{"id":718,"date":"2015-11-11T15:29:11","date_gmt":"2015-11-11T13:29:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=718"},"modified":"2021-04-11T16:11:49","modified_gmt":"2021-04-11T16:11:49","slug":"die-strafe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=718","title":{"rendered":"Die Strafe"},"content":{"rendered":"<p>Ein vertrauter Geruch str\u00f6mt in ihre Nase, die Dunkelheit explodiert und pl\u00f6tzlich ist sie wieder in der K\u00fcche der Gro\u00dfmutter. Die dicke Frau r\u00fchrt in einer Sch\u00fcssel, ein Schwei\u00dftropfen h\u00e4ngt an ihrer Nase. Carla sitzt auf der Holzbank neben dem Kamin und wartet darauf, dass sie ihre Finger in den Teig tauchen darf.<!--more--> Der sich aufheizende Ofen knistert. Die Gro\u00dfmutter stellt die Sch\u00fcssel auf den Tisch und klopft den Schneebesen ab. Mit dem kleinen Finger ihrer rechten Hand streift sie Teig von einer der Speichen und steckt ihn in den Mund. F\u00fcr meinen Moment weiten sich ihre Augen. Carla steht auf und tritt an den K\u00fcchentisch. Erwartungsvoll starrt sie auf die s\u00fc\u00dfe Creme.<\/p>\n<p>\u201eEinen f\u00fcr Papa, einen f\u00fcr Mama und einen f\u00fcr Gott\u201c, sagt die Gro\u00dfmutter, w\u00e4hrend sie aus einem der Unterschr\u00e4nke eine Kuchenform holt. Neben der Sp\u00fcle liegt ein kleiner Butterbatzen. Den nimmt die alte Frau und fettet damit das schwarze Blech. Carlas Zeigefinger ist der Vater, Mutter der Ringfinger. Gott geh\u00f6rt der Daumen. Die S\u00fc\u00dfe str\u00f6mt von der Zunge in ihren kleinen K\u00f6rper und sie f\u00fchlt sich wie jemand, dem man gerade etwas Liebes gesagt hat. Die Gro\u00dfmutter streicht den Teig mit einem Gummischaber in die Backform. Besorgt sieht Carla, wie sorgsam sie die Sch\u00fcssel auskratzt. Noch eine Runde und noch eine, bis fast der gesamte Teig umgef\u00fcllt ist. Aber es bleibt trotzdem noch genug f\u00fcr ein oder zwei Fingerspitzen. Au\u00dferdem darf sie eine Seite des Schabers ablecken. Die andere hat die Gro\u00dfmutter schon mit ihrer wei\u00dfen Zunge geputzt. Die Gro\u00dfmutter l\u00e4chelt und auch Carla l\u00e4chelt. Dann \u00f6ffnet die alte Frau den Backofen. Hei\u00dfe Luft schl\u00e4gt ihnen entgegen und der Geruch von Metall, Kohle und verbranntem Fett.<\/p>\n<p>Das Dunkel f\u00fcgt sich wieder zusammen. Carla fragt sich, ob jenseits des schwarzen Tuches, das sie ihr \u00fcber den Kopf gest\u00fclpt haben, ebenfalls Nacht herrscht oder der Stoff so dicht ist, dass er keinerlei Licht hindurchl\u00e4sst. Sie h\u00f6rt Ger\u00e4usche: Stimmen, das Scheppern von T\u00f6pfen, das Poltern von Transportwagen. Dazu der Geruch. Wahrscheinlich ist sie in der B\u00e4ckerei ihres Onkels, in einem der Lagerr\u00e4ume hinter der Backstube. Der Gedanke, man wolle sie vielleicht in einen der \u00d6fen schieben, wie einen Laib Brot. Sie h\u00f6rt sich atmen und weinen. Sie w\u00fcrde sich jetzt gerne die Nase putzen. Aber selbst wenn sie ein Taschentuch h\u00e4tte, wie sollte sie das tun mit gefesselten H\u00e4nden. Mit kr\u00e4ftigen Atemst\u00f6\u00dfen versucht sie sich den Rotz aus der Nase blasen.<\/p>\n<p>Der Onkel ist ein netter Mensch. Der Bruder ihrer Mutter und so breit und lustig wie seine Schwester schmal und ernst. Wie Gro\u00dfmutter, nur mit Schnurbart und saurem Geruch. Ob er wei\u00df, dass sie hier ist? Mutter wei\u00df es bestimmt und sie wird ihren Kopf dar\u00fcber sch\u00fctteln. Das Kind! Ihr Vetter ist ein Rabauke, aber er l\u00e4sst sich nie erwischen und kann brav buckeln wenn es eng wird. Das fehlt ihr. Wie alles, was man braucht, um seinen Kopf nicht in einen Sack gesteckt zu bekommen. Sie stellt sich vor, Paul f\u00e4nde sie hier. Ob er sich trauen w\u00fcrde, sie los zu machen? Er w\u00fcrde etwas daf\u00fcr verlangen. An ihrem gro\u00dfen Zeh saugen oder sowas. Sie sch\u00fcttelt sich bei dem Gedanken. Pauls \u00e4lterem Bruder hatten sie die Nase abgeschnitten. Der sah aus!<\/p>\n<p>Carla fragte sich, f\u00fcr welchen Ungehorsam sie nun bestraft wurde. Felix, ihrem kleinen Bruder, hatte sie die Butterstulle aus der Brotb\u00fcchse gestohlen und daf\u00fcr einen Frosch hineingetan. Der war dann quakend im Klassenzimmer herumgeh\u00fcpft. Alle Sch\u00fcler lachten dar\u00fcber, nur Felix weinte, weil er sich so erschrocken hatte und wohl auch auf das Brot gefreut.<\/p>\n<p>Letzte Woche hatte der Vater sie angewiesen, der alten Frahalla zu helfen, die Kleider ihres Mannes und ihres Sohnes, die man im Abstand von nur drei Tagen unter die Erde gebracht hatte, ordentlich in Kartons zu verpacken. Sie mochte die Frau nicht und hatte ihren Mann und den Sohn auch nicht gemocht. \u00dcberall waren sie zu dritt aufgetaucht, die Frahalla, ihr Mann und ihr Sohn. Ob Geburt oder Beerdigung, Hochzeit oder Hinrichtung, immer kamen die drei zusammen, standen rum, ohne sich mit anderen zu unterhalten und gingen dann zur\u00fcck in ihre Bruchbude von Haus. Da sie stets zusammen auftauchten und sich auch immer gleich verhielten, mochte man entweder alle drei oder man mochte alle drei nicht. Die meisten mochten sie nicht, vermutete Carla. Und nun sollte sie zur der alten Frau gehen, die jetzt ganz alleine war, die sie aber noch nie alleine gesehen hatte. Sie f\u00fcrchtete, die Geister von Josh und B\u00fcbi s\u00e4\u00dfen in Frahallas aschiger K\u00fcche und w\u00fcrden sie bel\u00e4stigen, sobald sie mitbek\u00e4men, wie sie half, ihre Kleider fortzutragen. Also ging sie nicht zu Frahalla und sondern spazierte im Wald herum und erz\u00e4hlte dem Vater am Abend, sie habe sich verlaufen.<\/p>\n<p>Sie hatte einen Brief, den der Vater mit ernster Miene las und dann w\u00fctend wegwarf, aus dem Papierkorb geholt und daraus kleine Fische, Schw\u00e4ne und einen Tiger gebastelt. Die wollte sie dem Vater schenken, damit er wieder l\u00e4chelte, aber er rannte pl\u00f6tzlich durchs Haus auf der Suche nach diesem Fetzen Papier und sie steckte sich die Tiere schnell in den Mund, kaute auf ihnen herum und schluckte sie hinunter. Die Fische, die Schw\u00e4ne und den Tiger.<\/p>\n<p>Ach, es gibt so viel, denkt Clara und das erleichtert sie. Unschuldig bestraft zu werden war ihr schon immer grausam und auf gewisse Weise komisch vorgekommen. Komisch und peinlich, als mache man sich vor allen Leuten in die Hose. Das w\u00fcrde ihr nicht passieren. Sie ahnte nun, auf welche Art man sie bestrafen w\u00fcrde. Vor kurzem erst hatte man der Tochter eines Freundes ihres Vaters diese Strafe zugemessen und das M\u00e4dchen, Lucille hie\u00df sie meinte Clara sich zu erinnern, war genau in ihrem Alter gewesen und hatte bestimmt \u00e4hnliche Unm\u00f6glichkeiten begangen.<\/p>\n<p>Clara sp\u00fcrte wie ihr Herz raste. Es w\u00fcrde wehtun und nat\u00fcrlich s\u00e4he man es ihr f\u00fcr den Rest des Lebens an. Der Sinn einer jeden Strafe, hatte ihr die Gro\u00dfmutter einmal gesagt, als sie keinen Kuchen backte sondern alte Wollpullis aufdr\u00f6selte, um aus dem filzigen Stoff Wintersocken zu stricken, ist die Tat nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Sie muss f\u00fcr alle Zeiten sichtbar an dem haften, der sie begangen hat. W\u00e4ren wir Echsen, w\u00e4re es keine Strafe uns den Schwanz abzuschlagen. Aber ein Ohr, eine Nase, eine Hand, eine Narbe im Gesicht, eine fehlende Brust\u2026<\/p>\n<p>Sie h\u00f6rte Stimmen die n\u00e4her kamen, dann wurde sie gepackt und weggetragen. Das dunkle Tuch um ihren Kopf w\u00fcrde erst dann wieder von ihr genommen, wenn sie nicht mehr vollst\u00e4ndig war. Was danach kam wusste sie nicht. Vielleicht w\u00fcrde sie doch zur alten Frahalla gehen, auch wenn die Kleider ihres Mannes und ihres Sohnes l\u00e4ngst verpackt waren. Einfach um zu sehen, ob Josh und B\u00fcbi tats\u00e4chlich als Geister in der aschigen K\u00fcche sa\u00dfen und da sie ja nicht dabei geholfen hatte ihre Sachen aus dem Haus zu tragen, w\u00e4ren die beiden vielleicht sogar ganz vertr\u00e4glich. Am Sontag dann h\u00fclfe sie der Mutter beim Kuchenbacken, selbst wenn sie dort nie vom Teig naschen durfte, zu alt war sie daf\u00fcr schon, obwohl sie es sich immer w\u00fcnschte und sich nicht vorstellen konnte, dass man beim Kuchenbacken jemals etwas anderes sein k\u00f6nnte, als ein kleiner Mensch, der naschen m\u00f6chte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein vertrauter Geruch str\u00f6mt in ihre Nase, die Dunkelheit explodiert und pl\u00f6tzlich ist sie wieder in der K\u00fcche der Gro\u00dfmutter. Die dicke Frau r\u00fchrt in einer Sch\u00fcssel, ein Schwei\u00dftropfen h\u00e4ngt an ihrer Nase. 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