{"id":1470,"date":"2020-06-01T19:28:25","date_gmt":"2020-06-01T17:28:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=1470"},"modified":"2021-04-11T08:17:23","modified_gmt":"2021-04-11T08:17:23","slug":"die-verdammten-wahrheiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=1470","title":{"rendered":"Diese verdammten Wahrheiten"},"content":{"rendered":"\n<p>Franz Fanon, Die Verdammten dieser Erde, Suhrkamp<\/p>\n\n\n\n<p>Jill Lepore, Diese Wahrheiten, C.H. Beck<\/p>\n\n\n\n<p><br><\/p>\n\n\n\n<p> Aus aktuellen Anlass Frantz Fanon  gelesen. In seinem 1961 erschienen Buch &#8220;Die Verdammten der Erde&#8221;  schrieb er \u00fcber die Kolonisierten und Unterdr\u00fcckten:<br> <em>&#8220;Das kolonisierte Volk erlebt es, dass die Gewalt&#8230;positive und  aufbauende Z\u00fcge annimmt. Die gewaltt\u00e4tige Praxis wirkt integrierend,  weil sich jeder zum gewaltt\u00e4tigen Glied der gro\u00dfen Kette macht, die als  Reaktion auf die prim\u00e4re Gewalt des Kolonialisten und Unterdr\u00fcckers  aufgestanden ist&#8230;Auf individueller Ebene wirkt die Gewalt entgiftend.  Sie befreit den Kolonisierten und Unterdr\u00fcckten von seinen verzweifelten  Haltungen und rehabilitiert ihn in seinen eigen Augen.&#8221;<\/em><br><br> Zugegeben, Fanon ist keine leichte Lekt\u00fcre. Um es f\u00fcr  wohlstandsverwahrloste, wei\u00dfe Europ\u00e4er \u00fcberhaupt genie\u00dfbar zu machen,  hatte Suhrkamp der Kampfschrift des in Martinique geborenen  Anitkolonialisten damals ein Vorwort von Satre beigegeben. Was  bezeichnend ist f\u00fcr das europ\u00e4ische Selbstverst\u00e4ndnis.<br><br> Was Fanons Buch pl\u00f6tzlich wieder so aktuell macht, ist seine  Kompromislosigkeit. Es gibt die Unterdr\u00fccker und die Unterdr\u00fcckten. Zwei  Parteien ohne die geringste Schnittmenge. Denn der Unterdr\u00fcckte, hat er  sich nur lange genug in dieser Postion befunden, will sich nicht mehr  mit dem Unterdr\u00fccker verst\u00e4ndigen. Er will schlichtweg seinen Platz  einnehmen. Er will die Verh\u00e4ltnisse umkehren, denn das ist, was ihn der  Unterdr\u00fccker all die Jahre, Jahrezehnte und Jahrhunderte gelehrt hat: Es  gibt kein Miteinander auf Augenh\u00f6he.<br><br> Parallel las ich weiter in Jill Lepores Geschichte der Vereinigten Staaten  von Amerika und mittlerweile auf Seite 400 angelangt wird einem klar,  wie tief, tief, tief das Rassenproblem in der US-Amerikanischen  Gesellschaft verankert ist. Von dem Ringen um eine gemeinsame  Verfassung, \u00fcber die Sezession und den darauf folgend B\u00fcrgerkrieg bis  hin zu den anschlie\u00dfenden Debatten um B\u00fcrgertum, Wahl- und  Einwanderungsrecht &#8211; immer stand die Rassenfrage entweder im  Mittelpunkt, oder aber als Elefant im Raum. Und selbst aus heutiger  Sicht progressiv erscheinende Bewegungen, vielfach von Frauen angef\u00fchrt,  die daf\u00fcr k\u00e4mpften, Gleichberechtigung und Wahlrecht f\u00fcr ihresgleichen  zu erzwingen, bezogen in der sogenannten Rassenfrage den gleichen  Standpunkt wie ihre politischen Gegner und wollten die Schwarzen am  liebsten allesamt zur\u00fcck nach Afrika verschiffen.<br><br> So erscheint mir Trump heute als ein Wiederg\u00e4nger aus einer Zeit, in der  selbst der Oberste Gerichtshof der USA best\u00e4tigte, dass Schwarze  Menschen zweiter Klasse seien, von Gott dazu ausersehen, vom wei\u00dfen Mann  beherrscht zu werden.    <br><br> Das ist im \u00dcbrigen die Grundmelodie des Kolonialismus und der von Europa  ausgehenden Unterwerfung: Ein \u00dcberlegenheitsdenken, das einen Gro\u00dfteil  seiner Energie aus dem Auserw\u00e4hltseinsnarrativ der christlichen  Weltdeutung sch\u00f6pfte. In dem Film &#8220;Mission&#8221; von Roland Joff\u00e9, der im  heutigen Brasilien spielt,  gibt es eine Szene, in der ein junger  Eingeborener vor einer Horde Priester und Conqistatoren auf bet\u00f6rend  sch\u00f6ne Weise ein Kirchenlied singt. Und die Herren diskutieren dar\u00fcber,  ob das &#8220;Ding&#8221;, das da nun so sch\u00f6n gesungen hat, eine Seele habe. Sie  kommen zu dem Schluss, dass dem nicht so sei, was ihnen die  Hinschlachtung tausender Indios wesentlich erleichterte.<br><br> Nat\u00fcrlich kann man sich fragen, was die Wut und die Gewalt der  Protestierenden in den amerikanischen St\u00e4tten bewirken soll, wenn sie  sich doch zum Teil gegen sich selbst richtet. Viel wichtiger aber ist  die Frage, wo die Ursachen dieser Ausbr\u00fcche liegen und warum die Bilder  pl\u00fcndernder Demonstranten in den Medien so viel gegenw\u00e4rtiger sind, als  diejenigen friedliche Protestierender, die im Augenblick jedenfalls noch  die \u00fcberwiegende Mehrheit bilden. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Franz Fanon, Die Verdammten dieser Erde, Suhrkamp Jill Lepore, Diese Wahrheiten, C.H. Beck Aus aktuellen Anlass Frantz Fanon gelesen. In seinem 1961 erschienen Buch &#8220;Die Verdammten der Erde&#8221; schrieb er \u00fcber die Kolonisierten und Unterdr\u00fcckten: &#8220;Das kolonisierte Volk erlebt es, dass die Gewalt&#8230;positive und aufbauende Z\u00fcge annimmt. 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