{"id":205,"date":"2014-07-22T17:42:29","date_gmt":"2014-07-22T15:42:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=205"},"modified":"2021-04-11T08:28:22","modified_gmt":"2021-04-11T08:28:22","slug":"gestrandete-wale","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=205","title":{"rendered":"Gestrandete Wale"},"content":{"rendered":"<p>Karim dreht am Radio auf der Suche nach Hip Hop.<br \/>\nDas ist geil, sagt er, als er endlich etwas gefunden hat.<br \/>\nGef\u00e4llt dir das?<br \/>\nIch sch\u00fcttele den Kopf.<!--more--><br \/>\nWir sind auf dem Weg nach Tarifa, fahren durch eine blauschwarze Nacht, immer an der K\u00fcste entlang. Auto\u00fcberf\u00fchrung f\u00fcr unseren Chef, den Russen.<br \/>\nAber man h\u00f6rt doch so was bei euch, da wo du herkommst, oder?<br \/>\nJa nat\u00fcrlich, antworte ich. Man h\u00f6rt da alles.<br \/>\nKarims Spanisch klingt wie ein Hobel, der \u00fcber Holz f\u00e4hrt. Er zischt die S\u00e4tze durch den halb ge\u00f6ffneten Mund. Zieht dabei die Nase ein St\u00fcck nach oben, als h\u00e4tten die Worte, die er spricht, einen schlechten Geschmack.<br \/>\nWarum magst du kein Hip Hop? will er wissen.<br \/>\nIst mir zu brutal, antworte ich.<br \/>\nHa, meint er lachend, das sagt ja genau der Richtige.<\/p>\n<p>Kurz hinter Cadiz machen wir eine Pause, um etwas zu essen. Als wir wieder aus der Bar kommen, steht ein junger Farbiger vor unserem Auto.<br \/>\nK\u00f6nnt ihr mich mitnehmen?, fragt er.<br \/>\nWohin willst du?, frage ich.<br \/>\nAlgeciras, zu den F\u00e4hren.<br \/>\nNach Tanger?<br \/>\nJa, von da aus weiter.<br \/>\nWie weiter?<br \/>\nWeiter halt.<br \/>\nKarim lacht und meint: Kerle wie du reisen eigentlich immer in die andere Richtung.<br \/>\nKerle wie du auch, sage ich.<\/p>\n<p>Der Junge hei\u00dft Roberto.<br \/>\nWo kommst du her?, frage ich ihn.<br \/>\nEcuador.<br \/>\nNa, dann bist du aber weit weg von zu Hause.<br \/>\nGenau wie du, erwidert er und ahmt dabei meinen Akzent nach.<br \/>\nWas willst du in Tanger? Arbeit gibt\u2019s f\u00fcr euch da keine.<br \/>\nIch suche keine Arbeit. Ich will nur nach Afrika, mehr nicht.<br \/>\nNach Afrika, sagt Karim, das versteh\u2019 mal einer. Wo da doch alle wegwollen.<br \/>\nSo wie du?<br \/>\nAch halt\u2019s Maul.<\/p>\n<p>Karim kam zum Russen, als seine neunmonatige Arbeitserlaubnis abgelaufen war, er aber ums Verrecken nicht nach Marokko zur\u00fcckzukehren wollte. Wahrscheinlich hatte ihn die Schufterei in den Gew\u00e4chsh\u00e4usern das Gehirn schon v\u00f6llig weichgekocht. Er fuhr zun\u00e4chst mit dem Bus von Almeria nach Fuengirola. Dort l\u00fcmmelte er einige Tage herum, bis ihn einer seiner Landleute, die auf der Strandpromenade Drogen an Touristen verkaufen, mitnahm. Irgendwo trafen sie dann den Russen, der ihm einen Job anbot und bestimmte, dass Karim mit mir auf Tour gehen sollte. Ich konnte nicht widersprechen und auch sp\u00e4ter nichts mehr daran \u00e4ndern, obwohl mir Karim von Anfang an l\u00e4stig war wie ein unerzogener Hund.<\/p>\n<p>Ich hatte in Guayaquil eine Spanierin kennengelernt, erz\u00e4hlt Roberto, Paula. Sie arbeitete in einer Stiftung, die sich um Stra\u00dfenkinder k\u00fcmmert. Nebenbei besuchte sie die Universit\u00e4t, an der auch ich studierte. Wir verliebten uns. Nach einem Jahr wollte sie nach Spanien zur\u00fcck, um ihren Abschluss zu machen und Lehrerin zu werden. Ich sollte unbedingt mitkommen. Wir heirateten noch in Ecuador, damit ich leichter eine Arbeitserlaubnis f\u00fcr Spanien erhalten konnte. Paulas Eltern und Geschwister hatten einen ordentlichen Schrecken bekommen, als sie pl\u00f6tzlich mit einem Schwarzen auftauchte, noch dazu verheiratet. Es gab eine Menge Tr\u00e4nen und \u00c4rger. Einige Monate ging das gut, aber am Ende musste sie sich doch zwischen mir und der Familie entscheiden. Das fiel ihr dann leichter, als ich es mir vorgestellt hatte.<\/p>\n<p>Wenn ich mit dir nach Deutschland k\u00e4me, fragt Karim, w\u00fcrden die mich dann f\u00fcr einen Terroristen halten?<br \/>\nSchlimmer, sage ich, sie w\u00fcrden dich f\u00fcr jemanden halten, der nicht arbeiten, aber vom Staat Geld kassieren will.<br \/>\nDann komme ich besser nicht, oder?<br \/>\nWahrscheinlich.<br \/>\nIch habe immerhin keinen Bart, sagt Karim.<br \/>\nJa, immerhin das.<\/p>\n<p>Wieso Afrika?, frage ich Roberto.<br \/>\nGenau wei\u00df ich es auch nicht. Ich kann ja hingehen, wo ich will. Also warum nicht nach Afrika?<br \/>\nEr h\u00e4lt einen Moment inne und schaut aus dem Fenster. Dann spricht er weiter. Seine Stimme ist sanft und hat etwas Fliehendes. Als w\u00e4re sie mehr zum Singen, denn zum Sprechen gemacht.<br \/>\nMir ging es viel besser, als den meisten meiner Landsleute, die in der Hoffnung kommen, hier eine Arbeit zu finden.<br \/>\nWir hatten eine sch\u00f6ne Wohnung, Paula konnte weiterstudieren und ich verdiente gar nicht so schlecht. Irgendwann begann ich von Afrika zu tr\u00e4umen. Von einer hohen Wand aus Pflanzen, so gr\u00fcn und dicht, dass es einen zu umarmen schien. Dazwischen \u00fcberall lachende schwarze Gesichter und im Hintergrund ein Fluss aus wei\u00dfem Sand.<br \/>\nWoher willst du wissen, dass es Afrika war?<br \/>\nKeine Ahnung. Es war ein Traum. Er fing an, als Paula sich entschied, mich zu verlassen.<br \/>\nWarum gehst du nicht zur\u00fcck zu deiner Familie?<br \/>\nDie sind entt\u00e4uscht von mir. Sie hatten geglaubt, ihre Situation w\u00fcrde sich verbessern, weil ich eine Europ\u00e4erin geheiratet hatte. Geld, Reisen, all das, was sonst nicht m\u00f6glich war. Nat\u00fcrlich geben sie mir die Schuld daf\u00fcr, dass es mit Paula schiefgegangen ist. Und jetzt haben sie Angst, ich k\u00f6nnte ihnen auf der Tasche liegen wenn ich zur\u00fcckkomme.<br \/>\nDann also lieber nach Afrika?<br \/>\nGenau. Ist ja im Grund genommen auch meine Heimat.<br \/>\nEin bisschen krank ist das schon, oder?<\/p>\n<p>Karim dreht wieder am Radio.<br \/>\nWas suchst du denn?<br \/>\nGhamedi. Kennst du den?<br \/>\nNein.<br \/>\nDer ist echt geil.<\/p>\n<p>Als ich vor drei Jahren an der Costa del Sol aufschlug, besa\u00df ich nur ein paar Klamotten und das Geld, das ich meiner Mutter gestohlen hatte. Tagelang lief ich von einem Hotel zum anderen und fragte nach Arbeit. Danach versuchte ich es in Bars und Restaurants, zuletzt auf Baustellen. Schlie\u00dflich entdeckte ich ein Gesch\u00e4ft, das Wasserfilter verkaufte und f\u00fcr den Haust\u00fcrverkauf jemanden suchte, der deutsch und englisch sprach. Ich stellte mich vor und bekam den Job. Also zog ich los, die ganze Costa del Sol entlang, eine Siedlung nach der anderen, von Villa zu Villa. Dort gibt es von allem etwas: Schweizer, Engl\u00e4nder, Deutsche, Skandinavier, Araber und einen Haufen Osteurop\u00e4er. Anfangs dachte ich, das Geld l\u00e4ge dort auf den sch\u00f6nen Teerwegen, die sich zwischen Pinien und Hibiskusstr\u00e4uchern hindurchschl\u00e4ngeln, aber nichts da. Nach drei Monaten hatte ich gerade mal vier beschissene Filter verkauft und wurde entlassen. Was nicht weiter schlimm war, konnte ich in dieser Zeit doch die Gegend erkunden. Au\u00dferdem traf ich ein paar interessante Leute. Darunter auch den Russen. Der wohnt in einem Goldpalast, direkt in Sierra Blanca. Das Geb\u00e4ude sieht aus wie der Kreml, nur etwas kleiner.<br \/>\nDem Russen geh\u00f6ren mehrere Restaurants. Er handelt zudem mit Immobilien, wobei seine Kunden ebenfalls alles Russen sind. Dazu noch die Vermietung von Luxuskarossen. Alles so Geschichten, bei denen man Leute braucht, die nicht ganz auf den Kopf gefallen sind und Dinge von einem Ort zum anderen bringen, ohne gro\u00df dar\u00fcber zu quatschen.<\/p>\n<p>Roberto schaut wieder aus dem Fenster. Der Strand leuchtet in der Dunkelheit wie ein wei\u00dfer Bart, der aus den heransp\u00fclenden Wellen w\u00e4chst.<br \/>\nDa liegt etwas, sagt er.<br \/>\nSieht aus wie Treibgut, meint Karim.<br \/>\nIch halte den Wagen an und wir steigen aus.<br \/>\nDas ist kein Treibgut, sage ich. Das sind Wale oder Delphine.<br \/>\nZu klein f\u00fcr Wale, sagt Karim bestimmt.<\/p>\n<p>Wir gehen hinunter zum Strand. Je n\u00e4her wir kommen, desto offensichtlicher wird, dass Karim recht hat. Es sind keine Wale. Etwa zwei Dutzend schwarze K\u00f6rper liegen auf dem Sand. Ein paar d\u00fcmpeln in der Brandung.<\/p>\n<p>Roberto betrachtet die Leichen, dreht sie um, \u00f6ffnet ihre H\u00e4nde, ber\u00fchrt ihre Lippen.<\/p>\n<p>Siehst du, sagt Karim zu Roberto, Afrika kommt dir schon entgegen.<\/p>\n<p>Lasst uns weiterfahren, sage ich. Die K\u00fcstenwache wird hier bald auftauchen.<\/p>\n<p>Ich bleibe, sagt Roberto.<\/p>\n<p>Wie du willst, sage ich und gehe mit Karim zur\u00fcck zum Auto.<\/p>\n<p>Als die Sonne aufgeht, sind wir in Tarifa. Dort tauschen wir den Wagen und machen uns auf den Weg nach Marbella. Am Abend gammeln wir am Jachthafen herum und schauen uns die Frauen und die Autos an. Auf einem der Schiffe serviert ein Schwarzer Getr\u00e4nke. \u00dcber der Stadt leuchtet die Villa des K\u00f6nigs von Saudi Arabien in hellem Wei\u00df. In einem Cabrio mit deutschem Kennzeichen sitzt ein \u00e4lterer Herr. Ich frage ihn, ob er uns auf ein Bier einl\u00e4dt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karim dreht am Radio auf der Suche nach Hip Hop. Das ist geil, sagt er, als er endlich etwas gefunden hat. Gef\u00e4llt dir das? 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