{"id":1463,"date":"2020-05-29T19:16:07","date_gmt":"2020-05-29T17:16:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=1463"},"modified":"2021-04-11T08:18:28","modified_gmt":"2021-04-11T08:18:28","slug":"das-grauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=1463","title":{"rendered":"Das Grauen"},"content":{"rendered":"\n<p>\u00c9ric Vuillard, Kongo, Matthes &amp; Seitz <\/p>\n\n\n\n<p> <br>Nochmal \u00c9ric Vuillard. Diesmal: Kongo.  Das Buch handelt von der Kongo-Konferernz, die der deutsche Heringskanzler 1884  einberufen hatte mit dem Ziel, die Handelsverh\u00e4ltnisse in Zentralafrika zu regeln. Vuillard konzentriert sich auf einige der Anwesenden in der  ihm ganz eigenen Art &#8211; ein von zur\u00fcckhaltenden Spott durchzogenes  Herantreten an die \u00e4u\u00dfere Erscheinung und die charakterliche Ausformung  des Protagonisten. <br> <br> Am Ende bleibt er bei den Belgiern h\u00e4ngen, die im Auftrag von K\u00f6nig  Leopold einen Gro\u00dfteil des Kongogebietes sich einverleibten, um daran ohne jedwede R\u00fccksicht sich zu bereichern. Je weiter die kurze Schrift  voranschreitet, desto mehr sp\u00fcrt man das Bem\u00fchen Vuillards passende  Worte und Bilder zu finden, f\u00fcr das Grauen (Das Grauen! &#8211; wie man es  Joseph Conrads Herz der Finsternis und Coppolas Apokalypse Now kennt)  und das sagenhafte Leid, welches die wei\u00dfen Ausbeuterer \u00fcber die  Menschen brachten. All das m\u00fcndet schlie\u00dflich in einen Fiebertraum und  der Beschreibung des kl\u00e4glichen Endes einer der vielen Handlanger, die,  auf eigenen Gewinn erpicht, f\u00fcr den K\u00f6nig die Peitsche schwangen und mit  allerlei Gewalt und Feuer eine blutige Spur der Zerst\u00f6rung hinterlie\u00dfen  in einem Land, das sie nie verstanden, das sie hassten, mit Menschen,  die sie nicht verstanden und die sie hassten, die f\u00fcr sie Dreck waren,  weniger wert als die tote Maus, die einem die Katze morgens vor die  Schlafzimmert\u00fcr legt.<br> <br> Unweigerlich musste ich an die Vorf\u00e4lle in Minnesota denken, an das Bild  von dem wei\u00dfen Polizisten, das Knie auf den Hals von George Floyd  gedr\u00fcckt, dessen Rufe um Hilfe, das Wissen um seinen Tod nur kurze Zeit  sp\u00e4ter. Die Versuchung, die &#8220;dort dr\u00fcben&#8221; abzustempeln als Rassisten,  als eine bis in ihre Wurzeln verkommene Gesellschaft, regiert von der  fleischgewordenen Inkompetenz, der krawattenbehangenen Misogynie, den  Posterboy des old-white-man und was einem sonst noch so an schlechten  Eigenschaften einfallen mag.<br> <br> Nur haben wir keinerlei Grund uns auf die Schulter zu klopfen. Auch bei  uns sterben dunkelh\u00e4utige oder sogenannte fremdl\u00e4ndische Menschen in  Polizeigewahrsam. Nat\u00fcrlich ist es nicht so wie in den USA, wo einer von  tausend farbigen jungen M\u00e4nnern die Gewissheit haben darf, von der  Polizei erschossen zu werden. Aber auch hier muss ich als Nichtwei\u00dfer  immer damit rechnen, bei einer Kontrolle als erster heraugezogen zu  werden und allein durch die T\u00f6nung meiner Haut Verdacht zu erregen.<br> <br> Wie aber damit umgehen als jemand, der, geschichtlich gesehen, zur  T\u00e4tergruppe geh\u00f6rt und noch nie in seinem Leben rassistische  Diskriminierung erfahren hat? Ich bilde mir ein, meinen Vorrat an  Vorurteilen auf den geringst m\u00f6glichem Niveau eingependelt zu haben.  Aber das ist nat\u00fcrlich Selbstbetrug. Es geht ja nicht darum, ob ich das  N-Wort gebrauche, alle Moslems f\u00fcr potentielle Terroristen halte oder  bei jedem Dunkelh\u00e4utigen sofort denke, er bef\u00e4nde sich gerade auf der  Jagd nach jungfr\u00e4ulichen wei\u00dfen T\u00f6chtern. <br> <br> Viel schlimmer ist die Tatsache, Profiteur einer Gesellschaft zu sein,  die auf Ausbeutung und Ausgrenzung aufgebaut ist. Meine Emp\u00f6rung, wenn  ich die Bilder von George Floyd, den Opfern der NSU, den Toten von Hanau  und Solingen sehe, verl\u00e4sst den Sessel nicht, auf dem ich sitze. Sie  dr\u00f6hnt in meinem Kopf und ist Schmerz und Entschuldigung gleicherma\u00dfen.  Was nicht stattfindet ist eine wirkliche Bewegung, eine wirkliche  Reaktion. Stattdessen halte ich die Menscheit als Ganzes f\u00fcr einen  f\u00fcrchterlichen Irrtum der Evolution und erteile mir durch diese, mich  selbst einschlie\u00dfende Verurteilung die Absolution f\u00fcr mein Nichtstun.  Ich sehe Bilder aus Hong Kong von gefesselten, auf den Boden gedr\u00fcckten  jungen Menschen, die Gesichter vor Schmerz und vom Tr\u00e4nengas verzerrt  und verquollen und denke: Was eine Grausamkeit! Wie viel Leben und  Freiheit ist in diesen Moment erstorben, wie viel Hoffnung  niedergekn\u00fcppelt und was hat dieser Mensch, der vielleicht den Rest  seines Lebens unter dem leiden wird, was er an diesem einen Tag getan  hat (n\u00e4mlich zu protestieren) und ihm daraufhin angetan wurde, f\u00fcr einen  hohen Preis bezahlt, nur damit andere, die nach ihm kommen (morgen, in  einem Jahr, in zehn Jahren?) es besser haben und ihre Freiheit genie\u00dfen  k\u00f6nnen. Dieser Mut besch\u00e4mt mich, weil ich denke, ihn nie haben zu  k\u00f6nnen.<br> <br> Zur\u00fcck zu Vuillard. Es gibt in seiner Art zu schreiben etwas, was ich  bewundere und ich mir gerne aneignen w\u00fcrde. Es ist ihm egal, was andere  dar\u00fcber denken, wie er schreibt. Er nimmt sich sein Thema, dreht und  wendet es, f\u00fcgt hinzu, l\u00e4sst weg, formt und verformt und macht es damit  zu etwas eigenem. V\u00f6llig ungeniert betreibt er eine Form von historical  appropriation und das letzte wovor er Angst h\u00e4tte, w\u00e4re ein  Geschichtsprofessor, der ihm auf die F\u00fc\u00dfe kackt. Nicht dass er es mit  den Fakten nicht genau n\u00e4hme. Nein, nur geht er nicht einen, sondern zwei oder drei Schritte weiter in der \u00dcberzeugung, in diesem, der  Beweisbarkeit fast g\u00e4nzlich entzogenem Terrain auf die Wahrheit zu  sto\u00dfen, die hinter all dem liegt, was bekannt und verl\u00e4sslich  dokumentiert ist. Mit anderen Worten, er macht aus Geschichte Literatur,  aber nicht durch grandiose Fl\u00fcgelschl\u00e4ge wie zum Beispiel Hillary  Mantel (oder viele andere vor, mit oder nach ihr), sondern durch ein  Zittern, das s\u00e4mtliche Glieder des rein Faktischen durchf\u00e4hrt und ihnen  fremdartige, aber ihrem Wesen vollst\u00e4ndig entsprechende Bewegungen entlockt. <br><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00c9ric Vuillard, Kongo, Matthes &amp; Seitz Nochmal \u00c9ric Vuillard. Diesmal: Kongo. Das Buch handelt von der Kongo-Konferernz, die der deutsche Heringskanzler 1884 einberufen hatte mit dem Ziel, die Handelsverh\u00e4ltnisse in Zentralafrika zu regeln. 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