{"id":1534,"date":"2020-08-13T13:04:19","date_gmt":"2020-08-13T11:04:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=1534"},"modified":"2021-04-11T08:13:43","modified_gmt":"2021-04-11T08:13:43","slug":"hoelderlin-als-zeitgeist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=1534","title":{"rendered":"H\u00f6lderlin als Zeitgeist"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Karl-Heinz Ott, H\u00f6lderlins Geister, Hanser<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Von H\u00f6lderlin wusste ich bisher nur, was man bei der Besch\u00e4ftigung mit deutscher Literaturgeschichte nebenbei aufschnappt: Lyriker mit Hang zum Elegischen, zu Lebzeiten eher verkannt und in einem Turm hausend langsam verr\u00fcckt geworden. Das eine oder andere Zitat vermochte ich ihm zuzuschreiben, aber nur, weil es in den allgemeinen Sprachkatalog der nicht ganz Unbelesenen Einzug gefunden hatte. \u201eWas bleibet aber, stiften die Dichter\u201c oder \u201eWo aber Gefahr ist, w\u00e4chst das Rettende auch.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Lyrikkenner merkt sofort, meine Unwissenheit was den w\u00fcrttembergischen Dichter angeht, war nahezu umfassend. Dann dr\u00e4ute 2020 und hie und da las man, es sei unter anderem ein H\u00f6lderlinjahr. Anfang dieses Jahres fanden sich in Literaturzeitschriften und im Feuilleton umfangreiche Artikel und Hinweise zu Veranstaltungen, Tagungen und neuen B\u00fcchern zum Thema H\u00f6lderlin. Das war dann der Punkt, an dem meine Unwissenheit mich zu st\u00f6ren begann. Ich wollte herausfinden, ob sich das ganze Gewese um den Dichter einfach ignorieren lie\u00dfe, ohne etwas zu verpassen. Der beste Weg dahin erschien mir, ein Buch \u00fcber H\u00f6lderlin zu lesen. Zwei Neuerscheinungen boten sich daf\u00fcr an. R\u00fcdiger Safranskis \u201eH\u00f6lderlin \u2013 Komm! ins Offene, Freund!\u201c und \u201eH\u00f6lderlins Geister\u201c von Karl-Heinz Ott (ich h\u00e4tte die Auswahlliste noch um H\u00e4rtlings H\u00f6lderlinroman erg\u00e4nzen k\u00f6nnen, aber mir war mehr nach Sachbuch und das m\u00f6glichst aktuell).<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst favorisierte ich den Safranski, hatten mich doch seine Monografien \u00fcber Schoppenhauer, Heidegger und Nietzsche, sowie sein Buch \u00fcber die Romantik nicht nur gut informiert, sondern auch gut unterhalten. Bei seinen letzten B\u00fcchern aber war das nicht mehr der Fall. Da hatte sich eine gewisse Geschw\u00e4tzigkeit eingeschlichen. Eine mit dem D\u00fcnkel des altersweisen Kenners panierte Br\u00e4sigkeit, die jegliche Frische aus dem Erz\u00e4hlten nahm.<br>\nZudem war mir nicht nach dem gro\u00dfen Rundumschlag von Zeugung bis zur Bahre, mit dem Auftreten aller, die nur irgendetwas mit dem Dichter zu tun hatten, damit jede Nuance auch zureichend ausgeleuchtet sich f\u00e4nde. Ich suchte nach dem Schlaglichthaften, etwas, das ein Bild in mir erzeugt, ohne mich dabei zum Experten zu machen. Ich wollte einfach nur einen Geschmack und nicht das ganze Rezept.<\/p>\n\n\n\n<p>Also entschied ich mit f\u00fcr Karl-Heinz Ott. Zum Gl\u00fcck! Was f\u00fcr ein wunderbares Buch. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/wp-content\/uploads\/sites\/17\/2020\/08\/H\u00f6lderlin.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1533\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Ohne es zu wissen, erstand ich ein Werk, das in seiner Machart das deutsche Pendant zu den B\u00fcchern eines meiner Lieblingsautoren, des Italieners Roberto Calasso, darstellt. Das essayistische Durchwandern einer mit der betrachteten Person verbunden Thematik, ohne R\u00fccksicht auf Chronologie, an den Stellen kurz verweilend, die dem Autor interessant erscheinen und, durch die Art, wie er dar\u00fcber nachdenkt und erz\u00e4hlt, die Aufmerksamkeit des Lesers fesseln. In \u201eDer Traum Baudelaires\u201c zeigt Calasso seine ganze Meisterschaft darin.<br> Genauso der aus Ehingen an der Donau stammende Karl-Heinz Ott, schon vielfach ausgezeichnet und zu Hause in den verschiedensten literarischen Gattungen. Sein Wissen um den Gegenstand seiner Betrachtung ist immens, man lernt neben dem Denken und F\u00fchlen des Dichters viel \u00fcber die politische und kulturellen Disposition der Zeit zwischen Ende des 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts kennen. Es begegnen einem eine Menge bekannte Pers\u00f6nlichkeiten (Goethe, Schiller, Hegel, Schelling, Schlegel etc.) Dabei geht es Ott nicht um die Anh\u00e4ufung von Anekdoten, sondern darum festzuhalten, wie sich das \u00e4sthetische Programm H\u00f6lderlins positionierte und welche Auswirkungen dies auf ihn und seine Rezipienten hatte. Zweiteres ist f\u00fcr mich dann das, wo ich genau hinlese. <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer br\u00e4unliche H\u00f6lderlin\u201c, so das zweite von 5 Themengebieten, welches Ott umkreist. Da erf\u00e4hrt man dann, wie die h\u00f6lderlinsche Emphase des Deutschen als Nachfahrin oder Erbin des antiken Griechenland in eine zun\u00e4chst verkl\u00e4rte (George) und verkopfte (Heidegger), schlie\u00dflich aber dumpfe und brutale Heimatbesessenheit sich verwandelt. Und es passte ja gut zusammen, der Gedanke Heideggers, neben den Griechen (den antiken wohlgemerkt) bes\u00e4\u00dfen nur die Deutschen Tiefe (ihren Geist und ihre Kultur betreffend) und die \u00dcberzeugung, Angeh\u00f6riger der Herrenrasse zu sein. H\u00f6lderlin, der einst mit dem Federkiel einen Mythos erschaffen wollte (in dem er die alten teilweise wiederzubeleben versuchte) findet seine Erf\u00fcllung im neugermanischen F\u00fchrer- und Blutkult. Daf\u00fcr kann der T\u00fcbinger nichts. Angesteckt aber hatte er so manchen Vordenker des Nationalismus deutscher Pr\u00e4gung, mit seiner Abkehr von der Moderne und der Verherrlichung und Idealisierung der alten, von den G\u00f6ttern mitbewohnten Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>So ist H\u00f6lderlin heute, historisch betrachtet eher Warnung. Das \u00e4ndert nichts daran, dass man von seiner Lyrik und seinen Ausfl\u00fcgen in die Dramaturgie, die Prosa und die Philosophie durchaus angetan sein kann, ohne gleich in Deutscht\u00fcmelei zu verfallen. In einer Zeit allerdings, die sich wieder mehr und mehr dadurch auszeichnet, dass der Fortschritt abgelehnt wird und man sich wieder auf die Suche nach Mythen begibt, ist H\u00f6lderlin keiner, von den man sagen w\u00fcrde, er habe uns gerade heute noch viel zu sagen. Wenn es sich lohnt einen wieder hervorzuholen, dann ist es nicht H\u00f6lderlin, sondern Heine. Das passiert vermutlich aber erst wieder 2047, wenn sein 250. Geburtstag gefeiert wird. Hoffentlich ist es dann nicht schon zu sp\u00e4t. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karl-Heinz Ott, H\u00f6lderlins Geister, Hanser Von H\u00f6lderlin wusste ich bisher nur, was man bei der Besch\u00e4ftigung mit deutscher Literaturgeschichte nebenbei aufschnappt: Lyriker mit Hang zum Elegischen, zu Lebzeiten eher verkannt und in einem Turm hausend langsam verr\u00fcckt geworden. Das eine oder andere Zitat vermochte ich ihm zuzuschreiben, aber nur, weil es in den allgemeinen Sprachkatalog&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":27,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-1534","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-literatur"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1534","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/27"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1534"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1534\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1613,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1534\/revisions\/1613"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1534"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1534"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1534"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}