{"id":571,"date":"2015-04-15T18:20:28","date_gmt":"2015-04-15T16:20:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=571"},"modified":"2021-04-11T08:27:46","modified_gmt":"2021-04-11T08:27:46","slug":"welches-geraeusch-machen-weltbilder-wenn-sie-zusammenbrechen-i-iii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=571","title":{"rendered":"Welches Ger\u00e4usch machen Weltbilder, wenn sie zusammenbrechen? (I-III)"},"content":{"rendered":"<h2 style=\"text-align: center\"><strong>I<br \/>\n<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: right\"><em>Katzen leben am l\u00e4ngsten, wenn sie b\u00f6sartig sind und dem Nachbarn geh\u00f6ren. <\/em><\/p>\n<p>\u00a0<!--more--><\/p>\n<p>Gl\u00fcck vergisst man schnell, Scham dagegen bleibt ewig in Erinnerung. Sie konserviert ihren \u00e4tzenden Charakter \u00fcber Jahrzehnte hinweg und ist stets in der gleichen Qualit\u00e4t abrufbar, in der man sie urspr\u00fcnglich empfunden hat. Selbst dem Schmerz gelingt das nicht. Deswegen kann eine Biografie nur von Scham handeln, m\u00f6chte sie wahrhaftig sein. Alles andere ist nicht vertrauensw\u00fcrdig. Mehr noch \u2013 es ist unaufrichtig und verlogen. Wenn du m\u00f6chtest, dass ich eine vage Vorstellung davon habe, welcher Mensch du wirklich bist, dann erz\u00e4hl mir von den Momenten, in denen du dich zutiefst gesch\u00e4mt hast.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2 style=\"text-align: center\"><strong>II<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: right\"><em>Die beste Methode eine Katastrophe zu verhindern, ist sie vorauszusagen.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es muss Winter gewesen sein, denn ich erinnere mich, dass die Mutter einen braunen Mantel trug und eine grobwollige Strickm\u00fctze. Mir hatte sie eine Daunenjacke \u00fcberzogen, meine F\u00fc\u00dfe in gef\u00fctterte Stiefel gesteckt und die H\u00e4nde in pl\u00fcschige F\u00e4ustlinge. Die Kapuze der Jacke umschloss meinem Kopf wie eine Trockenhaube. An wie vielen T\u00fcren wir schon geklingelt hatten, wei\u00df ich nicht mehr. Irgendwann kamen wir an dieses Haus. Grauer Putz, Vorgarten, J\u00e4gerzaun. Mutter \u00f6ffnete das Gartent\u00f6rchen und wir gingen zur Haust\u00fcr. Buntglas, 19*C*M*B*72, ein Mistelkranz. Das Gesicht einer alten Frau. Sie l\u00e4chelte und kurz darauf redeten Mutter und sie, als kennten sie sich schon sehr lange. Anfangs besch\u00e4ftigten mich die farbigen Scheiben der T\u00fcr. Dann schaute ich in Richtung des Gartens, ob dort vielleicht ein Tier zu sehen war oder ein interessantes Spielzeug. Von der Haust\u00fcr aus konnte ich nicht viel erkennen und so schlich ich mich leise davon. Die von einem Blumenbeet umgebene Wiese wurde aber schnell langweilig. Ich ging zum Gartentor, und da Mutter immer noch mit dieser Frau sprach, ich aber gerne weitergehen wollte, rief ich nach ihr. Bis dahin wusste ich nicht, was man mit einem Blick alles sagen kann. Wie ein Muttergesicht, ohne dass es sich merklich ver\u00e4nderte, pl\u00f6tzlich einem anderen Menschen zu geh\u00f6ren schien, nur durch die Art, wie es seine Augen aufriss und den Mund leicht zur Seite schob. Das war kein Du-hast-was-angestellt-Gesicht. Dazu fehlte die gekr\u00e4uselte Stirn, au\u00dferdem machte sie sonst nie solche Kulleraugen. Auf dem Weg zur\u00fcck zur Haust\u00fcr fing mein Kopf an zu kochen. Das Gespr\u00e4ch der Frauen ging unbeirrt weiter, nur der ausgestreckte Zeigefinger an Mutters Hand verriet mir, dass sie genau registrierte, was ich tat. Ich stellte mich wieder neben sie und diesmal hoffte ich, die Unterhaltung der beiden w\u00fcrde noch eine ganze Zeit lang dauern.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich ging die T\u00fcr zu und das Schweigen begann. Wir klingelten nirgendwo mehr, sondern begaben uns auf den Heimweg. Mutter einen halben Schritt vor mir. Ich wusste, was ich falsch gemacht hatte. Wir sprachen mit den Menschen, weil Gott das von uns erwartete. Er wollte ein Paradies aus der Erde machen, aber nur f\u00fcr diejenigen, die so waren wie wir. Alle andern w\u00fcrden sterben. Das mussten wir ihnen erz\u00e4hlen. Auch wir Kinder. Indem wir neben unseren Eltern standen und brav zuh\u00f6rten. Oder dem Menschen an der T\u00fcr ein Faltblatt in die Hand dr\u00fcckten. Mein \u00e4lterer Bruder las manchmal Texte aus der Bibel vor. Das konnte ich noch nicht. Aber einfach dastehen konnte ich. Hatte es aber nicht getan. Ich dachte, wenn die Frau im Strafgericht stirbt, dann ist es deine Schuld. Weil du weggelaufen bist und die Mutter sich nicht mehr auf das Predigen konzentrieren konnte. Das wird die Mutter dir gleich an den Kopf werfen, dachte ich. Doch als sie sich endlich stehen blieb und sich zu mir umdrehte, hatte sie Tr\u00e4nen in den Augen und sagte nur: \u201eIch habe mich so gesch\u00e4mt.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2 style=\"text-align: center\"><strong>III<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: right\"><em>Gott ist ein Arzt, der die Ursache einer jeden Krankheit darin sieht, dass man ihn nicht rechtzeitig konsultiert hat.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wer an den christlichen Gott glaubt, muss sich damit abfinden, dass er einem beim Wichsen zuschaut. Das l\u00e4sst sich theologisch nicht wegdiskutieren. Gott ist vielleicht nicht \u00fcberall, aber er sieht alles. ALLES! Onan zum Beispiel. Er soll die Schwagerehe vollziehen, hat aber keine Lust irgendwelche Bastarde in die Welt zu setzen, die seinen bisherigen Kindern das Erbe streitig machen. Also zieht er ihn vor der Explosion raus, was Jahwe gar nicht gef\u00e4llt. Er bringt Onan um und sorgt nebenbei noch f\u00fcr einen falschen Fachbegriff. Ein Irrer namens Kellog wird Jahrhunderte sp\u00e4ter die Beschneidung von kleinen Jungs bef\u00fcrworten, damit ihnen der Spa\u00df am Masturbieren vergeht. Gott nickt zufrieden. Der erste CEO des Christentums, Paulus, bl\u00e4st in das gleiche Horn. Zwar macht er sich mit dem Thema Selbstbefriedigung nicht die Finger schmutzig, aber in alle seine Briefe ist Lustfeindlichkeit und Abscheu vor jeder Art diesseitiger Sinnlichkeit fest eingewebt. Als habe man nur die Eier von Jesus ans Kreuz genagelt. Und darunter die Vagina von Maria Magdalena.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Ende der siebziger Jahre in jedem Tatort mindesten ein paar blanke Titten zu sehen sind, wei\u00df ich nicht, wohin mit dem Druck im Unterleib. Eine Bravo schafft endlich Abhilfe. Der gl\u00fchende Mulch steht noch bravur\u00f6s, da l\u00e4uten im Himmel die Alarmglocken. Zeigefinger marschieren auf und ich verdecke reuevoll das Gesudel. Ein Pingpongspiel beginnt. F\u00fcr jeden handgemachten Orgasmus spiele ich ein dem\u00fctiges Gebet \u00fcber das Netz. Gott retourniert mit einem Nie-wieder. Im Laufe der Zeit werden meine Aufschl\u00e4ge schw\u00e4cher, w\u00e4hrend seine Returns an Sch\u00e4rfe zunehmen. Schlie\u00dflich werfe ich den Schl\u00e4ger auf die Platte und greife zum letzten Mittel. Ich mache einen heiligen Schwur, einen, dessen Bruch mir die ewige Verdammnis einbr\u00e4chte. Das ist jetzt mehr als Tischtennis, das hat infernale Wucht. Ungef\u00e4hr ein Jahr gelingt es mir, mich mit meinen Tr\u00e4umen zu begn\u00fcgen. Ich magere ab und habe lila Augenringe. L\u00e4ngst kann ich zwischen Gott und Satan keinen Unterschied mehr ausmachen. Sie sind zwei sich bekriegende Rabauken und ich stehe genau in der Mitte. Jeder zieht an mir so fest er kann. Das tut derart weh, dass ich mir denke, ein wenig Spa\u00df k\u00f6nne nicht schaden. Also lasse ich meinen kleinen Narren seine ersehnte Prunksitzung abhalten. Danach kotze ich auf den Flokati vor meinem Bett.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I Katzen leben am l\u00e4ngsten, wenn sie b\u00f6sartig sind und dem Nachbarn geh\u00f6ren. \u00a0<\/p>\n","protected":false},"author":27,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-571","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-archiv"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/571","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/27"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=571"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/571\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":581,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/571\/revisions\/581"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=571"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=571"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=571"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}