{"id":1524,"date":"2020-06-28T21:28:59","date_gmt":"2020-06-28T19:28:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=1524"},"modified":"2021-04-11T08:14:27","modified_gmt":"2021-04-11T08:14:27","slug":"bestandsaufnahme-einer-weltreligion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=1524","title":{"rendered":"Bestandsaufnahme einer Weltreligion"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Ruud Koopmans, Das verfallene Haus des Islam, C.H.Beck<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Kritische Anmerkungen zum Islam werden heutzutage gerne mit\nAttribut \u201eislamophob\u201c versehen und, ohne dass eine wirkliche Auseinandersetzung\nmit den Inhalten der Kritik stattfindet, als Hassrede diffamiert. Dabei ist\nIdeologiekritik ein fundamentaler Bestandteil dessen, was gemeinhin Aufkl\u00e4rung\ngenannt wird. Keine Gesellschaft, die sich einer demokratischen Grundordnung verschrieben\nhat, kann darauf verzichten, die in ihr vorhandenen Weltbilder auf die Kompatibilit\u00e4t\nmit der eigenen Verfassung zu untersuchen. Die Erfahrung n\u00e4mlich hat gezeigt,\ndass Widerspr\u00fcche hier zu Konflikten f\u00fchren, die eine Gefahr f\u00fcr die Freiheit\naller darstellen, beh\u00e4lt die ideologische Sichtweise dabei die Oberhand.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum gerade der Islam in dieser Hinsicht ein sehr hohes Konfliktpotential in sich tr\u00e4gt, beschreibt der Soziologe und Migrationsforscher Ruud Koopmans in seinem im Februar dieses Jahres erschienenen Buch \u201eDas verfallene Haus des Islam \u2013 Die religi\u00f6sen Ursachen von Unfreiheit, Stagnation und Gewalt\u201c. In meinen Augen ist der Titel ungl\u00fccklich gew\u00e4hlt. Er klingt etwas zu rei\u00dferisch und nach der Methode Sarrazin alles \u00fcber einen Kamm scherend. Dass dem nicht so ist, merkt man schon auf den ersten Seiten. Im Gegensatz zu Sarrazin kennt Koopmans das, wor\u00fcber er spricht aus eigener Anschauung, durch seine Arbeit an der Humboldt-Universit\u00e4t als Professor f\u00fcr Soziologie und Migrationsforschung, durch seine vielen Reisen in islamische L\u00e4nder und wohl auch durch seine Frau, die aus der T\u00fcrkei stammt. Und anders als Sarrazin st\u00fctzt er seine Argumentationen nicht auf fragw\u00fcrdige Statistiken und zieht daraus Schl\u00fcsse, die einer bestimmten Gruppe eine grunds\u00e4tzliche Unterlegenheit attestieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch musste auch Koopmans sich den Vorwurf des Rassismus gefallen lassen, sowie als Argumentlieferant f\u00fcr AfD und das gesamte rechte Spektrum zu dienen. Das lag zum Teil weniger an seinem Buch, als an seinen \u00c4u\u00dferungen in verschiedenen Fernsehsendungen und Talk-Shows, die eine solche Einordnung zwar nicht unbedingt rechtfertigen, aber ihnen bestimmt Vorschub leisteten. Kritik an seinen Forschungsergebnissen dagegen gab es nur dahingehend, dass seine Befragungen zum Teil nicht umfangreich genug gewesen seien. Allerdings st\u00fctzt sich auch nur ein kleiner Teil seiner Argumente auf eigene Umfragen. Haupts\u00e4chlich sind seine Referenzen Statistiken, die von verschiedenen, globale Entwicklungen analysierenden Instituten erstellt wurden. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Besch\u00e4ftigung mit dem Islam gilt grunds\u00e4tzlich, was Koopmans in seinem Vorwort schreibt:<em> \u201eJeder, der nicht zwischen Kritik an einer Religion und Rassismus unterscheiden kann, sollte dieses Buch beiseitelegen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/wp-content\/uploads\/sites\/17\/2020\/06\/Ruud-Koopmanns-653x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1525\" width=\"242\" height=\"379\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>\u00dcberhaupt kann bei einer kritischen Einlassung \u00fcber den Islam von Rassismus nicht die Rede sein, kann ein Muslim doch entweder arabischer, afrikanischer und oder asiatischer Herkunft sein. Es gibt Muslime, die Deutsche, Franzosen, Amerikaner oder Israelis sind. Kritik an der Ideologie der evangelikalen Fundamentalisten in den USA w\u00fcrde niemand als Rassismus bezeichnen, nur weil diesen auch Afroamerikaner angeh\u00f6ren, die durchaus in anderer Form Rassismus erleben. <\/p>\n\n\n\n<p>Mich interessierte Koopmans Buch nicht deshalb, weil ich ein\nProblem mit dem Islam habe und mich in meiner Ansicht best\u00e4rken wollte, sondern\nweil ich Religion generell skeptisch gegen\u00fcberstehe und jede Form von\nFundamentalismus, sei er nun islamisch, christlich oder von einer politischen\nIdeologie gespeist, als eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr Demokratie, Meinungsfreiheit und\ndas Prinzip der Gleichheit aller Menschen, unabh\u00e4ngig von ihrem Glauben, ihrer\nHerkunft oder sexuellen Orientierung ansehe.<\/p>\n\n\n\n<p>Koopmans widerlegt in seinem Buch Argumente, die man immer\nwieder zu h\u00f6ren bekommt, wenn man islamistischen Fundamentalismus zur Sprache\nbringt. Vor allem die Behauptung, sein Ursprung l\u00e4ge in der Unterdr\u00fcckung durch\nchristliche Kolonialstaaten entkr\u00e4ftet er nachvollziehbar. So findet man den\nausgepr\u00e4gtesten Fundamentalismus heute in L\u00e4ndern, die nie oder nur kurze Zeit\nunter der Herrschaft einer westlichen Macht standen. Das gleiche gilt f\u00fcr das\nArgument, der Islamismus sei eine Folge wirtschaftlicher Ausbeutung durch die kapitalistischen\nwestlichen Staaten.<\/p>\n\n\n\n<p>All diese Erkl\u00e4rungsversuche sind letztendlich eine\nEntm\u00fcndigung der betroffenen Personen, beschreiben sie die Islamisten doch als\nMenschen, die nicht aus eigenem Antrieb handeln, sondern von den Verh\u00e4ltnissen\nund den Ereignissen der Vergangenheit dazu gezwungen werden, sich zu\nradikalisieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Koopmans sucht einen anderen Ansatz um den heutigen Zustand\ndes Islam und der L\u00e4nder mit mehrheitlich islamischer Bev\u00f6lkerung zu erkl\u00e4ren.\nUnd dass dieser Zustand in den meisten F\u00e4llen kein guter ist (wirtschaftlich\nund\/oder die Einhaltung der Menschenrechte betreffend), kann jeder erkennen,\nder mit den globalen Ereignissen auf dem Laufenden ist. Der Autor f\u00fchrt dies\nauf drei Grundprobleme zur\u00fcck:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Die fehlende Trennung von Religion und Staat<\/li><li>Die Benachteiligung von Frauen<\/li><li>Die Geringsch\u00e4tzung von s\u00e4kularem Wissen<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Das ganze Buch umkreist die drei Themenkomplexe und f\u00fchrt\neine Vielzahl von Beispielen an, warum diese zum gro\u00dfen Teil Schuld sind an den\nProblemen, denen sich die islamische Welt gegen\u00fcbersieht, aber auch der einzelne\nMuslim, wenn es zum Beispiel um die Frage der Integration in eine\nnichtislamische Gesellschaft geht. <\/p>\n\n\n\n<p>Was aber noch wichtiger ist \u2013 und das macht letztendlich den\nWert dieses Buches aus, neben der reinen Wissensvermittlung \u2013 genau an diesen\ndrei Punkten g\u00e4lte es anzusetzen, wollte man den Islam reformieren, was ja\ndurchaus der Bestreben vieler Muslime ist, die aber bis heute noch eine\ndeutliche Minderheit darstellen (nicht umsonst lobten Cem \u00d6zdemir und Ayaan\nHirsi Ali Koopmans Buch ausdr\u00fccklich). Zu gro\u00df ist noch der Einfluss von\nIslamverb\u00e4nden, die vor allem von der T\u00fcrkei und Saudi-Arabien unterst\u00fctzt\nwerden. Und zu widerspr\u00fcchlich auch das Verhalten derjenigen, die zwar jede\nForm von Rassismus und Stigmatisierung hierzulande laut anprangern, f\u00fcr den Rassismus,\nder Unterdr\u00fcckung von Frauen, den Todesstrafen f\u00fcr Homosexualit\u00e4t oder der\nAbkehr vom islamischen Glauben in L\u00e4ndern wie Saudi-Arabien oder dem Iran aber\nscheinbar blind sind. Es f\u00e4llt ihnen einerseits leicht, Israel f\u00fcr seinen\nUmgang mit den Pal\u00e4stinensern immer wieder zu kritisieren und zu Protesten und\nBoykotten aufzurufen, zum Terror, den die Hamas und Fatah in den autonomen\nGebieten verbreiten allerdings h\u00f6rbar schweigen. Die Appeasement-Politik der\ndeutschen Regierung gegen\u00fcber diesen L\u00e4ndern, die gerne auch durch \u00fcppige\nWaffenlieferung begleitet wird, tut ihr \u00fcbriges.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Grund sich mit der Argumentation Koopmans\nauseinanderzusetzten besteht darin, dass die oben erw\u00e4hnten drei Punkte genauso\nauf den christlichen Fundamentalismus zutreffen. Er erstarkt vor allem dort, wo\ner sich mit der politischen Macht verflechten kann wie derzeit in den USA. Er\nist explizit homophob und m\u00f6chte der Frau den ihr geb\u00fchrenden Platz unter der F\u00fchrung\nihres Mannes als ihr Haupt wieder zuweisen und verurteilt s\u00e4kulare Bildung, wie\nzum Beispiel die Evolutionstheorie. Wie in vielen muslimischen L\u00e4ndern die\nGrundlage der Gesetze die Scharia bildet, m\u00f6chten die christlichen\nFundamentalisten die Bibel als oberstes Gesetzbuch anerkannt sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gl\u00fccklicherweise sind in der christlichen Welt diese\nBestrebung bisher noch Randerscheinungen, aber Tendenzen zu einer R\u00fcckkehr zu\ndiesen Ansichten sind selbst in demokratischen L\u00e4ndern zu beobachten. Man\nbraucht nur nach Polen zu schauen, wo sich schon eine gro\u00dfe Anzahl von Kommunen\nals \u201eschwulenfreie Zonen\u201c bezeichnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Koopmans Buch zu lesen lohnt sich vor allem deshalb, weil es\neinen ungesch\u00f6nten Blick auf die Ausw\u00fcchse einer Ideologie wirft, deren\nAnspr\u00fcche den Erfordernissen unserer modernen Zeit nicht mehr gerecht werden.\nMan mag ihm in einzelnen Punkten widersprechen k\u00f6nnen, seine Bestandsaufnahme\neiner Weltreligion verliert dadurch aber nicht an G\u00fcltigkeit. Au\u00dferdem erinnert\nes daran, dass Werte wie Gleichberechtigung sowie religi\u00f6se und sexuelle\nSelbstbestimmung nicht selbstverst\u00e4ndlich sind und immer wieder aufs Neue gegen\nunterdr\u00fcckende Ideologien erk\u00e4mpft und verteidigt werden m\u00fcssen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ruud Koopmans, Das verfallene Haus des Islam, C.H.Beck Kritische Anmerkungen zum Islam werden heutzutage gerne mit Attribut \u201eislamophob\u201c versehen und, ohne dass eine wirkliche Auseinandersetzung mit den Inhalten der Kritik stattfindet, als Hassrede diffamiert. Dabei ist Ideologiekritik ein fundamentaler Bestandteil dessen, was gemeinhin Aufkl\u00e4rung genannt wird. 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