{"id":1326,"date":"2019-10-03T10:00:35","date_gmt":"2019-10-03T08:00:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=1326"},"modified":"2021-04-11T16:01:05","modified_gmt":"2021-04-11T16:01:05","slug":"fundstuecke-i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=1326","title":{"rendered":"Fundst\u00fccke I"},"content":{"rendered":"<p><!--more--><\/p>\n\n\n<p><strong>Die Natur<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist Herbst und das Wetter r\u00fcckt wieder in den\nMittelpunkt. Im Sommer redet keiner \u00fcber das Wetter. In dieser Zeit geht es nur\ndarum, ob und wie man sich ihm aussetzt. Im Herbst dagegen ist das Wetter\netwas, das man aus sicherem Abstand, gerne Drinnen, bewaffnet mit einem hei\u00dfen\noder alkoholischen Getr\u00e4nk, beobachtet. Der Herbst ist keine Jahreszeit f\u00fcr\nMenschen, sondern eine f\u00fcr die Natur, denn in diesen immer dunkler werdenden,\nfeuchten und kalten Wochen, zelebriert sie ihre gr\u00f6\u00dften St\u00e4rken: das Welken und\nVergehen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberhaupt, die Natur. Warum wird oft so ein Aufhebens um sie\ngemacht, wenn sie doch im Grunde nur eines will: unseren Tod?<\/p>\n\n\n\n<p>Als man den jungen Baudelaire bat, einige Verse \u00fcber die\nNatur f\u00fcr einen Gedichtband beizusteuern, schrieb er an den Herausgeber:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wor\u00fcber soll ich schreiben?\n\u00dcber das Geh\u00f6lz und die gro\u00dfen Eichen, das Gr\u00fcn und die Insekten \u2013 und \u00fcber die\nSonne wahrscheinlich?&#8230;Sie wissen doch, dass ich unf\u00e4hig bin mich von\nGew\u00e4chsen r\u00fchren zu lassen, und dass meine Seele unempf\u00e4nglich ist f\u00fcr diese sonderbare\nneue Religion, die, wie mir scheint, f\u00fcr alle geistigen Menschen, etwas Schockierendes\nhat&#8230;Ich war sogar immer der Meinung, dass in der bl\u00fchenden und der verj\u00fcngten\nNatur etwas Schamloses und Betr\u00fcbliches steckt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Alles, was die Natur im Fr\u00fchling\nerrichtet und aufleben l\u00e4sst, gibt sie im Herbst wieder der Vernichtung und\nVerrottung preis, in sch\u00f6nen Farben zwar, aber doch mit morbider Herzenslust.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer es auch nicht mit der Natur\nhatte und dies noch viel bissiger als der franz\u00f6sische Dichter zum Ausdruck\nbrachte war Gottfried Benn. Er schrieb an seinen Freund Oelze:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Herr Oelze, wieder ging mir\nder gro\u00dfe Humbug der Natur auf. Schnee, auch wenn er nicht taut, gibt kaum\nsprachliche u. emotionelle Motive, seine zweifellose Monotonie kann man\ngedanklich vollkommen von der Wohnung aus erledigen. Die Natur ist leer, \u00f6de;\nnur Spie\u00dfer sehn was in sie hinein, arme Schlucker, die sich dauernd ergehen\nm\u00fcssen [\u2026] Fliehn Sie vor der Natur; sie vermasselt die Gedanken u. verdirbt\nnotorisch den Stil! Natura \u2013 ein femininum, nat\u00fcrlich! Immer auf Abzapfung von\nSamen bedacht, auf Bebeischl\u00e4ferung u. Erm\u00fcdung des Mannes. Die Natur ist sie\n\u00fcberhaupt nat\u00fcrlich?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Pralle Misogynie vom Putlitzer Poeten. Aber <em>Bebeischl\u00e4ferung<\/em> ist zugegeben ein sch\u00f6nes Wort. Sch\u00f6ner als das durch die Dichtung zigfach vergewaltigte <em>Natur<\/em>, in das alles hingeschrieben und herausgelesen wurde und wird, was irgend mit Sehnsucht befrachtet ist. Mit hohem Herzen, naturgem\u00e4\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>(Zitate aus <em>Der Traum Baudelaires<\/em> von Roberto Calasso)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Willkommen in der Endlichkeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eugen Rosenstock-Huessay \u00fcberschrieb den vierten Teil seines\nWerkes <em>Die Sprache des Menschengeschlechts<\/em> mit den Worten: <em>Wenn eine\nEwigkeit verstummt. Erinnerungen eines Ent-Ewigten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Weiter komme ich beim Lesen dieses Eintrags vom 03. November\n2012 in Sloterdijks Notizen nicht, weil der Begriff \u201eEnt-Ewigter\u201c sich sofort\nmit Selbstbez\u00fcgen f\u00fcllt und mir gewahr wird, das er ebenso auf mich zutrifft \u2013\nnat\u00fcrlich in anderer Weise, als Rosenstock-Huessay ihn gebraucht (ihm gings um die\nphilosophischen und religi\u00f6sen Versuche von Menschen, sich aus der Zeit zu\nheben und ihrem Scheitern). Ich glaubte mich tats\u00e4chlich f\u00fcr lange Zeit ewig.\nDas war das Versprechen der Religion, vorausgesetzt man hielt sich an das von\nGott inspirierte und seinen Auserw\u00e4hlten interpretierte Wort. Sich von der\nEndlichkeit ausgenommen zu wissen ist ein durchaus attraktives Gef\u00fchl. In ihm\nliegt Trost und Hoffnung. Diese W\u00e4rme verhindert, dass man den Begriff Ewigkeit\ngedanklich weiter durchdringt. T\u00e4te man es, man stie\u00dfe unweigerlich irgendwann auf\nseine Unm\u00f6glichkeit und w\u00fcrde sich seiner utopischen Natur bewusst. Geschickt\nmanipulierte Emotionen aber verhindern das, so ist die Ewigkeit eine reale\nOption und der Tod nicht unausweichlich, sondern Strafe. Vor nichts hatte ich\nmehr Angst, als vor dem Verlust meines ewigen Lebensrechtes durch g\u00f6ttliche\nAberkennung.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kam der Tag (es war buchst\u00e4blich <em>ein Tag<\/em>), an dem\nich die Irrigkeit meiner Ewigkeits\u00fcberzeugung erkannte, diese Erkenntnis mich\nsozusagen \u00fcberflutete und mich f\u00fcr eine lange Zeit immer wieder in eine\nSchockstarre versetzte. Das schlimmste, das ich mir \u00fcber die l\u00e4ngste Zeit\nmeines Lebens vorstellen konnte (die ewige Nichtexistenz) war genau das, was\nmich erwartete. Ich war ent-ewigt. Kein sch\u00f6nes Gef\u00fchl.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute habe ich mich an diesen Gedanken insoweit gew\u00f6hnt, als\nes uns Menschen \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist, sich daran zu gew\u00f6hnen. Zwar kommt es\nimmer noch vor, dass mich das Wissen \u00fcber meine Endlichkeit wie aus dem Nichts\n\u00fcberf\u00e4llt und der Schrecken mich f\u00fcr einige Sekunden wie mit Eisenzangen\numklammert h\u00e4lt, aber ich habe mittlerweile das Verdr\u00e4ngen so gut\nverinnerlicht, dass ich mich nach diesen kurzen Augenblicken wieder dem\nAllt\u00e4glichen widmen kann, so als w\u00e4re ich gar nicht ent-ewigt. Als ginge es\nirgendwie immer weiter. Was es ja auch tut. Bis es, eines fernen oder nahen\nTages, halt nicht mehr weiter geht. <\/p>\n\n\n\n<p>(Den Hinweis auf Eugen Rosenstock-Huessay habe ich gefunden in: Peter Sloterdijk, <em>Zeilen und Tage<\/em>, Notizen 2011-2013)<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Selbstbeschreibung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Susan Sontag \u00fcber den jugoslawischen Schriftsteller Danilo\nKis:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Als einer jener Schriftsteller, die zun\u00e4chst Leser sind\nund am liebsten in der Gro\u00dfen Bibliothek flanieren und umherstreifen und\nschwelgen und sich ihrer Berufung erst ergeben, wenn der Drang zum Schreiben\nunertr\u00e4glich wird, war Kis nicht gerade ein Vielschreiber.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In manchen Beschreibungen findet man sich selber wieder. Auf\nder einen Seite ist es beruhigend zu erfahren, dass es anderen Autoren genauso\ngeht wie einem selbst. Wenn ich dann aber sehe, dass Kis in seinen\nvierundf\u00fcnfzig Lebensjahren neun B\u00fccher ver\u00f6ffentlichte, dann h\u00f6ren die\nGemeinsamkeiten doch sofort auf und ich muss mir eingestehen, mit meinen 52\nJahren und einem Buch auf keinen Fall in die Rubrik der Nicht-Vielschreiber zu\ngeh\u00f6ren. Eher in die der Eigentlich-\u00dcberhauptnicht-Schreiber. <\/p>\n\n\n\n<p>(Susan Sontag- Danilo Kis, aus dem Essayband <em>Worauf es\nankommt<\/em>) <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Guter Rat<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In dem Essay <em>Tanzstunde f\u00fcr Schreibende<\/em>, zitiert\nZadie Smith die Choreografin Martha Graham. Sie leitet das Zitat mit folgenden\nWorten ein: \u201eMit der fundierteste Schreibratschlag, den ich kenne, richtet sich\nurspr\u00fcnglich an T\u00e4nzer.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Martha Graham schrieb:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Es gibt eine Vitalit\u00e4t, eine Lebenskraft, eine Energie,\neine Regung, die durch dich in Handlung umgesetzt wird. Und da es dich \u00fcber\nalle Zeit hinweg nur einmal gibt, ist dieser Ausdruck einzigartig. Blockierst\ndu ihn, wird er niemals durch ein anderes Medium hervorgebracht werden und\nverloren gehen. Die Welt wird ihn nicht erleben. Es ist nicht deine Aufgabe zu\nentscheiden, wie gut oder wie wertvoll er ist, ob er im Vergleich mit anderen\nAusdrucksformen standhalten kann. Deine Aufgabe ist nur, ihn klar und direkt\nals deinen zu erhalten, den Kanal offen zu halten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es gel\u00e4nge, diese S\u00e4tze zu verinnerlichen, d\u00fcrfte es\nkeine Schreibblockaden geben, gehen diese doch, zumindest bei mir, auf ein\ntiefsitzendes Gef\u00fchl des Ungen\u00fcgens zur\u00fcck, nicht zuletzt, weil man sich\nfortw\u00e4hrend mit anderen (denjenigen, die in den eigenen Augen wirklich gut\nschreiben k\u00f6nnen) vergleicht. Das Akzeptieren der eigenen Einmaligkeit (die\npositive Kehrseite der eigenen Endlichkeit) sollte einem dar\u00fcber hinweghelfen\nund dazu f\u00fchren, die Gedanken an Erfolg, Akzeptanz und Erwartungshaltung auszublenden\nund sich ganz auf sich selbst zu konzentrieren, auf das, was in einem lebt und\nagiert um es auf die eigene, einzigartige Art und Weise in Geschichten und\nErz\u00e4hltes umzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>(Zadie Smith: <em>Freiheiten<\/em>, Essays)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":27,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-1326","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-literatur"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1326","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/27"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1326"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1326\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1686,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1326\/revisions\/1686"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1326"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1326"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1326"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}