{"id":130,"date":"2014-07-03T11:08:24","date_gmt":"2014-07-03T09:08:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=130"},"modified":"2021-04-11T16:12:14","modified_gmt":"2021-04-11T16:12:14","slug":"brot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=130","title":{"rendered":"Brot"},"content":{"rendered":"<p>Spangenbachs k\u00fcrzlich erschienener Aufsatz \u00fcber die in manchen katholischen Sekten praktizierte Brotbu\u00dfe, wurde nur am Rande zur Kenntnis genommen, was sehr bedauerlich ist. Aber verst\u00e4ndlich, da er niemandem wirklich Angst gemacht hat.<!--more--><\/p>\n<p>Ein junger Mann betritt einen Supermarkt, geht zielstrebig in Richtung der Backwaren und nimmt sich ein Brot aus dem Regal. Er tr\u00e4gt Jeans und einen Kapuzenpulli, sauber, ordentlich, nicht zu gro\u00df. Sein Gesicht ist von der Pubert\u00e4t ein wenig hergenommen, die Augen glanzlos, der Mund schmal. Auff\u00e4llig sind seine gepflegten H\u00e4nde, die langen Finger, die fast kreisrunden N\u00e4gel. Man kann sie deutlich sehen, als er das Brot umfasst, ein gro\u00dfes St\u00fcck aus dem Laib herausrei\u00dft und sich in den Mund schiebt. Doch statt zu kauen, schluckt er. Er bricht ein weiteres St\u00fcck und stopft nach. Schluckt erneut. Beim dritten Brocken beginnt er zu w\u00fcrgen, schiebt aber noch einen vierten hinterher. Jetzt ger\u00e4t sein ganzer K\u00f6rper in Bewegung, verkrampft sich in dem Bem\u00fchen, den Brechreiz zu unterdr\u00fccken. Noch ein letztes St\u00fcck, er presst es auf den Mund, als wolle er ihn damit endg\u00fcltig verstopfen. Einen eigenartigen Tanz vollf\u00fchrt er, einen Brottanz, einen Erstickungstanz, sein K\u00f6rper wehrt sich, will kein Brot mehr, will nur Luft.<\/p>\n<p><em>\u201eUnterern\u00e4hrt? Nein, nicht unterern\u00e4hrt, so was w\u00e4re bestimmt schon l\u00e4ngst aufgefallen. Wobei manche der Jugendlichen in diesem Alter so aussehen, als h\u00e4tte man sie gerade aus dem KZ \u2013 Sie verstehen&#8230;<br \/>\nSicher, er war sehr leicht und d\u00fcnn f\u00fcr sein Alter, aber keiner der Tests zeigte irgendwelche Mangelerscheinungen. Im Grunde war er sogar \u00fcber dem Durchschnitt. Also wenn man diejenigen in Betracht zieht, die so jeden Tag Fastfood essen oder daheim nur Raviolidosen aufgeschraubt bekommen, da war er richtig gut drauf \u2013 zumindest blutwertechnisch.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Eine Angestellte des Supermarktes, schon etwas \u00e4lter und recht korpulent &#8211; Sie wissen schon, die morgens meistens das Gem\u00fcse und den Salat aufstapelt, immer mit einem etwas fleckigen Kittel, die Haare oftmals fettig oder unordentlich, wenn die einen Salatkopf ganz oben auf die Kiste legt, nehmen Sie immer den, der darunter liegt &#8211; l\u00e4uft zu dem jungen Mann und versucht ihm die H\u00e4nde vom Mund wegzudr\u00fccken. Der wehrt sich. Erst als ihn die Kr\u00e4fte verlassen, gibt er nach. Der K\u00f6rper erschlafft und kann den Hals nicht mehr freiw\u00fcrgen.<\/p>\n<p><em>\u201eIch glaub, der w\u00e4re gerne cool gewesen. Aber irgendwie hatte er immer so einen Stock im Arsch. So Typen gibt\u2019s halt. Stehen meist alleine rum, und wenn man dann mal auf sie zugeht, weichen sie gleich zwei Schritt zur\u00fcck. Kommen sie aber von selber, dann sind sie furchtbar ungeschickt und verkrampft. Das funktioniert einfach nicht. Nein, ich glaub, der w\u00e4re irgendwie gerne cool gewesen und h\u00e4tte es vielleicht auch sein k\u00f6nnen, wenn da nicht dieses religi\u00f6se Dingens gewesen w\u00e4re. Ob er das toll fand, wei\u00df ich ja nicht, aber seine Eltern werden es halt gewollt haben. Zum Rebellen hat ihm offenbar der Mumm gefehlt. Zumindest war da nicht viel drin mit locker sein, Disco, Tanzen, Spa\u00df haben. Aber vielleicht wollte er ja so ein Freak sein. Ist mir eigentlich auch egal. Und was hat der nun gestohlen? Ein Brot? Und deswegen der ganze Aufriss?\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eGanz normaler Junge. Absolut unauff\u00e4llig. H\u00f6chstens ein wenig nachdenklich, aber auch nicht wirklich. Sporadisch apathisch, aber wer von den Jugendlichen ist das nicht? Ich arbeite nun wirklich schon lange genug mit den Kids, um zu wissen, dass die ab und an mal ausschalten. Verarbeitungsphase nenne ich das. Der Eine verpr\u00fcgelt dann seinen Tischnachbarn. Und der Andere, der starrt einfach L\u00f6cher in die Luft.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Spangenbach konzentriert sich zun\u00e4chst auf die symbolische Bedeutung des Brotes in den religi\u00f6sen Schriften des Christentums, vornehmlich der Bibel. Er f\u00fchrt aus, dass die erste Erw\u00e4hnung von Brot nach dem S\u00fcndenfall erfolgte, im Zuge der Strafverlesung: \u201eIm Schwei\u00dfe deines Angesichts wirst du dein Brot essen.\u201c Danach aber stellte es vor allem eine g\u00f6ttliche Segensbekundung dar. Manna z.B., das Brot vom Himmel, auf das sich Christus sp\u00e4ter bezog, wenn er sich als solches bezeichnete, von dem man essen m\u00fcsse, um ins Himmelreich zu gelangen. Und so weiter. Spangenbach holt weit aus, nat\u00fcrlich immer im gewohnt s\u00fcffisanten Ton, der stets den aufgekl\u00e4rten Atheisten durchscheinen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Der Vater erf\u00e4hrt von dem Vorfall, als sein Sohn schon im Krankenhaus ist. Durch eine Mail seiner Sekret\u00e4rin, weil er sich f\u00fcr den ganzen Tag s\u00e4mtliche St\u00f6rungen verbeten hat. \u201eDie\u201c, hatte er gleich am Morgen gesagt und auf die dicke T\u00fcr gezeigt, welche sein B\u00fcro von dem Vorzimmer trennte, \u201ewird heute nur noch von Innen ge\u00f6ffnet.\u201c<br \/>\nDie Sekret\u00e4rin verschwand mit einem Knurren und er ging hinter seinen Schreibtisch und lie\u00df sich in den Stuhl fallen. Die Lehne eines s\u00fcndhaft teuren B\u00fcrostuhls im R\u00fccken zu f\u00fchlen, das gefiel ihm schon immer. Heute aber sp\u00fcrt er nichts. Nur ein Ziehen aus unbestimmter Richtung. Er hat in seinem Leben schon so oft \u00fcber Pr\u00fcfungen geredet, dass sie ihm v\u00f6llig fremd geworden sind. Ihnen direkt gegen\u00fcber zu stehen, war etwas ganz anderes. Er war ein Theoretiker des Glaubens, das Praktische aber hatte viele T\u00fccken. Es gab zweierlei Schmerzen, das wusste er. Den Schmerz der Versuchung und den Schmerz der Konsequenz. Die Konsequenz \u2013 vor allem bei seinem Sohn. Das war notwendig. Weil es in sich richtig ist, einen Weg konsequent zu gehen, sei er nun wahr oder falsch. In der Konsequenz erkennt Gott die St\u00e4rke.<br \/>\nIn der Versuchung jedoch war er stets alleine, ihr Schmerz war nur sein Schmerz. Und wem sollte er sagen, dass er schon lange nicht mehr betete?<br \/>\nDie Mail lautet: Anruf Ihrer Frau. Ihr Sohn ist im Krankenhaus. Bitte zur\u00fcckrufen.<br \/>\nEr ruft zur\u00fcck, und zwei Stunden sp\u00e4ter kommt er in die Klinik.<\/p>\n<p><em>\u201eWir waren zwei Monate zusammen, aber nicht wirklich. Wir haben uns ein paar Mal nach der Schule getroffen. Sind mal ins Kino oder in die Stadt gefahren. Er mochte B\u00fccher, davon hat er viel geredet. Im Park haben wir heimlich geraucht, obwohl er ziemliche Angst hatte, dass seine Eltern das heraus bekommen. Einmal haben wir sogar geknutscht, aber da war er so was von wild, dass ich dachte, er vergewaltigt mich gleich. Dann hab ich Schluss gemacht.<br \/>\n\u00dcber Religion? Nee, \u00fcber Religion haben wir nicht gesprochen, wieso?\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eIch wei\u00df nicht, ob Sie das verstehen, aber wenn man etwas Besonderes ist, dann haben viele Dinge, die als Normal gelten, eine andere Wertigkeit. Und mit etwas Besonderem, meine ich einen wirklich gl\u00e4ubigen Menschen. Gl\u00e4ubig in einer Form, wie man sie heute eigentlich nur noch unter diesen Moslems findet, zu unserer Schande. Gl\u00fccklicherweise gibt es Ausnahmen. Wie dieser Junge und seine Familie. Echte Christen. Bem\u00fcht in jedem Aspekt des Lebens dem Glauben Ausdruck zu verleihen. Nicht nur da, wo es leicht ist, sondern auch da, wo es weh tut. Aber notwendig ist. Wenn es weh tut, dann ist es immer notwendig, sonst lie\u00dfe sich das ganze Konzept ja nicht mit der allumfassenden Liebe vereinbaren, die mit dem Gottesbegriff verbunden ist.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die Mutter sitzt auf der Couch und liest, als das Telefon klingelt. Peer Gynt. Sie hasst diesen Klingelton, weil er etwas Sch\u00f6nes entstellt. Aber sie hat sich daran gew\u00f6hnt. Die Stimme am anderen Ende der Leitung klingt angespannt. Schon nach den ersten Worten wei\u00df die Mutter, dass etwas passiert ist. Zu umfassend ist ihre Kenntnis von Spannungszust\u00e4nden. Und wenn sie Schlimmes erwartet, dann immer das Schlimmste: Irgendeinen Tod. Durch die Leitung h\u00f6rt sie \u201eIhr Sohn&#8230;\u201c und sieht nur noch Schreckensbilder und Blut. Sie rutsch vom Sofa, kniet auf dem Teppich, beugt den R\u00fccken. Mehr Demut geht nicht. Der Herr hat\u2019s gegeben&#8230;<br \/>\nDabei sitzt der Junge so fest in ihrer Brust, wird zum Schmerz, sobald sie sich ihn wegdenkt. Oder ungl\u00fccklich. Oder unter Strafe.<br \/>\nWenn es dein Wille ist, dann lass diesen Becher&#8230;<br \/>\nDie Stimme im Telefon hat zu Ende geredet und eine eigent\u00fcmliche Erleichterung macht sich in der Mutter breit. Eine Erleichterung, die man versp\u00fcrt, wenn dem Schmerz seine Vollkommenheit verloren geht.<br \/>\nDas Telefon noch immer in der Hand, setzt sie sich wieder auf die Couch und versucht, ihren Mann zu erreichen.<\/p>\n<p><em>\u201eRichtige Freunde waren wir nicht. Wir haben in der Schule nebeneinander gesessen. Ab und zu trafen wir uns am Nachmittag. Manchmal zum Lernen, manchmal einfach um ein bisschen abzuh\u00e4ngen. Aber nur bis um sechs, dann musste er nach Hause. Abends durfte er so gut wie nie weg. Auch am Wochenende nicht. Er wollte Tierarzt werden, oder Dichter. Von zu Hause hat er selten geredet, aber wenn, dann hatte ich das Gef\u00fchl, dass er Angst vor irgendetwas hatte. Ja, von Strafen erz\u00e4hlte er auch, aber immer so komische Sachen, wo ich mir dachte, das sind doch keine wirklichen Strafen. Bestimmte B\u00fccher lesen, einen Tag nichts sagen und so was. Ums Essen ging es da aber nie.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Spangenbach schreibt:<br \/>\n\u201eDie Brotbu\u00dfe ist eine symbolische Strafe. Brot als Zeichen der Gunst. Unser t\u00e4glich Brot gib uns heute. Wem man das Brot entzieht, dem entzieht man den Segen Gottes. Die psychologische Wirkung ist tiefgreifend. Es handelt sich um eine Vorstufe der Exkommunikation. Der S\u00fcnder bekommt f\u00fcr eine gewisse Zeit kein Brot und darf auch nicht in Gemeinschaft essen. Eigentlich eine zeitgem\u00e4\u00dfe Strafe, denn sie kommt ohne Pr\u00fcgel aus. Niemand stirbt, wenn er mal f\u00fcr eine Weile kein Brot isst.\u201c<\/p>\n<p><em>\u201eSehen Sie, wir haben genug F\u00e4lle, in denen wir tats\u00e4chlich einschreiten m\u00fcssen, weil den Jugendlichen Gefahr droht. Das sind dann aber konkrete Dinge. K\u00f6rperverletzung, Missbrauch, grobe Vernachl\u00e4ssigung und solche Sachen. Und oft genug kommen wir nicht rechtzeitig. Was dann passiert, wissen Sie. Wenn wir da noch jedem hinterherlaufen w\u00fcrden, der seine Kinder mit steinzeitlichen Glaubensvorstellungen gro\u00dfzieht, dann h\u00e4tten wir viel zu tun. Allein bei den vielen Ausl\u00e4ndern. Wie? Gut, in diesem Fall waren es keine Ausl\u00e4nder. Von mir aus auch was christliches, ist doch egal. Es gab nie irgendwelche Hinweise darauf, dass der Junge gef\u00e4hrdet sei. Und bei dem Elternhaus, ich meine, der Vater ist Verkaufsleiter bei einer nicht unbekannten Firma, verdient nicht schlecht, die Mutter ist nur Hausfrau, d.h. st\u00e4ndig zu Hause, um das Kind zu versorgen. Das sind Traumvoraussetzungen. Ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, alle Eltern w\u00e4ren so. Da k\u00f6nnten die religi\u00f6s gerne ein wenig \u00fcberzogen sein. Aber ansonsten ist das doch optimal.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Kann es sein, fragt am n\u00e4chsten Tag eine Tageszeitung, dass sich ein junger Mensch umbringen m\u00f6chte, indem er sich solange den Hals mit Brot vollstopft, bis er erstickt?<\/p>\n<p>Einer seiner Klassenkameraden bemerkt:<br \/>\n\u201eWer wei\u00df, vielleicht hatte er einfach nur Hunger.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Spangenbachs k\u00fcrzlich erschienener Aufsatz \u00fcber die in manchen katholischen Sekten praktizierte Brotbu\u00dfe, wurde nur am Rande zur Kenntnis genommen, was sehr bedauerlich ist. 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