{"id":228,"date":"2014-08-14T18:06:41","date_gmt":"2014-08-14T16:06:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=228"},"modified":"2021-04-11T08:28:22","modified_gmt":"2021-04-11T08:28:22","slug":"der-traum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=228","title":{"rendered":"Der Traum"},"content":{"rendered":"<p>Im Dezember 1941 wurde Horst Kuchheuser in der N\u00e4he von Moskau von russischen Soldaten gefangen genommen, misshandelt und dann zu Oberst Ilja Saborowitsch Haskajew gebracht, der ihn verh\u00f6ren sollte.<br \/>\nDie Verletzungen Kuchheusers betrachtend, dr\u00fcckte Haskajew zun\u00e4chst sein Bedauern \u00fcber die Grobheit seiner Kameraden aus. Nicht ohne zu erw\u00e4hnen, dies sei die logische Folge dessen, was die deutsche Armee seit Monaten seinen Landsleuten antue.<br \/>\n\u201eZu schade\u201c, sagte Haskajew, \u201edass man euch dazu zwingt, Menschen zu morden, die eure Freunde und Nachbarn sind.\u201c<br \/>\nDarauf meinte Kuchheuser, er w\u00e4re nicht aus Zwang hier, sondern er habe sich freiwillig gemeldet. Einen sch\u00f6nen Posten h\u00e4tte er gehabt, in der Heimat, als Ausbilder an Flugabwehrgesch\u00fctzen. Aber da w\u00e4re dieser Traum, den er jede Nacht tr\u00e4umte seit seine Tochter in einen See gest\u00fcrzt und ertrunken war. Ein blaues Kleid tr\u00fcge sie in diesem Traum und st\u00fcnde am Ufer eines Flusses, auf dem Eisschollen schwimmen, die wie Spiegelscherben aussahen. Die Moskwa, wie er von einer Reise w\u00fcsste, die ihn als jungen Mann einmal in die russische Hauptstadt gef\u00fchrt h\u00e4tte. Der Fluss schien das M\u00e4dchen zu besch\u00fctzen oder zu bedrohen und sie sagte: \u201aIch bin doch hier\u2019.<br \/>\nHaskajew lachte laut.<br \/>\n\u201eWegen eines Traumes bist du in den Krieg gezogen? Was hast du geglaubt, hier zu finden? Deine Tochter?\u201c<br \/>\nKuchheuser schwieg.<br \/>\n\u201eDu bist ein Narr\u201c, sagte Haskajew. \u201eAuch ich habe einen Traum und ich tr\u00e4ume ihn jede Nacht, denn ich habe ebenfalls ein Kind verloren. Mein Sohn Jirgi starb durch die ersten Kugeln, die ihr auf unsere Heimat abgeschossen habt. In dem Traum sehe ich ein Haus, es ist aus Backsteinen gemauert und liegt auf einer Anh\u00f6he \u00fcber einem kleinen Bach. Die Eingangst\u00fcr ist verschlossen, darum gehe ich um das Haus herum und komme in einen Garten, in dem Kr\u00e4uter wachsen und Kartoffeln. Und neben einem kleinen Brunnen, zwischen Tont\u00f6pfen und Blecheimern, an einer efeubewachsenen Wand lehnend, sehe ich Jirgi. Auch wenn er mir fremd erscheint, so wei\u00df ich doch, dass er es ist.\u201c<br \/>\nHaskajew hielt einen Moment inne, als h\u00e4tte er Angst den Traum zu verlieren, wenn er weiter davon erz\u00e4hlte.<br \/>\n\u201eKeine Ahnung\u201c, sagte er dann, \u201ewo sich dieses Haus befindet und ob es \u00fcberhaupt existiert. Jedenfalls k\u00e4me ich nie auf die verr\u00fcckte Idee, danach zu suchen. Es ist nur ein Traum.\u201c<br \/>\nUnd er f\u00fcgte noch hinzu:<br \/>\n\u201eTr\u00e4ume und Menschen haben eines gemeinsam: Man kann ihnen nicht trauen. Was dich betrifft, du wirst hier nichts finden, au\u00dfer den Tod.\u201c<\/p>\n<p>Noch am selben Tag wurde Kuchheuser bei einem Vorsto\u00df der deutschen Armee befreit. Einmal konnte er im Kampfget\u00fcmmel den Oberst Ilja Saborowitsch Haskajew sehen, wie er sich mit einem Bajonett gegen drei Angreifer wehrte. Doch dann wurde er vom Kampf fortgerissen und verlor den Russen aus den Augen.<\/p>\n<p>Horst Kuchheusers Heimweg dauerte viele Jahre. Als er seiner Heimat nicht mehr fern und der Krieg schon hundert Mal verloren war, verlie\u00df er seine Kameraden und machte sich auf den Weg nach Hause. Schlie\u00dflich sah er von weitem jene Senke, die man den goldenen Grund nannte, weil dort im Sp\u00e4tsommer das Getreide reif in der Sonne gl\u00e4nzte. Er erkannte seine Heimatstadt und, als er n\u00e4her kam, sein Haus. Es war aus roten Backsteinen gemauert und stand auf einem H\u00fcgel oberhalb eines kleinen Baches. An der Haust\u00fcr angelangt, besann er sich und ging um das Geb\u00e4ude herum in den Garten, wo Kr\u00e4uter wuchsen und Kartoffeln. Dort, neben einem Brunnen, zwischen Tont\u00f6pfen und Blecheimern, fand er seine Frau, wie sie an der efeubewachsenen Wand lehnte.<\/p>\n<p>Ein Jahr sp\u00e4ter wurde ihnen ein Sohn geboren, den sie Georg nannten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Dezember 1941 wurde Horst Kuchheuser in der N\u00e4he von Moskau von russischen Soldaten gefangen genommen, misshandelt und dann zu Oberst Ilja Saborowitsch Haskajew gebracht, der ihn verh\u00f6ren sollte. Die Verletzungen Kuchheusers betrachtend, dr\u00fcckte Haskajew zun\u00e4chst sein Bedauern \u00fcber die Grobheit seiner Kameraden aus. 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