{"id":619,"date":"2015-05-04T23:19:35","date_gmt":"2015-05-04T21:19:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=619"},"modified":"2021-04-11T08:27:46","modified_gmt":"2021-04-11T08:27:46","slug":"welches-geraeusch-machen-weltbilder-wenn-sie-zusammenbrechen-iv-v","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=619","title":{"rendered":"Welches Ger\u00e4usch machen Weltbilder, wenn sie zusammenbrechen ? (IV-V)"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: center\"><strong>IV<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: right\"><em>Alle ungl\u00fccklichen Familien gleichen einander, jede gl\u00fcckliche Familie ist auf ihre eigene Art gl\u00fccklich.<\/em><\/p>\n<p>\u00a0<!--more--><\/p>\n<p>Die bestimmende Zahl meiner Kindheit war die F\u00fcnf. Um f\u00fcnf Uhr nachmittags musste ich zu Hause sein, f\u00fcnf Gottesdienste besuchte ich jede Woche, die Abenteuer der f\u00fcnf Freunde waren meine Lieblingsgeschichten, die Weltuntergangsuhr stand immer auf f\u00fcnf vor Zw\u00f6lf, f\u00fcnf t\u00f6richte Jungfrauen verpassten die Hochzeit des HERRN, an f\u00fcnf Tagen in der Woche musste ich zur Schule. Meine Lieblingszahl dagegen war die Vierzehn. Die kam nirgendwo vor, au\u00dfer in meiner Fantasie. Es gab einen Gott, der am Anfang zwei Menschen erschuf. Drei Tage war Christus im Grab und Engel standen an den vier Ecken der Erde, um den Sturmwind des g\u00f6ttlichen Zornes zur\u00fcckzuhalten. An sechs Tagen schuf Gott die Welt und am siebten ruhte er. Acht Menschen fanden Platz in der Arche, neun Fr\u00fcchte des Heiligen Geistes galt es hervorzubringen, zehn Gebote zu halten. Elf J\u00fcnger waren Jesus treu geblieben und zw\u00f6lf Tore hatte das himmlische Jerusalem. Die dreizehn war ein abergl\u00e4ubischer Eindringling, dem ein d\u00e4monischer Schrecken anhaftete. Die Vierzehn dagegen bedeutete nichts, war schwerelos und so ger\u00e4umig, dass all meine Tr\u00e4ume darin Platz fanden. Mit einem Tennisschl\u00e4ger Gitarre spielend gr\u00fcndete ich meine erste imagin\u00e4re Band: The Fourteen Crimes.<\/p>\n<p>Die b\u00f6seste aller Zahlen dagegen: 666. Wo immer sie auftauchte, war der Teufel nicht weit. Noch als Erwachsener jagte es mir einen Schauer durch den Leib, wenn ich nachts aufwachte und der Wecker 3:33 Uhr anzeigte. Im Rechnen war ich nie gut gewesen, aber die apokalyptische Mathematik hatte ich perfekt verinnerlicht. Den Zahlen wohnte entweder Segen oder Fluch inne, Gott hatte sie \u00fcber die Welt verstreut, um seinen unumst\u00f6\u00dflichen Willen kundzutun. Und um die Gl\u00e4ubigen zu verwirren, tat der Satan es ihm nach.<\/p>\n<p>Meine Vierzehn war davon v\u00f6llig unbeleckt. Sie war die Zahl, in der ich leben wollte, mein bester Freund und mein Tr\u00f6ster, wenn die biblische Arithmetik mein Gem\u00fct zerrupfte. Die Vierzehn war frei von jedem Urteil und in ihr empfand ich mich sicher vor jeglichem Richterspruch. Unter dem Zeichen der Vierzehn rauchte ich meine erste Zigarette, las verbotene B\u00fccher, befummelte mich oder meine Freundinnen. Trotzdem habe ich sie am Ende verraten und mich den fetten, von Gott und Teufel geschw\u00e4ngerten Zahlen ergeben.<\/p>\n<p>Jetzt, wo all diese dumm Magie verraucht ist, lacht mich die Vierzehn aus. Ich habe sie f\u00fcr alle Zeiten verloren und das nicht nur, weil sie auf junge Herzen steht. Mir bleiben nur ihre sp\u00f6ttischen Kommentare, wenn ich mit einer Einundf\u00fcnfzig ins Bett gehe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center\"><strong>V<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: right\"><em>Der Dumme redet, der Kluge schweigt; der Feige aber bei\u00dft sich st\u00e4ndig auf die Lippen.<\/em><\/p>\n<p>Nichts ist von Dauer. Was immer mir begegnet, ist vom Schimmel der Kurzfristigkeit befallen. Der Freund, mit dem ich mich treffe sobald die Hausaufgaben erledigt sind, wird bald sterben, das Buch, das ich lese bald in Flammen aufgehen, meine Lehrerin bald bei lebendigem Leibe verwesen. Die Welt ist eine M\u00fclltonne, die nur darauf wartet, geleert zu werden. Und ich sitze auf ihrem Deckel und frage mich, ob ich ebenfalls abgeholt werde. Ich lebe in dem Roman eines Zukunftslosen. Einem Roman, der niemals geschrieben wird, denn auch daf\u00fcr br\u00e4uchte es einen Raum, der sich so weit ausstreckt, dass seine Grenzen nicht zu erkennen sind. Mir aber steht das Ende stets vor Augen. Man ist ja niemals das dumme Kind, f\u00fcr das einen alle halten und die Gespr\u00e4che der Erwachsenen h\u00e4mmern dir ewige Bilder in den Kopf. Das Kind kommt nicht mehr in die Schule, sagen sie. Sp\u00e4ter: Das Kind kommt nicht mehr aus der Schule. Danach: Lass das Kind ein sauberes Handwerk lernen, damit kann man in der Neuen Welt etwas anfangen.<\/p>\n<p>Wo auch immer sich das Kind befindet, es ist st\u00e4ndig auf der Durchreise. Das Ziel ist unerreichbar, aber alle sagen, man st\u00fcnde direkt davor. Und weil das Kind daran glaubt, f\u00e4llt es von einer letzten Stunde in die n\u00e4chste. Bis es schlie\u00dflich, fast erwachsen schon, den K\u00f6der geschluckt hat und sich selbst nur noch in Paradiesfantasien wiederfindet und dem Diesseits v\u00f6llig entsagt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>IV Alle ungl\u00fccklichen Familien gleichen einander, jede gl\u00fcckliche Familie ist auf ihre eigene Art gl\u00fccklich. \u00a0<\/p>\n","protected":false},"author":27,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-619","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-archiv"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/619","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/27"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=619"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/619\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":629,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/619\/revisions\/629"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=619"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=619"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=619"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}