{"id":217,"date":"2014-08-07T18:16:26","date_gmt":"2014-08-07T16:16:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=217"},"modified":"2021-04-11T08:28:22","modified_gmt":"2021-04-11T08:28:22","slug":"die-kulturgeschichte-der-selbstbefriedigung-in-66-hoehepunkten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=217","title":{"rendered":"Die Kulturgeschichte der Selbstbefriedigung in 66 H\u00f6hepunkten"},"content":{"rendered":"<p>So nannte Lazlo Kossak seinen ber\u00fchmten Essay \u00fcber die schwarze Kunst des friesischen Lyrikers Halle Eigenbleu, dessen engmaschige Wortgewebe angeblich wenig Platz f\u00fcr Licht und oder gar Liebe lie\u00dfen, daf\u00fcr einer morbiden Verg\u00e4nglichkeitsgegenw\u00e4rtigung in jeder Verschlingung der Wort- und Gedankenf\u00e4den Unterschlupf gew\u00e4hrten.<!--more--><\/p>\n<p>Ber\u00fchmt wurde Kossaks Aufsatz bekanntlich nur deshalb, weil sein Autor am Tag der Ver\u00f6ffentlichung (in der F.A.Z.) mit abgetrenntem Kopf auf der Insel Juist, unweit des Hammersees gefunden wurde.<\/p>\n<p>Eigenbleu, der seit gut zwei Jahrzehnten auf der friesischen Insel lebte, war dagegen &#8211; und ist es bis heute &#8211; verschwunden.<\/p>\n<p>Betsy Schwindelig (ebenfalls F.A.Z.) begab sich, nachdem der ungel\u00f6ste Fall vom nieders\u00e4chsischen Landeskriminalamt nach einem Jahr zu den Akten gelegt worden war, auf Spurensuche und entdeckte im Nachlass des Toten einen Brief an einen gewissen Fray Biberach. Dieser hatte als Wanderprediger in Ecuador, Peru und Kolumbien die Bewegung \u201eLa segunda puesta del sol\u201c (zu Deutsch: Der zweite Sonnenaufgang) gegr\u00fcndet. Nachdem er allerdings Schwierigkeiten mit der kolumbianischen Regierung, die wiederum auf Schwierigkeiten mit der FARC zur\u00fcckzuf\u00fchren waren, bekam, wanderte er nach Florida aus, wo er einen privaten Radiosender betrieb, der vierundzwanzig Stunden am Tag Salsa Musik sendete, sowie ausgesuchte Predigten des Frays in Englisch, Spanisch und Quechua.<\/p>\n<p>Wie Kossak den Fray kennengelernt hatte konnte Betsy Schwindelig nicht herausfinden. Als gesichert gilt jedoch, dass sie sich einmal in Caracas und ein weiteres Mal auf Curacao getroffen hatten. Bei den Treffen sei es um einen jungen bolivianischen Schriftsteller gegangen, dem aufgrund seiner sexuellen Orientierung Publikationsverbot auferlegt worden war und der nun hoffte, durch Ver\u00f6ffentlichung seiner Texte in Europa nicht nur auf seine, sondern auf die prek\u00e4re Situation vieler junger Autoren seines und anderer s\u00fcdamerikanischen L\u00e4nder aufmerksam machen zu k\u00f6nnen, die nicht das Gl\u00fcck hatten, in der Bugwelle eines Bolano oder Skarmeta wenigstens ein klein wenig in den Genuss rudiment\u00e4rer Aufmerksamkeit zu kommen. Tats\u00e4chlich hatte Kossak in einem Artikel \u00fcber Brasilien als den gro\u00dfen Verlierer unter den Gewinnern der dritten Welt, bolivianische Transgender-Literatur in einem Nebensatz erw\u00e4hnt, allerdings ohne Namen zu nennen. Fray Biberach empfand dies als Verrat an der gemeinsamen Sache und versprach Kossak ein besonders hei\u00dfes Pl\u00e4tzchen auf dem Grill des \u201eDiavolo\u201c.<\/p>\n<p>Betsy Schwindeligs Artikel \u00fcber Kossak und den Fray erschien am elften M\u00e4rz letzten Jahres. Unter der Onlineausgabe des Textes wurde zwei Tage sp\u00e4ter ein Kommentar mit der \u00dcberschrift: \u201eKopflos in Seattle\u201c gepostet, in dem der Schreiber darauf hinwies, dass der Fray unter dem Namen \u201aThe Second George\u2018 in Vancouver ein florierendes Sektenunternehmen betriebe, welches unter anderem f\u00fcr teures Geld den Zeugen Jehovas die T\u00fcrklingelrechte f\u00fcr Kanada und die USA abgekauft h\u00e4tte und nun mit Mann und Maus einen Missionierungsfeldzug betrieb, der sich mittlerweile \u00fcber den ganzen nordamerikanischen Kontinent erstreckte. Und es w\u00e4re bestimmt keine gro\u00dfe Dreistigkeit, so der namenlose Kommentarschreiber, davon auszugehen, dass Kossak sich vor l\u00e4ngerem schon dieser Bewegung angeschlossen hatte, aber aufgrund der internen Entwicklung, weg von der pseudomarxistischen Erweckungstheologie hin zu einem quasiliberalen, sprich sehr marktaffinen Protestantismus, gezwungen sah, den Ausstieg zu wagen. Eine Entscheidung, die er offensichtlich mit dem Leben bezahlt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Da der Fray \u00fcber hinl\u00e4ngliche Kontakte verf\u00fcgt, auch zu den deutschen Medien, ist das Schweigen, das sowohl auf Betsy Schwindeligs Artikel, wie auch dem Leserbrief folgte, selbstredend.<\/p>\n<p>Ger\u00fcchte behaupten, Eingenbleu sei in Emden, seiner Heimatstadt, in einer Kirche gesehen worden, wie er zwei Kerzen anz\u00fcndete und dann im Beichtstuhl verschwand. Kossak hatte in seinem Essay \u00fcber den K\u00fcnstler unter anderem geschlussfolgert, dieser sei ein manischer Onanist, dem die Worte in \u00e4hnlich unkontrollierbarer Konvulsivit\u00e4t aus der Feder spritzten, wie das Ejakulat aus seinem von Internetpornos hoffnungslos \u00fcberreizten Schwanz. Und \u00fcberhaupt sei sein Lebensabscheu nichts weiter, als eine gespreizte Attit\u00fcde, die er enthusiastisch pflegte, nur um am unteren Bildrand kultureller W\u00e4rmeerzeugung noch einmal eine feste Hand auf seinem faltigen Arsch zu sp\u00fcren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So nannte Lazlo Kossak seinen ber\u00fchmten Essay \u00fcber die schwarze Kunst des friesischen Lyrikers Halle Eigenbleu, dessen engmaschige Wortgewebe angeblich wenig Platz f\u00fcr Licht und oder gar Liebe lie\u00dfen, daf\u00fcr einer morbiden Verg\u00e4nglichkeitsgegenw\u00e4rtigung in jeder Verschlingung der Wort- und Gedankenf\u00e4den Unterschlupf gew\u00e4hrten.<\/p>\n","protected":false},"author":27,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-217","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-archiv"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/217","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/27"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=217"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/217\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":224,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/217\/revisions\/224"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=217"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=217"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=217"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}