{"id":1490,"date":"2020-06-16T21:48:33","date_gmt":"2020-06-16T19:48:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=1490"},"modified":"2021-04-11T08:16:22","modified_gmt":"2021-04-11T08:16:22","slug":"nicht-ist-wie-es-scheint","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=1490","title":{"rendered":"Nichts ist, wie es scheint."},"content":{"rendered":"\n<p><em>Nichts ist, wie es scheint, Michael Butter, Suhrkamp<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber Verschw\u00f6rungstheorien, oder Verschw\u00f6rungsmythen, wie der Begriff mittlerweile pr\u00e4zisiert wurde, wird in letzter Zeit viel geredet und es gibt \u00fcber dieses Ph\u00e4nomen zahllose Artikel und B\u00fccher. Erst vor kurzem erschien das Buch \u201eFake Facts \u2013 wie Verschw\u00f6rungstheorien unser Denken bestimmen\u201c der Autorinnen Katharina Nocun und Pia Lamberty, das sich umgehend zum Spiegelbestseller mauserte, was das gro\u00dfe Interesse an der Thematik bezeugt.<\/p>\n\n\n\n<p>Michael Butter, Professor f\u00fcr amerikanische Literatur und\nKulturgeschichte an der Universit\u00e4t in T\u00fcbingen, ver\u00f6ffentliche sein Buch \u201eNichts\nist, wie es scheint\u201c schon im Jahre 2018, was ihm nat\u00fcrlich nichts an\nAktualit\u00e4t nimmt, auch wenn die Ausbl\u00fchungen coronabedingter\nVerschw\u00f6rungsmythen darin noch keine Erw\u00e4hnung finden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberhaupt ist Butter mehr daran interessiert, Geschichte und\nBedeutung des Begriffes \u201eVerschw\u00f6rungstheorie\u201c zu erl\u00e4utern. Ihm liegt ihm\nnichts an einer raschen Analyse des Jetztzustandes, die lediglich der\nBefriedigung derjenigen dienen kann, die sich \u00fcber eine solche geistige Verirrung\nerhaben f\u00fchlen und dagegen immun zu wissen glauben. Viel mehr geht es ihm darum,\nein Wissensfundament zu schaffen, das als Werkzeug zur Einordnung dessen taugt,\nwas man heute allerorten zu beobachten glaubt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei stellt er fest: Bis vor einigen Jahrzehnten war der Glaube an Verschw\u00f6rungstheorien eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Sie galten, egal ob von religi\u00f6ser oder politscher Seite, als von h\u00f6chster Stelle legitimiert. Das \u00e4nderte sich erst nach 1945 und sp\u00e4testens ab Mitte der f\u00fcnfziger Jahre konnte man ein Abwandern der Verschw\u00f6rungstheoretiker in Subkulturen beobachten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort sind sie, so Butter, bis heute verblieben, auch wenn\nman das Gef\u00fchl haben k\u00f6nnte, es handele sich mittlerweile wieder um eine gro\u00dfe,\nfast globale Bewegung. Was aber hat sich tats\u00e4chlich ge\u00e4ndert?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ablehnung der gesellschaftlichen Mehrheit was Verschw\u00f6rungstheorien angeht besteht nach wie vor. Aber vor allem durch das Internet wurden aus verstreuten, nicht oder selten miteinander kommunizierenden Gruppen, pl\u00f6tzlich Gemeinschaften, die sich \u00fcber L\u00e4ndergrenzen hinweg \u00fcber ihre Ideen und Konspirationsmodelle austauschten. YouTube-Videos l\u00f6sten die nur selten gelesenen Pamphlete ab und in Chatrooms konnte man sich pl\u00f6tzlich mit einer Vielzahl von Gleichgesinnten austauschen. Das vermittelte den fr\u00fcheren Einzelg\u00e4ngern das Gef\u00fchl, einer gro\u00dfen Gemeinschaft anzugeh\u00f6ren und erweiterte ihren Horizont, was das Ausma\u00df der Verschw\u00f6rungen anging. Theorien wurden einander abgeglichen und verschmolzen zu gro\u00dfen, welterkl\u00e4renden Erkl\u00e4rungsgeb\u00e4uden in denen sich aufzuhalten f\u00fcr viele einen unwiderstehlichen Reiz aus\u00fcbte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das f\u00fchrte zu einer zweiten Entwicklung, die heute den Eindruck erweckt, Verschw\u00f6rungstheorien strebten wieder einer allgemeinen Akzeptanz entgegen. Der Verschw\u00f6rungstheoretiker akzeptierte seine Rolle als Randfigur und bastelte sich aus der Menge an Widerspruch ein passendes Narrativ, welches ihn in seiner \u00dcberzeugung nur best\u00e4rkte. Derat bewehrt, traut er sich in die \u00d6ffentlichkeit, ja sucht sie geradezu und ruft seine Weltdeutung so h\u00f6hrbar wie m\u00f6glich hinaus in eine irregeleitete und ungl\u00e4ubige Welt. Die Mehrheit gegen sich zu haben ist ihm Beweis daf\u00fcr, im Besitz der Wahrheit zu sein. Zumal das Internet ihm mit der von ihm gew\u00e4hlten Filterblase einen perfekten R\u00fcckzugspunkt bietet, die Gemeinschaft der Gleichgesinnten, in welcher er argumentativ und emotional wieder aufr\u00fcsten kann bis zum n\u00e4chsten Kampf gegen die Verblendeten und Irregef\u00fchrten.<\/p>\n\n\n\n<p>Butter sch\u00fcrt keine Panik, noch macht er sich \u00fcber \u201eAluh\u00fcte\u201c lustig. Ihm geht es in erster Linie um die wissenschaftliche Untersuchung eines gesellschaftlichen Ph\u00e4nomens. Dennoch macht er sehr deutlich, wo die Gefahren liegen. Wer glaubt, die Erde werde von Reptiloiden beherrscht oder die Mondlandung sei nur ein Fake, schadet damit erst einmal niemanden. Ganz anders sieht das bei Impfgegnern aus oder Reichsb\u00fcrgern, die meinen sich bewaffnen zu m\u00fcssen, um sich gegen die BRD-GmbH und die alliierten Besatzungsm\u00e4chte wehren zu m\u00fcssen. Und was die Verschw\u00f6rungstheorie von der Herrschaft des Weltjudentums angerichtet hat, wei\u00df jeder.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/wp-content\/uploads\/sites\/17\/2020\/06\/Nichts-ist-wie-es-scheint-620x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1495\" width=\"234\" height=\"386\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Was aber tun? Aus meiner eigenen Erfahrung als fundamentalistischer Christ, und damit Anh\u00e4nger einer der \u00e4ltesten Verschw\u00f6rungstheorien \u00fcberhaupt, wei\u00df ich, dass Argumente nichts bewirken. Wie schon erw\u00e4hnt, best\u00e4tigt jede Form von Widerspruch nur die \u00dcberzeugung im Recht zu sein. Erst die aus eigenem Antrieb angestellte Untersuchung der Fakten kann eine \u00c4nderung des Denkens bewirken. Leider versp\u00fcren nur die wenigsten einen solchen Impuls. Die Ambivalenz, der sich der Mensch ausgesetzt sieht, die Sehnsucht nach der gro\u00dfen, alles erkl\u00e4renden Erz\u00e4hlung ist so stark, dass nur wenige, die sich eingebettet und heimisch f\u00fchlen in einer alles umfassenden Theorie die Motivation versp\u00fcren, diesen sicheren Raum zu verlassen. <\/p>\n\n\n\n<p>Was es braucht, ist eine ausgepr\u00e4gte Sozial-, Geschichts- und Medienkompetenz. Hier m\u00fcsste man schon in den Schulen ansetzen. Solange aber das Ziel schulischer Bildung in reiner Wissensvermittlung besteht, nicht aber in der Verleihung der erw\u00e4hnten Kompetenzen, die Lehrpl\u00e4ne selbst in Form von Religionsunterricht z.B. diesem sogar entgegenwirken, wird es auch immer wieder einen N\u00e4hrboden f\u00fcr Verschw\u00f6rungstheorien und -mythen geben. Nur der Mensch, der versteht, dass es einfache und allumfassende Erkl\u00e4rungen f\u00fcr gesellschaftliche und geschichtliche Vorkommnisse nicht geben kann und der gelernt hat, dass eine Meinung, nur weil sie anscheinend von vielen Menschen geteilt wird deswegen nicht automatisch richtig ist, beh\u00e4lt die gesunde Skepsis, die notwendig ist, um sich davor zu sch\u00fctzen, hinter allem was passiert, nicht gleich das gro\u00dfe B\u00f6se zu vermuten. Zu denken, hinter allem verberge sich etwas und nichts sei, wie es scheint.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nichts ist, wie es scheint, Michael Butter, Suhrkamp \u00dcber Verschw\u00f6rungstheorien, oder Verschw\u00f6rungsmythen, wie der Begriff mittlerweile pr\u00e4zisiert wurde, wird in letzter Zeit viel geredet und es gibt \u00fcber dieses Ph\u00e4nomen zahllose Artikel und B\u00fccher. 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