bereitschaft, den eigenen Standpunkt zu verteidigen. Ein,\nwie ich irgendwann feststellte, sehr erm\u00fcdendes und nutzloses Unterfangen.\nEinzig der Austausch im kleinen Kreis, unter Menschen, die man entweder\nvirtuell, besser aber noch pers\u00f6nlich n\u00e4her kennengelernt hatte war (und ist\nnach wie vor) wirklich wertvoll, lag ihnen doch nichts an dem allerorts zu\nfindenden rhetorischen&nbsp; Kr\u00e4ftemessen,\njenem infantilen Meinungspingpong, bei dem es nicht darum geht, den\nzugespielten Ball zu retournieren, sondern mit jedem Schlag einen neuen Ball\nins Spiel zu bringen und, noch bevor dieser \u00fcbers Netz gegangen ist, die Arme\nhochzurei\u00dfen und laut \u201egewonnen\u201c zu rufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Besser also schweigen? Nicht unbedingt. Zu schreiben und das\nGeschriebene \u00f6ffentlich zu machen bedeutet nicht zwangsl\u00e4ufig eine Einladung\nzum Dialog mit dem Autor, von Facebook, Twitter, Kommentarspalten einschl\u00e4giger\nNachrichtenseiten und Postings in massenfrequentierten Foren einmal abgesehen. &nbsp;Aber hier, abseits von den virtuellen\nGro\u00dfst\u00e4dten mit ihrem Get\u00fcmmel von Selbstdarstellern, Meinungsverk\u00e4ufern und Zeitgeisterfahrern,\nvon Proselytenmachern und Auf- und Untergangspropheten, wo die Stra\u00dfen so eng\nund leer sind, dass keine Sau hindurchzujagen sich lohnte, ist Platz f\u00fcr die\nArt von Gespr\u00e4ch, die der M\u00fche des Schreibens wert ist: Das Selbstgespr\u00e4ch des\nAutors, der sich durch das Schreiben dessen vergewissert, was ihm als Destillat\ndes Gelesenen, Gelernten und Erlebten als Meinung, Schlussfolgerung, Weltsicht\netc. im Kopf umherschwimmt und manchmal erst durch Formulierung feste und\ngreifbare Gestalt annimmt. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit viel Gl\u00fcck hat er Leser, die dieses Selbstgespr\u00e4ch als\nAnlass nehmen, mit sich selbst in einen Dialog zu treten. Mit noch viel mehr\nGl\u00fcck erz\u00e4hlt der Leser dem Autor von diesem Dialog. Vielleicht aber reagiert\nder Leser wie der Leutnant aus \u201eSaving Private Ryan\u201c und sagt: \u201eDas behalte ich\nlieber f\u00fcr mich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das hat aber keine Auswirkung auf mich als Schreibenden,\ndenn das Schreiben ist nur etwas, das aus etwas anderem, gr\u00f6\u00dferem folgt. N\u00e4mlich\nB\u00fccher zu lesen und Dinge zu wissen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern h\u00e4tte ich mir beinahe ein T-Shirt bestellt mit dem Aufdruck: \u201cThat\u2019s what I do. 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