{"id":938,"date":"2016-09-20T19:45:35","date_gmt":"2016-09-20T17:45:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/tloenfahrer\/?p=938"},"modified":"2021-04-11T08:27:15","modified_gmt":"2021-04-11T08:27:15","slug":"welches-geraeusch-machen-weltbilder-wenn-sie-zusammenbrechen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/?p=938","title":{"rendered":"Welches Ger\u00e4usch machen Weltbilder, wenn sie zusammenbrechen?"},"content":{"rendered":"<h2 style=\"text-align: center\"><\/h2>\n<p><!--more--><\/p>\n<h2 style=\"text-align: center\"><strong>X<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: right\"><em>Was k\u00fcmmern den Abend die Versprechen von Sonnenaufg\u00e4ngen<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der kleine Evangelist<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schauen sie sich diesen Jungen an. Ist er nicht s\u00fc\u00df? Das dichte Haar brav auf der linken Seite gescheitelt. Und diese Gr\u00fcbchen wenn er l\u00e4chelt. Nicht nur zwei, sondern vier sind es. Das sieht man selten. Ich wei\u00df nicht, ob das was bedeutet, aber ich k\u00f6nnte mir vorstellen, dass ein besonders fr\u00f6hlicher Geist in diesem kleinen Kopf steckt. Vier Gr\u00fcbchen! Wie adrett er angezogen ist. Hose mit B\u00fcgelfalten, frisches Hemd und sogar Krawatte. Ob er sie schon selbst binden kann? Einen dunkelblaues Sakko, wo doch alle in seinem Alter schon diese f\u00fcrchterlichen Parka tragen. Gut, die kleine Aktentasche wirkt etwas aufgesetzt, aber irgendwo muss er ja seine Heftchen und Faltbl\u00e4tter hineintun. Alles in allem ein kleiner Erwachsener, ein Kind, das anscheinend schon in diesem zarten Alter wei\u00df, wo es hin will. Respekt! H\u00f6flich ist er. Gr\u00fc\u00dft anst\u00e4ndig und schaut einem direkt in die Augen. Saubere Aussprache. Der passt im Deutschunterricht bestimmt gut auf, meldet sich, wenn es darum geht etwas vorzulesen und hat keine Angst davor, an die Tafel zu gehen. Seine Lehrer werden ihn lieben. Ich h\u00f6re ihm gerne zu und beantworte bereitwillig seine Fragen, auch wenn es befremdlich ist, von einem Kind auf seine Zukunftserwartungen angesprochen zu werden. Um den Jungen nicht zu verwirren sage ich etwas Unverbindliches. Frieden h\u00e4tte ich gerne und dass alle Menschen gl\u00fccklich sind. Das Kleine strahlt, als h\u00e4tte ich ihm ein Geschenk gemacht. Er h\u00e4lt ein Buch in der Hand, in dem er flink anf\u00e4ngt zu bl\u00e4ttern und dann liest er. Keine moderne Sprache, aber er meistert sie spielend, ohne dass es auswendig gelernt klingt. Sch\u00f6ne Sachen liest er mir vor. Gott wird jede Tr\u00e4ne von meinen Augen wischen, noch wird Trauer,\u00a0 Geschrei \u00a0und Schmerz mehr sein. Selbst der Tod ist vergangen. Gro\u00dfe Worte f\u00fcr einen so kleinen Menschen. Der Mann neben ihm ist bestimmt sein Vater. Stattlicher Kerl, in einer etwas biederen Kombination zwar, aber saubere Schuhe und saubere H\u00e4nde. Zweifellos ist er stolz auf seinen Sohn. Der macht das aber auch wirklich gut. Ob mir das gefallen w\u00fcrde, fragt der kleine Mann. Ja, sage ich, was soll ich sonst sagen. H\u00f6rt sich ja gut an. Zumal aus so einem kleinen, sauberen Mund. Aber dann ergreift der Vater das Wort und der Zauber ist vorbei. Armes Kerlchen, hat seinen Dienst getan und muss nun dem Erwachsenen Platz machen. Wie werde ich die jetzt wieder los? Stimmt, ich habe ja noch Kartoffeln auf dem Herd, zwar noch nicht angeschaltet, aber auch keine L\u00fcge, wenn ich sage, ich m\u00fcsse mich nun darum k\u00fcmmern. Tsch\u00fcss mein Kleiner. Ach w\u00e4ren meine Enkel nur so brav\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das letzte Gebet<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als irgend so ein S\u00fcdseek\u00f6nig mal nach Europa kam, wunderte er sich \u00fcber die Klingelkn\u00f6pfe an\u00a0 manchen H\u00e4usern. Sie s\u00e4hen aus wie Brustwarzen, bemerkte er. Diese Assoziation kam mir nie, obwohl ich hunderte, wom\u00f6glich sogar tausende von ihnen gedr\u00fcckt habe. Der Erotik des T\u00fcrenklingelns bin ich nie teilhaftig geworden. Eher der \u00dcbelkeit des Unvorhersehbaren, dem Magenkrampf des sich Aufdr\u00e4ngens, dem b\u00f6sen Schwindel ideologischen Offensivverhaltens. Vermutlich geh\u00f6rt es zu einer meiner gr\u00f6\u00dften Lebensleistungen, es in Gottes Dr\u00fcckerkolonne zu einigem Ansehen gebracht zu haben, ohne in dem eigentlichen Kerngesch\u00e4ft jemals erfolgreich gewesen zu sein. Keine einzige Seele habe ich gefangen. Eine Tatsache, die mir damals st\u00e4ndig das Gewissen umgrub. Selbst als ich schon am Rand stand, kurz vor dem Absprung, dachte ich, das muss es sein, du musst den Missionar in dir herauskitzeln, dann wird alles gut. Also nochmal hinaus, nochmal Aug in Aug mit der T\u00fcrklingel und zeigen, dass du ein wahrer J\u00fcnger bist. Auf dem Weg dahin ein inbr\u00fcnstiges Gebet: Wenn du, Gott, mich wirklich willst, dann mach, dass ich das kann. Dass ich das gerne tue. Dass ich Erfolg habe.<\/p>\n<p>Gott k\u00fcndigt seinen Mitarbeitern, indem er schweigt, sie dieses Schweigen bis ins Mark sp\u00fcren l\u00e4sst und sie sich f\u00fchlen wie ein ver\u00e4chtlich an den Stra\u00dfenrand hingerotzter Eiwei\u00dfbatzen. Um die Unverdaulichkeit der Erfahrung noch zu erh\u00f6hen, schickt er Freunde und Verwandte, die dich bedauern wie einen Krebskranken, dem man keine Aussicht auf Heilung g\u00f6nnt. Aus lauter Verzweiflung machst du dich klein, k\u00e4mmst dir einen Seitenscheitel und ritzt dir mit einer Rasierklinge vier Gr\u00fcbchen in die Wangen. Aber Gott stellt dich nicht wieder ein, genauso wie deine Freunde dich nicht wieder als Freund und deine Verwandtschaft dich nicht wieder als Verwandten einstellen. \u00a0Auch gibt es keine alten Damen mehr, die dich niedlich finden. \u00dcberhaupt findet dich niemand mehr und du verbringst deine Zeit fortan mit suchen.<\/p>\n<p>Und in deinem letzten Gebet sagst du nicht (wie du heute w\u00fcnschst es damals gesagt zu haben): Leck mich am Arsch, sondern einfach nur: Es tut mir leid.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":27,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-938","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-archiv"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/938","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/27"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=938"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/938\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":944,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/938\/revisions\/944"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=938"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=938"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tloenfahrer.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=938"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}