{"id":428,"date":"2015-01-18T10:45:08","date_gmt":"2015-01-18T08:45:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=428"},"modified":"2021-04-11T08:28:08","modified_gmt":"2021-04-11T08:28:08","slug":"18i15","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=428","title":{"rendered":"18\/I\/15"},"content":{"rendered":"<p>Im Traum der letzten Nacht stand ich wieder am Totenbett meiner Gro\u00dfmutter. Der Satz eines George-J\u00fcngers fiel mir ein: \u201eDie Toten l\u00e4cheln, weil sie uns ein Geheimnis voraushaben.\u201c<!--more--><\/p>\n<p>Gro\u00dfmutter l\u00e4chelte nicht. Ihr zahnloser Mund war eingesunken, die Lippen v\u00f6llig verschwunden. Die murmelrunden Augen erschienen unter den grauvioletten Lidern wie Fremdk\u00f6rper, die man in leere Augenh\u00f6hlen gelegt hatte. Im Traum erinnerte ich mich daran, wie diese Augen, unterst\u00fctzt vom Ritt schmaler Brauen, missbilligend und grimmig schauen konnten, wenn wir Kinder etwas angestellt hatten. Und wie sie strahlten, wenn die Geschwister und ich sie morgens im Bett \u00fcberfielen und wir uns dann darum balgten, wer sich am engsten an sie herankuscheln durfte.<\/p>\n<p>Davon war nun nichts mehr zu sehen. Das Totengesicht meiner Gro\u00dfmutter hatte mit ihr nichts mehr zu tun. Es war ein stillgelegter Bahnhof, ein f\u00fcr immer verlassenes Geb\u00e4ude.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich wurde mir gewahr, dass ich mich ganz alleine in jenem Raum befand, der einmal unser Kinderzimmer gewesen war, sp\u00e4ter G\u00e4stezimmer, dann Kranken- und jetzt Totenzimmer. Und im Traum erinnerte ich mich, wie ich einige Minuten zuvor meine Eltern und Geschwister gebeten hatte hinauszugehen. Ich wolle mit Gro\u00dfmutter nicht beten, hatte ich gesagt.<\/p>\n<p>In Wirklichkeit &#8211; das wusste ich selbst im Traum &#8211; hatte es sich nat\u00fcrlich anders verhalten. Nachdem wir alle einige Minuten schweigend und weinend vor der Toten gestanden hatten, wandten mein Vater und mein \u00e4ltester Bruder mir den Blick zu. Trauer lag darin, aber auch eine klare Aufforderung: Geh! Verschwinde und \u00fcberlasse die Tote uns, damit wir ungest\u00f6rt \u00fcber ihr beten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich gab Gro\u00dfmutter noch einen Kuss auf die Stirn, der Mutter einen fl\u00fcchtigen auf die Wange und verlie\u00df die Wohnung.<\/p>\n<p>Im Traum der letzten Nacht nun standen sie drau\u00dfen vor der T\u00fcr, w\u00e4hrend ich gebetslos bei der Toten war und an die dummen Worte eines George-J\u00fcngers dachte. Doch pl\u00f6tzlich bewegte sich etwas in dem eingefallenen Gesicht, ein wenig so, als w\u00fcrde jemand an den Seiten ganz sanft die Haut massieren. Und tats\u00e4chlich, Gro\u00dfmutter l\u00e4chelte. Noch immer war ihr Gesicht ein Totengesicht, aber nun eines, das wahrhaftig l\u00e4chelte. Ich trat an das Bett heran, beugte mich herunter und fl\u00fcsterte ihr ins Ohr: \u201eH\u00f6r\u2018 einfach nicht hin.\u201c Dann gab ich ihr den Kuss auf die Stirn, den ich ihr schon au\u00dferhalb des Traumes gegeben hatte.<\/p>\n<p>Bevor ich das Zimmer verlie\u00df, drehte ich mich nochmal um. Gro\u00dfmutter l\u00e4chelte noch immer und ich wusste, sie tat es nicht, weil sie mir ein Geheimnis voraushatte. Sie l\u00e4chelte, weil nun sie und ich denen vor der T\u00fcr ein Geheimnis voraushatten. Leider gestattete der Traum mir nicht mehr, in ihre frommen Gesichter zu sehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Traum der letzten Nacht stand ich wieder am Totenbett meiner Gro\u00dfmutter. 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