{"id":586,"date":"2020-05-23T14:34:25","date_gmt":"2020-05-23T12:34:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=586"},"modified":"2021-04-11T08:18:48","modified_gmt":"2021-04-11T08:18:48","slug":"judas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=586","title":{"rendered":"Judas"},"content":{"rendered":"\n<p> Amos Oz, Judas, Suhrkamp Verlag,<\/p>\n\n\n<p>Die widerspr\u00fcchlichste, und damit interessanteste Figur des Neuen Testamentes ist zweifellos Judas Ischariot, jener J\u00fcnger, der Jesus um den Preis von drei\u00dfig Silberlingen verriet und sich, nachdem er den Frevel seiner Tat erkannte, an einem Baum erh\u00e4ngte. Die Widerspr\u00fcchlichkeit ergibt sich nicht nur aus der uneinheitlichen Beschreibung jener Ereignisse in den \u00fcberlieferten Berichten, sondern vor allem dadurch, dass die eigentliche Motivation des Verr\u00e4ters nicht deutlich wird. In den synoptischen Evangelien hei\u00dft es lapidar: \u201eDer Teufel fuhr in Judas.\u201c Johannes dagegen erz\u00e4hlt, Judas h\u00e4tte die gemeinsame Kasse der J\u00fcnger verwaltet und sich daraus Geld f\u00fcr sich entwendet. Das deutet auf Habgier als Motiv f\u00fcr den Verrat. Nur &#8211; 30 Silberlinge waren damals nicht viel Geld und der Name Ischariot (Mann aus Kariot) legt nahe, dass Judas nicht aus armen Verh\u00e4ltnissen stammte.<\/p>\n<p>Dennoch wurde Judas zum Sinnbild der Niedertracht, zum Archetyp der Treulosigkeit. Zwar gab es im Laufe der Jahrhundert immer wieder Gelehrte, die zu seinen Gunsten argumentierten, aber diese Stimmen wurden von den christlichen Meinungsf\u00fchrern rigoros unterdr\u00fcckt. Zu gl\u00fccklich war man mit dem Verr\u00e4ter Judas, zu gelegen kam ihnen dieses Feindbild, vor allem wenn es darum ging, Juden hinzuschlachten.<\/p>\n<p>\u00dcber die Frage, was Judas nun wirklich antrieb, herrscht bis heute keine Einigkeit. Noch immer versuchen sich Theologen und christliche Historiker daran, eine Erkl\u00e4rung zu finden, die alle vorhanden Widerspr\u00fcche aufhebt, ohne den profanen Standpunkt jener einzunehmen, die alle Geschichten rund um Jesus nur f\u00fcr eine Erfindung halten und s\u00e4mtliche Ungereimtheiten in den vorhanden Schriften auf die unterschiedlichen Intentionen der jeweiligen Schreiber und ihrer Auftraggeber zur\u00fcckf\u00fchren.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Literaten dagegen liegt der Reiz der Judasfigur gerade in dieser nicht aufgel\u00f6sten Zwiesp\u00e4ltigkeit. Sie kann als Sprungbrett f\u00fcr wilde Theorien dienen, wie sie zum Beispiel Jorge Luis Borges in \u201eDrei Fassungen von Judas\u201c einem d\u00e4nischen Gelehrten in die Feder diktiert. Dieser kommt letztendlich zu dem Schluss, Judas sei der eigentliche Messias und Gottessohn gewesen.<\/p>\n<p>Amos Oz geht in seinem Buch <em>Judas<\/em> einen anderen Weg. Er l\u00e4sst seinen Protagonisten das Verh\u00e4ltnis der Juden zu Jesus erforschen. Der Verr\u00e4ter Judas wird dabei zum einzigen Menschen, der wirklich an die G\u00f6ttlichkeit Jesu geglaubt hatte und ihn nur deswegen verriet, damit dieser es vor den Augen aller bezeuge, indem er unversehrt vom Kreuz stiege und danach Rache an seinen Feinden \u00fcbte. Gespiegelt wird diese Theorie in der Geschichte, die Oz erz\u00e4hlt. Denn die unnahbare und geheimnisvolle Frau, in die sich sein Protagonist verliebt, ist Tochter eines ehemaligen Weggef\u00e4hrten von Ben-Gurion, der in Ungnade gefallen war, weil er sich gegen die Gr\u00fcndung des Staates Israel ausgesprochen hatte. Die Vision eines friedlichen Zusammenlebens von Arabern und Juden \u2013 vergleichbar mit Judas Glauben an Jesu Friedensutopie \u2013 ohne die gewaltsame Errichtung eines Staates, lie\u00df ihn in den Augen aller anderen als Verr\u00e4ter dastehen.<\/p>\n<p>Amos Oz Geschichte spielt in den sp\u00e4ten f\u00fcnfziger Jahren. Da haben alle schon einen hohen Preis f\u00fcr den Kampf um einen j\u00fcdischen Staat bezahlt. Ob dieser gerechtfertigt war und man lieber doch auf den \u201eJudas\u201c h\u00e4tte h\u00f6ren sollen, bleibt offen. Die Ambivalenz, welche die Person des Judas Ischariot umgibt, legt sich \u00fcber das hier Erz\u00e4hlte und man wird Zeuge davon, wie Literatur das tut, was sie am besten kann: Nachdenklich Fragzeichen in eine Welt pflanzen, die voll ist von willk\u00fcrlich aufgestellten Ausrufezeichen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/wp-content\/uploads\/sites\/17\/2015\/04\/20150418_105624.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"  wp-image-583 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/wp-content\/uploads\/sites\/17\/2015\/04\/20150418_105624-169x300.jpg\" alt=\"20150418_105624\" width=\"194\" height=\"333\"><\/a><\/p>\n<p>Amos Oz, Judas, Suhrkamp Verlag, <b>ISBN-10:<\/b> 3518424793<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Amos Oz, Judas, Suhrkamp Verlag, Die widerspr\u00fcchlichste, und damit interessanteste Figur des Neuen Testamentes ist zweifellos Judas Ischariot, jener J\u00fcnger, der Jesus um den Preis von drei\u00dfig Silberlingen verriet und sich, nachdem er den Frevel seiner Tat erkannte, an einem Baum erh\u00e4ngte. 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