{"id":809,"date":"2016-02-09T00:23:48","date_gmt":"2016-02-08T22:23:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=809"},"modified":"2021-04-11T08:27:31","modified_gmt":"2021-04-11T08:27:31","slug":"die-bibliothek","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=809","title":{"rendered":"Die Bibliothek"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00a0<\/strong>Zwei Tage bevor mein Vater starb, hatte er mich noch angerufen.<br \/>\n\u201eEs ist schon wieder eins weg\u201c, sagte er aufgeregt, \u201eund wei\u00dft du welches?\u201c<br \/>\n\u201eNein.\u201c<br \/>\n\u201eDer Somerset. Wie ich es vorausgesehen habe.\u201c<!--more--><br \/>\n\u201eTats\u00e4chlich, der Somerset\u201c, sagte ich in einem Tonfall, der, wie ich hoffte, meinen Vater glauben lie\u00df, ich w\u00fcrde mich daran erinnern, dass er vor einiger Zeit gesagt hatte, der Somerset w\u00fcrde der n\u00e4chste sein, der verschwindet.<br \/>\n\u201eDu musst unbedingt kommen. Wir m\u00fcssen reden.\u201c<br \/>\n\u201eIch komme am Montag\u201c, erwiderte ich.<br \/>\n\u201eMontag? Das ist ja erst n\u00e4chste Woche. Da kann es schon zu sp\u00e4t sein. Es fehlt ja nur noch eins.\u201c<br \/>\n\u201eVater\u201c, sagte ich laut, \u201ewenn du nicht willst, dass dich bald alle, mich eingeschlossen, f\u00fcr einen Irren halten, dann h\u00f6r auf damit. Es ist noch lange nicht zu sp\u00e4t. Du bist zwar alt, aber kerngesund.\u201c<br \/>\n\u201eWas soll das denn hei\u00dfen?\u201c, fragte er, h\u00f6rbar emp\u00f6rt.<br \/>\n\u201eDas soll hei\u00dfen, dass zwar deine B\u00fccher eins nach dem anderen verschwinden, dies aber kein Hinweis darauf ist, dass du auch bald verschwindest. Es sei denn du hast dir ein Ticket nach sonstwo gekauft und planst es auch zu benutzen.\u201c<br \/>\n\u201eDu bist ein Ekel, wei\u00dft du das? Und jetzt komm, verdammt! Mir l\u00e4uft die Zeit davon.\u201c<\/p>\n<p>Also fuhr ich zu ihm.<br \/>\n\u201eIch hab schon alles aufgeschrieben, was du erledigen musst\u201c, sagte er, als wir uns an den K\u00fcchentisch gesetzt hatten. Auf dem Weg hatte ich an einer Tankstelle zwei Dosen Bier gekauft, die ich jetzt \u00f6ffnete. Ich \u00fcberflog den Zettel. Es waren scheinbar detaillierte Anweisungen, wie seine Beerdigung zu verlaufen habe.<br \/>\nAls ich wieder aufsah, meinte er: \u201eIch hoffe, ich kann mich auf dich verlassen.\u201c<br \/>\n\u201eNat\u00fcrlich kannst du dich auf mich verlassen. Und wenn es mal soweit ist, dann wird alles so gemacht, wie du es hier aufgeschrieben hast.\u201c Ich versuchte ruhig und gelassen zu bleiben.<br \/>\nVater beugte sich \u00fcber den Tisch, so dass seine knorpelige Nase fast meine Brillengl\u00e4ser ber\u00fchrte.<br \/>\n\u201eEs ist bald soweit. Vielleicht morgen schon\u201c, fl\u00fcsterte er eindringlich.<br \/>\n\u201eVater\u201c, versuchte ich es erneut, \u201ewir waren letzte Woche beim Arzt. Er hat dich von Kopf bis Fu\u00df untersucht. Dir fehlt nichts. Du k\u00f6nntest, wenn du wolltest sogar noch Kinder zeugen, hat er gesagt.\u201c<br \/>\nMein Vater machte eine abf\u00e4llige Geste. \u201eAch dieser bl\u00f6de Arzt. Hielt sich f\u00fcr besonders witzig. Hat doch keine Ahnung. Was wei\u00df der denn schon von meinen B\u00fcchern. Au\u00dferdem, wie soll dieser Doktor etwas verstehen, was noch nicht mal mein eigen Fleisch und Blut versteht?\u201c<br \/>\n\u201eWas verstehen?\u201c, fragte ich, \u201edass deine B\u00fccher dich umbringen wollen?\u201c<br \/>\n\u201ePah\u201c, rief der Alte, \u201edu bist ein widerlicher Ignorant. Es sind nicht die B\u00fccher, die mich umbringen werden. Im Gegenteil. Die B\u00fccher haben mich bisher am Leben erhalten. Es ist ihr Verschwinden, was mich t\u00f6ten wird.\u201c<\/p>\n<p>Dass meinem Vater nach und nach die B\u00fccher seiner umfangreichen Bibliothek abhanden kamen war wirklich ein R\u00e4tsel. Angefangen hatte es kurz nach dem Tod meiner Mutter. Zun\u00e4chst dachte ich, er h\u00e4tte sie verlegt. Best\u00fcrzt zeigte er mir die L\u00fccken in seinen B\u00fccherregalen. Aber obwohl wir das ganze Haus auf den Kopf stellten, waren sie nicht aufzufinden. Mein Vater verd\u00e4chtigte die Putzfrau und entlie\u00df sie. Von da an machte ich jeden Montag bei ihm sauber. Dennoch verschwanden immer wieder B\u00fccher. Manchmal nur eins, manchmal mehrere. Die Intervalle waren unterschiedlich. Aber wenigstens einmal im Monat bekam ich einen Anruf von meinem Vater, indem er den weiteren Verlust eines Buches beklagte. Ich konnte es mir nicht anders erkl\u00e4ren, als dass mein Vater, obwohl er geistig noch voll auf der H\u00f6he erschien, an einer gewissen Form von Demenz litt und die B\u00fccher entweder wegwarf oder au\u00dfer Haus brachte, ohne sich dessen bewusst zu sein.<br \/>\nEinmal nahm ich mir sogar eine Woche Urlaub und beobachtete die ganze Zeit sein Haus, um zu sehen ob es nicht doch er war, der die B\u00fccher verschwinden lie\u00df. Aber er ging h\u00f6chstens in den Supermarkt um die Ecke oder zum B\u00e4cker. Selbst den M\u00fcll untersuchte ich, fand aber nichts. Schlussendlich sagte ich mir, dass mein Vater irgendwo im Haus ein geheimes Versteck haben musste, wo er die B\u00fccher deponierte und ich sie sp\u00e4testens nach seinem Tod finden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Was meinen Vater so beunruhigte war allerdings nicht nur dass, sondern welche B\u00fccher aus seinen Regalen verschwanden. Die erste Zeit kam es ihm sehr willk\u00fcrlich vor, aber irgendwann meinte er ein System erkannt zu haben.<br \/>\nEines Tages legte er mir eine Liste vor, in die er alle Titel eingetragen hatte, die ihm bis zu diesem Tag abhanden gekommen waren.<br \/>\n\u201eUnd?\u201c, fragte er gespannt, als ich mir seine Aufstellung angesehen hatte, \u201ef\u00e4llt dir was auf?\u201c<br \/>\n\u201eVater\u201c, erwiderte ich leicht gereizt, \u201edu wei\u00dft, ich kann mit B\u00fcchern nicht viel anfangen. Die meisten der Sachen, die da stehen kenne ich gar nicht.\u201c<br \/>\nEr verdrehte die Augen und nahm das Papier wieder an sich.<br \/>\n\u201eDann kannst du es ja gar nicht verstehen.\u201c<br \/>\n\u201eErkl\u00e4r\u2019s mir halt.\u201c<br \/>\n\u201eWarum, wenn du mich gar nicht ernst nimmst.\u201c<br \/>\n\u201eAch Vater, nat\u00fcrlich &#8230; komm sag schon.\u201c<br \/>\nEr setzte sich neben mich und legte den Zettel vor uns auf den Tisch.<br \/>\n\u201eAlso hier, Buch Nummer eins \u2013 Wahlverwandtschaften von Goethe. Das war das letzte Buch, welches ich mir gekauft habe. Vorigen Sommer, als wir nach Travem\u00fcnde fuhren. Erinnerst du dich?\u201c<br \/>\nTats\u00e4chlich konnte ich mich daran erinnern, dass mein Vater von mir verlangte auf dem Weg von M\u00fcnchen an die Ostsee von der Autobahn abzufahren um irgendwo einen Buchladen zu finden, weil er noch etwas zum Lesen f\u00fcr seinen Kuraufenthalt kaufen wollte.<br \/>\n\u201eDanach\u201c, fuhr er fort, \u201e Die L\u00fccke die der Teufel l\u00e4sst \u2013 und \u2013 Die Stadt der Blinden. Die beiden letzten B\u00fccher, die deine Mutter mir geschenkt hat. zu meinem achtundsiebzigsten. Dann verschwanden vier auf einmal. Und zwar alte B\u00fccher, aus meiner Schulzeit, wunderbare B\u00fccher, die ich durch all die Jahre hindurchgerettet habe. Zun\u00e4chst dachte ich ja, es h\u00e4tte was damit zu tun, wann ich die B\u00fccher gekauft oder bekommen hatte. Nun aber, die alten B\u00fccher, die ich schon so lange besa\u00df. Bis mir einfiel, dass ich alle vier vor einigen Jahren habe von einem Buchbinder neu einbinden lassen. Danach sahen sie wieder aus wie neu. Sie kamen mir auch ganz neu vor, und da habe ich sie gerade noch mal durchgelesen, zum hundersten Mal denke ich.\u201c<br \/>\n\u201eDu meinst also\u201c, sagte ich, ein wenig erleichtert so schnell hinter das sogenannte System gekommen zu sein, \u201edie B\u00fccher verschwinden in der Reihenfolge, in der du sie gelesen hast?\u201c<br \/>\n\u201eJa, das dachte ich zun\u00e4chst. Aber es waren nicht alle B\u00fccher verschwunden, die ich gelesen habe. Hier, der Grass steht noch da, der Schwanitz, der Walser, die Sonntag. Das Datum der Lekt\u00fcre ist nur ein Kriterium, merkte ich. Es musste noch weitere geben.\u201c<br \/>\n\u201eUnd, hast du die auch entdeckt?\u201c<br \/>\n\u201eJa!\u201c, sagte er triumphierend, und ich fand seine Begeisterung richtig drollig.<br \/>\n\u201eSchau dir die Liste weiter an. Wir kommen langsam in die neunziger Jahre. Da gibt es B\u00fccher, die ich neu gekauft habe und auch solche, die ich schon lange hatte und wieder gelesen habe. Manche allerdings nur stellenweise.\u201c<br \/>\n\u201eHalt, \u201eunterbrach ich ihn, \u201ewoher wei\u00dft du, wann du welches Buch gelesen hast? Das ist mittlerweile zehn Jahre und l\u00e4nger her.\u201c<br \/>\nDas faltige Gesicht meines Vaters verzog sich zu einem h\u00e4mischen Grinsen.<br \/>\n\u201eDas mein lieber Sohn, war genau der Punkt. Ich habe mir dieselbe Frage gestellt. Diese B\u00fccher, da auf der Liste. Worin unterscheiden sie sich von den anderen, die da noch ganz unversehrt im Regal stehen. N\u00e4chte lang sa\u00df ich \u00fcber der Liste und habe nachgedacht. Bis es mir dann auffiel. Es verschwinden nur die B\u00fccher, an deren erste Lekt\u00fcre ich mich erinnern kann. Oder daran, wie ich sie wiederentdeckte. Deswegen sind die B\u00fccher, die ich in den letzten Jahren gekauft habe, beinnahe alle verschwunden. Je weiter es in die Vergangenheit geht, desto gr\u00f6\u00dfer werden die L\u00fccken.\u201c<\/p>\n<p>Das war zuviel f\u00fcr mich. Eine rein zeitliche Abfolge w\u00e4re noch nachvollziehbar gewesen. Nachpr\u00fcfbar, was hie\u00df, ich h\u00e4tte die M\u00f6glichkeit gehabt, meinem Vater seinen Irrsinn irgendwie durch Logik auszutreiben. So aber verschwanden jene B\u00fccher nach einem Schema, das einzig und allein er nachvollziehen konnte. Und solange ich nicht wusste, wo die B\u00fccher abgeblieben waren, blieb mir nur \u00fcbrig, so zu tun, als w\u00fcrde ich ihm glauben.<\/p>\n<p>\u201eDer n\u00e4chste, der verschwindet, ist der Somerset.\u201c sagte er noch.<\/p>\n<p>Dann war es eigenartigerweise monatelang ruhig, und das r\u00e4tselhafte B\u00fccherverschwinden h\u00f6rte auf. Ich hatte es schon fast vergessen, bis zu jenem Anruf.<br \/>\n\u201eDer Somerset. Wie ich es vorausgesagt habe.\u201c<\/p>\n<p>Nur einmal hatten wir in der Zwischenzeit noch dar\u00fcber gesprochen. Mein Vater hatte eine schwere Erk\u00e4ltung und ich verlangte von ihm, im Bett zu bleiben. Missmutig trank er den Kamillentee, den ich ihm kochte. Wenn er Hunger hatte, machte ich ihm eine klare Br\u00fche, die er, leise vor sich hinmaulend, l\u00f6ffelte. Irgendwann sagte er:<br \/>\n\u201e\u00dcbrigens, wegen der B\u00fccher. Ich wei\u00df jetzt, was ihr Verschwinden zu bedeuten hat.\u201c<br \/>\n\u201eJaja, ich wei\u00df, sie verschwinden weil du dich an sie erinnern kannst.\u201c<br \/>\n\u201eJa, deswegen verschwinden sie. Aber was ich bisher nicht wusste ist, warum sie verschwinden. Warum in dieser Reihenfolge und warum \u00fcberhaupt.\u201c<br \/>\n\u201eUnd, hast du das herausgefunden?\u201c<br \/>\n\u201eNat\u00fcrlich. Ich besch\u00e4ftige mich eben mit Dingen, die \u00fcber die t\u00e4gliche Lebensbew\u00e4ltigung hinausgehen. Was dir \u00fcbrigens auch nicht schaden k\u00f6nnte.\u201c<br \/>\nIch \u00fcberh\u00f6rte diese Spitze und wischte ihm mit einem Handtuch den Mund ab, was ihn noch mehr ver\u00e4rgerte.<br \/>\n\u201eEs ist ein Hinweis. Die B\u00fccher verschwinden, weil sie mir damit sagen m\u00f6chten, dass meine Zeit gekommen ist.\u201c<br \/>\n\u201eDeine Zeit gekommen?\u201c<br \/>\n\u201eMeine Zeit zu sterben. Ja.\u201c<br \/>\n\u201eUnd das sagen dir deine B\u00fccher, indem sie eins nach dem anderen verschwinden?\u201c<br \/>\nObwohl ich merkte, wie ernst es meinem Vater war, konnte ich weder meinen \u00c4rger noch den aufkommenden Sarkasmus unterdr\u00fccken.<br \/>\n\u201eIch habe nicht erwartet, dass du mir glaubst, mein Junge. Du sollst einfach nur vorbereitet sein. Erst wird der Somerset verschwinden. Danach geht\u2019s dann schnell.\u201c<\/p>\n<p>Angesichts des Wahnsinns sucht der Mensch, der sich f\u00fcr normal h\u00e4lt, Schutz im Schatten von Institutionen, denen er vertraut. In diesem Fall einem Arzt.<br \/>\nIn der folgenden Woche lie\u00df ich meinen Vater gr\u00fcndlich untersuchen. Mit einem mehr als ermutigenden Ergebnis. Von Demenz keine Spur. Und \u00fcberhaupt warteten da noch eine ganze Reihe von angenehmen Lebensjahren auf ihn, so die Meinung des jungen aber durchaus kompetenten Mediziners.<br \/>\n\u201eDu wirst schon sehen\u201c, war alles, was mein Vater dazu sagte.<\/p>\n<p>\u201eEins fehlt noch\u201c, sagte Vater und schl\u00fcrfte an seinem Bier.<br \/>\n\u201eUnd welches ist es deiner Meinung nach?\u201c<br \/>\n\u201eIch wei\u00df es nicht\u201c<br \/>\n\u201eWie, du wei\u00dft es nicht?\u201c<br \/>\n\u201eAn den Somerset kann ich mich genau erinnern. Den hab ich gelesen, damals, als ich in Kriegsgefangenschaft war. Ich war ja einer der wenigen, die englisch konnten. Und einer der Offiziere meinte \u00fcber gute Literatur w\u00e4re das mit der Entnazifizierung am besten zu bewerkstelligen.\u201c<br \/>\n\u201eJa und, davor? Das war ja nicht das erste Buch, das du gelesen hast.\u201c<br \/>\n\u201eNein, nein, da gab es viele. Aber die habe ich alle nicht mehr. Da waren die vier, die ich neu binden lie\u00df, aber die sind ja schon weg.\u201c<br \/>\n\u201eDann k\u00f6nnte es ja durchaus sein\u201c, sagte ich gut gelaunt, weil ich meinte, ihn nun endlich zu haben, \u201e dass es mit dir doch nicht zu Ende geht. Schlicht und einfach, weil dir die B\u00fccher ausgehen, an die du dich erinnern kannst.\u201c<br \/>\n\u201eWenn es so einfach w\u00e4re&#8230;\u201c<\/p>\n<p>Dann fand ein Nachbar meinen Vater tot vor der Haust\u00fcr liegen. Als Ursache wurde eine Hirnblutung festgestellt. Keine zwei Sekunden h\u00e4tte es gedauert, sagte man mir, als w\u00e4re das ein Trost.<br \/>\nDie Tage bis der Leichnam zur Beerdigung freigegeben wurde, verbrachte ich meist alleine. Trauer, Selbstvorw\u00fcrfe und eine vollst\u00e4ndige Verwirrtheit \u00fcber den pl\u00f6tzlichen Tod meines Vaters, samt der Tatsache seines Vorauswissens \u00fcber sein baldiges Ableben erzeugten in mir ein Gef\u00fchlschaos, welches ich bald nur noch mit einer geh\u00f6rigen Menge Alkohol bew\u00e4ltigen konnte. Schlie\u00dflich aber kam ich zu dem Schluss, dass es eben Dinge gibt, die man nicht erkl\u00e4ren kann, die unseren Verstand \u00fcbersteigen, die man einfach so hinnehmen muss. Nichts anderes blieb mir zu tun, als meinen Vater zu beerdigen, um ihn zu trauern und mein Leben so weiter zu f\u00fchren, wie zuvor.<br \/>\nMir fiel wieder der Zettel ein, den mein Vater mir gegeben hatte und auf dem die W\u00fcnsche seine Beerdigung betreffend aufgeschrieben waren. Nach langem Suchen fand ich ihn in meinem Nachttisch. Ich erschrak als ich las, er wolle nur im engsten Familienkreis beerdigt werden. Keinen Pfarrer, so seine Anweisungen. Ich solle lediglich am Grab etwas vorlesen. Aus der Bibel.<\/p>\n<p>Eine Bibel hatte ich nat\u00fcrlich nicht. Aber mein Vater mit Sicherheit. Da ich sowieso seine Sachen noch alle sortieren und f\u00fcr die Haushaltsaufl\u00f6sung fertig machen musste, beschloss ich unter seinen verbliebenen B\u00fcchern nach einer Bibel zu suchen. Als ich in die Bibliothek kam, der gr\u00f6\u00dfte Raum des Hauses, gem\u00fctlich eingerichtet mit Kamin und Ohrensessel, fiel mir sofort auf, dass die B\u00fccherregale so voll waren, wie ich sie seit je her in Erinnerungen hatte. Ich begann nachzusehen. Da standen die Wahlverwandtschaften, weiter oben die Stadt der Blinden, auf der gegen\u00fcberliegenden Seite der Kluge. Auch den Somerset fand ich, sowie alle anderen B\u00fccher, deren Verschwinden mein Vater beklagt hatte.<br \/>\nSchlie\u00dflich entdeckte ich eine Bibel, die ich verwirrt aufschlug. Auf der ersten Seite stand eine Widmung. Es waren die Worte meiner Gro\u00dfmutter an ihren einzigen Sohn:<br \/>\n\u201eDas erste Buch, das man geschenkt bekommt, sollte das beste sein, das je geschrieben wurde. M\u00f6gest du es lesen und es niemals vergessen.\u201c<\/p>\n<p>Ich stellte die Bibel zur\u00fcck an ihren Platz, setzte mich in den Sessel und betrachtete die Unzahl an B\u00fcchern. Dann stand ich auf, holte irgendeines aus dem Regal und begann zu lesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Zwei Tage bevor mein Vater starb, hatte er mich noch angerufen. \u201eEs ist schon wieder eins weg\u201c, sagte er aufgeregt, \u201eund wei\u00dft du welches?\u201c \u201eNein.\u201c \u201eDer Somerset. 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