{"id":1461,"date":"2020-05-22T19:04:57","date_gmt":"2020-05-22T17:04:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=1461"},"modified":"2021-04-11T08:19:02","modified_gmt":"2021-04-11T08:19:02","slug":"ohne-luther","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=1461","title":{"rendered":"Ohne Luther"},"content":{"rendered":"\n<p>\u00c9ric Vuillard, Der Krieg der Armen, Matthes &amp; Seitz<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p> Ich habe \u00c9ric Vuillard erst vor kurzem und durch Zufall entdeckt, aber  das, was er in vielen seiner, immer recht knapp gehaltenen, B\u00fcchern  macht, n\u00e4mlich kurze Schlaglichter auf bestimmte historische Ergeignisse  und Pers\u00f6nlichkeiten zu werfen, trifft genau meinen Geschmack und so  wird &#8220;Der Krieg der Armen&#8221; bestimmt nicht das letzte Buch sein, das ich  von ihm lese.<br><br> Auf der R\u00fcckseite des Buchcovers steht ein Zitat der Zeitschrift Le  Monde: &#8220;Ein gl\u00fchender Text&#8221;. Derart w\u00fcrde ich das Buch nicht bezeichnen.  Es ist kein Pamphlet, in dem der Autor eine klare Position bezieht und  mit flammender Rede (\u00e4hnlich schwache Metapher wie &#8220;gl\u00fchender Text&#8221;)  versucht, seine Leser von der Richtigkeit seines Ansinnes zu \u00fcberzeugen.  Vuillard tritt hier nicht f\u00fcr die Sache der Armen ein. Vielleicht sind sie ihm sogar egal, aber das interessiert mich nicht. Es liegt aber etwas ganz Besonders in der Art, wie Vuillard in die Vergangenheit  blickt. Er hat keine Scheu vor Oberfl\u00e4chlichkeiten, Vor- und  R\u00fcckgriffen, Mutma\u00dfungen und bleibt dennoch ganz nah an dem betrachteten Gegenstand (im diesem Fall Thomas M\u00fcntzer). Seine Sprache ist bildhaft,  assoziativ und von deskreptiver Sinnlichkeit. Zuweilen tritt der Autor  aus dem Text hervor und wagt es sogar, den Leser direkt anzusprechen (in  einem Text, der sich als historische Betrachtung versteht eigentlich ein Tabu). Das mag wohl auch der Grund sein, warum Vuillards deutscher  Verlag Matthes &amp; Seitz behauptet, ihr Autor h\u00e4tte ein neues Genre erfunden. Vielleicht hat er das. Vielleicht hat er aber auch nur, wie schon andere Autoren und auch Regisseure vor ihm, festgestellt, dass man Geschichte immer wieder neu erz\u00e4hlen muss, damit sie lebendig bleibt.  Und dass es nicht immer der gro\u00dfe, alle Aspekte eines Themas mit  einbeziehende Rundumschlag sein muss, sondern es als  Lebenserhaltungsma\u00dfnahme weit zur\u00fcck liegender Ereignisse manchmal auch  gen\u00fcgt, mit kleinen Happen jenen Geschmack zu erzeugen, den die Bewohner  bestimmter Zeitabschnitte t\u00e4glich auf der Zunge hatten.<br><br> Was mir an dem Text auffiel, ist das beinahe vollst\u00e4ndige \u00dcbergehen  Luthers. Er wird h\u00f6chstens zwei oder drei Mal kurz erw\u00e4hnt (M\u00fcntzer  hatte ihm, als die Bauernaufst\u00e4nde ihrem unvermeidlichen Scheitern  entgegenstrebten, einen Brief geschrieben, den der gro\u00dfe Reformator  selbstredend nicht beantwortete.) Ein deutscher Autor h\u00e4tte sich dies  wohl kaum getraut. Als wolle Vuillards deutscher Verlag diesen Missstand  wenigstens \u00e4u\u00dferlich beheben, prangt der Name Martin Luther gleich zu  Beginn des Klappentextes, w\u00e4hrend Thomas M\u00fcnzer erst sechs Zeilen und  einen Satz sp\u00e4ter Erw\u00e4hnung findet. Ohne Luther eben keine Reformation,  kein Aufbegehren gegen religi\u00f6sen Absolutismus. \u00dcberhaupt interessieren  die Bauernaufst\u00e4nde heute niemanden mehr so wirklich &#8211; ja, war schlimm  damals, aber die Reformation und was Luther f\u00fcr deutsche Sprache und  \u00fcberhaupt.<br><br> Jedoch, war Luther wirklich der historische Gl\u00fccksfall, f\u00fcr den er von  so vielen heute noch gehalten wird? Wie s\u00e4he unsere Welt aus, h\u00e4tte es  ihn nie gegeben? Die Reformation, so viel steht fest, h\u00e4tte in der ein  oder anderen Form sowieso stattgefunden. Die startete ja nicht mit  Luther, sondern eigentlich mit John Wycliff, der schon gut 150 Jahre vor  Luther die \u00dcberzeugung vertrat, die Menschen sollten die Bibel in ihrer  eigenen Sprache lesen und h\u00f6ren k\u00f6nnen und auf die Diskrepanz zwischen  dem Jesus der Evangelien, der die Niedergedr\u00fcckten und Armen zu sich  rief, und dem katholischen Klerus, der diese verachtete und ausbeutete,  hinwies.<br><br> Wom\u00f6glich w\u00e4re die Geschichte der katholischen Kirche auch anders  verlaufen, h\u00e4tte die durch Luther angefachte Reformation, die sich  haupts\u00e4chlich in den F\u00fcrstenh\u00e4usern verfing (und somit schnell von   Glaubens- zur Machtfrage wurde) und die Armen links liegen lie\u00df, nicht  eine so heftige Gegenreaktion hervorgerufen, die grundlegende Reformen  bis zum heutigen Tag unm\u00f6glich macht.<br><br> Vielleicht w\u00e4re die deutsche Sprache heute sch\u00f6ner ohne Luther.  Vielleicht w\u00e4re der Antisemitismus in Deutschland nicht so tief  verwurzelt. Vielleicht h\u00e4tte es sogar einen Hitler nicht gegeben. <br><br> Nat\u00fcrlich sind das Mutma\u00dfungen. Aber Luther als Gl\u00fccksfall der deutschen  Geschichte zu bezeichnen, scheint mir doch sehr weit hergeholt. Die  deutsche Geschichte kennt nur zwei Gl\u00fccksf\u00e4lle: Die Erfindung der  Sozialversicherung und den Sieg der Alliierten 1945. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00c9ric Vuillard, Der Krieg der Armen, Matthes &amp; Seitz<\/p>\n","protected":false},"author":27,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-1461","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-geschichte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1461","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/27"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1461"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1461\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1467,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1461\/revisions\/1467"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1461"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1461"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1461"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}