{"id":764,"date":"2016-01-28T22:42:24","date_gmt":"2016-01-28T20:42:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=764"},"modified":"2021-04-11T16:15:24","modified_gmt":"2021-04-11T16:15:24","slug":"der-planet-de-sade","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=764","title":{"rendered":"Der Planet de Sade"},"content":{"rendered":"<p>Am 3. Epikur 2112 wurde die Besatzung der <em>Secular <\/em>von dem Bordcomputer, einem Brainberry L 700, aus dem Thermoschlaf geweckt, ungef\u00e4hr drei Jahre, vier Monate und sieben Tage vor dem urspr\u00fcnglich programmierten Zeitpunkt. <!--more-->Winston Smutje war der erste, dem dies auffiel.<\/p>\n<p>\u201eHerr KaLeu\u201c, rief er quer durch die Schlafkapelle, \u201ewir sind ein bisschen fr\u00fch dran, finden Sie nicht?\u201c<\/p>\n<p>KaLeu Schroeder rieb sich die Augen und sah auf die Anzeige am Kopfende seiner Frostbox.<\/p>\n<p>\u201eTats\u00e4chlich\u201c, murmelte er. Auch die anderen schauten auf ihre Displays und sofort entstand ein lautes Durcheinander von Stimmen.<\/p>\n<p>\u201eNicht schon wieder so ein unsinniger Missionsabbruch, nur weil sich vor \u00fcber f\u00fcnfzehn Jahren jemand verrechnet hat\u201c, sagte Murphy.<\/p>\n<p>\u201eDiesen Brainberries ist nicht zu trauen\u201c, meinte Lazarus. \u201eIch kenne noch die alte 300 Serie, die hat die Leute im Schlaf verkohlen lassen, nur wegen Schwankungen bei der Au\u00dfentemperatur im Nanobereich.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIrgend so ein Walfisch ist garantiert in Schwierigkeiten und wir waren dummerweise in der N\u00e4he\u201c, vermutete Sikkora, w\u00e4hrend sie in ihre Hose schl\u00fcpfte.<\/p>\n<p>Der KaLeu sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eKeine Walfischroute, auf der wir unterwegs sind.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDann halt eines von der Flotte\u201c, warf Holsten in die Runde, \u201edie haben ihre Bottiche doch nie im Griff.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDie Flotte\u201c, sagte Jurgardson, \u201ehat ihre eigenen Rettungsschiffe. Die lassen nicht zu, dass ein unbedeutendes Forschungsvessel eines ihrer Wracks aufsp\u00fcrt und wom\u00f6glich noch untersucht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWir arbeiten immerhin im Auftrag der Regierung\u201c, t\u00f6nte der kleine Song aus der hintersten Ecke der Halle, \u201eoffizieller als wir ist niemand unterwegs in diesem Universum.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDummheit kann man nicht wegschlafen, oder?\u201c, fl\u00fcsterte Knightley seinem Boxnachbarn, einem plattnasigen Chinesen, zu, der zustimmend nickte.<\/p>\n<p>\u201eO.K.\u201c, rief der KaLeu laut. \u201eIn zehn Minuten in der Sala zum Essenfassen und anschlie\u00dfendem Hearing. Ich rede derweil mit Headfruit.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Mannschaft hatte das Essen beendet und fl\u00e4zte auf Silikonhalbschalen, manche redend, manche in der f\u00fcr erst k\u00fcrzlich aus dem Thermoschlaf Erwachte typischen Apathie. Zrvankovic hatte sich als einziger einen H\u00f6rsehschlauch in den Nacken gerammt, worauf die Anderen mit geh\u00f6rigem Spott losbrachen, weil jeder zu wissen meinte, was der b\u00e4rbei\u00dfige Energieingenieur sich da intraspinal zuf\u00fchrte. Nicht, dass alle anderen das gleiche zu tun w\u00fcnschten, aber sie w\u00fcrden es sich f\u00fcr einen sp\u00e4teren Zeitpunkt aufheben. Jetzt ging es erst einmal darum zu kl\u00e4ren, warum sie so vorzeitig aus dem Reisekoma geholt worden waren.<\/p>\n<p>KaLeu Schroeder betrat den Raum. Sein Gesicht sah unaufger\u00e4umt aus und seine Augen bewegten sich in analoger Langsamkeit.<\/p>\n<p>\u201eHerh\u00f6rn!\u201c, rief er und wartete, bis alle sich ihm zugewandt hatten. \u201eHab\u2018 den Marmeladenkopf befragt und scheinbar ist es keine Funktionsst\u00f6rung, sondern ein vorprogrammierter Modus, der dann eintritt, wenn es sich um eine unzul\u00e4ssige Parameterverschiebung handelt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDes weiteren\u201c, fuhr der KaLeu fort, \u201egibt\u2019s ein paar technische Probleme mit der Dunkelvoltaik. Der Rotschopf meint, es k\u00f6nne da einen Zusammenhang geben.\u201c<\/p>\n<p>\u201eZusammenhang zwischen was?\u201c fragte Holsten.<\/p>\n<p>Der KaLeu schubberte sich erst die Nase, dann sein sprossiges Kinn. \u201e Na zwischen der Parameterverschiebung und den Problemen mit der Dunkelvoltaik.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas ist das f\u00fcr eine Parameterverschiebung?\u201c, fragte Sikkora und zapfte sich noch ein Aqua con Hierba aus einem der \u00fcberall im Raum verteilten Trinkfressdispensoren.<\/p>\n<p>\u201eEin Planet\u201c, antwortete KaLeu Schroeder.<\/p>\n<p>\u201eEin Planet?\u201c, kam es unisono zur\u00fcck.<\/p>\n<p>\u201eEin Planet, den es nicht gibt. Also, den es schon gibt, aber keiner kennt ihn. Er steht auf keiner der Listen.\u201c<\/p>\n<p>Jurgardson sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eEin Planet, den keiner kennt, der nirgendwo verzeichnet ist, auf einer der vielbefahrensten Routen im Hitchenssektor. Sind vielleicht Brainberries Fl\u00fcssigkristalle geronnen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch habe das \u00fcberpr\u00fcft\u201c, sagte der KaLeu mit fester Stimme. \u201eWir haben diesen Planeten vor uns und er ist in keiner der Datenstrecken gespeichert. Brainberry hat alles richtig gemacht.\u201c<\/p>\n<p>KaLeu Schroeder mochte es nicht, wenn eine Unzahl von fragenden Blicken sein Gesicht heimsuchte. Aber er konnte es verstehen. Das war wirklich eine eigenartige Situation. Noch eigenartiger war nat\u00fcrlich das, was er ihnen jetzt noch mitzuteilen hatte.<\/p>\n<p>\u201e Nach all den Daten, die Brainberry bisher gesammelt hat, ist dieser Planet \u00fcbrigens bewohnt. Multiple Lebensformen in Stickstoff\/Sauerstoffgemisch. Vielf\u00e4ltige Spuren von strukturellen Ver\u00e4nderungen, die keinem Wachstumsprozess entspringen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSoll hei\u00dfen?\u201c, fragte Murphy.<\/p>\n<p>\u201eIntelligentes Leben, du Kohlenstoffruine\u201c, erwiderte Sikkora.<\/p>\n<p>\u201eJa, so sieht es aus\u201c, sagte KaLeu Schroeder. \u201eUnsere Anweisung sind in diesem Fall sehr klar. Runter auf die Kugel und nachsehen, was sich auf ihr bewegt.\u201c<\/p>\n<p>Eine geballte Ladung Widerstand schwappte in Schroeders Ohren. Er aber war schon dabei, in Gedanken die einzelnen Suchtrupps zusammenzustellen. Nur Heinz und Katsuma w\u00fcrden auf dem Schiff bleiben. Alle anderen sollten sich auf den Weg machen. Seitdem der Mensch angefangen hatte, den Weltraum zu erobern, war die Entdeckerlust zur\u00fcckgekehrt und mit ihr die unvermeidliche Gefahr, selbiger zum Opfer zu fallen. Sie w\u00fcrden diesen Planeten erforschen. Ob es eine R\u00fcckkehr g\u00e4be, wusste er nicht, aber wenn, dann k\u00f6nnte es durchaus sein, dass sie triumphal und von einem nicht auszumalenden Geldsegen begleitet sein w\u00fcrde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">*<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Probulet war einer der f\u00fcnf Archivare der Regierung des Hitchenssektor, denen die unangenehme Aufgabe zugefallen war, die Datenfossilien der letzten Jahrhunderte auszuwerten. Das bedeutete, 99 Prozent seiner Arbeitszeit darauf zu verwenden, die Unwiederherstellbarkeit alter und \u00e4ltester Datenfragmente festzustellen. Und selbst bei denen, die er entschl\u00fcsseln konnte, war eine historische Zuordnung nicht m\u00f6glich, weil durch den Aufarbeitungsprozess Quellcodes ver\u00e4ndert wurden, die einen Hinweis auf Ursprung und zeitlich Verortung gegeben h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Die Daten von der <em>Secular <\/em> bildeten eine erfreuliche Ausnahme, auch wenn sie offensichtlich schon das gigahistorische Alter von \u00fcber tausend Jahren hatten. Nur ein Zufall &#8211; Zuf\u00e4lle dieser Art, das wusste Probulet genau, kamen hin und wieder vor, sehr selten zwar, aber sie schienen eine Art brownscher Bewegung auf der universellen Kontingenz zu sein, \u00fcberall dort, wo Leben wimmelte, traten sie auf und schienen nichts anders im Schilde zu f\u00fchren, als Verwirrung zu stiften, obwohl ein solches Stiften niemals in seinem Sinne liegen konnte, weil es gerade diesen in allererster Linie entbehrte \u2013 hatte ihre digitale Frische erhalten, weil ein damals verwendetes Program, das sich eigentlich nur in einer Testphase befand, in seiner Grundstruktur genau der Basis entsprach, die man zwei oder drei Generationen vor Probulets Geburt als datentechnische Revolution gefeiert hatte und die nun s\u00e4mtliche Konfigurationen cybertechnischer Ger\u00e4tschaften bestimmte.<\/p>\n<p>Probulet las aus den Daten heraus, dass die <em>Secular <\/em>angehalten und zu einem Planeten geleitet worden war, den keine der damals bekannten Sternenkarten verzeichnete. Zudem zeigten alle Bordsysteme an, dass sich auf diesem Planeten Leben befinde. Der Kommandant des Schiffes ordnete an, eine Expedition auf den Planeten zu schicken, die allerdings niemals zur\u00fcckkehrte. Nur zwei Besatzungsmitglieder bleiben an Bord, von denen eines sich ebenfalls auf den Planeten begab und nach drei Wochen als zutiefst verschreckte und unheilbar traumatisierte Person zur\u00fcckkehrte. Die Monate der R\u00fcckreise nutzte der Bordcomputer Brainberry, die Erlebnisse des Patienten zu analysieren.<\/p>\n<p>Was Probulet zu lesen bekam, ersch\u00fctterte ihn zutiefst. Und da er einer der wenigen Menschen war, die eine historophilosophische Ausbildung genossen hatten, erkannte er in den Berichten von der <em>Secular <\/em>ein uraltes Muster, eines, das den fr\u00fchesten Mythen entsprach. Erz\u00e4hlungen aus der Zeit vor der Zeit, und auch wenn er wusste, dass besagter Planet nur kurz nach der Ankunft der <em>Secular <\/em>durch mehrere Asteroideneinschl\u00e4ge unbewohnbar geworden war, gab er ihm einen Namen, der seinem urspr\u00fcnglichen Wesen gerecht werden sollte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 3. 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