{"id":1514,"date":"2020-06-23T21:57:29","date_gmt":"2020-06-23T19:57:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=1514"},"modified":"2021-04-11T08:15:20","modified_gmt":"2021-04-11T08:15:20","slug":"haengebuchen-und-hoehlenzeichnungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=1514","title":{"rendered":"H\u00e4ngebuchen und H\u00f6hlenzeichnungen"},"content":{"rendered":"\n<p>Neuzug\u00e4nge in der Bibliothek<\/p>\n\n\n\n<p>Zugegeben &#8211; es findet sich nicht viel Lyrik in der Bibliothek des Tl\u00f6nfahrers. Was aber vorhanden ist, liegt mir besonders am Herzen. Sei es aus einer bewundernden Abneigung wie bei Benn; aus Gr\u00fcnden, die mit der eigenen Geschichte zu tun haben wie bei Garcia-Lorca; weil die zu den Lieblingsautoren z\u00e4hlenden eben auch Gedichte geschrieben haben und diese nicht fehlen d\u00fcrfen, wie bei Borges und Sebald; oder weil ich das Gl\u00fcck hatte, Menschen kennenzulernen, bei denen die Einzigartigkeit ihres Blickes auf die Welt und das Leben und wie sie diesen in eine ganz eigene Sprache bannen, Verbindung eingeht mit der pers\u00f6nlichen Wertsch\u00e4tzung, die ich empfinde, diese besonderen Autorinnen zu kennen. Das trifft auf Lorraine zu, deren Gedichtband &#8220;was ein netz kann&#8221; schon vor einiger Zeit erschien und von dem auf dieser Seite zu einem anderen Zeitpunkt noch die Rede sein wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Neu in diesem illustren Kreis ist der Gedichtband von Jana Grolms mit dem Titel &#8220;der schl\u00fcssel liegt im Geranientopf&#8221;.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/wp-content\/uploads\/sites\/17\/2020\/06\/geranientopf-cover-web2-e1592769464484.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1512\" width=\"245\" height=\"343\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fccken des Heftes stehen die Zeilen:<\/p>\n\n\n\n<p>Johannisperlchen schwingen aus \/ Gelassen mimt die Ruhe \/ ihr Zwischenspiel als w\u00e4re es \/ ein wieder Da<\/p>\n\n\n\n<p> Schon ein erstes \u00dcberfliegen der Gedichte l\u00e4sst ahnen, dem Dazwischen wird hier geb\u00fchrender Raum gegeben. Nicht dem Dazwischen enger L\u00fccken selbstverliebter Wortspielereien, sondern in dem, was man ganz n\u00fcchtern \u00fcber das Leben zu erz\u00e4hlen wei\u00df, ist man nicht erst gestern aus dem Ei geschl\u00fcpft. Unwillk\u00fcrlich wird man an die Zeilen von Leonard Cohen erinnert: There is a crack in everything \/ that&#8217;s how the light gets in.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><br><\/p>\n\n\n\n<p>Die zweite Neuankunft ist von einem &#8220;alten Bekannten&#8221;, finden sich doch s\u00e4mtliche von ihm auf Deutsch eschienen B\u00fccher in meiner Bibliothek. &#8220;Der himmlische J\u00e4ger&#8221; von Roberto Calasso. Calasso ist nebenberuflich Verleger, und das schon so lange, dass er bereits Anfang der siebziger Jahre Ingeborg Bachmanns Gedichte in Italien herausbrachte (und sie kurz vor ihrem Tod noch in Rom im Krankenhaus besuchte). Hauptberuflich aber ist er Leser. Aber zum Gl\u00fcck nicht nur das. Er ist der seltene Gl\u00fccksfall eines Menschen, der das Gelesene umzusetzen wei\u00df in eine Prosa, die sich einer genauen Kategorisierung entzieht, die oszilliert zwischen Essay, geschichtlicher und literaturhistorischer Betrachtung, die alles zu umgreifen sucht, von den indischen Veden, \u00fcber griechische Mytholgie, den Werken Tiepolos und Baudelaires, dem diplomatischen Treiben eines Taillerand bis hin zu Kafka und einem explizit kritischen Blick auf die Moderne, die er das Unsagbare Heute nennt.  <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/wp-content\/uploads\/sites\/17\/2020\/06\/Calasso-618x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1513\" width=\"209\" height=\"347\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>&#8220;Der himmlische J\u00e4ger&#8221; nun nimmt den \u00dcbergang vom Tier zum Menschen in den Blick. Und auch den \u00dcbergang vom Gott zum Tier, denn es gab einmal eine Zeit, in der man nicht wusste, ob das, was einem \u00fcber den Weg lief nun ein Tier oder doch ein Gott war.<\/p>\n\n\n\n<p>Calasso ist einer, der es nicht duldet, dass der Mensch sich von seinen Wurzeln trennt, auch wenn diese ihn schon lange nicht mehr n\u00e4hren und er blasiert allem Metaphysischen ver\u00e4chtlich den R\u00fccken gekehrt hat. Zwar \u00fcberspannt er dabei manchmal den Bogen, aber selbst dann ist er immer geistreich, ruft eine Unzahl von Zeugen auf und anstatt ihm zu widersprechen fragt man sich verbl\u00fcfft, wie es m\u00f6glich ist, dass jemand in einem einzigen Leben so viel gelesen haben kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neuzug\u00e4nge in der Bibliothek Zugegeben &#8211; es findet sich nicht viel Lyrik in der Bibliothek des Tl\u00f6nfahrers. Was aber vorhanden ist, liegt mir besonders am Herzen. 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