{"id":648,"date":"2015-05-14T17:48:14","date_gmt":"2015-05-14T15:48:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=648"},"modified":"2021-04-11T08:27:46","modified_gmt":"2021-04-11T08:27:46","slug":"welche-geraeusche-machen-weltbilder-wenn-sie-zusammenbrechen-viii-ix","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=648","title":{"rendered":"Welches Ger\u00e4usch machen Weltbilder, wenn sie zusammenbrechen? (VIII-IX)"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: center\"><\/h3>\n<p><!--more--><\/p>\n<h3 style=\"text-align: center\">VIII<\/h3>\n<p style=\"text-align: right\"><em>Vorsicht! Ihr Nihilismus kann Spuren von Weltuntergangssehns\u00fcchten enthalten.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Der Apotheker<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Apotheker war ein kleiner, wohlbeleibter Mann. Als ich ihn kennenlernte war er schon weit in die Sechzig. Fr\u00fcher, erz\u00e4hlte die Mutter, sei er ein stattlicher und schlanker Mann gewesen, aber es g\u00e4be keine Bilder mehr, die dies bezeugen k\u00f6nnten. Die ihn in Uniform zeigten habe er nach dem Krieg verbrannt, die anderen, nachdem seine erste Frau gestorben war. Gut k\u00f6nne sie sich noch erinnern, wie er die Fotografien b\u00fcndelweise in den Ofen warf. Verwundert h\u00e4tten sie und ihre Schwester dabei zugesehen, sich aber nicht getraut nach dem Grund f\u00fcr dieses Brandopfer zu fragen. Am n\u00e4chsten Tag erhielten sie die Antwort, als der Vater ihnen ihre neue Mutter vorstellte.<\/p>\n<p>\u00dcber die Kindheit des Apothekers wei\u00df ich nicht viel, stelle mir aber vor, dass er den Anspr\u00fcchen seines Vaters nie gerecht werden konnte. Er setzt alles daran, sich den Mief der fr\u00e4nkischen Provinz von den Kleidern zu sch\u00fctteln. Beim Salbenr\u00fchren tr\u00e4umt er von Frauen und einer Wildheit, die ihn \u00fcber alle anderen erhebt. Es verschl\u00e4gt ihn nach Frankfurt und er heiratet die Tochter eines G\u00e4rtners. Er umgibt sich nur mit Menschen, denen er sich \u00fcberlegen f\u00fchlt. Mitte der drei\u00dfiger Jahre l\u00e4uft er den Bibelforschern in die Arme, ist aber noch nicht bereit, die Welt preis zu geben. Zwar gef\u00e4llt ihm die apokalyptische Arroganz der Wachtturmj\u00fcnger, aber das v\u00f6lkische Aufbrodeln um ihn herum nimmt ihn mehr und mehr gefangen. Er ohrfeigt zun\u00e4chst die Franzosen, dann die Griechen. Die Russen aber waschen ihm geh\u00f6rig den Kopf und nur mit viel Gl\u00fcck setzt er noch rechtzeitig \u00fcber die Elbe. Als die Amerikaner ihn entlassen, kann er vor Wut kaum noch gehen. Seine Orden wirft er in den Main und w\u00fcnscht die Welt zum Teufel. Da kommen die Bibelforscher, die sich nun Zeugen Jehovas nennen, gerade recht. Sie stellen das Gef\u00e4\u00df, in das sein Zorn langsam abflie\u00dfen kann. Der gro\u00dfe Weltenbrand steht unmittelbar bevor und M\u00e4nnern wie ihm ist es bestimmt, die Schafe mit straffer Hand und ernster Stimme auf diesen Feuersturm vorzubereiten. Der Soldat ist nun ein Hirte. Und auch beruflich geht er neue Wege. Aus dem Apotheker wird ein Beamter des statistischen Bundesamtes, der Statistiken erstellt, so unfehlbar wie das in der Bibel niedergelegte Gotteswort.<\/p>\n<p>Die G\u00e4rtnerstochter stirbt an Krebs und er sieht sich pl\u00f6tzlich mit zwei halbw\u00fcchsigen M\u00e4dchen alleine. Der Ritter der Apokalypse muss vom Pferd steigen. Nicht lange allerdings, findet sich doch schnell Ersatz in Form einer halb verdorrten Jungfer, die es von Goebbels Propagandaministerium irgendwie in das neu entstandene Landwirtschaftsministerium geschafft hatte. Ein Krautgew\u00e4chs von der Mecklenburger Seenplatte, die in der Trauer um eine ungl\u00fcckliche Liebschaft mit einem franz\u00f6sischen Studenten lebt, der Sekte genauso schnell h\u00f6rig wurde, wie einst ihrem ehemaligen Chef und sich einbildet, durch die Heirat mit einem Vater w\u00fcrde sie automatisch zu einer Mutter.<\/p>\n<p>Dass die \u00e4ltere Tochter das Haus schnell verl\u00e4sst und einen windigen Zeugen aus dem Schwabenland heiratet, nimmt der Apotheker hin. F\u00fcr die j\u00fcngere hat er aber gr\u00f6\u00dfere Pl\u00e4ne. Die steckt zwar zwischendurch den Kopf in den Ofen (ein Nachbar findet sie noch rechtzeitig) aber kr\u00e4ftige Schl\u00e4ge treiben ihr diese dummen Ideen aus. Und tats\u00e4chlich findet sie einen jungen Kadetten, der den Anspr\u00fcchen des Vaters gen\u00fcgt.<\/p>\n<p>Enkel regnen in sein Leben. Und auch wenn der Schwiegersohn ihn schon l\u00e4ngst in der Sektenhierarchie \u00fcberholt hat, kann er von seinen patriarchalischen Fantasien nicht lassen und sieht sich als Abraham der Familie. So oft wie m\u00f6glich zwingt er die Nachkommenschaft um sich. Alle str\u00e4uben sich dagegen au\u00dfer mir, was haupts\u00e4chlich an dem gro\u00dfelterlichen Wohnzimmer liegt, dessen eine Seitenwand mit B\u00fcchern tapeziert ist. Vornehmlich Bildb\u00e4nde, in denen ich stundenlang gedankenverloren bl\u00e4ttere. Auch wenn ich t\u00e4glich mit der Stiefgro\u00dfmutter in die Innenstadt gehen muss, um mir an einem der \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tze einen Wachtturm vor die Brust zu halten, der Apotheker mich jeden Morgen zwingt ihm Bibelverse nachzusprechen und ich Spielzeugautos nur unter Androhung der sofortigen Konfiszierung, sollten sie zu laute Fahrger\u00e4usche machen, \u00fcber den Esstisch rasen lassen darf. Die B\u00fccher haben es mir angetan. Sie sind jedes Opfer wert. W\u00e4hrend ich in ihnen bl\u00e4ttere, sitzt der Apotheker an seinem Schreibtisch und sortiert Briefmarken in wuchtige Alben, mit einer solchen Sorgfalt, als g\u00e4be es f\u00fcr sie nur diesen einen Platz auf der Welt. Die Mecklenburger Seenplatte zieht sich mit einer Pinzette Splitter aus den Fingern und erz\u00e4hlt, die k\u00e4men von einem Autounfall, den sie vor Jahren hatte. Abends macht sie Bratkartoffeln und dann gehen wir zum Gottesdienst. Oder der Apotheker stellt mir biblische Fragen, die er auf kleine Karteikarten geschrieben hat, mit der Antwort auf der R\u00fcckseite. Einen Fernseher kaufen die beiden sich erst, als ich schon erwachsen bin.<\/p>\n<p>Das Ende der Welt bleibt aus und dem Apotheker versagen zun\u00e4chst die Beine, dann die Prostata. Dem Ritter ist das Pferd unterm Hintern weggestorben und er muss mit ansehen, wie gr\u00fcnes Jungvolk die F\u00fchrung der Herde \u00fcbernimmt. Seinen massigen K\u00f6rper in einen Rollstuhl gepfercht l\u00e4sst er sich zwei Mal die Woche in die Gebetsst\u00e4tte schieben und setzt dabei das m\u00fcrrischste Gesicht auf, dessen er habhaft werden kann. Er gibt niemanden die Hand, au\u00dfer den Hirten der Gemeinde, zu denen er zwar immer noch z\u00e4hlt, die auf seine Stimme aber schon lange nicht mehr h\u00f6ren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die letzten Worte des Apothekers waren an mich gerichtet. Beim Rasieren hatte ihn eines Morgens ein Schlaganfall heimgesucht. Nun lag er in einem Krankenhausbett und die ganze Familie war anwesend.<\/p>\n<p>\u201eWie soll ich mich verabschieden?\u201c, fragte er, aber niemand h\u00f6rte ihm wirklich zu. Seine Frau und meine Mutter waren damit besch\u00e4ftigt, Socken und Unterw\u00e4sche in die Schr\u00e4nke zu r\u00e4umen. Vater sagte etwas Belangloses (Das wird schon wieder) und mein Bruder und ich f\u00fchlten uns einfach nur unwohl. Die Ironie der Situation wurde mir erst viel sp\u00e4ter bewusst. Der Patriarch hatte sich ein letztes Mal aufgeb\u00e4umt und wollte die Seinen um sich scharen, um ein gewichtiges Abschiedswort zu sprechen. Die aber k\u00fcmmerten sich um W\u00e4sche oder sahen auf die Uhr.<\/p>\n<p>Als schlie\u00dflich das Zeichen zum Aufbruch gegeben wurde, gab ich dem Gro\u00dfvater einen Kuss auf die Stirn.<\/p>\n<p>\u201eDein Plaque stinkt\u201c, sagte er.<\/p>\n<p>Ich sah ihn verst\u00e4ndnislos an und er wiederholte: \u201eDein Plaque stinkt.\u201c<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag starb er. Der Apotheker war gegangen und der letzte Eindruck, den das Leben ihm geschenkt hatte, war der Mundgeruch seines Enkels.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center\">IX<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>Gehen Sie direkt ins Gef\u00e4ngnis, gehen Sie nicht \u00fcber Los. Ziehen Sie nicht 2000 \u20ac ein.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jetzt, wo alles vorbei ist und mich die Stille all derer umgibt, von denen ich erz\u00e4hle, vermisse ich ihre Stimmen, denn sie bildeten die notwendige Korrektur, r\u00fcckten vielleicht dieses oder jenes zurecht und lie\u00dfen mich eventuell als L\u00fcgner dastehen oder zumindest als ein Irrender. So aber verweigern sie mir die Scham, mich als unwahrhaftig erwiesen zu haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":27,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-648","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-archiv"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/648","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/27"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=648"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/648\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":660,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/648\/revisions\/660"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=648"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=648"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=648"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}