{"id":814,"date":"2016-02-10T17:39:16","date_gmt":"2016-02-10T15:39:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=814"},"modified":"2021-04-11T16:10:38","modified_gmt":"2021-04-11T16:10:38","slug":"die-mauer-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=814","title":{"rendered":"Die Mauer"},"content":{"rendered":"<p>Ein lautes Rumpeln, dann T\u00fcrenschlagen und Stimmen. Theodor, der gerade dabei war den Morgenkaffee aufzubr\u00fchen, stellte den Wasserkocher auf die Sp\u00fcle und ging zum Fenster.<!--more--><\/p>\n<p>Im Hof vor seinem Haus stand ein gro\u00dfer LKW, aus dem M\u00e4nner kletterten, die wie Bauarbeiter aussahen. Das Fahrzeug war mit Backsteinen, Sand und Zement beladen, dazu zwei Schubkarren und einige Schaufeln. Theodor sch\u00fcttelte verwundert den Kopf.<\/p>\n<p>Seine Frau kam in die K\u00fcche und fragte, was da drau\u00dfen los sei.<br \/>\n\u201eArbeiter\u201c, meinte er.<br \/>\n\u201eHast du welche bestellt?\u201c, wollte sie wissen.<br \/>\n\u201eNein. Du?\u201c<br \/>\nDie Frau sch\u00fcttelte den Kopf.<br \/>\n\u201eDann werde ich einmal nachsehen, was die wollen\u201c, sagte Theodor, schl\u00fcpfte in eine d\u00fcnne Jacke und ging hinaus.<\/p>\n<p>Drei der M\u00e4nner waren gerade dabei Zements\u00e4cke abzuladen, w\u00e4hrend zwei weitere mitten im Hof begonnen hatten, ein schmales Fundament auszuheben.<br \/>\n\u201eGuten Morgen die Herren!\u201c, rief Theodor. Die Arbeiter erwiderten den Gru\u00df mit einem kurzen Kopfnicken.<br \/>\n\u201eDarf man erfahren, was Sie hier tun?\u201c, fragte Theodor in die Runde, bekam jedoch keine Antwort. Die M\u00e4nner sahen nicht einmal auf. Also ging er auf einen zu, der sich gerade einen Sack Zement auf die Schulter gewuchtet hatte.<br \/>\n\u201eWas machen Sie hier?\u201c<br \/>\nDer Mann schaute ihn mit kleinen Augen an.<br \/>\n\u201eWir bauen eine Mauer\u201c, sagte er, schob sich an Theodor vorbei zu den schon abgeladenen Zements\u00e4cken und lie\u00df seine Last von der Schultern rutschen.<br \/>\n\u201eIch habe keine Mauer bestellt\u201c, sagte Theodor, \u201edas muss ein Missverst\u00e4ndnis sein.\u201c<br \/>\n\u201eKeine Ahnung\u201c, sagte der Mann, schnappte sich eine Schaufel, sprang auf den LKW und begann Sand in den Hof zu schippen.<\/p>\n<p>Theodor wandte sich einem anderen Arbeiter zu.<br \/>\n\u201eMein Herr, was machen Sie hier? Ich habe keine Mauer bestellt.\u201c<br \/>\n\u201eKeine Ahnung\u201c, sagte auch dieser. \u201eWir sollen hier eine Mauer bauen, mehr wei\u00df ich auch nicht. Und jetzt st\u00f6ren Sie bitte nicht weiter.\u201c<br \/>\nSprachs und fuhr fort, Zement unter den Sand zu mischen.<\/p>\n<p>\u201eIch m\u00f6chte ihren Chef sprechen\u201c, forderte Theodor nachdem er einen kurzen Moment nachgedacht hatte.<br \/>\n\u201eDer Chef kommt heute Mittag, wenn wir fertig sind\u201c, sagte der Mann ohne seine Arbeit zu unterbrechen.<\/p>\n<p>Theodor kehrte ins Haus zur\u00fcck.<br \/>\n\u201eUnd, was machen die?\u201c, erkundigte sich seine Frau.<br \/>\n\u201eSie bauen eine Mauer.\u201c<br \/>\n\u201eEine Mauer? Hast du denn eine bestellt?\u201c<br \/>\n\u201eNein, habe ich nicht! Was wollen wir mit einer Mauer mitten im Hof?\u201c<br \/>\nDie Frau goss ihrem Mann einen Kaffee ein und stellte die Tasse auf den K\u00fcchentisch.<br \/>\nTheodor setzte sich.<br \/>\n\u201eHeute Mittag k\u00e4me der Chef, haben sie gesagt. Der w\u00fcsste, was das soll mit dieser Mauer.\u201c<br \/>\n\u201eStand in der Zeitung etwas von Bauma\u00dfnahmen?\u201c<br \/>\n\u201eNein, nichts. Aber wenn schon. Es ist unser Hof, da kann doch niemand einfach etwas draufbauen.\u201c<br \/>\n\u201eWillst du zur Polizei gehen?\u201c, fragte die Frau w\u00e4hrend sie von einem Laib Brot einige d\u00fcnne Scheiben herunterschnitt.<br \/>\nTheodor \u00fcberlegte einen Augenblick.<br \/>\n\u201eNoch nicht. Ich warte bis der Chef kommt. Ich will keinen \u00c4rger mit der Polizei.\u201c<br \/>\n\u201eGut\u201c, sagte die Frau, \u201edann lass uns fr\u00fchst\u00fccken und warten.\u201c<\/p>\n<p>Nachdem Theodor fertiggegessen hatte, ging er wieder auf den Hof. Die Arbeiter hatten inzwischen mit einer erdfeuchten Betonmasse das Fundament aufgef\u00fcllt und waren gerade dabei die Ecksteine zu setzen. Lang w\u00fcrde sie ja nicht werden diese Mauer, h\u00f6chstens vier Meter. Theodor \u00fcberlegte, welchen Sinn es haben k\u00f6nnte, ausgerechnet an dieser Stelle eine Mauer zu bauen. Doch was ihm auch einfiel, nichts erschien plausibel. Einige Male kam er in Versuchung die Bauleute zu fragen, was f\u00fcr einen Nutzen ihre Arbeit nun haben solle, aber er verkniff es sich in der Annahme, sowieso keine Auskunft zu erhalten. So blieb ihm nichts anders \u00fcbrig, als zuzusehen wie die Mauer Schicht um Schicht wuchs. Als sie selbst den gr\u00f6\u00dften der M\u00e4nner um mindestens einen halben Meter \u00fcberragte, beendeten diese ihre Arbeit, r\u00e4umten alles \u00fcbrig gebliebene Material sowie ihr Werkzeug auf den LKW und fuhren, wiederum mit einem Kopfnicken gr\u00fc\u00dfend, davon.<\/p>\n<p>Theodor betrachtete die Mauer, die nun wie ein eigenartiges Denkmal inmitten seines Hofes stand. Das war gute Arbeit, dachte er, zweifellos. Und schnell waren sie gewesen. Ein wenig schwankte die Wand, aber der M\u00f6rtel war ja noch frisch.<\/p>\n<p>Da fuhr ein Auto auf den Hof. Ein Herr mittleren Alters stieg aus dem Wagen. Er trug eine saubere Arbeitshose und einen Stoffhut mit schmaler Krempe. Der Mann gr\u00fc\u00dfte Theodor mit einem knappen \u201eGuten Tag\u201c und wandte sich sofort der Mauer zu. Er ma\u00df ihre L\u00e4nge und \u00fcberpr\u00fcfte mit einer Wasserwaage, ob sie im Lot stand. Dann nickte er, was Theodor als Zeichen der Zufriedenheit deutete. Als der Herr mit seiner Begutachtung zu Ende gekommen schien, hielt Theodor den Moment f\u00fcr gekommen, nach dem Sinn dieser Aktion zu fragen.<\/p>\n<p>\u201eKeine Ahnung\u201c, sagte der Mann und wollte schon wieder in sein Auto steigen.<br \/>\n\u201eAber\u201c, rief Theodor und stellte sich so nah an den Wagen, dass der Fahrer die T\u00fcr nicht mehr schlie\u00dfen konnte, \u201eich habe keine Mauer bestellt! Ich verlange eine Erkl\u00e4rung.\u201c<br \/>\nDer Mann sah ihn absch\u00e4tzig an. Offensichtlich war er es nicht gewohnt, so bedr\u00e4ngt zu werden.<br \/>\n\u201eIch kann Ihnen nichts erkl\u00e4ren\u201c, sagte er, \u201ewir hatten eine Anweisung vom Amt, die wir befolgt haben.\u201c<br \/>\n\u201eEine Anweisung?\u201c, fragte Theodor. \u201eUm hier eine Mauer zu bauen?\u201c<br \/>\n\u201eJa\u201c, erwiderte der Mann.<br \/>\n\u201eF\u00fcr mein Haus? F\u00fcr diese Adresse?\u201c<br \/>\nDer Mann griff nach einem Zettel, der auf dem Beifahrersitz lag und las:<br \/>\n\u201eWiesengrund 1, das ist doch hier, oder?\u201c<br \/>\n\u201eJa.\u201c<br \/>\n\u201eNa sehen Sie. Es hat alles seine Richtigkeit. Treten Sie bitte zur Seite, ich habe noch andere Baustellen zu begutachten.\u201c<br \/>\nTheodor machte einen Schritt zur\u00fcck, doch ehe der Mann die T\u00fcr schlie\u00dfen konnte, fragte er noch schnell, welches Amt die Anweisung gegeben h\u00e4tte.<br \/>\n\u201eDas Bauamt nat\u00fcrlich\u201c, bekam er zur Antwort und im gleichen Augenblick startete der Wagen und fuhr vom Hof.<\/p>\n<p>Nun denn, dachte Theodor, dann werde ich wohl dort einmal nachfragen und machte sich, nachdem er etwas gegessen hatte, auf den Weg in die Stadt.<\/p>\n<p>Das Amt befand sich in einem flachen Geb\u00e4ude, das aus einem langen Flur bestand, von dem mehrere Zimmer abgingen. Theodor w\u00e4hlte die erste T\u00fcr auf der rechten Seite, klopfte und trat ein. Hinter einem gro\u00dfen Holzschreibtisch sa\u00df ein Mann, ins Studium eines Bauplanes vertieft. Der Beamte sah auf und Theodor konnte erkennen, dass er ein Glasauge trug aus dem kleine Tr\u00e4nen heraussickerten.<\/p>\n<p>\u201eEine Mauer?\u201c, fragte der Beamte, nachdem Theodor ihm sein Anliegen geschildert hatte. \u201eIm Wiesengrund 1? Da muss ich nachsehen.\u201c<br \/>\nEr stand auf und \u00f6ffnete einen langen Schrank, der voller aufgerollter Pl\u00e4ne war. Dort wurde er aber offenbar nicht f\u00fcndig und entschuldigte sich f\u00fcr einen Moment. Nach einer geraumen Zeit kam er zur\u00fcck, setzte sich wieder hinter den Schreibtisch und richtete ein feuchtes und ein trockenes Auge auf Theodor.<br \/>\n\u201eJa\u201c, erkl\u00e4rte er, \u201edie Mauer ist bestellt worden und auch genehmigt. Es gibt also keinen Grund zur Klage.\u201c<br \/>\n\u201eAber\u201c, wollte Theodor wissen, \u201ewer hat sie denn bestellt? Und warum?\u201c<br \/>\n\u201eKeine Ahnung\u201c, sagte der Beamte.<br \/>\n\u201eAlle haben keine Ahnung, das ist eigenartig oder?\u201c Theodors Stimme klang gereizt, was sein Gegen\u00fcber zu ver\u00e4rgern schien.<br \/>\n\u201eMan braucht keine Ahnung haben\u201c, sagte dieser, \u201ewenn es eine Anweisung und eine Genehmigung gibt.\u201c<br \/>\n\u201eIch m\u00f6chte ja nur wissen\u201c, versuchte Theodor sich zu erkl\u00e4ren, \u201evon wem die Anweisung stammt und wieso sie gegeben wurde. Es handelt sich immerhin um mein Grundst\u00fcck. Ich habe Rechte.\u201c<br \/>\nDer Beamte grinste. \u201eAuf Rechte pochen alle gerne. Rechte, mein Herr, sind kein Grund Dinge anzuzweifeln, die ihre Ordnungsm\u00e4\u00dfigkeit haben. Und in Ihrem Fall hat alles seine Ordnung. Ich glaube, das w\u00e4re es dann auch.\u201c<br \/>\nDamit vertiefte er sich wieder in den vor ihm liegenden Plan.<\/p>\n<p>Theodor wollte sich noch nicht geschlagen geben.<br \/>\n\u201eMit wem kann ich sprechen, um herauszufinden, wer die Anweisung gegeben hat? Wenn Sie mir das sagen, sind Sie mich auf der Stelle los.\u201c<br \/>\nDer Beamte seufzte und ohne aufzuschauen sagte er: \u201eIch pr\u00fcfe und genehmige. Woher die Anweisungen kommen, ist mir egal. Ich k\u00fcmmere mich nur um meine Angelegenheiten und das sollten Sie auch, wenn dieser Ratschlag erw\u00fcnscht ist.\u201c<br \/>\n\u201eIch k\u00fcmmere mich um meine Angelegenheiten!\u201c, rief Theodor. \u201eEine Mauer auf meinem Hof, eine von mir nicht gewollte und v\u00f6llig sinnlose Mauer ist wohl meine Angelegenheit.\u201c<br \/>\nWiederum seufzte der Beamte und wischte sich mit dem Hemds\u00e4rmel \u00fcber das Gesicht.<br \/>\n\u201eWenn es Ihnen so wichtig ist, dann beschweren Sie sich doch beim B\u00fcrgermeister. Auch wenn ich nicht glaube, dass Sie dort irgendwie erfolgreich sein werden. Wenn er \u00fcberhaupt mit Ihnen spricht. Jetzt gehen Sie bitte. Sie halten mich von wichtiger Arbeit ab.\u201c<\/p>\n<p>Theodor verlie\u00df das B\u00fcro und schlug die T\u00fcr zu. Dann also zum B\u00fcrgermeister, dachte er, aber wie es der Beamte schon vermutet hatte, wurde er nicht vorgelassen. Einer der Sekret\u00e4re bemerkte, wenn das Bauamt sage, alles sei richtig, verhielte es sich auch entsprechend und man m\u00fcsse mit solchen Lappalien nicht den B\u00fcrgermeister aufhalten. \u00dcberhaupt, was denn so schlimm w\u00e4re an dieser Mauer. Sie k\u00f6nne ihm wom\u00f6glich noch gute Dienste leisten und Theodor solle sie als ein Geschenk ansehen, \u00fcber das es sich zu freuen gelte, anstatt \u00fcbereilig Beschwerde einzulegen.<\/p>\n<p>Wieder zu Hause, setzte sich Theodor auf die Holzbank neben der Haust\u00fcr und dachte nach, ohne dabei den Blick von der Mauer zu wenden. Als schon die D\u00e4mmerung eingebrochen war und seine Frau ihn mehrmals zum Essen gerufen hatte, stand er auf, ging in den Holzschuppen neben dem Haus und kam mit einem Vorschlaghammer wieder. Mit einigen kr\u00e4ftigen Schl\u00e4gen brachte er die Mauer zum Einsturz. Da lag sie nun, in mehrere Teile zerbrochen. Aber das reichte ihm noch nicht. Immer wieder schlug er auf die Bruchst\u00fccke ein, bis nur noch ein Haufen Schutt \u00fcbrig blieb.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen weckte ihn das gleiche Gepolter wie am Vortag. Die Arbeiter waren wieder vorgefahren, diesmal allerdings mit zwei Lastwagen. Auf den einen schaufelten sie den Schutt, der andere war mit neuem Material beladen. Theodor \u00fcberlegte, ob er rausgehen sollte, zog dann aber vor, vom Fenster aus zu beobachten, was drau\u00dfen vor sich ging. Kaum hatten die Arbeiter den Schutt aufgeladen, begaben sie sich erneut ans Werk. Ein oder zwei Mal bemerkte Theodor, wie einer der Arbeiter zum Haus schaute und verst\u00e4ndnislos den Kopf sch\u00fcttelte. Aber ansonsten verrichteten sie ihre Arbeit genauso gewissenhaft und schnell, wie den Tag zuvor.<\/p>\n<p>Kurz nach Mittag stand die neue Mauer. Kaum waren die Arbeiter verschwunden, kam auch der Chef, um die Arbeit zu begutachten. Wie seine Arbeiter, sah auch er ab und an zum Haus her\u00fcber und machte dabei ein Gesicht, von dem Theodor nicht wusste, ob es nur Verst\u00e4ndnislosigkeit ausdr\u00fcckte, oder doch schiere Verachtung.<\/p>\n<p>\u201eWas willst du jetzt tun\u201c, fragte Theodors Frau, \u201esie wieder abrei\u00dfen?\u201c<br \/>\nTheodor schwieg zun\u00e4chst. Dann sagte er:<br \/>\n\u201eWenn ich sie jetzt abrei\u00dfe, steht morgen eine neue da. Das ist genauso sinnlos, wie die Mauer stehen zu lassen. Ich verstehe das nicht. Wie kann man so beharrlich etwas derart Nutzloses tun?\u201c<br \/>\n\u201eNur weil du den Grund nicht kennst, muss es ja nicht nutzlos sein, oder?\u201c<br \/>\n\u201eEs gibt keinen Grund. Wenn es einen g\u00e4be, dann h\u00e4tte man ihn mir mitgeteilt. In diesem Fall k\u00f6nnte ich etwas dagegen unternehmen. So aber zwingt mich diese Sinnlosigkeit dazu, es einfach hinzunehmen.\u201c<br \/>\n\u201eVielleicht\u201c, meinte die Frau darauf, \u201ekann man die Mauer ja doch f\u00fcr irgendetwas gebrauchen.\u201c<br \/>\n\u201eUnd f\u00fcr was?\u201c, erwiderte Theodor gereizt.<br \/>\n\u201eDu k\u00f6nntest einen Haken daran befestigen und eine Leine von der Mauer bis zum Haus spannen. Zum W\u00e4scheaufh\u00e4ngen.\u201c<br \/>\nTheodor sah seine Frau ungl\u00e4ubig an.<br \/>\n\u201eWir haben hinter dem Haus genug W\u00e4scheleine gespannt. Ich werde diese Mauer nicht irgendwie nutzen, nur damit sie einen Sinn ergibt. Das ist doch t\u00f6richt. Ich werde sie einfach ignorieren, das werde ich tun.\u201c<br \/>\n\u201eJa\u201c, sagte die Frau, \u201evielleicht ist es so am besten. Mich st\u00f6rt sie eigentlich gar nicht.\u201c<br \/>\n\u201eMich auch nicht mehr\u201c, sagte Theodor, griff sich ein Magazin und begann zu lesen.<\/p>\n<p>Am Abend klopfte es an der T\u00fcr. Theodor \u00f6ffnete und sah vor sich einen gro\u00dfgewachsenen Mann in Uniform.<br \/>\n\u201eSch\u00f6n guten Abend\u201c, sagte der Soldat, \u201eich bin Major Ontolok. Darf ich hereinkommen?\u201c<br \/>\n\u201eAber bitte\u201c, sagte Theodor und lie\u00df den Offizier eintreten.<br \/>\n\u201eIch habe geh\u00f6rt\u201c, begann Ontolok, nachdem er in einem Sessel Platz genommen und sich einen Cognac hatte servieren lassen, \u201eSie haben ein Problem mit der Mauer auf ihrem Hof.\u201c<br \/>\n\u201eNun ja\u201c, sagte Theodor vorsichtig, denn er hatte mit Offizieren keinerlei Erfahrung, \u201ees war eine rechte \u00dcberraschung dieses Bauwerk. So ohne Ank\u00fcndigung und ohne Erkl\u00e4rung.\u201c<br \/>\nDer Major nickte verst\u00e4ndnisvoll. \u201e\u00dcberraschungen hat man nicht gerne, wenn man das ruhige Leben liebt.\u201c<br \/>\nTheodor stimmte zu.<br \/>\n\u201eDennoch\u201c, fuhr der Major fort, \u201esind sie oftmals das Salz in der Suppe des Lebens. Sie k\u00f6nnen unsere Sicht auf die Dinge ver\u00e4ndern, zeigen neue Gesichtspunkte, lenken das Denken in andere Bahnen.\u201c<br \/>\n\u201eDas mag auf einige \u00dcberraschungen zutreffen\u201c, meinte Theodor, \u201eauf diese allerdings nicht.\u201c<br \/>\n\u201eWarum?\u201c, fragte Ontolok sichtbar erstaunt.<br \/>\n\u201eWeil diese Mauer keinen Zweck erf\u00fcllt\u201c, sagte Theodor bestimmt.<br \/>\nDer Major nahm einen Schluck Cognac, lobte dessen Qualit\u00e4t und lie\u00df sich etwas Zeit bevor wieder ansetzte.<br \/>\n\u201eWer sagt denn, dass sie keinen Zweck erf\u00fcllt?\u201c<br \/>\n\u201eMir jedenfalls wurde keiner mitgeteilt, obwohl ich versuchte ausk\u00fcnftig zu werden.\u201c<br \/>\n\u201eDas hei\u00dft aber nicht, dass es keinen gibt, oder?\u201c<br \/>\n\u201eNat\u00fcrlich nicht\u201c, gab Theodor zu.<br \/>\n\u201eSehen Sie, nichts geschieht ohne Grund. Es k\u00f6nnte doch sein, dass man die Arbeiter besch\u00e4ftigen musste, damit sie wieder in Lohn und Brot stehen, und so hat man sie diese Mauer bauen lassen. Das w\u00e4re ein Grund, meinen Sie nicht?\u201c<br \/>\n\u201eEin Grund ja, aber kein vern\u00fcnftiger. Ein f\u00fcr mich akzeptabler Grund muss vern\u00fcnftig sein, ansonsten ist es nur ein Vorwand, der einen anderen, tiefer liegenden Sinn verschleiert. Wenn es so w\u00e4re wie Sie sagen, warum dann ausgerechnet in meinem Hof und warum ausgerechnet eine Mauer, die keinerlei Nutzen hat, au\u00dfer nur dazustehen. Wollte man die Arbeiter besch\u00e4ftigen, lie\u00dfe man sie etwas machen, das dem Wohl aller dient und Zeit wie Geld wirklich lohnt.\u201c<br \/>\n\u201eIch merke\u201c, sagte der Offizier mit einem L\u00e4cheln, \u201esie lieben es, die Dinge bis zum Ende zu denken. Das ist gut. Aber auch ein bisschen gef\u00e4hrlich.\u201c<br \/>\n\u201eGef\u00e4hrlich?\u201c<br \/>\n\u201eDenken ist immer gef\u00e4hrlich, weil man sich irren kann. Gerade dann, wenn einem nicht alle Fakten vertraut sind und man aufs Spekulieren angewiesen ist. In einem solchen Fall ist es manchmal ges\u00fcnder, die Dinge so hinzunehmen wie sie sind, ohne alles zu hinterfragen. Man schl\u00e4ft dann besser.\u201c<br \/>\n\u201eIch schlafe gut\u201c, sagte Theodor trotzig. \u201eUnd ich kann durchaus auch manches hinnehmen.\u201c<br \/>\n\u201eAber nicht diese Mauer.\u201c<br \/>\n\u201eWenn es sein muss, auch diese Mauer.\u201c<br \/>\n\u201eUnd warum haben Sie sie dann zerst\u00f6rt?\u201c<\/p>\n<p>Mit dieser Frage wurde Ontoloks Gesicht ernst und Theodor erschrak, obwohl er von Anfang an vermutet hatte, der Offizier sei vor allem deswegen gekommen, weil er die Mauer niedergerissen hatte.<br \/>\n\u201eEs ist mein Grund und Boden\u201c, sagte Theodor entschlossen, \u201edarauf kann ich machen, was ich will. Eine solche Mauer brauche und will ich auch nicht.\u201c<br \/>\nOntolok erwiderte nichts, sondern sah Theodor nur aus leicht zusammengekniffen Augen an.<br \/>\n\u201eAber\u201c, sagte Theodor schlie\u00dflich, da ihm das Schweigen unangenehm war, \u201eich habe mich entschlossen, die Mauer nun stehen zu lassen. Vorerst zumindest. Das hei\u00dft\u2026\u201c<br \/>\n\u201eJa?\u201c, fragte Ontolok in die Pause hinein, die Theodor machte.<br \/>\n\u201eDas hei\u00dft, ich lasse sie stehen, wenn Sie mir sagen, wof\u00fcr sie da steht.\u201c<br \/>\n\u201eDen Grund?\u201c<br \/>\n\u201eJa, den Grund.\u201c<br \/>\nDer Offizier erhob sich.<br \/>\n\u201eGut. Ich werde sehen, was ich f\u00fcr Sie tun kann.\u201c<\/p>\n<p>Ontolok leerte im Stehen das Cognacglas, bedankte sich nochmals und ging.<\/p>\n<p>Kurz darauf legte sich Theodor schlafen.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen, es begann gerade hell zu werden, stand der Offizier erneut vor der T\u00fcr. Er bat Theodor nach drau\u00dfen zu kommen. Dort sah er, dass Ontolok nicht alleine war, sondern von sechs Soldaten begleitet wurde. Zwei von ihnen nahmen Theodor in die Mitte und f\u00fchrten ihn zu der Mauer. Dann stellten sich die Soldaten in einer Reihe vor Theodor auf, legten ihre Gewehre an und auf Ontoloks Zeichen hin feuerten sie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Abends sa\u00dfen die Soldaten zusammen und tranken. Als Ontolok die Baracke betrat, stand einer von ihnen auf und sagte: \u201eHerr Major, die Kameraden behaupten, der Mann im Hof, den wir heute f\u00fcsiliert haben, h\u00e4tte gel\u00e4chelt.\u201c<\/p>\n<p>Ontolok betrachtete seine M\u00e4nner. Feine Kerle mit groben Gesichtern. Er mochte sie.<\/p>\n<p>\u201eNat\u00fcrlich hat er gel\u00e4chelt\u201c, sagte er, setzte sich mit an den Tisch und lie\u00df sich einschenken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein lautes Rumpeln, dann T\u00fcrenschlagen und Stimmen. 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