{"id":42,"date":"2020-01-29T12:03:55","date_gmt":"2020-01-29T10:03:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=42"},"modified":"2021-04-11T08:21:33","modified_gmt":"2021-04-11T08:21:33","slug":"die-mitte-der-ewigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=42","title":{"rendered":"Die Mitte der Ewigkeit"},"content":{"rendered":"<p>Der amerikanische Philosoph Thomas Nagel besch\u00e4ftigt sich mit so spannenden Themen wie dem praktischen Rationalismus und dem Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen subjektiven und objektiven Standpunkten im Hinblick auf Ethik, Moral und Politik. Dem Diskurs mit der Welt, den wir mit Hilfe des Verstandes f\u00fchren, geht ein innerer Diskurs mit uns selbst voraus, der mit Begriffen wie Klugheit oder Moralit\u00e4t noch nichts anzufangen wei\u00df und somit als subjektivit\u00e4tsmetaphysisch bezeichnet werden kann. Aus der Auseinandersetzung dieser beiden Wahrnehmungsebenen, die st\u00e4ndig versuchen einander zu verdr\u00e4ngen, entstehen die Prinzipien des Handelns.<\/p>\n<p>1979 erschien Nagels Buch \u201eLetzte Fragen\u201c (Originaltitel: Mortal Questions), mit Essays \u00fcber verschiedene Themen, wie das Absurde, Krieg und Massenmord, Gleichheit und sexuelle Perversion. Ebenfalls darin enthalten ist sein ber\u00fchmter Aufsatz: \u201eWie f\u00fchlt es sich an, eine Fledermaus zu sein?\u201c<br \/>\nDer f\u00fcr mich interessanteste Essay ist gleich der erste im Buch, betitelt: Der Tod. Er beginnt mit der Frage:<br \/>\n\u201eWarum eigentlich ist es schlimm zu sterben, wenn doch der Tod das Ende unserer Existenz ist, unwiderruflich und bis in alle Ewigkeit?\u201c<br \/>\nDas \u00dcbel des Todes, so stellt er fest, liegt nicht im Zustand der Nichtexistenz, sondern in dem Herausnehmen aus der Zeit, dem Abschneiden der Zukunft. Um das zu verdeutlichen, f\u00fchrt er einen Gedanken von Lukrez an. Dieser meinte, niemand mache sich Gedanken \u00fcber seine Nichtexistenz vor der Geburt, also g\u00e4be es auch keinen Grund, \u00fcber die Nichtexistenz nach dem Tod zu gr\u00fcbeln, da diese nur ein Spiegelbild des Vorherigen sei. Aber, so Nagel, die Zeit nach unserem Tod ist Zeit, die uns geraubt wird. W\u00e4ren wir nicht gestorben, k\u00f6nnten wir noch leben \u2013 der Tod also bedeutet auf alle F\u00e4lle einen Verlust, und zwar den an Zeit und M\u00f6glichkeiten. Die Spanne vor der Geburt wird nicht als Verlust betrachtet, weil jeder Mensch nun mal nur in dem Moment geboren (besser gesagt gezeugt) werden kann, an dem es passierte. Andernfalls w\u00e4re er eben nicht dieser Mensch, sondern einfach ein anderer. So sind die biologischen Gegebenheiten. Es gibt also keine M\u00f6glichkeiten f\u00fcr das Individuum vor seiner Geburt. Danach aber gibt es davon unz\u00e4hlige, die der Tod zu irgendeinem Zeitpunkt zunichte macht.<\/p>\n<p>Soweit Nagel. Ich m\u00f6chte nun dieses Gedankenspiel \u00fcber die vorgeburtliche Nichtexistenz im Vergleich mit der postmortalen noch ein wenig fortsetzen. Dass das Nichtsein vor unserer Geburt von uns nicht als Verlust betrachtet wird, liegt ja nicht nur daran, dass es einfach eine biologische Unm\u00f6glichkeit ist, als der gleiche Mensch fr\u00fcher geboren worden zu sein. Es liegt meines Erachtens vor allem an unserer intellektuellen F\u00e4higkeit, die Vergangenheit als einen Teil unseres eigenen Seins zu betrachten. Das betrifft nicht nur Naheliegendes, wie die eigenen Vorfahren, sondern auch die Geschichte des Landes, in dem man lebt, nicht zuletzt die Geschichte der Menschheit selbst. Die Vergangenheit ist, auch wenn wir sie nicht erlebt haben, dennoch Teil unserer Erfahrung (nat\u00fcrlich besch\u00e4ftigen sich die Menschen sehr unterschiedlich mit der Vergangenheit, die einen mehr, die anderen weniger, manche vielleicht \u00fcberhaupt nicht. Aber zumindest in unserer Informationsgesellschaft ist es nahezu unm\u00f6glich, ohne jegliche Vergangenheitserfahrung gro\u00df zu werden oder zu leben). Die Zeit vor unserer Geburt ist deswegen kein Verlust, weil wir sie aufgrund der Beschaffenheit unseres Geistes nacherleben k\u00f6nnen.<br \/>\nMit der Zeit nach unserem Tod verh\u00e4lt es sich naturgem\u00e4\u00df v\u00f6llig anders. Sie ist uns nicht zug\u00e4nglich. Zwar ist es f\u00fcr viele interessant und anregend sich Zukunftsvisionen auszumalen, Science Fiction Geschichten zu lesen oder als Film anzuschauen. Aber daraus entsteht nie das Gef\u00fchl einer Erfahrung oder des wenigstens indirekt beteiligt seins, wie beim Betrachten der Vergangenheit. Um Zukunft als Erfahrung zu haben, muss man sie erleben. Die Nichtexistenz nach dem Tod ist also ein Erlebnisverlust.<\/p>\n<p>Noch etwas kam mir bei der Gegen\u00fcberstellung von den beiden Formen der Nichtexistenz in den Sinn: das Problem den Begriff Ewigkeit gedanklich zu erfassen.<br \/>\nMir wurde als Kind beigebracht, Gott habe schon immer existiert. Unz\u00e4hlige Male habe ich versucht, diese Tatsache zu denken, aber es war nicht m\u00f6glich. Innerhalb weniger Momente kamen ganz banale Fragen auf wie: Was hat er denn die ganze Zeit gemacht? Und davor? Und vor dem Davor?<br \/>\nEs geht einfach nicht, wir sind in unserem Denken sosehr in der Zeit verhaftet, dass wir allem einen Anfang geben m\u00fcssen. Es ist ein intellektuelles Verlangen, alle Dinge bis zu ihrem Ursprung, ihrem Beginn zur\u00fcckzuverfolgen. Daher ist die Existenz eines allm\u00e4chtigen seit Ewigkeiten existierenden Gottes f\u00fcr viele nicht akzeptabel.<br \/>\nDagegen macht uns unsere genauso ewige Nichtexistenz vor der Geburt keine gedanklichen Probleme. Auch die Vorstellung, vor dem Urknall gab es keinen Raum und keine Zeit, also irgendwie Nichts, ist leichter zu erfassen, als ein schon immerw\u00e4hrendes Etwas. Nichtexistenz ist in der Zeit vor unserer Geburt f\u00fcr uns also gedanklich zu erschlie\u00dfen.<br \/>\nDurch die Tatsache unserer Existenz, drehen die Dinge sich um. Nun ist die Vorstellung des zuk\u00fcnftig ewigen Nichtexistierens nicht mehr wirklich zu denken. Der Tod nimmt uns aus der Zeit und wir haben f\u00fcr diesen Zustand keine Begriffe mehr. Auch wenn unsere Nichtexistenz vor dem Tod theoretisch ebenso ewig war, ist sie es in unserem Denken nicht, denn sie hatte mit unserer Geburt ein Ende. Dem wird aber, unter Ausklammerung jedweden religi\u00f6sen Hoffnungen, im Falle der Nichtexistenz nach dem Tod nicht so sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der amerikanische Philosoph Thomas Nagel besch\u00e4ftigt sich mit so spannenden Themen wie dem praktischen Rationalismus und dem Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen subjektiven und objektiven Standpunkten im Hinblick auf Ethik, Moral und Politik. 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