{"id":1481,"date":"2020-06-03T22:23:29","date_gmt":"2020-06-03T20:23:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=1481"},"modified":"2021-04-11T08:16:35","modified_gmt":"2021-04-11T08:16:35","slug":"m-r-r","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=1481","title":{"rendered":"M.R.R."},"content":{"rendered":"\n<p>\u00dcber Marcel Reich-Ranicki<\/p>\n\n\n\n<p><br><\/p>\n\n\n\n<p>Hat man als Literaturliebhaber seine medialen Filterblasen\nrichtig justiert, dann sp\u00fclte es einen in den letzten Tagen eine Menge\nReich-Ranicki in die Timeline. Nicht zuf\u00e4llig, immerhin w\u00e4re der bekannteste\naller deutschen Literaturkritiker (der wahrscheinlich bis in alle Zeit der\nbekannteste aller deutschen Literaturkritiker bleiben wird, weil dieses\nGesch\u00e4ft, so wie er es verstand und betrieben hat, mit ihm ausgestorben ist) am\n02. Juni 2020 einhundert Jahre alt geworden. <\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4re es nach den Nazis gegangen, h\u00e4tte er seinen drei\u00dfigsten\nGeburtstag nicht mehr erlebt. Seine Biografie \u201eMein Leben\u201c z\u00e4hlt zu den f\u00fcr\nunsere Gesellschaft so immens wichtigen Zeugnissen aus einer Zeit der absoluten\nVerrohung und Erosion jedweden menschlichen Anstands. Geh\u00f6rte man zu den\nStigmatisierten, den aus der Gemeinschaft der Menschen per Definition und\nDekret Ausgesto\u00dfenen, war \u00dcberleben eine Gl\u00fcckssache. Bei Marcel Reich-Ranicki\nund seiner Frau Teofila aber nicht nur. Auch die Literatur hatte damit zu tun\nund das ist keine auf psychologischer Kaffeesatzleserei beruhende Feststellung,\nsondern eine handfeste Tatsache. Und das ber\u00fchrt letztlich einen Punkt, der\nv\u00f6llig jenseits davon steht, was man nun von M.R.R als Literaturkritiker h\u00e4lt.\nEr kehrte dem Land und der Sprache jener, die ihn t\u00f6ten wollten, nicht den\nR\u00fccken, sondern hatte die Kraft und den Gro\u00dfmut, ihnen die Hand zu reichen.\nLeicht war es nicht, denn er blieb bei all seinen Bem\u00fchungen ein Au\u00dfenseiter.\nDer Deutsche ist sehr nachtragend, wenn man ihm etwas antut. Nachtragender ist\ner nur gegen\u00fcber jenen, denen er etwas angetan hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber M.R.R zahlte es ihnen heim. Durch seine\nUnerbittlichkeit, seine Gradlinig- und Furchtlosigkeit und dem, den Teutonen so\nv\u00f6llig abgehenden Mangel an Respekt vor jenen, die sie als \u201eG\u00f6tter\u201c betrachteten.\nDen Preis, den Reich-Ranicki daf\u00fcr bezahlte: Einsamkeit, wie er selbst einmal\nin einem Interview, nicht lange vor seinem Tod bemerkte. Und nat\u00fcrlich\nT\u00f6tungsphantasien von Schriftstellern, die sich durch ihn bedroht oder gar\ngesch\u00e4digt sahen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hat er Schriftstellerkarrieren besch\u00e4digt? Ich glaube, er\nhat einige zumindest f\u00fcr eine Zeit gebremst. Nicht dadurch, dass deren B\u00fccher\nweniger verkauft wurden. Aber seine apodiktischen Urteile waren trefflich daf\u00fcr\ngeeignet, Selbstvertrauen zu zerst\u00f6ren und den Verrissenen in einen Verteidigungsmodus\nzu versetzen, der jegliche Kreativit\u00e4t f\u00fcr mehr oder weniger lange Zeit unterbandt.\nDie meisten werden sich davon erholt haben und man sieht ja heute, wo ein neuer\nM.R.R. nirgendwo am Horizont zu sehen ist, wie die Talente auf- und wieder\nabtauchen und nur ganz wenige es schaffen, in den obersten Regionen der\n\u00f6ffentlichen Wahrnehmung zu verbleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Preis: Man erinnert sich an ihn heute meist nur\nnoch wegen seiner Auftritte beim Literarischen Quartett, seinen Kontroversen\nmit Gras und vor allem mit Walser. Nur wenige gedenken seiner unerm\u00fcdlichen\nArbeit als Feuilletonchef bei der F.A.Z, der Arbeit als Herausgeber der\nFrankfurter Anthologie, Herausgeber von Lyrikanthologien und den Kanons\ndeutscher Romane, Erz\u00e4hlungen, Lyrik und Essays. Letztere befindet sich in\nmeinem Besitz und wird mir bis an mein Lebensende immer wieder Freude bereiten\nob der Vielzahl von essayistischen Perlen, die sich darin befinden. Ihm selbst\nwar ja dieser mediale Ruhm suspekt, was sich letztlich auch darin zeigte, dass\ner den Deutschen Fernsehpreis auf die ihm ganz eigene, unsensible Art und Weise\nablehnte. Dass er dies vor laufenden Kameras tat, bezeugt die Ambivalenz seines\nVerh\u00e4ltnisses zur \u00d6ffentlichkeit. Einerseits hatte er sie immer gesucht,\nandererseits musste er immer wieder erleben, wie sie ihm die so ersehnte \u201eEinb\u00fcrgerung\u201c\nverwehrte. <\/p>\n\n\n\n<p>Pers\u00f6nlich ist mir die Art wie M.R.R seine Literaturkritik\nbetrieb mittlerweile fremd. Fr\u00fcher, in Zeiten des Suchens nach einem eigenen\nStandpunkt, war die Lekt\u00fcre seine B\u00fccher und Artikel so etwas wie Ankerpunkte,\nan denen ich mich orientieren konnte. Ein geh\u00f6rige Portion Neid war auch mit im\nSpiel, wollte ich mir in meinem Urteil doch einmal so sicher sein, wie er. Und\nwenn du dir deiner selbst nicht sicher bist, dann liest du lieber einen Verriss\nvon B\u00fcchern derjenigen, denen du dich weit unterlegen f\u00fchlst, als irgendwelche\nLobeshymnen, welche dir deine Inferiorit\u00e4t nur best\u00e4tigen. <\/p>\n\n\n\n<p>Heute sehe ich es naturgem\u00e4\u00df anders, man entwickelt sich weiter\nund emanzipiert sich von seinen Idolen und Souffleuren und das bockige\nVerteidigen des eigenen Geschmacks als oberste Instanz f\u00fcr das, was gute oder\neben nicht gute Literatur ist, erscheint mir als hinderlich wenn es darum geht,\nin einem Buch oder einer Erz\u00e4hlung sich auf die Suche nach Orten zu begeben, an\ndenen man sich selbst begegnet. Denn nur darum geht es in der Literatur. Es\ngibt nichts sinnloseres als Kritik an einem Buch, das mich kalt l\u00e4sst, dem es\nauf keiner Seite gelingt, Kontakt mit mir aufzunehmen. Weil diese Kritik sich\ngenau an diesem Punkt festmacht und ihn nicht verlassen kann. Nicht umsonst\nkonnte M.R.R. manchmal nichts anders sagen als: \u201eDas langweilt mich.\u201c \u201eDas ist\nbl\u00f6d.\u201c \u201eDas ist untalentiert\u201c usw. Diese M\u00fche kann man sich sparen. Kritik\nsetzt erst dann an, wenn eine Verbindung zwischen dem Kritiker und dem\nbetrachteten Gegenstand entsteht. M.R.R sagte einmal, Offenheit ist die\nH\u00f6flichkeit des Kritikers. Ich dagegen m\u00f6chte nicht h\u00f6flich sein gegen\u00fcber den\nB\u00fcchern, die ich lese. Ich m\u00f6chte leidenschaftlich sein und das kann ich nur,\nwenn mich die Lekt\u00fcre jenseits der Frage, ob mir nun gef\u00e4llt, was ich lese oder\nob es meinen Qualit\u00e4tsma\u00dfst\u00e4ben entspricht, ber\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Reich-Ranickis Kritiken waren immer Pl\u00e4doyers f\u00fcr die Literatur.\nAber immer nur f\u00fcr das, was er unter Literatur verstand. Er war einem kategorischen\nDenken verhaftet, das einfach nicht mehr in unsere heutige Zeit passt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Anderseits h\u00e4tte ich ohne M.R.R und das Literarische\nQuartett nie etwas von Javier Marias und seinem Buch \u201eMein Herz so wei\u00df\u201c\ngeh\u00f6rt. Und mir w\u00fcrde damit einer der sch\u00f6nsten Leseerfahrungen meines Lebens\nfehlen. <\/p>\n\n\n\n<p>Noch einen Preis zahlen wir alle f\u00fcr die Ausnahmestellung,\ndie Marcel Reich-Ranicki in der deutschen Literaturkritik der Bundesrepublik\neinnimmt. Daf\u00fcr tr\u00e4gt er keine Schuld, sie bedingt sich durch die mediale\nAufmerksamkeit, die er durch das Literarische Quarte bekam. Niemand spricht heut\nmehr von Hans Mayer, Joachim Kaiser oder Fritz J. Raddatz. Sie alle waren\nleidenschaftliche Leser, Kenner der deutschen Literatur und haben wunderbare\nB\u00fccher \u00fcber Schriftsteller und ihre Werke geschrieben, die zu lesen selbst\nheute noch ein wirkliches Erlebnis ist. Hans Mayer hat ein Vierb\u00e4ndiges Werk \u201eDeutsche\nLiteraturkritik\u201c herausgebracht, das den Kanons von Reich-Ranicki in nichts\nnachsteht, ja vielleicht in der Treffsicherheit der Auswahl noch \u00fcberragt.\nRaddatz Analysen der deutschen Literatur sind, weil sie sich auf Nebenpfaden\nbewegen und die Posterboys der Nachkriegsliteratur gerne au\u00dfen vorlassen, von\neiner Tiefgr\u00fcndigkeit, gerade auch im politischen Sinn, die Reich-Ranicki nie\nerreicht hat. Joachim Kaiser dagegen ist ein Liebender, ein Feingeist bei dem\njeder Gegenstand, den er sich zur Betrachtung in die Hand nimmt, danach ein\nSt\u00fcck sch\u00f6ner und gl\u00e4nzender ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube, diese drei Autoren haben f\u00fcr die deutsche\nLiteratur ebenso viel geleistet wie Reich-Ranicki, nur auf andere, subtilere\nund teilweise auch verkopftere Art. <\/p>\n\n\n\n<p>Wo Marcel Reich-Ranicki sie aber \u00fcberstrahlt, ist in seiner\neinzigartigen Position als K\u00e4mpfer f\u00fcr eine Sprache, in der die T\u00f6tungsbefehle\ngegen seinesgleichen gebr\u00fcllt wurden und seinen unersch\u00fctterlichen Glauben\ndaran, dass jenes Gebr\u00fcll das Sch\u00f6ne dieser Sprache nur verdeckt, aber nicht\nzerst\u00f6rt hatte. &nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber Marcel Reich-Ranicki Hat man als Literaturliebhaber seine medialen Filterblasen richtig justiert, dann sp\u00fclte es einen in den letzten Tagen eine Menge Reich-Ranicki in die Timeline. 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