{"id":841,"date":"2016-02-24T20:43:46","date_gmt":"2016-02-24T18:43:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=841"},"modified":"2021-04-11T16:04:51","modified_gmt":"2021-04-11T16:04:51","slug":"ines-im-nachhinein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=841","title":{"rendered":"Ines, im Nachhinein."},"content":{"rendered":"<p><em>\u00c4rineus in seiner f\u00fcnften Beichte:<\/em><\/p>\n<p><em>\u201e \u2026 und Frauen bereist, wie ferne L\u00e4nder.\u201c<\/em><!--more--><\/p>\n<p><em>Oder Thackleton, der eine indianische Madonna zeichnete, mit einem Heilgenkranz aus Federn und entbl\u00f6\u00dfter Brust. \u201eDas Indianische\u201c, schrieb er kurz vor seinem Tod, vorzeitig herbeigef\u00fchrt durch ein Messer in der Hand eines mormonischen Eiferers, \u201e steht in gleicher Distanz zu uns, wie Christentum und Weiblichkeit.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Man kann auch neuzeitliche Beispiele anf\u00fchren. John Gray, der die Frauen auf einen anderen Planeten versetzt. Desweiteren bestimmte feministische Literatur, die dem Monotheismus vorwirft, er habe die Frauen dem Patriachart ausgeliefert, die M\u00e4nner aber dem dummen und aggressiven Unverst\u00e4ndnis gegen\u00fcber ihrer selbstverschuldeten Ann\u00e4herungsinkompetenz.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ines sagte bei unserem ersten oder zweiten Treffen: \u201eAuf Abstand gehaltene Liebe bei\u00dft nicht.\u201c Ich musste an einen Hund denken, den man mit kr\u00e4ftigem Leinenzug an jeglicher unkontrollierten Kontaktaufnahme mit seiner Umwelt hindert.<\/p>\n<p>\u201eAbstand = Angst\u201c, ich darauf. \u201eAngst?\u201c, Ines lachend. \u201eVorsicht und Erfahrung!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Beim Sex, so stellte ich fest, ist die Frage des Abstandes eine metaphysische.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Internet erlaubt sprachliche N\u00e4he, bei gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichem physischem Abstand. Mit dem Briefeschreiben verh\u00e4lt es sich \u00e4hnlich, wobei ihm dennoch etwas K\u00f6rperliches anhaftet. Die eigene Schrift, der Geruch des Papiers, ein eventuell beigegebener Duft. Ines erz\u00e4hlte, sie h\u00e4tte fr\u00fcher auf Liebesbriefen den ein oder anderen Wassertropfen aufs Papier getr\u00e4ufelt, damit es so auss\u00e4he, als h\u00e4tte sie beim Schreiben geweint. Meine Liebesbriefe versah ich immer mit einem PS, das meist dazu angetan war, die Distanz, die ich in den vorangegangen Zeilen St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck verringert hatte, wieder herzustellen. Manchmal auch umgekehrt. Das waren dann diejenigen, die ich nicht verschickte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Meine Mutter ist eine Frau aus einem Bruegelbild. Sie schafft st\u00e4ndig Essen heran. An Konversation ist ihr wenig gelegen, es sei denn, die Informationen bewegen sich auf dem abgegrenzten Terrain ihrer Unbedenklichkeitszone. Bei ihrem ersten Zusammentreffen l\u00e4uft Ines in ihren Gesichtskreis, als h\u00e4tte sie dort bereits jeden Sommer die Ferien verbracht. Meine Sprachlosigkeit gegen\u00fcber der Oberfl\u00e4chlichkeit meiner Mutter kommentiert sie mit Blicken und Tritten unterm Esstisch. Bald schon aber schreibt sich mich bei den Treffen mit meinen Eltern ab und widmet sich nur noch der Frau. Die Einsilbigkeit meines Vaters perlt an ihr ab und er wird bei unserem Zusammensein genauso beschwiegen wie ich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hirnh\u00e4lftenarithmetik<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ines arbeitet f\u00fcr einen Steuerberater und ist von Berufs wegen schon daf\u00fcr disponiert, Abst\u00e4nde in Zahlen auszudr\u00fccken. Neulich sagte sie zu mir: \u201e Du bist genau drei \u201aEs tut mir leid\u2018 davon entfernt, dass ich dich hasse.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ines Vater ist ein sympathischer Zyniker. Er schaute mich an, als w\u00fcsste er genau, wie es um uns steht. Als w\u00e4ren meine Erfahrungen mit den seinen identisch. Dabei tr\u00e4gt seine Frau immer einen leicht devoten Duft, der Ines so ganz abgeht. Sie ist ihm stets einen Schritt voraus und man ahnt, dass dies aus der untergr\u00fcndigen Angst geschieht, das Harmoniebild k\u00f6nne in Schr\u00e4glage geraten. Ines Mutter l\u00e4sst in allem was sie tut und sagt niemals Zweifel aufkommen dar\u00fcber, wer der Herr im Hause ist. Der Vater ist das Zentrum, um das die restliche Familie seine Kreise dreht. Der Beflissenheit der Mutter steht die Bereitschaft der Tochter gegen\u00fcber, es jederzeit auf eine Konfrontation ankommen zu lassen. Die aber meist ausbleibt, weil die Mutter interveniert. Eine Wogengl\u00e4tterin, eine Sturmverhinderin, wie auch ich ein Sturmverhinderer bin und deswegen m\u00fcsste sie in mir eigentlich einen Verb\u00fcndeten erkennen. Ihr Blick aber ist stumpf, als sei ich nur irgendein Gast, der im Dunstkreis des hohen Herren ihrer Dienste teilhaftig zu werden begehrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ob mir ihre Br\u00e4sigkeit denn nicht schon fr\u00fcher aufgefallen sei, fragt Ines. Ich sch\u00fcttele den Kopf und sage, fr\u00fcher w\u00e4ren mir vor allem ihre Br\u00fcste aufgefallen. Die seien so gro\u00df gewesen, dass alle Grobheit dahinter verborgen blieb. Sie seien noch so gro\u00df wie fr\u00fcher, sagt Ines. Ja, sage ich, aber sie verbergen nichts mehr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mein Vater ist tot. Ines nimmt mich in den Arm. Wie eine Mutter, die ihr Kind tr\u00f6stet und dabei trotzdem nicht vergisst, dass sie noch einen Topf mit Kartoffeln auf dem Herd stehen hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ines mag Pfarrer noch weniger als ich, kann es aber besser verbergen. Sie nimmt seine zum Kondolieren ausgestreckte Hand und h\u00e4lt sie fest, als sei die Seele des Verstorbenen in ihr gefangen und k\u00f6nne durch sanftes Streicheln der Handwurzelknochen befreit werden. Der blasse Mann l\u00e4sst es kurz geschehen, wendet sich dann aber schnell dem n\u00e4chsten Trauergast zu. Ich ergreife die mir dargebotene Hand, wiege ihr Gewicht, f\u00fchle die feuchte Haut und versuche zu ertasten, ob Ines Finger irgendwelche Spuren auf Kopf- oder Vieleckbein hinterlassen haben. Das Gel\u00e4nde ist so kalt, wie ich es erwartet habe. Unter Tr\u00e4nen sagt die Mutter sp\u00e4ter, wie ergreifend die Worte des Predigers gewesen seien. Ines nickt. Ich trinke meinen Kaffee und denke an Sex. Und an die Frau, die mir vor Jahren erz\u00e4hlte, wie sie nach der Beerdigung ihres Mannes von dessen zwei Br\u00fcdern vergewaltigt worden war. In ihren Augen schwamm ein schon l\u00e4ngst heimisch gewordener Schmerz. Man m\u00fcsse das verstehen, hatte sie gesagt, der Tod entfessele das Leben und das wiederum wisse in diesem Moment einfach nicht wohin mit seiner Energie. Am Abend erz\u00e4hle ich Ines von der Frau und sie sagt etwas von Opferrhetorik und dass diese \u00dcbereinkunft von Sex und Tod die Schnittstelle zwischen Antike und Romantik darstelle und ihr morbider, woll\u00fcstiger Nebel ganzen Generationen das Hirn versumpft h\u00e4tte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ines fragt sich nie, warum sie so ist, wie sie ist. Sie hat die Schuldigen schon vor langem ausgemacht. Ich bin mir, was mich betrifft, noch nicht sicher. Au\u00dfer mir selbst, f\u00e4llt mir niemand ein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ines Vater hat einen Schlaganfall und sitzt im Rollstuhl. Die Mutter wischt den ganzen Tag Speichel von seiner Wange, w\u00e4hrend er Bosheiten in sein L\u00e4tzchen nuschelt. Das erste Mal seit ich Ines kenne, scheint sie etwas wirklich zu kr\u00e4nken. Noch habe ich nicht herausgefunden, ob sie sich am Leid der Mutter oder dem Leiden des Vaters abarbeitet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mein Schwager ist Immobilienh\u00e4ndler. Ines liebt ihn auf eine gro\u00dfschwesterliche Art. Die Best\u00e4tigung, die sie ihm verweigert, versucht er sich von mir zu holen. Was wei\u00df ich \u00fcber H\u00e4user in bester Lage? Nichts, aber ich kann nicken und ihm viel Erfolg w\u00fcnschen, wenn er mir von seinen Projekten erz\u00e4hlt. Meine Schwester, sagt er dann, ist eine frigide Kuh \u2013 wer w\u00fcsste das besser als du &#8211; aber sie ist meine Schwester, also verlass sie nicht, um Himmels Willen. Er h\u00e4tte auch sagen k\u00f6nnen: Verlasse mich nicht. Das w\u00e4re ehrlicher gewesen. Aber wir bewegen uns auf Familienterrain, da ist Ehrlichkeit eine W\u00e4hrung, die umgetauscht wird, bevor man zu handeln beginnt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ines betr\u00fcgt mich. Nicht so, wie ich sie betr\u00fcge, mit billigen Internetpornos und durch feuchtem Duschkabinenklima angefachten Analfantasien. Sie trifft sie sich leibhaftig mit anderen M\u00e4nnern. Wie lange das schon geht \u2013 keine Ahnung. Ich bin ein Mann und deswegen leicht hinters Licht zu f\u00fchren. Herausgefunden habe ich es, weil Ines, wie bei einer Schnitzeljagd, Hinweise ausstreut, die nur jemand erkennen kann, der nicht so ist, wie sie denkt, dass ich es sei. Auch Frauen k\u00f6nnen sich irren.<\/p>\n<p>Als ich sie darauf anspreche, weist sie alle Vorw\u00fcrfe von sich, bricht in Tr\u00e4nen aus, akzeptiert aber meinen Vorschlag, die n\u00e4chsten Wochen bei einem Freund zu verbringen, ohne andere Alternativen ins Gespr\u00e4ch zu bringen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine Scheidung ist wie eine Beerdigung. Es werden Dokumente und Tr\u00e4ume zu Grabe getragen. Ines kam mit ihrer Mutter. Ich kam alleine. Die Formalit\u00e4ten hatten wir vorher gekl\u00e4rt, weswegen die Richterin auch nur ihren Text herunterzubeten hatte, wir unsere Unterschriften leisteten und den Raum verlie\u00dfen. Vor der T\u00fcr gaben wir uns einen fl\u00fcchtigen Wangenkuss. Verwundert, wie leicht sich zur\u00fcckliegende Gemeinsamkeiten auseinander dividieren lie\u00dfen, gab ich Ines noch einen weiteren Kuss, worauf sie mich ansah, als sei ich \u00fcbergriffig geworden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u00c4rineus in seiner dritten Beichte:<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eHarte Str\u00e4nde und harte Stirne,<\/em><\/p>\n<p><em>wo die Segel brechen<\/em><\/p>\n<p><em>von Schiff und Liebe\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Thackelton hatte seiner Schwester geschrieben, er w\u00fcnsche sich einen Himmel voller Jungfrauen, um dort in aller Ewigkeit der Versuchung widerstehen zu k\u00f6nnen. Ines hatte mir einmal geschrieben, sich w\u00fcnsche sich einen Himmel voller Gladiatoren, die sich gegenseitig die Nasen abschnitten, nur um derjenige zu sein, der ihren Hymnen zerreissen darf.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00c4rineus in seiner f\u00fcnften Beichte: \u201e \u2026 und Frauen bereist, wie ferne L\u00e4nder.\u201c<\/p>\n","protected":false},"author":27,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[],"class_list":["post-841","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/841","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/27"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=841"}],"version-history":[{"count":31,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/841\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":872,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/841\/revisions\/872"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=841"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=841"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=841"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}