{"id":923,"date":"2016-04-11T18:37:48","date_gmt":"2016-04-11T16:37:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=923"},"modified":"2021-04-11T08:27:15","modified_gmt":"2021-04-11T08:27:15","slug":"die-blasphemische-formung-der-gabelfrucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=923","title":{"rendered":"Die blasphemische Formung der Gabelfrucht"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Gastronomische Absurdit\u00e4ten<\/strong><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Betriebe ich ein Caf\u00e9, es hie\u00dfe \u201eDrau\u00dfen nur K\u00e4nnchen\u201c, selbst wenn es gar kein Drau\u00dfen h\u00e4tte. Oder vielleicht, wenn es ein Drau\u00dfen h\u00e4tte, \u201eDrinnen nur Tassen\u201c.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">*<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In den sp\u00e4ten Neunzigern er\u00f6ffnete Hugo Streuselherz ein Restaurant im dritten Bezirk und es wurde f\u00fcr einige Jahre das Szenelokal schlechthin, obwohl er weder einen Koch besch\u00e4ftigte noch irgendwelche Speisen servierte. Trotz der t\u00e4glich wechselnden Menukarte, die sich immerhin \u00fcber f\u00fcnf kleinbedruckte Seiten erstreckte, bekam man dort in all der Zeit nur ein einziges Gericht. Eine d\u00fcnne, leicht \u00fcbersalzene Gem\u00fcsebr\u00fche, die Hugo jeden Morgen aus einem Pfund M\u00f6hren, einem Selleriekopf, zwei Tomaten, einer Kartoffel und einem Strunk Petersilie kochte.<\/p>\n<p>Am Tag der Er\u00f6ffnung blieb das Restaurant zun\u00e4chst leer. Freunden hatte Hugo verboten aufzutauchen. Er wolle, so hatte er immer wieder gesagt, die volle Wucht der Ignoranz ebenso auskosten wie den sich unweigerlich einstellenden Zuspruch, der einfach kommen m\u00fcsse, bei so einer genialen Gesch\u00e4ftsidee. Worin die bestand war uns zun\u00e4chst nicht klar. Die Gastst\u00e4tte war klein, nicht sonderlich gem\u00fctlich, obwohl Berta, Hugos Freundin, dem Raum einen sardischen Charme verliehen hatte, indem sie ihn so dekorierte, wie das v\u00e4terliche Restaurant in Arbatax. Als Bedienung aber, so Berta, st\u00fcnde sie nicht zu Verf\u00fcgung. Zu gen\u00fcge habe sie sich die F\u00fc\u00dfe wund gelaufen in ihrer Kindheit. Daf\u00fcr h\u00e4tte sie nicht den blauen Himmel Sardiniens gegen dieses dumme und stumpfe \u00f6sterreichische Grau eingetauscht, nur um auch hier wieder kulinarische Boteng\u00e4nge zu machen. Sie sei Malerin und male. Um nicht zu verhungern, dekorierte sie die Schaufenster beim Kaufhof.<\/p>\n<p>Also \u00fcbernahm ich, als Freund Hugos, Freund seiner Familie und verschm\u00e4hter Liebhaber seiner j\u00fcngeren Schwester den Tresendienst.<\/p>\n<p>Ein \u00e4lteres Paar trat ein und setzte sich an einen Tisch in der Mitte des Raumes. Hugo flog sofort heran und \u00fcberreichte die Speisekarten. Was man denn trinken wolle.<\/p>\n<p>Ein Bier, so der Mann. Einen Veltliner, so die Frau.<\/p>\n<p>Hugo kam zu mir hinter die Bar und ich fragte: Und nun?<\/p>\n<p>Hugo sagte: Und nun ein Bier und einen Veltliner.<\/p>\n<p>Hugo servierte die Getr\u00e4nke und fragte nach der Bestellung.<\/p>\n<p>Den Lachs h\u00e4tte sie gerne, sagte die Frau und erkundigte sich, ob der dazugeh\u00f6rige Salat mit Essig und \u00d6l oder doch nur mit einer Marinade angemacht sei. Weder noch sagte Hugo, die heutige Salatlieferung sei derma\u00dfen unter allen Qualit\u00e4tsma\u00dfst\u00e4ben gelegen, da h\u00e4tte er die ganze Fuhre stante pede zur\u00fcckgeschickt. Seine G\u00e4ste, so Hugo, w\u00fcrden die Abwesenheit schlechten Essens bestimmt ebenso sch\u00e4tzen, wie den vollkommenen Gaumengenuss.<\/p>\n<p>Die Frau nickte zustimmend. Dann halt nur den Lachs. Mit einem Kartoffelgratin.<\/p>\n<p>Das k\u00f6nne er unm\u00f6glich tun, sagte Hugo. Kartoffelgratin zum Lachs? Im Juni? Ob die gn\u00e4dige Frau denn nicht wisse, dass der Junilachs sich \u00fcberhaupt nicht mit Kartoffeln vertrage, \u00fcberhaupt sei der Junilachs ein sehr launiger Geselle und schmecke im g\u00fcnstigen Fall zwar hervorragend, h\u00e4tte im Schnitt aber doch eher den Charakter einer alten Scheibe Wei\u00dfbrot.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re sinnvoll, sprach Hugo hinein in das fragende Gesicht der Frau, ganz vom Lachs zu lassen. Er empfehle die Gem\u00fcsebr\u00fche. Die sei, ayurvedisch-schamanisch ganz auf den Juni hin zubereitet und dazu \u00e4u\u00dferst schmackhaft.<\/p>\n<p>Die Frau nickte \u2013 nicht \u00fcberzeugt aber doch irgendwie erleichtert.<\/p>\n<p>Hugo wandte sich dem Mann zu und an der Spannung, die seine Oberarme und die Schulterpartie ergriff, konnte ich erkennen, dass er von diesem Gast gr\u00f6\u00dferen Widerstand erwartete.<\/p>\n<p>Ihm sei auch nach einer Gem\u00fcsebr\u00fche als Vorspeise, sagte der Mann. Und danach das Rumpsteak mit Folienkartoffel.<\/p>\n<p>Hugo notierte die Bestellung, nahm die Speisekarten und entfernte sich mit einem h\u00f6flichen Dankesch\u00f6n.<\/p>\n<p>Und nun, fragte ich, als er hinter den Tresen trat.<\/p>\n<p>Nun essen sie Gem\u00fcsebr\u00fche. Wie alle meine G\u00e4ste.<\/p>\n<p>Aber der Mann\u2026<\/p>\n<p>\u2026wird Gem\u00fcsebr\u00fche essen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und so kam es. Hugo servierte einen zweiten und einen dritten Suppenteller, beim vierten winkte der Mann ab und fragte nach seinem Steak worauf Hugo sagte, nun sei doch anstelle eines fettigen Fleischlappens eher ein Espresso und ein Grappa angesagt. Der Mann sah seine Frau an, die zustimmend nickte und der die Gem\u00fcsebr\u00fche einen fettigen Glanz auf die Lippen gelegt hatte, welcher ihren Mann zunehmend von dem ablenkte, was um ihn herum geschah und er bezahlte, noch bevor die Espressos serviert wurden.<\/p>\n<p>Irgendwann zwischen den Gem\u00fcsebr\u00fcheg\u00e4ngen hatten zwei \u00e4ltere Damen das Restaurant betreten. An ihnen\u00a0 vollf\u00fchrte Hugo seine sp\u00e4ter so ber\u00fchmt gewordene \u201ehome-delivery-performance\u201c. Egal was sie bestellten, Hugo sagte stets, er m\u00fcsse in der K\u00fcche nachfragen, ob jene Speise noch vorr\u00e4tig sei. Nach einigen Minuten kehrte er mit zerknirschten Gesicht zur\u00fcck und verk\u00fcndete traurig, gerade in dem Moment, in dem er die K\u00fcche betreten h\u00e4tte, sei die letzte Portion des gew\u00fcnschten Gerichtes als Home-Delivery der K\u00fcche entwichen.<\/p>\n<p>Ich erwartete einen Wutausbruch seitens der beiden Frauen, aber diese schienen Gefallen an dem Spiel zu finden. Sie bestellten die ganze Speisekarte, von der Nummer 1a bis 43b, tranken dabei die eine oder andere Flasche Wei\u00dfwein und gaben sich schlie\u00dflich mit einem kleinen Sch\u00e4lchen Gem\u00fcsebr\u00fche und einem Wangenkuss von Hugo zufrieden.<\/p>\n<p>Jeden Tag kamen mehr G\u00e4ste und nach einem Jahr waren wir das angesagteste Restaurant der Stadt. Die Leute wussten, dass es hier nur eine d\u00fcnne Gem\u00fcsebr\u00fche und eine bescheidene Getr\u00e4nkeauswahl gab. Was sie aber nicht wussten war, mit welchen Argumenten ihnen Hugo das Thunfischfilet, das Entrecote, den Hummer oder die Paella so madig machen w\u00fcrde, dass sie bereitwillig seine geschmacklose Suppe bestellten. \u00dcbrigens immer zu dem Preis des von ihnen urspr\u00fcnglich ausgew\u00e4hlten Gerichtes.<\/p>\n<p>Wir waren wie in einem Rausch. Ich \u00fcberlegte mir st\u00e4ndig neue Gerichte f\u00fcr die Speisekarte und Hugo \u00fcberlegte sich st\u00e4ndig neue Ausreden. Neben den G\u00e4sten kamen auch Journalisten und das Fernsehen. Einer dieser debilen Privatfernsehkochsendungseieraufschlager meinte doch tats\u00e4chlich, wir w\u00fcrden bestimmt bald einen Michelin-Stern bekommen. F\u00fcr was, fragte ich mich. F\u00fcr unsere Gem\u00fcsebr\u00fche?<\/p>\n<p>Jedes M\u00e4rchen endet einmal und da wir nicht Prinz und Prinzessin, sondern nur Hugo und Sam waren, ging das alles sehr unromantisch zu Grunde. Irgendwann blieben die G\u00e4ste aus. Hugo schob es auf seine immer schw\u00e4cher werdende Darstellung des \u201eneglecting chiefs\u201c, ich schob es auf die Fadheit unsere Gem\u00fcsesuppe. Da aber Rezept wie Auff\u00fchrung in ihrem Kern sakrosankt waren, gab es keinen Spielraum f\u00fcr Reformen und das Schiff ging genau so unter, wie es erbaut worden war.<\/p>\n<p>Hugo verlie\u00df die Stadt, nicht ohne mir einen gro\u00dfen Teil seiner Ersparnisse zu \u00fcbergeben, damit ich s\u00e4mtliche Schulden, die sich in den letzten Monaten aufgeh\u00e4uft hatten, begleichen konnte. Wir standen vor seinem Auto und in einem spontanen Anfall von Gef\u00fchlsduselei umarmte ich ihn. Unwirsch wehrte er meine Zuneigung ab, lie\u00df sich auf den Fahrersitz fallen und startete den Motor.<\/p>\n<p>Vielleicht, sagte er, als er schon den ersten Gang eingelegt hatte und sein d\u00fcrrer Sportwagen mit den Reifen scharrte wie ein ungeduldiges Fohlen, h\u00e4tten wir einen Nachtisch anbieten sollen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Restaurant gibt es heute noch. Es hei\u00dft Chez Hugo\u00a0 und wir servieren neben den \u00fcblichen Getr\u00e4nken Sandwiches und gekochte W\u00fcrste. Manchmal kommt es vor, dass ein P\u00e4rchen, eine Gruppe Freunde oder ein einsamer Gast die Speisekarte verlangen. Dann schaue ich kurz auf meinen Spickzettel und gehe zu dem Tisch.<\/p>\n<p>\u201eSie w\u00fcnschen?\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">*<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eBloro haben sie gek\u00fcndigt, weil der die Wei\u00dfen schwarz gemacht und die Schwarzen wei\u00df.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDer bl\u00f6de Koch?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWenn ich\u2018s dir sage.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDer kann ja noch nicht mal kochen. Wie will der denn Schwarze wei\u00df machen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eHat auch Wei\u00dfe schwarz gemacht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eNoch bl\u00f6der.\u201c<\/p>\n<p>\u201eNee, das ist wahr. Der hat, also der kocht ja nicht nur bei uns auf der Martin Luther, sondern auch f\u00fcr die George Bush Bush in da Bush. Nat\u00fcrlich nicht so einen Fra\u00df wie hier, aber ich schw\u00f6r\u2018s: Da kocht er auch.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWie geht das, kann der sich so X-Men-m\u00e4\u00dfig spektral-dimensional aufteilen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein, der taut hier nur Schei\u00dfe auf, dort dr\u00fcben aber <em>kocht<\/em> er.\u201c<\/p>\n<p>\u201eOh, er <em>kocht<\/em>. Und wie macht er die <em>Nigger<\/em> wei\u00df? Oder die <em>Wei\u00dfen<\/em> zu Niggern?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNa, durchs Essen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWie, durchs Essen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDie Wei\u00dfen auf der George Bush Bush in da Bush bekommen nur so dunkles Zeug. Rote Beete, \u00a0mit Tintenfischtinte gef\u00e4rbte Nudeln, Rotweinso\u00dfe, Dunkelbierso\u00dfe, Southtexas-BBQ- Sauce. You know?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNope\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd die auf der MLH bekommen so wei\u00dfes Zeug. Reis, Nudeln, Sahneso\u00dfe, H\u00fchnerfleisch, Spargel, Schwarzwurzel.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWieso Schwarzwurzel?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWeil die schei\u00dfewei\u00df ist.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd das wirkt?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDekan Beizer hat allen seinen Sch\u00fclern verboten, ins Sonnenstudio zu gehen. Sie s\u00e4hen schon aus, wie Bikinih\u00fcpfer an der Copa Cobana.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDie sehen doch immer so aus.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber nicht im Januar.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd die von der Martin Luther High? Sind bestimmt schon so wei\u00df, wie ein gepuderter Franzosenarsch.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWie ja\u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201eSind sie. Gehen zwar noch nicht als Paul Walker durch, sind aber schon weit jenseits von Benicio del Toro.\u201c<\/p>\n<p>\u201ePaul Walker ist tot.\u201c<\/p>\n<p>\u201eNa und, macht ihn das weniger wei\u00df? Mann, der war so wei\u00df, der brauchte einen Porsche, um ein bisschen Farbe in sein Leben zu bringen. Einen Porsche. Understand?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas ist jetzt mit Bloro?\u201c<\/p>\n<p>\u201eSie haben ihn gefeuert.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWarum?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWeil er die Leute verf\u00e4rbt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas ist doch Bulshit. Niemand verf\u00e4rbt sich durchs Essen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eBehaupten die aber.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWer?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDie Schulbeh\u00f6rde, das FBI, die NSA, seine Ex-Frau\u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201eSeine Ex-Frau?\u201c<\/p>\n<p>\u201eSie meint, ihr extremer Busch schulde sich der vielen Kresse, die er auf die Sandwiches und in den Salat gepackt h\u00e4tte.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eWo ist Boro jetzt?\u201c<\/p>\n<p>\u201eBeim Sheriff.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDann los.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWohin?\u201c<\/p>\n<p>\u201eZum Sheriff?\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd dann?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDann holen wir Boro raus.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWieso?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDer ist unser n\u00e4chster Obama. Friedensnobelpreis, verstehste? Kocht mal so eben die ganze Rassenschei\u00dfe weg.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWolltest du dich schwarzkochen lassen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch, wieso?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNaja, Rassenschei\u00dfe wegkochen hie\u00dfe ja, einer m\u00fcsste seine Farbe aufgeben.\u201c<\/p>\n<p>\u201eBist du verr\u00fcckt?\u201c<\/p>\n<p>\u201eAlso wir kochen alle wei\u00df?\u201c<\/p>\n<p>\u201eHast du eine bessere Idee?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWir k\u00f6nnten den Boro\u2026naja, er k\u00f6nnte einen Unfall\u2026 ist ja auch nicht mehr der J\u00fcngste.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIn dem Alter passiert schon mal was.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSag ihm einfach, er soll ab sofort nur noch Tomatenso\u00dfe machen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWie?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, Pasta So\u00dfe aus Tomaten. Rot.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber dann w\u00fcrden wir ja\u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201eKann so schlimm ja nicht sein. Hatten wir doch fr\u00fcher auch.\u201c<\/p>\n<p>\u201eVerlorene Eier in Senfso\u00dfe?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWarte, ich hau dir\u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201eShrimps mit Safran?\u201c<\/p>\n<p>\u201eGleich hab ich dich\u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201eGr\u00fcner Tee mit Minze?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu kleiner Wichser, warte\u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201eSchokoladenkuchen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu\u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201eMit wei\u00dfer Schokolade?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu\u2026\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">*<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als mir Palmera ihren Buissinessplan vorlegte, hegte ich zun\u00e4chst gro\u00dfe Zweifel, was die Tragf\u00e4higkeit des Konzeptes betraf. Vegan, das war gut, das war hipp. Aber neben der, den Gesch\u00e4ften nicht abtr\u00e4glichen, \u00f6kologischen Orientierung ihrer Speisekarte, wollte sie unbedingt auch noch eine \u00f6kumenische Komponente einbringen.<\/p>\n<p>\u201eDas Religi\u00f6se und das Gesunde\u201c, sagte ich, \u201eschlie\u00dfen sich meistens aus.\u201c<\/p>\n<p>\u201eQuatsch\u201c, sagte Palmera und \u00f6ffnete sich eine Dose Red Bull.<\/p>\n<p>\u201eReligion ist nur dann gesund, wenn sie keine Religion ist, sondern Buddhismus oder irgendeine Shangrilaspiritualit\u00e4t. Aber Religion, wie wir sie kennen ist ungesund. Sie verk\u00fcrzt die Lebensdauer.\u201c<\/p>\n<p>\u201eQuatsch\u201c, wiederholte Palmera. &#8220;Au\u00dferdem sollen die Leute bei uns satt werden und nicht ihr Leben verl\u00e4ngern. Mir doch egal, wenn er einer tot umf\u00e4llt. Solange vorher bezahlt hat.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDiejenigen\u201c, sagte ich, \u201edie in deinem Restaurant tot umfallen, werden dein geringstes Problem sein. Die Lebenden sind es, \u00fcber die du dir Gedanken machen solltest.\u201c<\/p>\n<p>\u201e\u00dcber die mache ich mir ja Gedanken\u201c, zischte Palmera, \u201eoder warum meinst du, dass ich schon seit Stunden \u00fcber dieser vermaledeiten Speisekarte sitze?\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd\u201c, fragte ich nicht wenig ironisch, \u201ewelchen Niederschlag hat deine Konfessionsumarmung im anstehenden K\u00fcchenplan gefunden?\u201c<\/p>\n<p>\u201eEr hat sich mitten hineingesetzt wie die Faust aufs Gesicht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas gibt es also?\u201c<\/p>\n<p>\u201eGabelfrucht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eGabelfrucht?\u201c<\/p>\n<p>Palmera nickte und warf ihren Notizblock auf den runden Tisch vor ihr.<\/p>\n<p>\u201eGabelfrucht ist das interkonfessionelle Gericht schlechthin.\u201c Verk\u00fcndete es, stand auf und machte dabei eine Pose, als h\u00e4tte sie gerade einen Touchdown gemacht. Oder ein Tor geschossen. Oder ein Hole in One. Oder einen Slamdunk. Eine Gewinnerpose eben. Dennoch zitterte eine leichte Unsicherheit unter ihren Lidern.<\/p>\n<p>Ich ignorierte diesen Hilfeschrei und fragte sie, was das eigentlich sei, Gabelfrucht.<\/p>\n<p>\u201eFr\u00fcchte\u201c sagte Palmera. \u201eKleingeschnittene Fr\u00fcchte, die du mit einer Gabel essen kannst.\u201c<\/p>\n<p>\u201eMan kann alles mit einer Gabel essen, wenn es denn nur klein genug geschnitten ist\u201c, sagte ich.<\/p>\n<p>\u201eDu Dummerchen\u201c, sagte Palmera und ich hatte f\u00fcr einen Moment den Eindruck, als wollte sie wirklich, dass ich verstand, was Gabelfr\u00fcchte sind, \u201e Kirschen oder Johannesbeeren sind keine Gasbelfr\u00fcchte, denn die kannst du auch so in den Mund stecken, ohne dass man sie klein schneiden muss. Eine Melone allerdings, oder eine Ananas, die muss man kleinscheiden. Das sind Gabelfr\u00fcchte. Gabelfr\u00fcchte ist all das, was nicht umweglos in deinen Mund kommt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd die\u201c, fragte ich in dem Versuch, das interkonfessionelle Dilemma wieder zu thematisieren, \u201ewerden von allen gegessen. Juden, Christen, Moslems, Hindus, Scientologen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas diese Schei\u00dfscientologen fressen wei\u00df ich nicht\u201c, zischte Palmera.<\/p>\n<p>\u201eAber alle anderen?\u201c, fragte ich.<\/p>\n<p>\u201eJa, alle anderen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDann steht das Konzept.\u201c, sagte ich begeistert und Palmera nickte unter tr\u00e4nigem L\u00e4cheln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Fork Fruit Lounge wurde ein voller Erfolg. Schon nach sechs Monaten schrieben wir schwarze Zahlen. Palmera wurde im New Yorkers erw\u00e4hnt und irgendein \u00fcbereifriger Blogger meinte sogar, Philip Roth dabei ersp\u00e4ht zu haben, wie er mit seinen d\u00fcnnen Fingern eine noch d\u00fcnnere Gabel gehalten und damit in einem Sunday Freshwater Bucket nach Kiwist\u00fccken geangelte h\u00e4tte. An einem Sonntagmorgen. Im Palmera, denn so hatte Palmera ihren interkonfessionellen Gabelfruchtladen genannt, weil ihr, nach der Entdeckung der Gabelfrucht, scheinbar s\u00e4mtliche Kreativit\u00e4t und auch Spontaneit\u00e4t abhandengekommen waren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich w\u00e4re es fast eine dieser komisch traurigen Erfolgsgeschichten geworden, \u00fcber die man zweitklassige Filme dreht und zu denen frustrierte Drehbuchschreiber immer wieder Zuflucht nehmen, wenn ihnen sonst nichts mehr einf\u00e4llt. Aber Palmera scheiterte weder an sich selbst noch an den Umst\u00e4nden, sondere an einem St\u00fcck Gabelfrucht, welches einer ihrer unterbezahlten Hilfskr\u00e4fte etwas schludrig geschnitten hatte, nicht wie befohlen als Kreuz im Sinne eines Multiplikationszeichens oder in Nach\u00e4ffung der schweizerischen Fahne, sondern als ein echtes Christenkreuz, mit vertikal\/horizontaler Begegnung im oberen Drittel. Dieses ungl\u00fccklich geformte St\u00fcck Frucht wanderte in einer der Sch\u00fcsseln, die mit \u201eHoratios Breakfast\u201c beschriftet waren und neben den Fr\u00fcchten eine Menge Cerealien und N\u00fcsse enthielten. K\u00e4uflich erworben wurde diese Sch\u00fcssel von Presumio Attenborough, einem kurzbeinigen Baptistenprediger, den seine Gemeinde erst k\u00fcrzlich versto\u00dfen hatte, weil er in einem \u00fcberschw\u00e4nglich vorgetragenen Psalter der Liebe zur eigenen linken Hand etwas zu stark Ausdruck verliehen hatte. Nun befand er sich auf der Suche nach einem Entschuldungsobjekt, gemeinhin S\u00fcndenbock genannt. Auf direktem Wege war das nicht zu haben, aber irgendeine Machination des B\u00f6sen m\u00fcsste doch aufzusp\u00fcren sein, um seine Schuld in deren uners\u00e4ttlichen Schlund abzukippen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was ihn in die Fork Fruit Lounge trieb \u2013 wei\u00df der Teufel. Jedenfalls landete auf seiner Gabel das zum Kreuz geschnittene St\u00fcck Honigmelone, verkehrt herum allerdings, was Presumiio eine solchen Schrecken versetze, dass er die Fr\u00fcchte in hohen Bogen auf die Stra\u00dfe warf, laut aufschrie und, da er als guter Christ es schon immer ernst gemeint hatte, seine Pistole zog und den Kellner sowie Palmera, die gerade am Nebentisch abkassierte, sauber niederstreckte. Er selbst erlag den schneidig abgefeuerten Kugeln der anr\u00fcckenden Polizei, nicht ohne noch einige der umstehenden Passanten zur Mitreise ins ewige Dunkel gezwungen zu haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">*<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte das Caf\u00e9, falls es ein Drau\u00dfen hat, nat\u00fcrlich auch \u201eDrau\u00dfen nur Tassen\u201c oder falls es kein Drau\u00dfen hat, \u201eDrinnen nur K\u00e4nnchen\u201c nennen. Da ich aber noch \u00fcberhaupt nicht wei\u00df ob, und wenn ob dann wo ich dieses Caf\u00e9 haben werde, sollte ich mich mit der Namensgebung nicht so schwer tun und sie nicht an \u00c4u\u00dferlichkeiten festmachen. Ich nenne es einfach \u201eDrau\u00dfen nur Drinnen\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gastronomische Absurdit\u00e4ten &nbsp; Betriebe ich ein Caf\u00e9, es hie\u00dfe \u201eDrau\u00dfen nur K\u00e4nnchen\u201c, selbst wenn es gar kein Drau\u00dfen h\u00e4tte. 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