{"id":1312,"date":"2019-09-08T18:18:34","date_gmt":"2019-09-08T16:18:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=1312"},"modified":"2021-04-11T16:01:56","modified_gmt":"2021-04-11T16:01:56","slug":"vom-meer-und-vom-land-von-inseln-und-der-wueste","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=1312","title":{"rendered":"Vom Meer und vom Land, von Inseln und der W\u00fcste"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Wer sich nichts vormachen l\u00e4sst, irrt umher<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Lacan<\/em> <\/p>\n\n\n\n<p><br>                                                                                                                                                         <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><\/p>\n\n\n\n<p>Tief ist das Meer des Lebens. Sollte man es nicht\nunerforschlich nennen?<\/p>\n\n\n\n<p>Flechtet man in dieses Bild nun noch Inseln und Kontinente\nhinein, dann sind diese Orte des Wissens, des Glaubens, der Zuversicht und der Gefangenschaft.\nDas Meer ist Leben in Bewegung. Bewegung weg von etwas und gleichzeitig\nhinstrebend zu Anderem. Vergangenheit und Zukunft. Wer irgendwo ankommen will,\nmuss sich zun\u00e4chst auf den Weg machen. Nur so viel steht fest: Was hinten liegt,\ntreibt nach vorne. Was dieses Vorne ist, kann der Reisende meist nur erahnen. Solange\nman unterwegs ist, hat man noch nicht verloren. Am Grunde des Meeres liegen\nHoffnungen und Pl\u00e4ne und schauen sehns\u00fcchtig auf die Schiffsb\u00e4uche, die \u00fcber\nihnen einherfahren, als g\u00e4be es dieses Unten nicht, an dem sie sich befinden.\nManchmal schicken sie Blasen noch oben, wenn sie verwesen oder sich vor Reue\nkr\u00fcmmen und Schreie aussto\u00dfen. Man sollte oben bleiben, weiterfahren und nur an\nLand gehen, wenn man sich absolut sicher ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Dante leidet Odysseus im H\u00f6llenkreis, der f\u00fcr die falschen Ratgeber vorgesehen ist. Gelehrte und Schriftenforscher (so erz\u00e4hlt es uns Borges) sind sich uneins, ob er diesen Platz seiner List, mit der Troja eingenommen wurde verdankt, oder dem Umstand, dass er seine ihm Getreuen zu einer letzten Fahrt \u00fcberredete, weit \u00fcber die S\u00e4ulen des Herkules hinaus, dorthin, wo noch nie ein Menschen gewesen war. An einem hohen Berg schlie\u00dflich, der sich weit im S\u00fcden aus dem Meer erhob und den die Reisenden zun\u00e4chst als ihre Rettung ansahen da sie Monate lang auf offener See umhergeirrt und v\u00f6llig mutlos waren, ereilte sie ihr Schicksal in Form eines gewaltigen Sturmes, der das Schiff sinken und seine Mannschaft ertrinken lie\u00df. Christliche Kommentatoren vermuten, dass es sich bei dem Berg um das Fegefeuer handelte, so wie Dante es beschrieb und die Vermessenheit des Odysseus sich diesem zu n\u00e4hern, mit dem Tode bestraft wurde. Gott, so scheints, sind die von Menschen aus Neugier unternommenen Fahrten ins Ungewisse (Odysseus selbst sagt zu Vergil, er habe die Reise getan, um Tugend und Erkenntnis zu suchen) nicht recht. Aber auch solche, die aus den falschen Gr\u00fcnden unternommen werden. Als der Prophet Jona den Auftrag erh\u00e4lt, der Stadt Ninive das g\u00f6ttliche Strafurteil zu verk\u00fcnden, besteigt er ein Schiff, das ihn in die entgegengesetzte Richtung, nach Spanien bringen soll. Voller Zorn l\u00e4sst Gott das Meer aufkochen, welches sich erst wieder beruhigt, nachdem die Matrosen Jona \u00fcber Bord geworfen haben. In Welten, die von G\u00f6ttern bewohnt sind ist das Reisen, zumal auf dem Meer, ein gewagtes Unterfangen und man sollte sich gut mit ihnen stellen. Auch der heilige Paulus erlitt auf seiner letzten Reise Schiffbruch, aber da er mit dem Segen des Herrn unterwegs war, konnten ihm die Elemente nichts anhaben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p><em>Mitschnitt Interview Samuel T., Projekt:\nAussteigergeschichten \u2013 Schwerpunkt religi\u00f6se Sondergemeinschaften, Betsy\nSchwindelig, freie Journalistin. 02.02.2019<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>BS:&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Wieso\nScham?<\/p>\n\n\n\n<p>ST:&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Weil man pl\u00f6tzlich feststellt, wie fragw\u00fcrdig alles ist, was man all die Jahre geglaubt hat. Nicht nur in moralischer Hinsicht, sondern auch in intellektueller. Man kommt sich so vor, als h\u00e4tte man bis zum Alter von vierzig Jahren noch an den Weihnachtsmann geglaubt. <\/p>\n\n\n\n<p>BS:&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Sie vergleichen den Glauben an Gott mit\ndem an den Weihnachtsmann?<\/p>\n\n\n\n<p>ST:&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Nicht den Glauben an sich. Viele\nMenschen glauben an Gott, so wie sie drei Mal auf Holz klopfen. Es ist ein\nGlaube ohne Eigent\u00fcmer. Das hei\u00dft, die Irrrealit\u00e4t wird anerkannt, aber gerade\ndadurch kann man daran festhalten. Es kommt nicht zu kognitiven Dissonanzen.\nF\u00fcr uns dagegen war alles was Gott betraf real. Jedes Wort in der Bibel wurde f\u00fcr\nbare M\u00fcnze genommen. Von der Erschaffung der Welt in sieben Tagen, \u00fcber den\nS\u00fcndenfall in Eden, die weltweite Flut, die nur ein mit Tierpaaren gef\u00fclltes\nBoot \u00fcberstand, Feuer und Schwefel vom Himmel, eine Sonne, die am Himmel stehen\nbleibt bis hin zu den Geschichten \u00fcber Jesus und seine Wunder. Und nat\u00fcrlich\nauch das Ende mit seinen apokalyptischen Prophezeiungen. Alles wahr, alles so\npassiert \u2013 keinerlei Zweifel. Da muss man schon eine geh\u00f6rige Geistesarbeit\nleisten, um die t\u00e4glichen Zusammenst\u00f6\u00dfe mit der Realit\u00e4t ohne Sch\u00e4den am\nGlaubensgeb\u00e4ude zu \u00fcberstehen. Je gr\u00f6\u00dfer die Anstrengung, desto st\u00e4rker\nhinterher das Gef\u00fchl der Scham, wenn man feststellt, das Denkverm\u00f6gen eines\nGrundsch\u00fclers h\u00e4tte ausgereicht um mehr als achtzig Prozent dessen, was man f\u00fcr\nrichtig hielt zu widerlegen.<\/p>\n\n\n\n<p>BS:&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Gab es au\u00dfer der Scham auch noch andere\nEmpfindungen?<\/p>\n\n\n\n<p>ST:&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Selbstverst\u00e4ndlich. Am Anfang vor allem\nZorn und Trauer.<\/p>\n\n\n\n<p>BS:&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Auf wen waren sie zornig?<\/p>\n\n\n\n<p>ST: &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; In erster Linie auf mich selbst. Aber\nnat\u00fcrlich auch auf meine Eltern, die mir das schlie\u00dflich eingebrockt hatten.\nAuch wenn sie \u00fcberzeugt waren, das richtige zu tun, war es schlicht eine\nKatastrophe f\u00fcr mich.<\/p>\n\n\n\n<p>BS:&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Und die Trauer?<\/p>\n\n\n\n<p>ST: &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Die gab es um all die verlorenen Jahre. Ich wollte als junger Mensch gerne studieren. Aber das wurde in der Gemeinschaft nicht gerne gesehen. Alles Intellektuelle war suspekt, hinter jedem Wissen, das nicht von innerhalb der Gemeinschaft stammte, lauerte der Teufel. Ich wurde Handwerker und stellte mich voll und ganz in den Dienst der Gemeinde. Und nat\u00fcrlich empfand ich auch Trauer um meine Familie, die, wie es von der Gemeinschaft erwartet wurde, jeden Kontakt zu mir abbrachen als ich mich von meinem Glauben lossagte. Zum Gl\u00fcck war ich auch in gleichem Ma\u00dfe w\u00fctend auf sie, sonst h\u00e4tte mich die Trauer erstickt.<\/p>\n\n\n\n<p>BS: &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Und heute, was ist f\u00fcr Sie heute das\nvorherrschende Gef\u00fchl? Immer noch die Scham? Oder doch eher Trauer? Zorn?<\/p>\n\n\n\n<p>ST:&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Neugier. Heute bin ich nur noch\nneugierig. Sehen sie, es ist, als h\u00e4tte ich die ersten vier Jahrzehnte meines\nLebens auf einer Insel verbracht. Die Leute auf der Insel waren sehr nett,\nhatten aber Angst vor dem Meer, das sie umgab. Deswegen fuhr niemand zur See,\nauch wenn im Hafen ein paar Boote lagen. Die Insel war karg und nur mit M\u00fche\nkonnte man so viel ernten, dass es zum \u00dcberleben reichte. Jeden Tag sah ich auf\ndas Meer hinaus, sah all die Schiffe, die an uns vorbeifuhren. Diese seien, so\nwurde mir erz\u00e4hlt, voller b\u00f6ser Menschen auf dem Weg zu Teufel und Tod. Aber sehr\nbald k\u00e4me ein gro\u00dfes Boot und w\u00fcrde uns von der Insel weg in das Land bringen,\ndas alle \u201eDas Paradies\u201c nannten. Dort w\u00fcrde Gl\u00fcck und \u00dcberfluss herrschen.\nEines Tages fand ich am Strand eine Flaschenpost. Sie stammte von jemanden, der\ndie Insel viele Jahre zuvor verlassen hatte. Er schrieb: \u201eNur die, die an Land\nbleiben, haben Angst vor dem Meer\u201c. Diese Worte gingen mir nicht mehr aus dem\nKopf. Und pl\u00f6tzlich begannen die Dinge sich zu ver\u00e4ndern. Schaute ich sonst mit\nArgwohn hinaus auf das Meer, erf\u00fcllte mich sein Anblick nun mit Sehnsucht.\nJetzt war es die Insel mit ihren Bewohnern, die mir Beklemmungen verursachte.\nUnd so beschloss ich zu gehen. Alle schlugen die H\u00e4nde \u00fcber den Kopf zusammen.\nZuerst waren sie traurig. Dann wurden sie w\u00fctend. Schlie\u00dflich setzte ich mich\nin eines der Boote. Ich wusste, ich k\u00f6nnte nie wieder zur\u00fcck, hatte aber auch\nkeine Ahnung, was mich erwartete. Also ruderte ich los.<\/p>\n\n\n\n<p>BS:&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Und wo sind sie am Ende gelandet?<\/p>\n\n\n\n<p>ST: &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Ich rudere noch. Zwar habe ich dieses\noder jenes Schiff schon bestiegen, habe an einigen H\u00e4fen angelegt, aber\nnirgendwo hat es mich auf Dauer gehalten. Immer gab es etwas, das mich an meine\nInsel erinnerte und dann wollte ich wieder weg.<\/p>\n\n\n\n<p>BS: &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Ist das nicht frustrierend. Nur\nunterwegs sein und niemals ankommen?<\/p>\n\n\n\n<p>ST:&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Vermutlich ist das Unterwegssein mein\nAnkommen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p>Das Lied \u201eEn la muelle de San Blas \u00bb der mexikanischen Band Man\u00e1 handelt von einer Frau, deren Geliebter zu einer Seereise aufbricht. Er verspricht zur\u00fcckzukehren und sie verspricht auf ihn zu warten. Und so steht sie Tag f\u00fcr Tag an der Mole und erhofft seine R\u00fcckkehr. Tausende Monde verstreichen, doch er kehrt nicht wieder. Sie aber steht an der Mole und blickt, wei\u00dfhaarig mittlerweile, hinaus auf das Meer, in das sie sich l\u00e4ngst verliebt hat. Die Bewohner des Hafenortes halten sie f\u00fcr verr\u00fcckt. Eines Tages beschlie\u00dfen sie, die Frau von der Mole zu holen, um sie ins Irrenhaus zu bringen, aber keinem gelingt es die Frau zu bewegen, da sich ihr K\u00f6rper mit der Mole verwurzelt hat, damit sie niemand mehr von ihrem geliebten Meer trennen k\u00f6nnte. Und so bleibt sie dort, alleine mit der Sonne und dem Meer.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p>Von Hweda aus stie\u00df die Estralla in See, die karibischen Inseln als Ziel im Blick. An Bord zw\u00f6lf Mann Besatzung und gut f\u00fcnfhundert Sklaven als Fracht. Nach zwanzig Tagen geriet man in einen heftigen Sturm, der das Schiff und seine Bewohner schnell an ihre Grenzen brachte. Orlindo, der Steuermann erinnerte den Kapit\u00e4n an das biblische Wort \u00fcber Jona und empfahl die schwarze Ladung \u00fcber Bord zu werfen. Wer wei\u00df, sagte er, wieviel Zauberer wir in unserem Bauch mitschleppen. Der Kapit\u00e4n, der eher mit den Berechnungen von Gewinn und Verlust vertraut war als mit biblischen Mythen, lachte Orlindo aus. Doch als er sah, wie angsterf\u00fcllt die Besatzung war, befahl er dem Steuermann in den Frachtraum zu steigen und aus der Schar der Sklaven zehn auszusuchen, die ihm am ehesten wie Zauberer oder Hexen d\u00fcnkten. Nun hatte Orlindo noch nie in seinem Leben einen Zauberer oder eine Hexe gesehen, aber in seiner kaum \u00fcber die Reling des Schiffes hinausreichenden Vorstellungskraft mussten es gro\u00dfe und kr\u00e4ftige M\u00e4nner und Frauen sein. In dem Frachtraum war es dunkel und es stank zum Gottserbarmen. Orlindo leuchtete jeder der Kreaturen mit der Laterne ins Gesicht, besah sich soweit m\u00f6glich ihre Leiber und traf schlie\u00dflich seine Wahl. Er lie\u00df einen der Matrosen die Ketten l\u00f6sen und die vermeintlichen Zauberer, sieben an der Zahl, und Hexen, derer drei, mit einem Strick binden. Derweil nahm der Sturm an Kraft und Geschwindigkeit zu. Orlindo hie\u00df den Soldaten sich zu beeilen. Dann steigen sie unter gro\u00dfen M\u00fchen an das wasser\u00fcbersp\u00fclte Deck, wo die Matrosen sich \u00e4ngstlich hinter dem Kapit\u00e4n zusammengekauert hatten. Der besah sich die zehn Sklaven, registrierte ihre ausnehmend gute Gestalt und verringerte in Gedanken seinen Gewinn um eine betr\u00e4chtliche Summe. Dennoch nickte er Orlindo zu als Zeichen, man solle die Teufelswesen \u00fcber Bord gehen lassen. Diese hatten sich in der Zwischenzeit aber von ihren Fesseln befreit, ergriffen schnell was immer als Waffe sich darbot und noch ehe einer der Matrosen oder Orlindo oder gar der Kapit\u00e4n reagieren konnten, waren sie entweder \u00fcber Bord geworfen oder totgepr\u00fcgelt worden. Bald darauf legte sich der Sturm.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Einer der Zehn, der in seiner Heimat tats\u00e4chlich ein Zauberer\nund Heiler war, \u00fcbernahm das Ruder. Ob er sie wieder nach Hause br\u00e4chte,\nfragten ihn die anderen, doch er sch\u00fcttelte den Kopf. Jeder hier an Bord h\u00e4tte\nein anderes zu Hause und die H\u00e4fen w\u00e4ren voll mit Menschen, die sie sofort\nwieder gefangen nehmen und erneut in Ketten legen w\u00fcrden. Sie mussten, da war\ner sich ganz sicher, einen anderen Ort finden, fern von allem, was sie bisher\nkannten oder kennengelernt hatten. Dort w\u00fcrden sie Frieden finden. Wo dieser\nOrt sei, wurde er gefragt. Er schaute zum Himmel, zeigte auf einen der hellsten\nSterne, die zwischen den Segeln hindurchleuchteten und sagte: dieser wird uns\ndorthin f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wochen vergingen. Der Stern f\u00fchrte sie immer weiter in den\nS\u00fcden. Niemand an Bord war mehr gesund oder guten Mutes. Doch der Zauberer\nhielt das Steuer. In seiner Heimat war sein Name Xiliranus gewesen. Jetzt aber\nnannte er sich Nahodna. Eines Morgens, viele waren kurz davor zu sterben oder\nsich aus Verzweiflung in das Meer zu werfen, sahen sie am Horizont den spitzten\nGipfel eines Berges. Jubel brach aus, man verneigte sich vor Nahodna und voller\nErwartungen schauten alle in Richtung des Berges, der immer n\u00e4her zu kommen und\nimmer h\u00f6her zu werden schien. Nebel dampfte aus seinem runden Gipfel. Ob dieser\nBerg gef\u00e4hrlich sei, fragte die Frau, die w\u00e4hrend der ganzen Reise bei Nahodna\ngestanden hatte und die der Zauberer sehr mochte, war sie es doch gewesen, die\nmit einem Belegnagel Orlindo den Sch\u00e4del zertr\u00fcmmert hatte. &nbsp;Sie hie\u00df Sali und kam aus der Gegend um Kasch.\nIhr Vater war ein K\u00f6nig gewesen und sie hatte drei Zugehfrauen, mit denen sie\nsich gerade am Fluss befand, als die M\u00e4nner kamen und sie mitnahmen. Die Namen\nder Frauen waren Ilai, Satafa und Nair\u00e8. Sie starben noch bevor man den Hafen\nerreichte. Erst jetzt, wo Nahodna sie in die Freiheit f\u00fchrte, konnte Sali um\nihre Gef\u00e4hrtinnen trauern. Sie tat es, indem sie dem Zauberer nicht von der\nSeite wich. Dieser hielt nun seinen Blick auf den Berg gerichtet und dachte\n\u00fcber Salis Frage nach. Dann sch\u00fcttelte er den Kopf und sagte: Nicht f\u00fcr unsere\nSeelen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p>In einem kurzen Text \u00fcber Borges aus dem Jahr 1976 schreibt\nCioran \u00fcber sich selbst (er kommt ja immer, egal \u00fcber wen er schreibt, auf sich\nselbst zur\u00fcck. Aber wem ergeht das nicht so?): \u201eNiemals haben mich Denker\nangezogen, die in einem einzigen Kulturraum eingefangen sind. <em>Keine Wurzeln\nschlagen, keiner Gemeinschaft angeh\u00f6ren<\/em> \u2013 das war und das ist meine Devise.\nFremden Horizonten zugewandt, habe ich stets wissen wollen, was sich anderswo\nabspielte.\u201c In jeder Gemeinschaft gibt es jemanden, der von der Welt erz\u00e4hlt\nohne sie zu kennen und angsterf\u00fcllte Zuh\u00f6rer findet. Die Kultur bangt grunds\u00e4tzlich\num sich selbst. Deswegen braucht sie Schiffbauer. Da nie ein Meer in der N\u00e4he\nist, \u00fcbernehmen Schriftsteller diese Aufgabe und bauen B\u00fccher statt Boote.\nReisen wie das Lesen lernen, von Kindheit an. Betrachtet jede Wurzel, die euch\nan den F\u00fc\u00dfen w\u00e4chst voller Zweifel und lauft sie schnell ab. Entgeht, solange\nes m\u00f6glich ist, der Gefangenschaft. Verliebt euch in den fremden Horizont.\nSetzt euch in die B\u00fccher und fahrt los. An Land warten die Nattern auf eure\nweiche Haut. Ihr Biss verh\u00e4rtet das Herz und engt den Blick bis zur Blindheit.\nBleibt, m\u00f6chte man den Kindern zurufen, in den Booten und geht nur an Land um\nzu lernen, nicht um zu bleiben. H\u00fctet euch vor den Inseln mit ihren\nkurzhalsigen Bewohnern. Vergesst nicht: Es gibt keinen Gott au\u00dfer Wind und\nWelle. Alles, was an Land angebetet werden will, hungert nach Blut.\nAusnahmslos. Bleibt, m\u00f6chte man den Kindern zurufen, in den Booten. Das erste\nGedicht, das Borges ver\u00f6ffentlichte, 1919 in der Zeitschrift Grecia, hatte den\nTitel \u201eHymne an das Meer\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p>Der Urvater der drei gro\u00dfen Monotheismen, Aviram, bestieg niemals ein Schiff. Gesehen wird er das Meer haben, sp\u00e4testens als er mit seiner Schwestergattin in Zoar (\u00c4gypten) weilte. Vielleicht aber schon fr\u00fcher auf seiner Reise von Haran nach Damaskus. Es gibt Vermutungen, dass er sich f\u00fcr einige Zeit in Ugarit aufhielt. Der Gott aber, den er sich erdachte, war ein Gott der W\u00fcste. Nun mag einem die W\u00fcste wie das Meer vorkommen, grenzenlos, eingerahmt nur von einem Horizont, der in unerreichbar scheinender Ferne \u00fcber dem Land schwebt und von den Reisenden viel abverlangend, gerne auch das Leben. Was aber der W\u00fcste fehlt, ist das wimmelnde Leben unter seine Oberfl\u00e4che, der sich unter den Waghalsigen ausbreitende Raum, der immer mitgedacht wird, wenn der Blick hinausgeht \u00fcber die Oberfl\u00e4che. Die W\u00fcste ist kompromisslos, grausam und gut. Hier ist nur Platz f\u00fcr einen Gott. Dem Meer w\u00fcrde <em>ein<\/em> Gott niemals reichen. Es hat seinen Blick nach unten und nach oben gerichtet. Gott liebt die W\u00fcste, das Meer aber liebt den Himmel. Es wei\u00df, jeder der dort oben wohnt, tut dies nur f\u00fcr bestimmte Zeit. Die W\u00fcste l\u00e4sst seinen Gott weder alt werden noch sterben. Die G\u00f6tter, die einst die Meere bewohnten sind schon lange tot. Nun m\u00fcssen Wale und Delfine und Sonnenunterg\u00e4nge reichen um die metaphysischen Bed\u00fcrfnisanstalten zu versorgen. Im hei\u00dfen Sand entsteht immer etwas, das sich wie Religion anf\u00fchlt. Das kalte Wasser dagegen schmeckt nach dem Salz der Vernunft und nach grundloser Tollheit. Der Mensch kommt aus dem Meer und Gott aus der W\u00fcste. Dieser Gegensatz ist nur durch Gebot und Gewalt zu \u00fcberbr\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p>Seit Samuel das Boot bestiegen hatte und davongerudert war, standen seine Mutter und sein Vater auf der schmalen Mole ihrer Insel und schauten hinaus auf das Meer. Die sie beobachteten sagten, sie trauerten um den Sohn. Andere wiederum behaupteten, die beiden hielten Ausschau nach dem gro\u00dfen Schiff, dessen Ankunft sie so sehnlich erwarteten. Ihr Glaube sei stark und lie\u00dfe keine Trauer zu. Mehr denn je seien sie \u00fcberzeugt, jeden Augenblick k\u00f6nne sich die Verhei\u00dfung erf\u00fcllen. Das Leben auf der Insel ging weiter seinen eint\u00f6nigen und entbehrungsvollen Gang, doch die beiden blieben an der Mole stehen, ergrauten mit jedem Tag mehr. Die S\u00f6hne und T\u00f6chter, die ihnen geblieben waren, hie\u00dfen sie, doch in ihr Haus und zu ihrer Arbeit zur\u00fcckzukehren. Alle brannten und gl\u00fchten vor Hoffnung, aber das unentwegte Hinausstarren auf das Meer sei selbst f\u00fcr den gl\u00e4ubigsten Menschen nicht gut. Man m\u00fcsse schlie\u00dflich auch Geduld zeigen. Die Frau und der Mann jedoch bewegten sich nicht. Eines Tages beschlossen die Vorsteher der Insel, die beiden von der Mole zur\u00fcck in ihr Haus zu bringen, notfalls mit Gewalt. Als sie sich jedoch anschickten, das alte Paar von der Mole zu holen, mussten sie feststellen, dass die beiden mit den Steinen verwachsen waren und ihrer beider Geist sich irgendwo auf dem Meer verloren hatte. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer sich nichts vormachen l\u00e4sst, irrt umher. Lacan Tief ist das Meer des Lebens. Sollte man es nicht unerforschlich nennen? Flechtet man in dieses Bild nun noch Inseln und Kontinente hinein, dann sind diese Orte des Wissens, des Glaubens, der Zuversicht und der Gefangenschaft. Das Meer ist Leben in Bewegung. 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