{"id":307,"date":"2014-09-21T18:26:38","date_gmt":"2014-09-21T16:26:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=307"},"modified":"2021-04-11T08:28:08","modified_gmt":"2021-04-11T08:28:08","slug":"inferno","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=307","title":{"rendered":"Inferno"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Die H\u00f6lle bei Dante, James Joyce und Thomas Mann<\/strong><\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dantes H\u00f6lle ist eine pittoreske Grausamkeit, die heutzutage zwar noch \u00e4sthetisches Entz\u00fccken, keinesfalls aber metaphysische Ersch\u00fctterung hervorzurufen imstande ist. Bei Joyce wird sie durch die sadomasochistische Eloquenz eines Predigers zur Drohung und Erpressung, die im fundamentalistischen Umfeld noch immer wirkt. Thomas Mann dagegen schweigt sich derart \u00fcber sie aus, dass es einem durch Mark und Bein f\u00e4hrt, weil man erkennt: Es gibt sie wirklich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Kulisse<\/strong><\/p>\n<p>Dantes Inferno ist die ber\u00fchmteste Folterkammer der Literaturgeschichte. Das verdankt sich der sprachlichen Qualit\u00e4t des Werkes und dem zeitlichen Kontext seiner Entstehung Anfang des 14. Jahrhunderts mehr als seiner Explizit\u00e4t in der Beschreibung verschiedenster Strafen und Zust\u00e4nden der Agonie. Der Text ist angef\u00fcllt mit Bezugnahmen politischer, kultureller und auch pers\u00f6nlicher Natur. Er wird heute verstanden als reich bebilderte und episch\/poetisch konzipierte Warnung, das Menschliche nicht aufzugeben angesichts dessen, was dem S\u00fcnder droht, sollte er die Gnade des allg\u00fctigen Herrgottes geringsch\u00e4tzen und dessen Heilsplan zuwider handeln.<\/p>\n<p>Was genau nun die Hauptmotivation des Italieners auch war, er meinte es ernst mit seiner H\u00f6lle. Er glaubte daran und konnte sich deswegen in ihr so frei und ungehindert bewegen. Er konnte sie mit allen ihm zu Verf\u00fcgung stehenden Farben ausmalen und sie bev\u00f6lkern mit wirklichen Menschen und Mythengestalten, konnte Verdammung, Gnade und Erh\u00f6hung zuschreiben, D\u00e4monenrotten br\u00fcllen und Engelsch\u00f6re singen lassen. Trotz aller mehr oder weniger offensichtlichen Maskierung damals lebender Menschen, die H\u00f6lle als Ort der verdienten Strafe und ewigen Qual ist bei Dante frei von jedweder ironischen Schattierung.<\/p>\n<p>Aus diesem Grund ist Dantes \u201eG\u00f6ttliche Kom\u00f6die\u201c heute in metaphysischer Hinsicht belanglos und steht f\u00fcr den Leser v\u00f6llig aus der Zeit. Man kann ihr begegnen wie einem Fantasy-Roman, ohne ihr, bezieht man es rein auf seine bildliche Ausgestaltung und sein \u00fcberirdisches Personal, Unrecht zu tun. Sch\u00e4lt man alles heraus, was zur Zeit der Niederschrift aktuell und f\u00fcr den Verfasser in irgendeiner Weise problematisch war, so bleibt eine Kulisse, in der auch Harry Potter neben Gandalf durch die H\u00f6llenkreise laufen k\u00f6nnte oder mit Galadriel durch die Himmelssp\u00e4hren.<\/p>\n<p>Bestand hat die Wirkung, die Dantes H\u00f6llen- und Himmelsreise im Laufe der Jahrhunderte entfaltet hat. Sie hat die Sprache eines ganzen Volkes begr\u00fcndet und beeinflusste Literatur und Kunst ma\u00dfgeblich. Ihr Stellenwert diesbez\u00fcglich ist noch immer unbestritten. Als poetische Karnation eines repr\u00e4sentativen Weltbildes taugt sie aber schon lange nicht mehr. Himmel und H\u00f6lle, das sind bei Dante nur Kulissen, die vom Autor als gegeben hingenommen und an keiner Stelle seines epochalen Werkes hinterfragt werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Pr\u00fcgel<\/strong><\/p>\n<p>Wenn James Joyce den Katholizismus f\u00fcr schwarze Magie hielt, dann nicht, weil er an Zauberei glaubte, sondern weil er von Kindheit an erfahren hatte, welchen Schrecken diese Religion zu verbreiten wusste. Aus Anfangs stabilen finanziellen Verh\u00e4ltnissen immer mehr in eine prek\u00e4re Lage geratend, blieb dem jungen Iren keine andere Wahl, als katholische Schulen und Colleges zu besuchen. Der Preis, den er daf\u00fcr bezahlte: Angst und Gewissenstumulte.<\/p>\n<p>All dies l\u00e4sst sich gut erlesen aus Joyce Erstlingswerk \u201eDas Portrait des K\u00fcnstlers als junger Mann\u201c, in dem der Schriftsteller sein Heranwachsen im katholischen Irland Ende des 18. Jahrhunderts thematisiert. Er l\u00e4sst sein Alter Ego Stephen das Belvedere College in Dublin besuchen, die gleiche Schule, an der Joyce selber war.<\/p>\n<p>Im dritten Kapitel des Romans erz\u00e4hlt Joyce von den Vorbereitungen, die die Sch\u00fcler f\u00fcr ein dreit\u00e4giges Exerzitium zu Ehren des heiligen Franz Xaver treffen sollen. Dazu geh\u00f6rt eine einpeitschende Rede des Rektors, vor allem aber die Predigten von Pater Anselm. Dieser rezitiert die Eden-Geschichte und den Opfergang Christi, um die Abtr\u00fcnnigkeit des Menschen und die M\u00f6glichkeit der Vers\u00f6hnung mit Gott durch Jesu Martyrium auf dem Kalvarienberg seinen Sch\u00fclern vor Augen zu stellen. Wobei jene Befreiung nur den Gehorsamen und Reuevollen in Aussicht st\u00fcnde. Die S\u00fcnder dagegen erwarte die H\u00f6lle.<\/p>\n<p>Damit seine Eleven auch wirklich verstehen, was es mit der ewigen Verdammnis auf sich hat, setzt der Pater zu einer in grellen Farben gemalten Bebilderung dessen an, was den H\u00f6llenfahrer erwartet. Mit sadistischer Detailverliebtheit beschreibt er das Ausma\u00df der g\u00f6ttlichen Bestrafungsorgien, wobei es ihm immer wieder darum geht herauszustellen, dass es unter keinen Umst\u00e4nden ein Entkommen gibt. Weder ein Nachlassen der Schmerzen, noch ein gn\u00e4diger Tod, weder erleichterndes Verr\u00fccktwerden oder gar eine Begnadigung seitens des Allerh\u00f6chsten seien zu erwarten. Nicht nach tausend oder zehntausend \u2013 ja nicht einmal nach einer Millionen Jahren der ununterbrochenen Folterung. Nur Gestank, Feuer, Dunkelheit, Einsamkeit, Beschimpfung, Schmerz, Verzweiflung, Wut und unbeschreibliche Agonie. F\u00fcr immer. F\u00fcr immer, immer, immer. Und man solle blo\u00df nicht denken, das Fleisch w\u00fcrde sich durch das unaufh\u00f6rliche Schmoren im H\u00f6llenfeuer verzehren. Nein, Tag um Tag erneuere es sich, damit es mit jugendlicher Sensibilit\u00e4t den Biss der Flammen aufs entsetzlichste zu sp\u00fcren bek\u00e4me.<\/p>\n<p>Nach den Predigten des Pastors ist Stephen aufs tiefste ersch\u00fcttert. Er beichtet und bittet Gott verzweifelt um Vergebung. Sein Blick auf die Realit\u00e4t ist verzerrt und \u00fcberall sieht er Teufel und d\u00e4monische Kreaturen. Nur langsam kann er sich erholen und seine Liebe zur Kunst, zu den Frauen, zum prallen Leben \u00fcberwindet die eingepflanzte Angst. Am Ende verl\u00e4sst er Irland, weil er in der muffigen katholischen Luft keinen Platz zum Atmen mehr findet, und ein Dasein, wie er es sich w\u00fcnscht, nur au\u00dferhalb dieser unterdr\u00fcckenden Atmosph\u00e4re gelebt werden kann. Ordentlich war er verpr\u00fcgelt worden, nicht nur von seinem Vater, sondern vor allem von einer Religion, die einer jungen Generation nach der anderen das F\u00fcrchten lehrte. Aber er hatte es \u00fcberlebt. Er hatte seine Wunden geleckt und w\u00fcrde fortan nicht mehr zulassen, dass man sein Gewissen durch Drohungen in Aufruhr br\u00e4chte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die H\u00f6lle<\/strong><\/p>\n<p>Im amerikanischen Exil wurde Thomas Mann aktives Mitglied der unitarischen Kirche. Deren Ablehnung dogmatischer Bibelauslegung und dem Bestehen auf humanistischen Prinzipien waren ihm zutiefst sympathisch. Mann entstammte einem lutherischen Elternhaus, sah sich selbst aber immer als Anh\u00e4nger einer Zivilreligion, die den Menschen in den Vordergrund stellte und einer auf Rationalismus beruhenden Diesseitigkeit den Vorzug gab gegen\u00fcber einem Denken, das sich an jenseitigen Belohnungs- und Straffantasien orientierte. Goethe, Schopenhauer und Nietzsche, mit einer guten Prise Luther, anstatt Paulus und Augustinus. Religion, so Manns \u00dcberzeugung, sollte helfen, im Hier und Jetzt wahrhaft Mensch zu sein. Die katholische Tendenz des Nationalsozialismus wird ihn im seinem Denken best\u00e4tigt haben. Eine weitere Erfahrung aus diesen Schreckensjahren: Zu f\u00fcrchten hat man mehr den Menschen in seiner ideologischen Verblendung und seinem rassischen \u00dcberlegenheitswahn als eine Horde Teufel an einem mystischen Ort, den aufzusuchen nur den Toten vorbehalten ist. Wer wusste schon, was wirklich kam nach dem Tod. Warum sich dar\u00fcber Gedanken machen? Was man zu Lebzeiten an \u00dcbeln erfahren konnte, war hinreichend genug. Darauf galt es sein Augenmerk zu lenken, darin seine Worte zu investieren.<\/p>\n<p>Als Thomas Mann in seinem Roman \u201eDoktor Faustus\u201c den genialen Tonsetzer Adrian Leverk\u00fchn seine Seele verkaufen lie\u00df, da wusste er, er konnte den Preis, den der Komponist f\u00fcr seinen Pakt mit dem Teufel zu bezahlen hatte, nicht in dantesken \u00dcppigkeiten oder in der postkatholischen Radikalit\u00e4t eines Joyce darstellen. Es galt, dem Zynismus einer kalten Seele, die als Metapher f\u00fcr Nazideutschland herhalten sollte, eine ebenso kalte Strafe in Aussicht zu stellen. Kalt, im Sinne von unsagbar. So weigert sich Mephistopheles auch, Adrian n\u00e4here Auskunft \u00fcber den Verdammungsort zu geben. Er beschr\u00e4nkt sich auf die Betonung der Unaussprechlichkeit der Qual, die ihn erwarten w\u00fcrde. Mehr noch, er verh\u00f6hnt den Wunsch des K\u00fcnstlers Einzelheiten zu erfahren. Es sei, so der Gottseibeiuns, zum Kreidewei\u00dfwerden, da man schon beim Eintritt erf\u00e4hrt, dass nun alles aufh\u00f6rt, jedes Erbarmen, jede Gnade, jede Schonung und jede R\u00fccksicht auf den Einwand: \u201eDas k\u00f6nnt ihr mir doch nicht antun!\u201c<\/p>\n<p>Der Teufel verwendet einige Superlative, aber durch die altert\u00fcmliche Sprache, die der Autor ihm in den Mund legt, wird daraus eine Art Spiel, das immer wieder suggeriert, im Jenseits ginge es, auch wenn man in der H\u00f6lle ist, weit weniger ernsthaft zu als im Hier und Heute, wo Adrian mithilfe des Leibhaftigen seine Kunst zu nie gekannten H\u00f6hen treiben kann.<\/p>\n<p>Dass f\u00fcr Thomas Mann die H\u00f6lle nur eine Metapher f\u00fcr einen Zustand war, sei es der eines einzelnen Menschen oder einer ganzen Nation, kann man auch daran erkennen, dass er seinen Protagonisten schon zu Lebzeiten einen Preis an den Teufel zahlen l\u00e4sst. Es wird ihm nicht gestattet zu lieben. Als gegen Ende des Buches Leverk\u00fchn tats\u00e4chlich beginnt f\u00fcr einen Menschen etwas zu empfinden, wird ihm dieser durch eine schwere und schmerzvolle Krankheit genommen. Hierbei handelt es sich um ein Kind, was das Bild einer diesseitigen Qual verst\u00e4rkt, der gegen\u00fcber jede Vorstellung einer Bestrafung nach dem Tod verblasst.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend bei Satre die H\u00f6lle die Abwesenheit von Vernunft ist, ist sie bei Thomas Mann die Wohnstatt eines kalten Intellekts. Und sie ist \u2013 diese ern\u00fcchternde Tatsache hat uns die Aufkl\u00e4rung anschaulich gezeigt &#8211; ein realer Ort, ein Wesens- und Gem\u00fctszustand, ein Gedanke, das Auftreten des Menschen gegen\u00fcber seinesgleichen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist diese H\u00f6lle auf Erden, die uns vor Dantes Inferno-Gem\u00e4lde nicht mehr erschauern l\u00e4sst, uns die brandstiftende Perversit\u00e4t christlicher (und auch islamischer) Drohungsp\u00e4dagogik erkennen hilft, und uns bewusst macht, dass wir nur vor einer Sache Angst haben m\u00fcssen: Vor uns selbst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die H\u00f6lle bei Dante, James Joyce und Thomas Mann<\/p>\n","protected":false},"author":27,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-307","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-archiv"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/307","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/27"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=307"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/307\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":319,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/307\/revisions\/319"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=307"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=307"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=307"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}