{"id":334,"date":"2014-09-25T18:22:03","date_gmt":"2014-09-25T16:22:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=334"},"modified":"2021-04-11T16:06:45","modified_gmt":"2021-04-11T16:06:45","slug":"die-schwache-hoffnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=334","title":{"rendered":"Die schwache Hoffnung"},"content":{"rendered":"<p>Jean Am\u00e9rys beeindruckender Essay <em>An den Grenzen des Geistes<\/em> schildert die Konfrontation eines humanistischen Intellektuellen mit dem Grauen der NS-Vernichtungslager. Anschaulich beschreibt der Auschwitz-\u00dcberlebende die Hilflosigkeit, mit der er als \u201eGeistesmensch\u201c der absoluten Entmenschlichung gegen\u00fcberstand. <!--more-->Er stellt sich und seinesgleichen den Berufsverbrechern und einfachen Arbeitern gegen\u00fcber, deren lebenslanges Training in \u00dcberlebenstechniken und mit der Muttermilch aufgesaugtes Akzeptieren des Rechts des St\u00e4rkeren, ihnen einen Vorteil verschafft hatte vor denjenigen, die sich in abstrakten Denkgebilden und einem k\u00fcnstlerisch-literarischen Assoziationsraum bewegten. Dieser konnte, angesichts einer durch und durch unlogischen und unvern\u00fcnftigen Situation, keinerlei Halt mehr vermitteln. Und in der kalten Kosten\/Nutzen-Rechnung der Lagerbetreiber galten diese Kopfmenschen als Minusgesch\u00e4ft, denn sie waren in der Regel zur praktischen Arbeit nicht im Stande.<\/p>\n<p>Am\u00e9ry zieht aber noch einen anderen Vergleich. Er beschreibt die Gruppe der Idealisten \u2013 entweder tiefgl\u00e4ubige Menschen oder Kommunisten \u2013 und stellt fest, dass diese sich wesentlich leichter mit ihrem Schicksal abfinden konnten als die ungl\u00e4ubigen Intellektuellen. Bei den Gl\u00e4ubigen lag das auf der Hand, da sie ihre Existenz nicht auf das irdische Dasein beschr\u00e4nkt wussten. Sie konnten \u00fcber die momentane Qual hinausdenken und sich eine Zukunft jenseits ihrer irdischen Erb\u00e4rmlichkeit vorstellen. Und auch der Kommunist, so Am\u00e9ry, hat eine konkrete Vision. Zwar keine individuelle wie der Gl\u00e4ubige, aber die einer Gesellschaft, die alle Ungleichheit \u00fcberwinden w\u00fcrde und in der das Barbarische, das man im Moment erlebte, ein f\u00fcr alle Mal der Vergangenheit angeh\u00f6rte.<\/p>\n<p>Ein solcher Zufluchtsort stand dem s\u00e4kularen und ideologiefreien Intellektuellen nicht zur Verf\u00fcgung. Er musste hilflos mit ansehen, wie seine Wertvorstellungen und sein Inbegriff des Menschseins zertreten und zerst\u00f6rt wurden. Was war Beethoven oder Mozart, was war Goethe, Klopstock und Shakespeare, wenn man beobachtete, wie ohne ersichtlichem Grund einem Gefangen der Bauch aufgeschlitzt und mit Sand angef\u00fcllt wurde? Wenn man jeden Tag Zeuge wurde, wie Tausende ins Gas gingen oder an den Folgen von Misshandlungen, Fronarbeit und Ersch\u00f6pfung starben?<\/p>\n<p>Der Autor erw\u00e4hnt aber noch eine andere Sache, die einen ganz besonderen Wesenszug von Ideologien zum Vorschein bringt. Er schreibt:<\/p>\n<p><em>Die religi\u00f6s oder politisch gebundenen Kameraden waren nicht oder nur wenig erstaunt, dass im Lager das Unvorstellbare Ereignis wurde. Der Mensch, der sich von Gott abgewendet hatte, musste dahin kommen, dass er die Auschwitz-Gr\u00e4uel ver\u00fcbte und erlitt, sagten die frommen Christen und Juden. Notwendig muss der in sein letztes, das faschistische Stadium eingetretene Kapitalismus zum Menschenschl\u00e4chter werden, sagten die Marxisten. Hier geschah nur das, was die ideologisch geschulten oder gottgl\u00e4ubigen M\u00e4nner immer schon erwartet hatten.<\/em><\/p>\n<p>Wir Nachgeborenen haben es leicht, den Irrtum dieser Denkweise zu erkennen. Aber deswegen ist diese Art das \u00dcbel in der Welt einzuordnen nicht ebenso Vergangenheit. Sie besteht in jeder Ideologie, die heute das Denken und Handeln von Menschen antreibt, fort. Sie ist ein teleologischer Fatalismus, der in seinem inhumanen Charakter menschliches Leid einem h\u00f6heren Zweck unterordnet, eine der individuellen Freiheit und dem Lebenswillen des Menschen entgegengesetzte Todesakzeptanz, der Glaube an die eine gro\u00dfe Sache, die jedes Opfer rechtfertigt.<\/p>\n<p>Die Schlussfolgerung daraus ist befremdlich, aber nicht von der Hand zu weisen: Die gleiche ideologische Kraft, die Menschen dazu brachte, Vernichtungslager zu erbauen, half anderen wiederum, h\u00f6chstens k\u00f6rperlich Opfer dieser Todesmaschinerie zu werden. Denn auch den Nazis erschienen ihre Verbrechen als eine Notwendigkeit, als etwas, das geschehen musste, damit sich danach das mit ihrer Ideologie verkn\u00fcpfte Heilsversprechen erf\u00fcllte.<\/p>\n<p>Am\u00e9rys Aufzeichnungen zeigen deutlich: Der s\u00e4kulare, ungl\u00e4ubige und keinerlei Ideologie verbundene Mensch ist das zwar schw\u00e4chste Glied innerhalb einer Gesellschaft, die immer wieder zu repressiven Handlungen tendiert, am Ende aber doch ihre einzige Hoffnung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Jean Am\u00e9ry, An den Grenzen des Geistes.<\/em><\/p>\n<p>Zu finden in:<\/p>\n<p><em>Jean Am\u00e9ry, Werke, Band II, Jenseits von Schuld und S\u00fchne, Klett-Cotta, ISBN 3-608-93562-2<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jean Am\u00e9rys beeindruckender Essay An den Grenzen des Geistes schildert die Konfrontation eines humanistischen Intellektuellen mit dem Grauen der NS-Vernichtungslager. 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