{"id":630,"date":"2015-05-06T18:07:04","date_gmt":"2015-05-06T16:07:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=630"},"modified":"2021-04-11T08:27:46","modified_gmt":"2021-04-11T08:27:46","slug":"welches-geraeusch-machen-weltbilder-wenn-sie-zusammenbrechen-vi-vii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=630","title":{"rendered":"Welches Ger\u00e4usch machen Weltbilder, wenn sie zusammenbrechen? (VI-VII)"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: center\">VI<\/h3>\n<p style=\"text-align: right\"><em>Kinder haben Albtr\u00e4ume, weil sie\u00a0erwachsen werden m\u00fcssen. Erwachsene haben Albtr\u00e4ume, weil sie einmal Kinder waren.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die nat\u00fcrlichen Feinde der Pubert\u00e4t: Gott, Lehrer und Hosen mit B\u00fcgelfalten. Genau die kauft mir meine Mutter, obwohl ich um eine Jeans bettele. Sie beschwatz mich solange, bis ich glaube, was da so milit\u00e4risch akkurat meine Beine umgibt, sei auch nur ann\u00e4hernd cool. Auf dem Weg zum Stadtpark, wo ich mich mit meinen Freunden treffe, wird mir mein Irrtum bewusst. Aber es ist zu sp\u00e4t. Ich hoffe, dass es vielleicht doch besser aussieht als es sich anf\u00fchlt. Dann sehe ich die Blicke meiner Freunde und wei\u00df, es sieht noch viel schlimmer aus. An diesem Tag bleibe ich nicht lange, obwohl ich meine Ausgehzeit sonst bis zur letzten Sekunde auskoste. Zu Hause angekommen, schmei\u00dfe ich die Hose in die Ecke. Nach dem Abendessen starte ich meine erste Revolution. Eine Jeans wollte ich, sage ich den Eltern, die M\u00fche haben, ihren Blick von dem erst k\u00fcrzlich erstandenen Farbfernsehger\u00e4t abzuwenden. Der Vater schaut nur kurz auf, in seinem Gesicht noch immer der ganze Arbeitstag und der Wunsch nach Ruhe. Dennoch wird er von der Mutter gefordert, die keine eigene Entscheidung in einer so wichtigen Sache treffen m\u00f6chte. Bevor ein Wort aus dem Ohrensessel kommt, feuere ich mein st\u00e4rkstes Argument. Der \u00e4ltere Bruder h\u00e4tte doch auch. Vater stemmt sich aus dem Fauteuil und wirft fragende Blicke auf die Mutter. In dessen Gr\u00f6\u00dfe, sagt sie, g\u00e4be es ja nichts mehr anderes. Au\u00dferdem sei er pflegeleicht dieser Jeansstoff und reibe sich im Schritt nicht so schnell durch.<\/p>\n<p>Dann kauf dem Jungen doch auch, um Himmels willen.<\/p>\n<p>Hatte ich sowieso vor. Wir fahren morgen daf\u00fcr in die Stadt.<\/p>\n<p>Der letzte Satz reichte mir, um gut einzuschlafen. Allerdings erwachte ich mitten in der Nacht und bis zum Morgen hielt mich die Frage wach, ob Mutter statt einer engen Hose mit weitem Schlag, mir einen von diesen blauen Palomino-Fetzen vom C&amp;A zu kaufen beabsichtigte, die an einem herumflatterten wie Str\u00e4flingskleidung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center\">VII<\/h3>\n<p style=\"text-align: right\"><em>Die Vergangenheit ist eine alte Diva, die jedem zuraunt: \u201eEinst nannten sie mich Zukunft.\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Tl\u00f6n:<\/strong>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Ihrer Schulzeit? Fangen wir mit der Grundschule an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Sam:<\/strong>\u00a0 Als wir bei der Einschulung in den Klassenraum kamen, stand auf den Tischen f\u00fcr jeden Sch\u00fcler einen Namensschild. Da sah ich zum ersten Mal meinen Namen geschrieben. Neben mir sa\u00df ein mondk\u00f6pfiger Junge mit riesigen blauen Augen und einer Topfdeckelfrisur. Wir wurden Freunde bis zum dem Tag, an dem er mich zu seinem Geburtstag einlud.<\/p>\n<p><strong>Tl\u00f6n:<\/strong> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Wieso? Was war passiert?<\/p>\n<p><strong>Sam:<\/strong> \u00a0\u00a0\u00a0 Es war Pause und ich stand auf dem Schulhof. Er kam und dr\u00fcckte mir eine Einladungskarte in die Hand. Ich gab sie ihm zur\u00fcck und sagte, ich feiere keinen Geburtstag und w\u00fcrde nicht kommen. Er war so erstaunt, dass er nicht einmal nach dem Warum fragte. Am n\u00e4chsten Tag bat er unsere Klassenlehrerin, sich neben einen anderen Sch\u00fcler setzen zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p><strong>Tl\u00f6n:<\/strong> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Wieso feierten Sie keinen Geburtstag?<\/p>\n<p><strong>Sam:\u00a0\u00a0\u00a0<\/strong>\u00a0\u00a0 Ich habe es nie wirklich verstanden. Es hie\u00df, Gott gefalle es nicht, wenn sich ein Mensch so in den Mittelpunkt stellt. Zudem werden in der Bibel nur zwei Geburtstagsfeiern erw\u00e4hnt, die allerdings von Heiden veranstaltet wurden und jedes Mal kam dabei ein Mensch zu Tode. Daraus schloss man, das Feiern von Geburtstagen sei f\u00fcr einen Christen nicht akzeptabel. Als Kind k\u00f6nnen sie eine solche Argumentation nat\u00fcrlich nicht nachvollziehen. Sie sehen nur, dass ihre Mitsch\u00fcler ein sch\u00f6nes Lied vorgesungen bekommen, an diesem Tag keine Hausaufgaben machen m\u00fcssen und in ihrem Zuhause eine sch\u00f6ne Feier f\u00fcr sie veranstaltet wird. An dem eigenen Geburtstag aber passiert nichts. Beim Mittagessen sagt die Mutter vielleicht: \u201eHach, um diese Zeit lag ich schon im Kreissaal.\u201c<\/p>\n<p><strong>Tl\u00f6n:\u00a0\u00a0\u00a0<\/strong>\u00a0\u00a0 Es wurde also schon registriert?<\/p>\n<p><strong>Sam:<\/strong>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Registriert ja, aber eben nicht gefeiert. Daf\u00fcr beschenkten wir uns gegenseitig am Hochzeitstag meiner Eltern.<\/p>\n<p><strong>Tl\u00f6n:<\/strong>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Das war erlaubt?<\/p>\n<p><strong>Sam:<\/strong> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Das war nicht verboten.<\/p>\n<p><strong>Tl\u00f6n:\u00a0<\/strong>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Zur\u00fcck zur Schulzeit. Wie reagierten die Lehrer auf Ihre Andersartigkeit?<\/p>\n<p><strong>Sam:<\/strong> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Meine Klassenlehrerein war eine feine Frau, im Alter irgendwo zwischen meiner Mutter und meiner Gro\u00dfmutter. Sie wusste um den Glauben meiner Familie und nahm darauf stets R\u00fccksicht. Sie akzeptierte, dass ich in der Adventszeit keine Kerze mitbrachte, anstatt Weihnachtsm\u00e4nner oder Osterhasen, B\u00e4ume und Blumen malte, und beim Morgengebet zwar brav aufstand, aber den an die Tafel geschrieben Text nicht mit aufsagte. Nur einmal brachte sie mich in Verlegenheit. Am Nikolaustag verteilte ein bartbeklebter und in rotes Sacktuch gekleideter Lehrer kleine T\u00fcten mit S\u00fc\u00dfigkeiten an die Grundsch\u00fcler. Das geschah in der ersten Schulstunde, weshalb meine Eltern entschieden, ich sollte erst zur zweiten Stunde in die Schule gehen. Als ich das Klassenzimmer betrat, schallte mir ein gro\u00dfes Gel\u00e4chter entgegen. Ich h\u00e4tte den Nikolaus verpasst und \u00fcberhaupt, wie k\u00f6nne man an einem solchen Tag verschlafen. Die Lehrerin sagte: \u201eSam, auch wenn du zu sp\u00e4t bist, hat der Nikolaus dir trotzdem etwas da gelassen\u201c, und dr\u00fcckte mir eine der T\u00fcten in die Hand. Ich stellte sie unter meinen Tisch und verbrachte den Rest des Schultages damit mir zu \u00fcberlegen, ob ich dieses Geschenk nun behalten sollte oder nicht. Gott, das wusste ich, mochte weder Weihnachten noch den Nikolaus. Das war alles heidnisches Brauchtum und nur falsche Religionen gaben sich solchen Dingen hin. Mir war bewusst, dass ich diese T\u00fcte h\u00e4tte gar nicht erst annehmen d\u00fcrfen. W\u00e4hrend meine Klassenkameraden in den Pausen unbeschwert naschten, wagte ich nicht, das Objekt der Begierde \u00fcberhaupt anzusehen. Aber was sollte ich machen? Am liebsten h\u00e4tte ich so getan, als w\u00e4re all das gar nicht passiert, aber ich konnte mir nur zu gut vorstellen, wie der Klassenspott mich ein zweites Mal \u00fcberrollen w\u00fcrde, st\u00fcnde die T\u00fcte am n\u00e4chsten Tag noch immer unber\u00fchrt unter meinem Tisch. Also nahm ich sie nach Schulschluss mit, warf sie auf dem Heimweg irgendwo in die B\u00fcsche und lief erleichtert nach Hause.<\/p>\n<p><strong>Tl\u00f6n:<\/strong>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Erleichtert?<\/p>\n<p><strong>Sam: \u00a0<\/strong>\u00a0\u00a0\u00a0 Traurig erleichtert. Wie das so ist, wenn man Versuchungen widersteht. Das Gef\u00fchl, das Richtige zu tun h\u00e4lt sich mit dem, etwas dabei zu verpassen ungef\u00e4hr die Waage.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>VI Kinder haben Albtr\u00e4ume, weil sie\u00a0erwachsen werden m\u00fcssen. Erwachsene haben Albtr\u00e4ume, weil sie einmal Kinder waren.<\/p>\n","protected":false},"author":27,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-630","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-archiv"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/630","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/27"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=630"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/630\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":645,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/630\/revisions\/645"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=630"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=630"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=630"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}