{"id":740,"date":"2016-01-15T18:22:34","date_gmt":"2016-01-15T16:22:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=740"},"modified":"2021-04-11T08:27:31","modified_gmt":"2021-04-11T08:27:31","slug":"zehn-menschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=740","title":{"rendered":"Zehn Menschen"},"content":{"rendered":"<p><strong>1<\/strong><\/p>\n<p>Wahrscheinlich ist seine Freundlichkeit nur ein Ablenkungsman\u00f6ver. Buntes Geschenkpapier, mit dem er einen leeren Karton umwickelt. <!--more-->Wenn er jemandem beim Umzug hilft, bei einer Party den ganzen Abend am Grill steht, wenn er einem Bekannten Geld leiht oder einen Kollegen zum Flughafen bringt: all diese vorbehaltlose Bereitwilligkeit, blo\u00df um niemanden merken zu lassen, dass er die meiste Zeit nur an sich selbst denkt und keinen Menschen wirklich mag.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2<\/strong><\/p>\n<p>Seine dritte Frau verlie\u00df ihn aus den gleichen Gr\u00fcnden wie die beiden davor. Und weil sie entdeckte, dass er t\u00e4glich ins Waschbecken des G\u00e4steklos onanierte. Mittlerweile gewohnt verlassen zu werden, nahm er es hin und genoss das Alleinsein. Dann wurde er vierzig und bekam immer mehr Lust junge M\u00e4dchen zu v\u00f6geln. Also begann er sich gesund zu ern\u00e4hren, ging jeden zweiten Tag in ein Fitnessstudio, anschlie\u00dfend ins Solarium, spielte Tennis und fuhr Fahrrad. Er rasierte sich eine Glatze, die er jeden Morgen polierte, rasierte Brust-, Achsel- und Schamhaare, rieb sich t\u00e4glich mit Stutenmilch ein und lie\u00df sich einmal die Woche die Fingern\u00e4gel manik\u00fcren. Die halbseitige L\u00e4hmung, verursacht durch einen Schlaganfall kurz vor seinem sechsundvierzigsten Geburtstag, empfand er in erster Linie als Dem\u00fctigung. Bis zu seinem Tod in Folge weiterer Hirninfarkte vier Jahre sp\u00e4ter, besch\u00e4ftigte er sich ausschlie\u00dflich mit esoterischer Literatur.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3<\/strong><\/p>\n<p>Jeden Morgen hat sie das Gef\u00fchl, es sei nicht ihr Gesicht, das da im Spiegel auftaucht. Ein Gesicht wie eine Schlagzeile, aufgedunsen und vordergr\u00fcndig. Fr\u00fcher hatte ich ein anderes Gesicht, denkt sie, ein Gesicht, das wie der Anfang einer guten Geschichte war. Nach diesem Gesicht sehnt sie sich. Dieses Gesicht h\u00e4tte wieder etwas mit ihr zu tun. Mit diesem Gesicht w\u00fcrde es ihr viel leichter fallen, sich selbst gegen\u00fcber zu treten. Das fremde Gesicht aber am Morgen schreckt sie ab und l\u00e4sst sie bef\u00fcrchten, vielleicht doch nie ein anderes Gesicht gehabt zu haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4<\/strong><\/p>\n<p>Nachts f\u00e4hrt er U-Bahn. Er steigt ein, setzt sich in Fahrtrichtung an einen Fensterplatz, schl\u00e4gt die Beine \u00fcbereinander und schaut auf vorbeiflitzende Betonw\u00e4nde und Kabelkan\u00e4le. F\u00e4hrt die Bahn in eine Haltestelle ein, schlie\u00dft er die Augen bis der Zug die Station wieder verlassen hat. Setzt sich jemand ihm gegen\u00fcber, sieht er nur kurz auf und starrt dann wieder durch sein eigenes Spiegelbild hindurch. L\u00e4sst sich jemand direkt neben ihm nieder, steht er auf und wechselte den Platz. Ist der Wagon, in dem er sich befindet, ganz leer, streckt er die Beine von sich, breitet die Arme \u00fcber der R\u00fcckenlehne aus und seufzt laut und zufrieden, w\u00e4hrend er l\u00e4chelnd seine Blicke \u00fcberall umherschweifen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5<\/strong><\/p>\n<p>Als ihr Zwillingsbruder starb, verweigerte sie f\u00fcr mehrere Tage das Essen. Neben dem Appetit, der schlie\u00dflich wiederkam, verlor sie auch ihren Geschmack. Wenn jemand, den man so geliebt hat, f\u00fcr immer geht, pflegte sie zu sagen, dann ist es v\u00f6llig normal, dass er etwas von einem mitnimmt. So betrachtete sie ihre Geschmacklosigkeit als Abschiedsgeschenk von und an ihren Bruder. Zwei Jahre sp\u00e4ter machte sie ihr Abitur und begann zu studieren. Die Pr\u00e4senz des Verstorbenen in Form der Unf\u00e4higkeit zu schmecken zerst\u00f6rte die meisten ihrer Beziehungen, da keiner der jungen M\u00e4nner ihr so nahe kommen konnte wie der toter Bruder, der ihr ja direkt auf der Zunge sa\u00df. Auch dem Mann, den sie einige Zeit nach ihrem Studienabschluss heiratete, gelang das nicht und er verlie\u00df sie nach wenigen Ehejahren. Bei einer \u00e4rztlichen Routineuntersuchung kurz vor ihrem vierzigsten Geburtstag, ergab das Blutbild unter anderem einen starken Zinkmangel, der durch ein wenig teures, rezeptfreies Pr\u00e4parat wieder ausgeglichen wurde. Keine vierundzwanzig Stunden nachdem sie die Medizin das erste Mal genommen hatte, war ihr Geschmackssinn wieder vollst\u00e4ndig hergestellt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>6<\/strong><\/p>\n<p>Er h\u00e4lt sich f\u00fcr einen Philosophen, nur weil er st\u00e4ndig verzweifelt ist. Wenn man so ausschlie\u00dflich verzweifelt ist, denkt er, dann ist die Verzweiflung eine wirklich gro\u00dfe Sache. Tagt\u00e4glich reitet er auf seiner Verzweiflung aus und erlebt die Welt im Auf und Ab ihres gleichm\u00e4\u00dfigen Trabes. Irgendwann schreibt er auf, was er alles \u00fcber seine Verzweiflung herausgefunden hat. Dabei stellt er fest, dass all seine \u00dcberlegungen unn\u00fctz und sinnlos gewesen sind, weil er die ganze Zeit ein Gef\u00fchl f\u00fcr einen Gedanken gehalten hat &#8211; und verzweifelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>7<\/strong><\/p>\n<p>Jetzt f\u00e4hrt er schon seit zwanzig Jahren mit der gleichen Bahnlinie zur Arbeit und doch sieht er jeden Tag neue Gesichter. Der Vorrat der Stadt an Gesichtern scheint unersch\u00f6pflich zu sein. Er fragt sich, wie das wohl w\u00e4re, wenn man die Gesichter aller Menschen auf dieser Welt schon einmal gesehen h\u00e4tte. Mit einer solchen Anzahl an gesehenen Gesichtern m\u00fcsste einem doch alles m\u00f6glich sein. Er k\u00f6nnte Generalsekret\u00e4r der UNO werden. Er w\u00e4re ja sozusagen per Du mit der ganzen Menschheit. Selbstzufrieden kaut er auf diesem Gedanken ein paar Tage herum, bis er zu der \u00dcberzeugung gelangt, alle Gesichter der Menschheit wolle er gar nicht sehen. Das w\u00fcrde ihm bestimmt sehr schnell zu langweilig. Und au\u00dferdem suche er ja morgens in der Bahn nicht nach neuen Gesichtern, sondern nach denen, die er schon kannte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>8<\/strong><\/p>\n<p>Sie w\u00fcnscht, ihr Leben w\u00e4re wie jene Tr\u00e4ume, in denen man vorher schon wei\u00df, was passiert. Egal was kommt, sie will sich darauf vorbereiten k\u00f6nnen. Bereits als Kind kam ihr ein pl\u00f6tzlicher Tod grausamer vor, als ein Sterben, das sich ank\u00fcndigte. \u00dcberrascht zu werden, das hie\u00df die Souver\u00e4nit\u00e4t zu verlieren, sich selbst aus der Hand zu geben. \u00dcberhaupt verstand sie ihre Tr\u00e4ume immer besser, je \u00e4lter sie wurde. So wie den der letzten Nacht, als sie tr\u00e4umte, sie w\u00e4re in einem Bus zusammen mit dieser bekannten Nachrichtensprecherin, von der sie aufgefordert wurde ihr eine Pistole zu bringen, die irgendwo auf dem Boden lag. Ihr war klar, dass diese Frau sie erschie\u00dfen w\u00fcrde. Um ihr Leben bettelnd hob sie die Waffe dennoch auf und gab sie der Frau, die ihr sofort damit ins Gesicht schoss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>9<\/strong><\/p>\n<p>Der Parkplatz ist zun\u00e4chst nur Plan B. Plan A, das ist ein junger Mann, der akzeptierte, dass er sich in einem nicht aufzul\u00f6senden Gewirr von Verpflichtungen seiner Frau, seinen Kindern und seiner gehoben gesellschaftlichen Stellung gegen\u00fcber befindet. Der ihm stundenweise jene Erleichterung verschaffen w\u00fcrde, die er braucht, um sich in diesem Gewebe nicht hoffnungslos zu verirren. Um durchhalten zu k\u00f6nnen, bis die Dinge sich grundlegend \u00e4nderten. Dass er einen solchen jungen Mann niemals trifft, liegt an seiner Angst vor Zur\u00fcckweisung und weil er sich nicht traut, die einschl\u00e4gigen Bars seiner Stadt auf zu suchen. Durch das Internet erf\u00e4hrt er von diesem Autobahnparkplatz, etwas au\u00dferhalb der Stadt. Lange z\u00f6gert er. Irgendwann aber l\u00e4sst er sich an einem Morgen sehr fr\u00fch abholen und den Chauffeur jenen Parklatz ansteuern. Vier Fahrzeuge stehen verteilt \u00fcber die Parkfl\u00e4che. In dreien haben zwei oder mehr M\u00e4nner Sex. In dem vierten befindet sich nur eine Person. Er klopft an die Scheibe des Wagens und ein junger Mann \u00f6ffnet die Beifahrert\u00fcr. Dieser arbeitet bei einer Autobahntankstelle in der N\u00e4he und war auf der Heimfahrt von seiner Nachtschicht hinterm Steuer schon ein paar Mal kurz eingenickt. Daraufhin hatte er unbedacht den Parkplatz angefahren, um ein wenig zu schlafen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>10<\/strong><\/p>\n<p>Das Gesicht ihres Mannes war ein Sumpf. Alles versank darin. Sie mochte sich mit ihrem Blick gar nicht mehr hineinwagen in dieses Gesicht. Was auch immer sie sagte oder tat, es bewirkte nichts als das kurze Auseinandergleiten seines Wangenfleisches, welches sofort wieder an seinen Platz zur\u00fccksuppte. Das war\u2019s dann. Eine Ausgeburt an Gleichg\u00fcltigkeit dieses sumpfige Gesicht. Fr\u00fcher hatte sie in diesem Gesicht gelesen. Ja, denkt sie, gelesen wie in einem Kochbuch. Um die richtigen Zutaten zu finden f\u00fcr sein Gl\u00fcck. Sein Gl\u00fcck, ihr Gl\u00fcck, das war f\u00fcr sie ja immer das gleiche gewesen. F\u00fcr viele Jahre zumindest. Bis dieses Gesicht versumpfte, als h\u00e4tten diese Jahre es st\u00e4ndig \u00fcberschwemmt. Am Ende war es noch ihre Schuld. Frauen lieben immer zu sehr. Vielleicht sollte sie versuchen, sein Gesicht wieder trocken zu legen. Und wie bittesch\u00f6n? Abnehmen, eine andere Frisur, gemeinsamer Urlaub in der S\u00fcdsee? Auch das w\u00fcrde in seinem Gesicht versinken wie alles andere. Das einzige, was diesem Gesicht noch helfen kann ist meine Faust, denkt sie eines Tages. Doch statt des erwarteten Schmerzes, als ihre Hand die Nase ihres Mannes trifft, sp\u00fcrt sie wie sein Gesicht auseinander weicht, wie zun\u00e4chst ihr Arm, schlie\u00dflich ihr ganzer K\u00f6rper in dieses Gesicht hineingezogen wird. Dann ist alles dunkel und das Leben geht weiter.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1 Wahrscheinlich ist seine Freundlichkeit nur ein Ablenkungsman\u00f6ver. 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