{"id":1224,"date":"2020-04-03T17:00:51","date_gmt":"2020-04-03T15:00:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=1224"},"modified":"2021-04-11T08:31:12","modified_gmt":"2021-04-11T08:31:12","slug":"briefe-an-die-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=1224","title":{"rendered":"Briefe an die Zukunft"},"content":{"rendered":"\n<p>\nSebastian Haffner, Zur Zeitgeschichte, rowohlt repertoire\n\n<\/p>\n\n\n\n<p><br><\/p>\n\n\n\n<p>Wer \u00fcber die Vergangenheit schreibt, hat immer die Zukunft\nim Sinn. Das trifft besonders auf Historiker zu und unter diesen in noch\nst\u00e4rkerem Ma\u00dfe auf diejenigen, deren Thema die deutsche Vergangenheit ist. Sich\nmit der deutschen Geschichte der letzten zweihundert Jahre zu besch\u00e4ftigten (um\ngenau zu sein seit 1815) ist eine Profession f\u00fcr Menschen, denen es nichts\nausmacht sich best\u00e4ndig an den Kopf zu greifen. So viel ist da falsch gelaufen.\nUm so gr\u00f6\u00dfer nat\u00fcrlich die Hoffnung, man m\u00f6ge doch bitte daraus lernen. <\/p>\n\n\n\n<p>Einer, der die M\u00fche auf sich genommen hat das Vergangene aufzuzeichnen,\nzu analysieren, damit k\u00fcnftige Generationen nicht nur verstehen, sondern auch\ndie richtigen Schl\u00fcsse zu ziehen verm\u00f6gen, war Sebastian Haffner. Seine B\u00fccher\n\u00fcber Hitler, das Deutsche Reich, die Entwicklung von Bismarck bis zu Hitler,\nPreu\u00dfen und andere, mit der deutschen Geschichte verbundenen Themen wurden zum\nTeil Besteller und hatten Millionenauflagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun war Haffner eigentlich kein Historiker, sondern in erster Linie Journalist und schrieb f\u00fcr englische und deutsche Zeitungen und Zeitschriften. So auch f\u00fcr die Konkret, in der er zwischen 1963 und 1971 Buchrezensionen verfasste. 1982 ver\u00f6ffentlichte er 36 dieser Artikel in \u00fcberarbeiteter Form in dem kleinen B\u00e4ndchen \u201eZur Zeitgeschichte\u201c, das vom Rowohlt-Verlag in seiner Repertoire-Reihe 2017 wieder aufgelegt wurde. Zum Gl\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon auf der ersten Seite, in dem Essay \u201e\u00dcber Geschichtsschreibung\u201c\nwird einem klar, es hier mit einem besonderen B\u00fcchlein, vor allem aber mit\neinem besonderen Autor zu tun zu haben, der um die Probleme seines Gegenstandes\ngenau Bescheid wei\u00df:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eGeschichtsschreibung ist in erster Linie Kunst: wie jede Kunst besteht sie haupts\u00e4chlich im Weglassen. Die meisten franz\u00f6sischen und englischen Geschichtsschreiber wissen das instinktiv; deswegen sind sie so lesbar und so wirksam. Die meisten deutschen und amerikanischen Geschichtsschreiber wissen das nicht; fast alle ihre Werke sind \u00fcberdokumentierte, unlesbare W\u00e4lzer (die Unlesbarkeit f\u00e4ngt schon damit an, dass man sie im Bett, wo die meisten Leute lesen, nicht in der Hand halten kann). Die meisten deutschen Historiker wollen dem Leser mit ihren Detailkenntnissen imponieren und ertr\u00e4nken ihn in Material. Der Historiker ist aber gerade dazu da, dem Leser die Materialverarbeitung abzunehmen und ihm Extrakte und Resultate zu liefern, und zwar in pointierter, griffiger Form. Das ist schwerer als einfach seine Zettelk\u00e4sten \u00fcber den Leser auszusch\u00fctten: aber man wird daf\u00fcr belohnt: Man wird gelesen, und zwar mit Genuss und Dankbarkeit.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn Haffner hier den Historiker Arthur Rosenberg im\nSinn hat (was die pointierte, lesbare Art der Geschichtsschreibung angeht),\ntrifft das Gesagte doch auch voll und ganz auf ihn zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Was machen aber nun Buchbesprechungen aus den sechziger\nJahren heute noch lesenswert? Zum einen nat\u00fcrlich die B\u00fccher selbst, behandeln\ndoch einige von ihnen Themen und Probleme, die uns heute noch auf den N\u00e4geln\nbrennen, viel mehr noch als damals. So zum Beispiel das Buch \u201eDie Reichen und\ndie Superreichen\u201c von Ferdinand Lundberg, in Deutschland erschienen 1969. Lundberg\nbeschreibt hier die schon damals bestehende Klasse von Superreichen, die sich\nschon weit au\u00dferhalb der Sp\u00e4hre des reichen und erfolgreichen Unternehmers\nbefanden, der aber immer noch in der Gefahr schwebte, seinen Reichtum wieder zu\nverlieren. Der Reichtum der Superreichen aber war ob seiner Gr\u00f6\u00dfe schon damals systemrelevant,\nihr Einfluss auf Politik und Gesellschaft so tiefgreifend wie undurchschaubar.\nUnd das lange vor einem Warren Buffet, Jeff Bezos oder Bill Gates.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch der Essay \u00fcber die Christliche Linke lie\u00dft sich erstaunlich aktuell \u2013 man braucht nur aus links rechts zu machen und k\u00e4me zu \u00e4hnlichen Schlussfolgerungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Des Weiteren enthalten diese Essays wertvolle Literaturhinweise. So zum Beispiel auf C.V. Wedgwoods Buch \u00fcber den drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg. Ein echter Geheimtipp. Ich habe mir das Buch gekauft und es ist mit Abstand das Beste, was ich bisher zu dem Thema gelesen habe. Auf Wedgwood trifft zu hundert Prozent das zu, was Haffner \u00fcber die englischen Geschichtsschreiber, in diesem Fall eine Geschichtsschreiberin, gesagt hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Es werden auch einige historischen Irrt\u00fcmer berichtig, Irrt\u00fcmer, die sich bin in unsere Zeit halten. Zum Beispiel was den Staat Preu\u00dfen angeht, dessen Erbe die Alliierten unter anderem als Grund f\u00fcr die nationalistische und kriegerische Hysterie und Barbarei der Deutschen verantwortlich machten und deshalb versuchten, dieses mit Stumpf und Stiel auszurei\u00dfen, so dass im \u00f6ffentlichen Leben an Preu\u00dfen heute nur noch die Namen mancher Fu\u00dfballklubs erinnern. Dass Preu\u00dfen aber der Gegenentwurf zum Nationalstaat war, ihm ein kleines Deutschland eher im Sinne lag und es Kaiser und B\u00fcrgertum waren, die das Deutsche Reich w\u00fcnschten und dieses schnellst m\u00f6glich zu einem Imperium machen wollten, ein Wunsch, dessen Scheitern schlie\u00dflich zur Naziherrschaft f\u00fchrte \u2013 &nbsp;in der Schulbuchgeschichtsschreibung kommt das nicht vor. \u00dcberhaupt Preu\u00dfen, bei all dem \u00dcbel, dem Militarismus und der G\u00e4ngelei seiner Untertanen, wer wei\u00df was aus Deutschland geworden w\u00e4re, h\u00e4tte es nur ein, zwar preu\u00dfisches, Deutschland gegeben, aber kein Deutsches Reich. Aber auch das ist Geschichte, die Besch\u00e4ftigung mit dem Konjunktiv der, was die Vergangenheit betrifft zwar fruchtlos ist, bei \u00dcberlegungen wie die Zukunft aussehen k\u00f6nnte aber durchaus den einen oder anderen erhellenden Gedanken bereithalten kann. <\/p>\n\n\n\n<p>Nur in zwei Essays schie\u00dft Haffner \u00fcber das Ziel hinaus, beziehungsweise\nzeigt er eine f\u00fcr ihn ungew\u00f6hnliche Naivit\u00e4t (um das Wort Dummheit zu\nvermeiden). Diese betreffen die Wissenschaft und da kommt der Konservative in\nihm zum Vorschein, da ist er dann doch ganz Kind seiner Zeit. Wobei man auch\n\u00fcber diese, f\u00fcr den heutigen Leser r\u00fcckst\u00e4ndige, Gedanken diskutieren kann,\nvielleicht sogar muss, erleben wir doch heute eine Regression, verliert die\nwissenschaftliche Erkenntnis gegen\u00fcber dem was geglaubt wird mehr und mehr an\nZuspruch. <\/p>\n\n\n\n<p>Explizit geht es um die Frage Wissenschaft als Religion und was Haffner nicht begreift ist, dass man diese beiden Dinge nicht vergleichen kann, dass sie nicht die gleiche Sprache sprechen und eine Gesellschaft, die der Religion entsagt und sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientiert, Wissenschaft nicht als Religionsersatz ansieht, besonders wenn es um die Frage geht, woraus man seine ethischen Leits\u00e4tze herleitet. Das Bild des kalten Wissenschaftlers, der sich nicht um Moral, sondern nur um Ergebnisse und Resultate schert, ist ein Bild aus Zeiten des kalten Krieges, als der Atomtod als gef\u00fchlte Bedrohung in den Herzen der Menschen sa\u00df. Zum Gl\u00fcck sind wir heute weiter. <\/p>\n\n\n\n<p>Dessen ungeachtet sind Haffners Essays eine erhellende\nLekt\u00fcre trotz ihres Alters und wegen ihrer Aktualit\u00e4t und dem Wissensschatz den\nsie erhalten. Sie sind Briefe, vor f\u00fcnfzig Jahren geschrieben auf der Suche\nnach Adressaten in der Zukunft, die heute ist.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/wp-content\/uploads\/sites\/17\/2019\/05\/Haffner-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1225\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Sebastian Haffner, Zur Zeitgeschichte, rowohlt repertoire,\nISBN 978-3-688-10217-4<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sebastian Haffner, Zur Zeitgeschichte, rowohlt repertoire Wer \u00fcber die Vergangenheit schreibt, hat immer die Zukunft im Sinn. Das trifft besonders auf Historiker zu und unter diesen in noch st\u00e4rkerem Ma\u00dfe auf diejenigen, deren Thema die deutsche Vergangenheit ist. 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