{"id":1540,"date":"2020-08-30T21:22:47","date_gmt":"2020-08-30T19:22:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=1540"},"modified":"2021-04-11T08:13:17","modified_gmt":"2021-04-11T08:13:17","slug":"besiegt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=1540","title":{"rendered":"Besiegt"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Volker Ullrich, Acht Tage im Mai, C.H.Beck<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Volker Ullrichs Buch \u00fcber die letzten Tage des dritten Reiches ist ein gut lesbares, im Gro\u00dfen und Ganzen jedoch entbehrliches Buch, f\u00fcgt es dem Wissen um das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa nichts Wesentliches hinzu. Ullrich macht nur ein ganzes Buch aus dem, was in anderen Abhandlungen zum Thema lediglich das letzte Kapitel bildet. Es sei denn, man betrachtet gewisse Anekdoten als Erkenntnisgewinn, zum Beispiel jene \u00fcber Marlene Dietrich, deren Schwester mit ihrem Mann in der N\u00e4he des Konzentrationslagers Bergen-Belsen ein Kino betrieb in dem die schwer arbeitenden SS-M\u00e4nner und Wehrmachtsoldaten sich auf andere Gedanken bringen lassen konnten. Als Marlene davon erfuhr, traf sie sich mit ihrer Schwester und erkaufte sie sich deren Schweigen, f\u00fcrchtete sie doch, ihr Ruf als engagierte K\u00e4mpferin gegen Nazi-Deutschland k\u00f6nnte durch das Bekanntwerden dieses belastenden Verwandtschaftsverh\u00e4ltnisses Schaden nehmen. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit den letzten Tagen des Dritten Reiches hat das nat\u00fcrlich nichts zu tun, aber es bedient jene Leserschaft, die mit dem Namen Marlene Dietrich mehr anfangen kann, als mit Keitel, Jodl oder D\u00f6nitz.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu einem aber taugt Ullrichs Buch, und zwar um mit dem Unsinn aufzur\u00e4umen, den Weiz\u00e4cker mit seiner Bundestagsrede am 8. Mai 1985 in die Welt gesetzt hatte, als er den 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung bezeichnete. Befreit wurden damals nur diejenigen in den Lagern, die Versteckten wie ein Hans Rosenthal oder solche, die nur durch die bedingungslose Loyalit\u00e4t ihrer Partner vor der Deportation bewahrt wurden, wie zum Beispiel Viktor Klemperer. Der Rest der Deutschen wurde nicht befreit, sondern besiegt. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/wp-content\/uploads\/sites\/17\/2020\/08\/Acht-tage-im-Mai-658x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1539\" width=\"321\" height=\"499\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Die von Hitler als seine Nachfolge eingesetzte Regierung um\nD\u00f6nitz sah zwar ihre milit\u00e4rische Niederlage ein, wollte aber nur allzu gerne\nden Nationalsozialismus weiterf\u00fchren. Die Alliierten nat\u00fcrlich machten ihnen\neinen Strich durch diese selbstherrliche Rechnung und verhafteten die ganze braune\nBande nur wenige Tage nach dem die bedingungslose Kapitulation unterzeichnet\nwar. Dies geschah sogar zwei Mal, zun\u00e4chst in Reims und dann auf Dr\u00e4ngen der\nRussen nochmals in Berlin. Auf dem Weg dorthin kommentierte Keitel mitleidig die\numfassende Zerst\u00f6rung der deutschen St\u00e4dte, durch die sie fuhren, worauf sein\nrussischer Begleiter nur bemerkte, dass dessen Soldaten dies in weit gr\u00f6\u00dferem\nMa\u00dfe in seiner Heimat verursacht hatten. Und genau darin lag das Problem, nicht\nnur bei der F\u00fchrung der Wehrmacht und dem schmalen Kontingent an Obernazis, denen\nes noch nicht gelungen war, sich umzubringen, sondern der Bev\u00f6lkerung des\nganzen Landes: Der v\u00f6llige Mangel an Schuldbewusstsein. In seiner Abschiedsrede\nbeschwor D\u00f6nitz den heldenhaften Kampf der Deutschen, als h\u00e4tte sich die ganze Welt\ngegen sie verschworen und jede Kugel, die aus einem deutschen Gewehrlauf abgefeuerte\nwurde, tat dies nur im Dienste reiner Selbstverteidigung. Von den Konzentrationslagern\nhatte nat\u00fcrlich niemand gewusst. \u00dcberhaupt war nach dem 8. Mai 45 niemand, der\nnoch am Leben war, jemals Nazi gewesen, sondern hatte sich in die innere Emigration\nbegeben, still hoffend und betend, dass der nationale Taumel bald vor\u00fcber sei. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Deutschland befreit wurde, dann am 30. April 1945, dem Tag, als Hitler seinem uns\u00e4glichen Leben ein Ende setzte. Es wurde befreit von dem D\u00e4mon, der es geschafft hatte die dunkelste Seite in den germanischen Seelen freizusetzten und diese erbarmungslos und inbr\u00fcnstig auszuleben. Nur machte sie dies nicht zu seinen Opfern. Sie taten es aus freien St\u00fccken, weil sie teilhaben wollten an den von ihrem F\u00fchrer herausgebr\u00fcllten Allmachtsfantasien. <\/p>\n\n\n\n<p>Als der Spuk dann vorbei war und sie nicht mehr hatten als\ndas nackte Leben, bestand die einzige M\u00f6glichkeit der Konfrontation mit ihrem\nb\u00f6sen und dunklen Selbst zu entgehen darin, sich als Opfer zu stilisieren und\nflei\u00dfig am Wiederaufbau mitzuwirken. Aber hier sind wir schon viel weiter, als\nUllrichs Buch gehen m\u00f6chte. Es macht da halt, wo es anf\u00e4ngt spannend zu werden.\nWas nicht schlimm ist, denn es gibt gen\u00fcgend kluge Menschen, die weit tiefer in\nden Stoff eingedrungen sind als er. <\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich ist Acht Tage im Mai mehr als Guido Knopp, zielt es doch nicht nur auf wohliges Gruseln, sondern m\u00f6chte in bester Absicht Fakten vermitteln. Man kann es jedem empfehlen, der vom Ende der Nazi-Regierung nicht mehr wei\u00df als das, was in dem Film Der Untergang gezeigt wurde. Letztendlich aber reiht es sich ein in die Vielzahl von Betrachtungen, die zwar in aller Aufrichtigkeit verfasst wurden, dem Leser, vor allem dem deutschen, aber dennoch das Gef\u00fchl vermitteln, mit all dem nichts mehr zu tun zu haben, auch wenn Ullrich im letzten Satz des Buches dazu auffordert, sich des gro\u00dfen Gl\u00fccks in einer freiheitlichen Demokratie zu leben bewusst zu werden. Aber es geht hier halt nicht um die Schlacht im Teutoburger Wald, sondern um die sagenhafte Implosion eines ganzen Landes mitsamt seines narzistischen Selbstbildes, auf die der Aufbau jener Gesellschaft folgte, in der wir heute leben und deren Grundlagen wieder von vielen Seiten angegriffen werden. Da h\u00e4tte ich mir schon etwas mehr Gegenwartsbezug gew\u00fcnscht. Aber das lag wohl nicht im Sinne des Verfassers. Verkaufen l\u00e4sst sich das Buch, so wie es ist, nat\u00fcrlich wesentlich besser.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Volker Ullrich, Acht Tage im Mai, C.H.Beck Volker Ullrichs Buch \u00fcber die letzten Tage des dritten Reiches ist ein gut lesbares, im Gro\u00dfen und Ganzen jedoch entbehrliches Buch, f\u00fcgt es dem Wissen um das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa nichts Wesentliches hinzu. 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