Bestandsaufnahme einer Weltreligion

Ruud Koopmans, Das verfallene Haus des Islam, C.H.Beck

Kritische Anmerkungen zum Islam werden heutzutage gerne mit Attribut „islamophob“ versehen und, ohne dass eine wirkliche Auseinandersetzung mit den Inhalten der Kritik stattfindet, als Hassrede diffamiert. Dabei ist Ideologiekritik ein fundamentaler Bestandteil dessen, was gemeinhin Aufklärung genannt wird. Keine Gesellschaft, die sich einer demokratischen Grundordnung verschrieben hat, kann darauf verzichten, die in ihr vorhandenen Weltbilder auf die Kompatibilität mit der eigenen Verfassung zu untersuchen. Die Erfahrung nämlich hat gezeigt, dass Widersprüche hier zu Konflikten führen, die eine Gefahr für die Freiheit aller darstellen, behält die ideologische Sichtweise dabei die Oberhand.

Warum gerade der Islam in dieser Hinsicht ein sehr hohes Konfliktpotential in sich trägt, beschreibt der Soziologe und Migrationsforscher Ruud Koopmans in seinem im Februar dieses Jahres erschienenen Buch „Das verfallene Haus des Islam – Die religiösen Ursachen von Unfreiheit, Stagnation und Gewalt“. In meinen Augen ist der Titel unglücklich gewählt. Er klingt etwas zu reißerisch und nach der Methode Sarrazin alles über einen Kamm scherend. Dass dem nicht so ist, merkt man schon auf den ersten Seiten. Im Gegensatz zu Sarrazin kennt Koopmans das, worüber er spricht aus eigener Anschauung, durch seine Arbeit an der Humboldt-Universität als Professor für Soziologie und Migrationsforschung, durch seine vielen Reisen in islamische Länder und wohl auch durch seine Frau, die aus der Türkei stammt. Und anders als Sarrazin stützt er seine Argumentationen nicht auf fragwürdige Statistiken und zieht daraus Schlüsse, die einer bestimmten Gruppe eine grundsätzliche Unterlegenheit attestieren.

Dennoch musste auch Koopmans sich den Vorwurf des Rassismus gefallen lassen, sowie als Argumentlieferant für AfD und das gesamte rechte Spektrum zu dienen. Das lag zum Teil weniger an seinem Buch, als an seinen Äußerungen in verschiedenen Fernsehsendungen und Talk-Shows, die eine solche Einordnung zwar nicht unbedingt rechtfertigen, aber ihnen bestimmt Vorschub leisteten. Kritik an seinen Forschungsergebnissen dagegen gab es nur dahingehend, dass seine Befragungen zum Teil nicht umfangreich genug gewesen seien. Allerdings stützt sich auch nur ein kleiner Teil seiner Argumente auf eigene Umfragen. Hauptsächlich sind seine Referenzen Statistiken, die von verschiedenen, globale Entwicklungen analysierenden Instituten erstellt wurden.

Bei der Beschäftigung mit dem Islam gilt grundsätzlich, was Koopmans in seinem Vorwort schreibt: „Jeder, der nicht zwischen Kritik an einer Religion und Rassismus unterscheiden kann, sollte dieses Buch beiseitelegen.“

Überhaupt kann bei einer kritischen Einlassung über den Islam von Rassismus nicht die Rede sein, kann ein Muslim doch entweder arabischer, afrikanischer und oder asiatischer Herkunft sein. Es gibt Muslime, die Deutsche, Franzosen, Amerikaner oder Israelis sind. Kritik an der Ideologie der evangelikalen Fundamentalisten in den USA würde niemand als Rassismus bezeichnen, nur weil diesen auch Afroamerikaner angehören, die durchaus in anderer Form Rassismus erleben.

Mich interessierte Koopmans Buch nicht deshalb, weil ich ein Problem mit dem Islam habe und mich in meiner Ansicht bestärken wollte, sondern weil ich Religion generell skeptisch gegenüberstehe und jede Form von Fundamentalismus, sei er nun islamisch, christlich oder von einer politischen Ideologie gespeist, als eine große Gefahr für Demokratie, Meinungsfreiheit und das Prinzip der Gleichheit aller Menschen, unabhängig von ihrem Glauben, ihrer Herkunft oder sexuellen Orientierung ansehe.

Koopmans widerlegt in seinem Buch Argumente, die man immer wieder zu hören bekommt, wenn man islamistischen Fundamentalismus zur Sprache bringt. Vor allem die Behauptung, sein Ursprung läge in der Unterdrückung durch christliche Kolonialstaaten entkräftet er nachvollziehbar. So findet man den ausgeprägtesten Fundamentalismus heute in Ländern, die nie oder nur kurze Zeit unter der Herrschaft einer westlichen Macht standen. Das gleiche gilt für das Argument, der Islamismus sei eine Folge wirtschaftlicher Ausbeutung durch die kapitalistischen westlichen Staaten.

All diese Erklärungsversuche sind letztendlich eine Entmündigung der betroffenen Personen, beschreiben sie die Islamisten doch als Menschen, die nicht aus eigenem Antrieb handeln, sondern von den Verhältnissen und den Ereignissen der Vergangenheit dazu gezwungen werden, sich zu radikalisieren.

Koopmans sucht einen anderen Ansatz um den heutigen Zustand des Islam und der Länder mit mehrheitlich islamischer Bevölkerung zu erklären. Und dass dieser Zustand in den meisten Fällen kein guter ist (wirtschaftlich und/oder die Einhaltung der Menschenrechte betreffend), kann jeder erkennen, der mit den globalen Ereignissen auf dem Laufenden ist. Der Autor führt dies auf drei Grundprobleme zurück:

  1. Die fehlende Trennung von Religion und Staat
  2. Die Benachteiligung von Frauen
  3. Die Geringschätzung von säkularem Wissen

Das ganze Buch umkreist die drei Themenkomplexe und führt eine Vielzahl von Beispielen an, warum diese zum großen Teil Schuld sind an den Problemen, denen sich die islamische Welt gegenübersieht, aber auch der einzelne Muslim, wenn es zum Beispiel um die Frage der Integration in eine nichtislamische Gesellschaft geht.

Was aber noch wichtiger ist – und das macht letztendlich den Wert dieses Buches aus, neben der reinen Wissensvermittlung – genau an diesen drei Punkten gälte es anzusetzen, wollte man den Islam reformieren, was ja durchaus der Bestreben vieler Muslime ist, die aber bis heute noch eine deutliche Minderheit darstellen (nicht umsonst lobten Cem Özdemir und Ayaan Hirsi Ali Koopmans Buch ausdrücklich). Zu groß ist noch der Einfluss von Islamverbänden, die vor allem von der Türkei und Saudi-Arabien unterstützt werden. Und zu widersprüchlich auch das Verhalten derjenigen, die zwar jede Form von Rassismus und Stigmatisierung hierzulande laut anprangern, für den Rassismus, der Unterdrückung von Frauen, den Todesstrafen für Homosexualität oder der Abkehr vom islamischen Glauben in Ländern wie Saudi-Arabien oder dem Iran aber scheinbar blind sind. Es fällt ihnen einerseits leicht, Israel für seinen Umgang mit den Palästinensern immer wieder zu kritisieren und zu Protesten und Boykotten aufzurufen, zum Terror, den die Hamas und Fatah in den autonomen Gebieten verbreiten allerdings hörbar schweigen. Die Appeasement-Politik der deutschen Regierung gegenüber diesen Ländern, die gerne auch durch üppige Waffenlieferung begleitet wird, tut ihr übriges.

Ein weiterer Grund sich mit der Argumentation Koopmans auseinanderzusetzten besteht darin, dass die oben erwähnten drei Punkte genauso auf den christlichen Fundamentalismus zutreffen. Er erstarkt vor allem dort, wo er sich mit der politischen Macht verflechten kann wie derzeit in den USA. Er ist explizit homophob und möchte der Frau den ihr gebührenden Platz unter der Führung ihres Mannes als ihr Haupt wieder zuweisen und verurteilt säkulare Bildung, wie zum Beispiel die Evolutionstheorie. Wie in vielen muslimischen Ländern die Grundlage der Gesetze die Scharia bildet, möchten die christlichen Fundamentalisten die Bibel als oberstes Gesetzbuch anerkannt sehen.

Glücklicherweise sind in der christlichen Welt diese Bestrebung bisher noch Randerscheinungen, aber Tendenzen zu einer Rückkehr zu diesen Ansichten sind selbst in demokratischen Ländern zu beobachten. Man braucht nur nach Polen zu schauen, wo sich schon eine große Anzahl von Kommunen als „schwulenfreie Zonen“ bezeichnen.

Koopmans Buch zu lesen lohnt sich vor allem deshalb, weil es einen ungeschönten Blick auf die Auswüchse einer Ideologie wirft, deren Ansprüche den Erfordernissen unserer modernen Zeit nicht mehr gerecht werden. Man mag ihm in einzelnen Punkten widersprechen können, seine Bestandsaufnahme einer Weltreligion verliert dadurch aber nicht an Gültigkeit. Außerdem erinnert es daran, dass Werte wie Gleichberechtigung sowie religiöse und sexuelle Selbstbestimmung nicht selbstverständlich sind und immer wieder aufs Neue gegen unterdrückende Ideologien erkämpft und verteidigt werden müssen.

Hängebuchen und Höhlenzeichnungen

Neuzugänge in der Bibliothek

Zugegeben – es findet sich nicht viel Lyrik in der Bibliothek des Tlönfahrers. Was aber vorhanden ist, liegt mir besonders am Herzen. Sei es aus einer bewundernden Abneigung wie bei Benn; aus Gründen, die mit der eigenen Geschichte zu tun haben wie bei Garcia-Lorca; weil die zu den Lieblingsautoren zählenden eben auch Gedichte geschrieben haben und diese nicht fehlen dürfen, wie bei Borges und Sebald; oder weil ich das Glück hatte, Menschen kennenzulernen, bei denen die Einzigartigkeit ihres Blickes auf die Welt und das Leben und wie sie diesen in eine ganz eigene Sprache bannen, Verbindung eingeht mit der persönlichen Wertschätzung, die ich empfinde, diese besonderen Autorinnen zu kennen. Das trifft auf Lorraine zu, deren Gedichtband “was ein netz kann” schon vor einiger Zeit erschien und von dem auf dieser Seite zu einem anderen Zeitpunkt noch die Rede sein wird.

Neu in diesem illustren Kreis ist der Gedichtband von Jana Grolms mit dem Titel “der schlüssel liegt im Geranientopf”.

Auf dem Rücken des Heftes stehen die Zeilen:

Johannisperlchen schwingen aus / Gelassen mimt die Ruhe / ihr Zwischenspiel als wäre es / ein wieder Da

Schon ein erstes Überfliegen der Gedichte lässt ahnen, dem Dazwischen wird hier gebührender Raum gegeben. Nicht dem Dazwischen enger Lücken selbstverliebter Wortspielereien, sondern in dem, was man ganz nüchtern über das Leben zu erzählen weiß, ist man nicht erst gestern aus dem Ei geschlüpft. Unwillkürlich wird man an die Zeilen von Leonard Cohen erinnert: There is a crack in everything / that’s how the light gets in.


Die zweite Neuankunft ist von einem “alten Bekannten”, finden sich doch sämtliche von ihm auf Deutsch eschienen Bücher in meiner Bibliothek. “Der himmlische Jäger” von Roberto Calasso. Calasso ist nebenberuflich Verleger, und das schon so lange, dass er bereits Anfang der siebziger Jahre Ingeborg Bachmanns Gedichte in Italien herausbrachte (und sie kurz vor ihrem Tod noch in Rom im Krankenhaus besuchte). Hauptberuflich aber ist er Leser. Aber zum Glück nicht nur das. Er ist der seltene Glücksfall eines Menschen, der das Gelesene umzusetzen weiß in eine Prosa, die sich einer genauen Kategorisierung entzieht, die oszilliert zwischen Essay, geschichtlicher und literaturhistorischer Betrachtung, die alles zu umgreifen sucht, von den indischen Veden, über griechische Mytholgie, den Werken Tiepolos und Baudelaires, dem diplomatischen Treiben eines Taillerand bis hin zu Kafka und einem explizit kritischen Blick auf die Moderne, die er das Unsagbare Heute nennt.

“Der himmlische Jäger” nun nimmt den Übergang vom Tier zum Menschen in den Blick. Und auch den Übergang vom Gott zum Tier, denn es gab einmal eine Zeit, in der man nicht wusste, ob das, was einem über den Weg lief nun ein Tier oder doch ein Gott war.

Calasso ist einer, der es nicht duldet, dass der Mensch sich von seinen Wurzeln trennt, auch wenn diese ihn schon lange nicht mehr nähren und er blasiert allem Metaphysischen verächtlich den Rücken gekehrt hat. Zwar überspannt er dabei manchmal den Bogen, aber selbst dann ist er immer geistreich, ruft eine Unzahl von Zeugen auf und anstatt ihm zu widersprechen fragt man sich verblüfft, wie es möglich ist, dass jemand in einem einzigen Leben so viel gelesen haben kann.

Widersprüche zulassen

Neuzugänge in der Bibliothek

Zwei Bücher, deren Titel sich offensichtlich widersprechen. Wo sie inhaltlich kollidieren und ob es auch Schnittmengen gibt, werde ich die nächsten Wochen herausfinden.

Das Eine:

Und das Andere:

In Salzborns “Kollektive Unschuld” habe ich schon hineingelesen. Er dockt bei Adorno an und auch bei Magarete und Alexander Mitscherlich. Deren Buch “Die Unfähigkeit zu trauern”, erschienen 1967, ist eine eindringliche Analyse des Umgangs der Deutschen mit ihrer Verstrickung in den Nationalsozialismus. Ich gehe davon aus, dass Salzborn von hier aus den Bogen weiter spannt ins Hier und Heute.

Von Susan Neimans Buch habe ich bisher nur das Vorwort gelesen, das sich auf Biografisches und ihr Verhältnis zu Deutschland konzentriert.

Susan Neiman ist eine wundervolle Autorin. Ihr Buch “Das Böse denken” gehört zu den schönsten und lehrreichsten Leseerfahrung, die ich auf dem Gebiet der Philosophie je hatte. Ich bin schon sehr gespannt, wie sie die Aufarbeitungs- und Erinnerungsarbeit der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg einschätzt.

Besonders aber erhoffe ich mir, durch die Unterschiedlichkeit der Ansätze von Neiman und Salzborn neue Sichtweisen kennenzulernen und aus dem Echo des Zusammenpralls der diametralen Standpunkte den einen oder anderen Ton herauszuhören, der hilfreich sein kann, die eigene Sicht der Dinge weiter dahingehend zu kalibrieren, dass man sie berechtigterweise eine objektive nennen kann.


Nichts ist, wie es scheint.

Nichts ist, wie es scheint, Michael Butter, Suhrkamp

Über Verschwörungstheorien, oder Verschwörungsmythen, wie der Begriff mittlerweile präzisiert wurde, wird in letzter Zeit viel geredet und es gibt über dieses Phänomen zahllose Artikel und Bücher. Erst vor kurzem erschien das Buch „Fake Facts – wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen“ der Autorinnen Katharina Nocun und Pia Lamberty, das sich umgehend zum Spiegelbestseller mauserte, was das große Interesse an der Thematik bezeugt.

Michael Butter, Professor für amerikanische Literatur und Kulturgeschichte an der Universität in Tübingen, veröffentliche sein Buch „Nichts ist, wie es scheint“ schon im Jahre 2018, was ihm natürlich nichts an Aktualität nimmt, auch wenn die Ausblühungen coronabedingter Verschwörungsmythen darin noch keine Erwähnung finden.

Überhaupt ist Butter mehr daran interessiert, Geschichte und Bedeutung des Begriffes „Verschwörungstheorie“ zu erläutern. Ihm liegt ihm nichts an einer raschen Analyse des Jetztzustandes, die lediglich der Befriedigung derjenigen dienen kann, die sich über eine solche geistige Verirrung erhaben fühlen und dagegen immun zu wissen glauben. Viel mehr geht es ihm darum, ein Wissensfundament zu schaffen, das als Werkzeug zur Einordnung dessen taugt, was man heute allerorten zu beobachten glaubt.

Dabei stellt er fest: Bis vor einigen Jahrzehnten war der Glaube an Verschwörungstheorien eine Selbstverständlichkeit. Sie galten, egal ob von religiöser oder politscher Seite, als von höchster Stelle legitimiert. Das änderte sich erst nach 1945 und spätestens ab Mitte der fünfziger Jahre konnte man ein Abwandern der Verschwörungstheoretiker in Subkulturen beobachten.

Dort sind sie, so Butter, bis heute verblieben, auch wenn man das Gefühl haben könnte, es handele sich mittlerweile wieder um eine große, fast globale Bewegung. Was aber hat sich tatsächlich geändert?

Die Ablehnung der gesellschaftlichen Mehrheit was Verschwörungstheorien angeht besteht nach wie vor. Aber vor allem durch das Internet wurden aus verstreuten, nicht oder selten miteinander kommunizierenden Gruppen, plötzlich Gemeinschaften, die sich über Ländergrenzen hinweg über ihre Ideen und Konspirationsmodelle austauschten. YouTube-Videos lösten die nur selten gelesenen Pamphlete ab und in Chatrooms konnte man sich plötzlich mit einer Vielzahl von Gleichgesinnten austauschen. Das vermittelte den früheren Einzelgängern das Gefühl, einer großen Gemeinschaft anzugehören und erweiterte ihren Horizont, was das Ausmaß der Verschwörungen anging. Theorien wurden einander abgeglichen und verschmolzen zu großen, welterklärenden Erklärungsgebäuden in denen sich aufzuhalten für viele einen unwiderstehlichen Reiz ausübte.

Das führte zu einer zweiten Entwicklung, die heute den Eindruck erweckt, Verschwörungstheorien strebten wieder einer allgemeinen Akzeptanz entgegen. Der Verschwörungstheoretiker akzeptierte seine Rolle als Randfigur und bastelte sich aus der Menge an Widerspruch ein passendes Narrativ, welches ihn in seiner Überzeugung nur bestärkte. Derat bewehrt, traut er sich in die Öffentlichkeit, ja sucht sie geradezu und ruft seine Weltdeutung so höhrbar wie möglich hinaus in eine irregeleitete und ungläubige Welt. Die Mehrheit gegen sich zu haben ist ihm Beweis dafür, im Besitz der Wahrheit zu sein. Zumal das Internet ihm mit der von ihm gewählten Filterblase einen perfekten Rückzugspunkt bietet, die Gemeinschaft der Gleichgesinnten, in welcher er argumentativ und emotional wieder aufrüsten kann bis zum nächsten Kampf gegen die Verblendeten und Irregeführten.

Butter schürt keine Panik, noch macht er sich über „Aluhüte“ lustig. Ihm geht es in erster Linie um die wissenschaftliche Untersuchung eines gesellschaftlichen Phänomens. Dennoch macht er sehr deutlich, wo die Gefahren liegen. Wer glaubt, die Erde werde von Reptiloiden beherrscht oder die Mondlandung sei nur ein Fake, schadet damit erst einmal niemanden. Ganz anders sieht das bei Impfgegnern aus oder Reichsbürgern, die meinen sich bewaffnen zu müssen, um sich gegen die BRD-GmbH und die alliierten Besatzungsmächte wehren zu müssen. Und was die Verschwörungstheorie von der Herrschaft des Weltjudentums angerichtet hat, weiß jeder.

Was aber tun? Aus meiner eigenen Erfahrung als fundamentalistischer Christ, und damit Anhänger einer der ältesten Verschwörungstheorien überhaupt, weiß ich, dass Argumente nichts bewirken. Wie schon erwähnt, bestätigt jede Form von Widerspruch nur die Überzeugung im Recht zu sein. Erst die aus eigenem Antrieb angestellte Untersuchung der Fakten kann eine Änderung des Denkens bewirken. Leider verspüren nur die wenigsten einen solchen Impuls. Die Ambivalenz, der sich der Mensch ausgesetzt sieht, die Sehnsucht nach der großen, alles erklärenden Erzählung ist so stark, dass nur wenige, die sich eingebettet und heimisch fühlen in einer alles umfassenden Theorie die Motivation verspüren, diesen sicheren Raum zu verlassen.

Was es braucht, ist eine ausgeprägte Sozial-, Geschichts- und Medienkompetenz. Hier müsste man schon in den Schulen ansetzen. Solange aber das Ziel schulischer Bildung in reiner Wissensvermittlung besteht, nicht aber in der Verleihung der erwähnten Kompetenzen, die Lehrpläne selbst in Form von Religionsunterricht z.B. diesem sogar entgegenwirken, wird es auch immer wieder einen Nährboden für Verschwörungstheorien und -mythen geben. Nur der Mensch, der versteht, dass es einfache und allumfassende Erklärungen für gesellschaftliche und geschichtliche Vorkommnisse nicht geben kann und der gelernt hat, dass eine Meinung, nur weil sie anscheinend von vielen Menschen geteilt wird deswegen nicht automatisch richtig ist, behält die gesunde Skepsis, die notwendig ist, um sich davor zu schützen, hinter allem was passiert, nicht gleich das große Böse zu vermuten. Zu denken, hinter allem verberge sich etwas und nichts sei, wie es scheint.

M.R.R.

Über Marcel Reich-Ranicki


Hat man als Literaturliebhaber seine medialen Filterblasen richtig justiert, dann spülte es einen in den letzten Tagen eine Menge Reich-Ranicki in die Timeline. Nicht zufällig, immerhin wäre der bekannteste aller deutschen Literaturkritiker (der wahrscheinlich bis in alle Zeit der bekannteste aller deutschen Literaturkritiker bleiben wird, weil dieses Geschäft, so wie er es verstand und betrieben hat, mit ihm ausgestorben ist) am 02. Juni 2020 einhundert Jahre alt geworden.

Wäre es nach den Nazis gegangen, hätte er seinen dreißigsten Geburtstag nicht mehr erlebt. Seine Biografie „Mein Leben“ zählt zu den für unsere Gesellschaft so immens wichtigen Zeugnissen aus einer Zeit der absoluten Verrohung und Erosion jedweden menschlichen Anstands. Gehörte man zu den Stigmatisierten, den aus der Gemeinschaft der Menschen per Definition und Dekret Ausgestoßenen, war Überleben eine Glückssache. Bei Marcel Reich-Ranicki und seiner Frau Teofila aber nicht nur. Auch die Literatur hatte damit zu tun und das ist keine auf psychologischer Kaffeesatzleserei beruhende Feststellung, sondern eine handfeste Tatsache. Und das berührt letztlich einen Punkt, der völlig jenseits davon steht, was man nun von M.R.R als Literaturkritiker hält. Er kehrte dem Land und der Sprache jener, die ihn töten wollten, nicht den Rücken, sondern hatte die Kraft und den Großmut, ihnen die Hand zu reichen. Leicht war es nicht, denn er blieb bei all seinen Bemühungen ein Außenseiter. Der Deutsche ist sehr nachtragend, wenn man ihm etwas antut. Nachtragender ist er nur gegenüber jenen, denen er etwas angetan hat.

Aber M.R.R zahlte es ihnen heim. Durch seine Unerbittlichkeit, seine Gradlinig- und Furchtlosigkeit und dem, den Teutonen so völlig abgehenden Mangel an Respekt vor jenen, die sie als „Götter“ betrachteten. Den Preis, den Reich-Ranicki dafür bezahlte: Einsamkeit, wie er selbst einmal in einem Interview, nicht lange vor seinem Tod bemerkte. Und natürlich Tötungsphantasien von Schriftstellern, die sich durch ihn bedroht oder gar geschädigt sahen.

Hat er Schriftstellerkarrieren beschädigt? Ich glaube, er hat einige zumindest für eine Zeit gebremst. Nicht dadurch, dass deren Bücher weniger verkauft wurden. Aber seine apodiktischen Urteile waren trefflich dafür geeignet, Selbstvertrauen zu zerstören und den Verrissenen in einen Verteidigungsmodus zu versetzen, der jegliche Kreativität für mehr oder weniger lange Zeit unterbandt. Die meisten werden sich davon erholt haben und man sieht ja heute, wo ein neuer M.R.R. nirgendwo am Horizont zu sehen ist, wie die Talente auf- und wieder abtauchen und nur ganz wenige es schaffen, in den obersten Regionen der öffentlichen Wahrnehmung zu verbleiben.

Ein weiterer Preis: Man erinnert sich an ihn heute meist nur noch wegen seiner Auftritte beim Literarischen Quartett, seinen Kontroversen mit Gras und vor allem mit Walser. Nur wenige gedenken seiner unermüdlichen Arbeit als Feuilletonchef bei der F.A.Z, der Arbeit als Herausgeber der Frankfurter Anthologie, Herausgeber von Lyrikanthologien und den Kanons deutscher Romane, Erzählungen, Lyrik und Essays. Letztere befindet sich in meinem Besitz und wird mir bis an mein Lebensende immer wieder Freude bereiten ob der Vielzahl von essayistischen Perlen, die sich darin befinden. Ihm selbst war ja dieser mediale Ruhm suspekt, was sich letztlich auch darin zeigte, dass er den Deutschen Fernsehpreis auf die ihm ganz eigene, unsensible Art und Weise ablehnte. Dass er dies vor laufenden Kameras tat, bezeugt die Ambivalenz seines Verhältnisses zur Öffentlichkeit. Einerseits hatte er sie immer gesucht, andererseits musste er immer wieder erleben, wie sie ihm die so ersehnte „Einbürgerung“ verwehrte.

Persönlich ist mir die Art wie M.R.R seine Literaturkritik betrieb mittlerweile fremd. Früher, in Zeiten des Suchens nach einem eigenen Standpunkt, war die Lektüre seine Bücher und Artikel so etwas wie Ankerpunkte, an denen ich mich orientieren konnte. Ein gehörige Portion Neid war auch mit im Spiel, wollte ich mir in meinem Urteil doch einmal so sicher sein, wie er. Und wenn du dir deiner selbst nicht sicher bist, dann liest du lieber einen Verriss von Büchern derjenigen, denen du dich weit unterlegen fühlst, als irgendwelche Lobeshymnen, welche dir deine Inferiorität nur bestätigen.

Heute sehe ich es naturgemäß anders, man entwickelt sich weiter und emanzipiert sich von seinen Idolen und Souffleuren und das bockige Verteidigen des eigenen Geschmacks als oberste Instanz für das, was gute oder eben nicht gute Literatur ist, erscheint mir als hinderlich wenn es darum geht, in einem Buch oder einer Erzählung sich auf die Suche nach Orten zu begeben, an denen man sich selbst begegnet. Denn nur darum geht es in der Literatur. Es gibt nichts sinnloseres als Kritik an einem Buch, das mich kalt lässt, dem es auf keiner Seite gelingt, Kontakt mit mir aufzunehmen. Weil diese Kritik sich genau an diesem Punkt festmacht und ihn nicht verlassen kann. Nicht umsonst konnte M.R.R. manchmal nichts anders sagen als: „Das langweilt mich.“ „Das ist blöd.“ „Das ist untalentiert“ usw. Diese Mühe kann man sich sparen. Kritik setzt erst dann an, wenn eine Verbindung zwischen dem Kritiker und dem betrachteten Gegenstand entsteht. M.R.R sagte einmal, Offenheit ist die Höflichkeit des Kritikers. Ich dagegen möchte nicht höflich sein gegenüber den Büchern, die ich lese. Ich möchte leidenschaftlich sein und das kann ich nur, wenn mich die Lektüre jenseits der Frage, ob mir nun gefällt, was ich lese oder ob es meinen Qualitätsmaßstäben entspricht, berührt.

Reich-Ranickis Kritiken waren immer Plädoyers für die Literatur. Aber immer nur für das, was er unter Literatur verstand. Er war einem kategorischen Denken verhaftet, das einfach nicht mehr in unsere heutige Zeit passt.  

Anderseits hätte ich ohne M.R.R und das Literarische Quartett nie etwas von Javier Marias und seinem Buch „Mein Herz so weiß“ gehört. Und mir würde damit einer der schönsten Leseerfahrungen meines Lebens fehlen.

Noch einen Preis zahlen wir alle für die Ausnahmestellung, die Marcel Reich-Ranicki in der deutschen Literaturkritik der Bundesrepublik einnimmt. Dafür trägt er keine Schuld, sie bedingt sich durch die mediale Aufmerksamkeit, die er durch das Literarische Quarte bekam. Niemand spricht heut mehr von Hans Mayer, Joachim Kaiser oder Fritz J. Raddatz. Sie alle waren leidenschaftliche Leser, Kenner der deutschen Literatur und haben wunderbare Bücher über Schriftsteller und ihre Werke geschrieben, die zu lesen selbst heute noch ein wirkliches Erlebnis ist. Hans Mayer hat ein Vierbändiges Werk „Deutsche Literaturkritik“ herausgebracht, das den Kanons von Reich-Ranicki in nichts nachsteht, ja vielleicht in der Treffsicherheit der Auswahl noch überragt. Raddatz Analysen der deutschen Literatur sind, weil sie sich auf Nebenpfaden bewegen und die Posterboys der Nachkriegsliteratur gerne außen vorlassen, von einer Tiefgründigkeit, gerade auch im politischen Sinn, die Reich-Ranicki nie erreicht hat. Joachim Kaiser dagegen ist ein Liebender, ein Feingeist bei dem jeder Gegenstand, den er sich zur Betrachtung in die Hand nimmt, danach ein Stück schöner und glänzender ist.

Ich glaube, diese drei Autoren haben für die deutsche Literatur ebenso viel geleistet wie Reich-Ranicki, nur auf andere, subtilere und teilweise auch verkopftere Art.

Wo Marcel Reich-Ranicki sie aber überstrahlt, ist in seiner einzigartigen Position als Kämpfer für eine Sprache, in der die Tötungsbefehle gegen seinesgleichen gebrüllt wurden und seinen unerschütterlichen Glauben daran, dass jenes Gebrüll das Schöne dieser Sprache nur verdeckt, aber nicht zerstört hatte.  

Vom Hören und vom Sagen

Über Jan Weidners Vom Hörensagen

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Keine Geschichte wird ohne Grund erzählt. Auch wenn wir uns in stillen Gedanken selbst Zeugnis ablegen, steckt immer eine Absicht dahinter. Diese ist untrennbar mit der Erzählung verbunden, mag sie sich auch noch so gut verstecken oder gar absichtlich verschleiert werden. Erzählen heißt immer manipulieren und wer einer Geschichte zuhört, ist an ihrem Ende nicht mehr der Mensch, der er an ihrem Anfang gewesen war. Wehren kann man sich dagegen nur, indem man eine andere Geschichte dagegensetzt, besser gesagt, eine andere Version der Geschichte, vielleicht sogar mehrere. Man steht dem Gehörten solange machtlos gegenüber, bis man selbst das Wort ergreift und die Welt aufs Neue erschafft.

Unter diesem Gesichtspunkt bekommt der Titel Vom Hörensagen eine doppelte Bedeutung. Zunächst die allgemein übliche, einen Umstand nicht aus eigener Anschauung, sondern nur durch die Erzählungen anderer zu kennen. Der Erzähler in Jan Weidners Geschichte hat viel gehört – Gerede von Nachbarn und anderen Dorfbewohnern – über die Frau, mit der er sich in einem Raum befindet, die er von Kindheit an kennt, von der aber dennoch nicht viel weiß und die ihm nun, während sie gemeinsam auf ein bestimmtes Ereignis warten, ein Geständnis ablegen will.

Man kann Vom Hörensagen aber auch so verstehen, dass auf das Hören das Sagen folgt, weil nur durch das eigene Sagen des Gehörten, durch das Neuerzählen, die Dinge für einen selbst an Klarheit gewinnen können, nur so ein Begreifen möglich ist. Denn alles ließe sich begreifen, so der Erzähler, und in einen Satz fassen, wenn er nur gut genug ist.

Wie aber sieht er aus, der Satz, der gut genug ist? Das Buch gibt die Antwort, indem es sie nicht gibt, sondern das Bemühen des Erzählers schildert, diesen zu finden. Es ist nicht nur die Geschichte zweier Menschen, deren Fremdartigkeit sie zwar verbindet, letztendlich aber keine wirkliche Berührung zulässt, eine Geschichte von Anziehung und Abstoßung, von Zurückweisung und Schuld, vom grausamen Schweigen und ebenso grausamen Reden, sondern auch eine über die schmerzhafte Suche nach Wahrhaftigkeit, die, soviel wird klar, nichts mit Wahrheit zu tun hat, sondern mit dem Erkennen der eigenen Rolle, die man spielt – sei es als Hörender oder Sagender.

Was aus dem Buch, neben seiner klugen Komposition, seiner eindringlichen Sprache und einer Geschichte, die Seite um Seite mehr gefangen nimmt und letztendlich in Mark und Bein fährt, etwas Besonders macht, ist das angehängte Begleitwort einer Leserin, in der Anja Goeft-Sozza der Geschichte und ihrem Erzähler mit sprachlichem Feingefühl und intellektueller Sensibilität nahe zu kommen sucht. Dieses Nachwort verstärkt das Gefühl, das man nach der Lektüre von „Vom Hörensagen“ ohnehin hatte, indem sie ein passendes Wort dafür findet: Erschütterung. Eine Erschütterung, die sich nicht nur dem tragischen Handlungsverlauf schuldet. Man ist außerdem Zeuge geworden, was es bedeutet um Worte zu ringen, damit sie dem gerecht werden, was erzählt werden soll, erzählt werden muss.

Jan Weidner, Vom Hörensagen, zuckerstudio waldbrunn, ISBN 978-3-7357-5891-0

Diese verdammten Wahrheiten

Franz Fanon, Die Verdammten dieser Erde, Suhrkamp

Jill Lepore, Diese Wahrheiten, C.H. Beck


Aus aktuellen Anlass Frantz Fanon gelesen. In seinem 1961 erschienen Buch “Die Verdammten der Erde” schrieb er über die Kolonisierten und Unterdrückten:
“Das kolonisierte Volk erlebt es, dass die Gewalt…positive und aufbauende Züge annimmt. Die gewalttätige Praxis wirkt integrierend, weil sich jeder zum gewalttätigen Glied der großen Kette macht, die als Reaktion auf die primäre Gewalt des Kolonialisten und Unterdrückers aufgestanden ist…Auf individueller Ebene wirkt die Gewalt entgiftend. Sie befreit den Kolonisierten und Unterdrückten von seinen verzweifelten Haltungen und rehabilitiert ihn in seinen eigen Augen.”

Zugegeben, Fanon ist keine leichte Lektüre. Um es für wohlstandsverwahrloste, weiße Europäer überhaupt genießbar zu machen, hatte Suhrkamp der Kampfschrift des in Martinique geborenen Anitkolonialisten damals ein Vorwort von Satre beigegeben. Was bezeichnend ist für das europäische Selbstverständnis.

Was Fanons Buch plötzlich wieder so aktuell macht, ist seine Kompromislosigkeit. Es gibt die Unterdrücker und die Unterdrückten. Zwei Parteien ohne die geringste Schnittmenge. Denn der Unterdrückte, hat er sich nur lange genug in dieser Postion befunden, will sich nicht mehr mit dem Unterdrücker verständigen. Er will schlichtweg seinen Platz einnehmen. Er will die Verhältnisse umkehren, denn das ist, was ihn der Unterdrücker all die Jahre, Jahrezehnte und Jahrhunderte gelehrt hat: Es gibt kein Miteinander auf Augenhöhe.

Parallel las ich weiter in Jill Lepores Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika und mittlerweile auf Seite 400 angelangt wird einem klar, wie tief, tief, tief das Rassenproblem in der US-Amerikanischen Gesellschaft verankert ist. Von dem Ringen um eine gemeinsame Verfassung, über die Sezession und den darauf folgend Bürgerkrieg bis hin zu den anschließenden Debatten um Bürgertum, Wahl- und Einwanderungsrecht – immer stand die Rassenfrage entweder im Mittelpunkt, oder aber als Elefant im Raum. Und selbst aus heutiger Sicht progressiv erscheinende Bewegungen, vielfach von Frauen angeführt, die dafür kämpften, Gleichberechtigung und Wahlrecht für ihresgleichen zu erzwingen, bezogen in der sogenannten Rassenfrage den gleichen Standpunkt wie ihre politischen Gegner und wollten die Schwarzen am liebsten allesamt zurück nach Afrika verschiffen.

So erscheint mir Trump heute als ein Wiedergänger aus einer Zeit, in der selbst der Oberste Gerichtshof der USA bestätigte, dass Schwarze Menschen zweiter Klasse seien, von Gott dazu ausersehen, vom weißen Mann beherrscht zu werden.

Das ist im Übrigen die Grundmelodie des Kolonialismus und der von Europa ausgehenden Unterwerfung: Ein Überlegenheitsdenken, das einen Großteil seiner Energie aus dem Auserwähltseinsnarrativ der christlichen Weltdeutung schöpfte. In dem Film “Mission” von Roland Joffé, der im heutigen Brasilien spielt, gibt es eine Szene, in der ein junger Eingeborener vor einer Horde Priester und Conqistatoren auf betörend schöne Weise ein Kirchenlied singt. Und die Herren diskutieren darüber, ob das “Ding”, das da nun so schön gesungen hat, eine Seele habe. Sie kommen zu dem Schluss, dass dem nicht so sei, was ihnen die Hinschlachtung tausender Indios wesentlich erleichterte.

Natürlich kann man sich fragen, was die Wut und die Gewalt der Protestierenden in den amerikanischen Stätten bewirken soll, wenn sie sich doch zum Teil gegen sich selbst richtet. Viel wichtiger aber ist die Frage, wo die Ursachen dieser Ausbrüche liegen und warum die Bilder plündernder Demonstranten in den Medien so viel gegenwärtiger sind, als diejenigen friedliche Protestierender, die im Augenblick jedenfalls noch die überwiegende Mehrheit bilden.

Extremismus und Fieber

Slavoj Zizek, Ärger im Paradies, Verlag S.Fischer

Slavoj Zizek schreibt in seinem Buch „Ärger im Paradies“ über terroristische Fundamentalisten, diese seien im Grunde keine wirklichen Fundamentalisten, da ihnen das fehle, was alle Fundamentalisten, gleich welcher Couleur, ausmache: die Abwesenheit von Verbitterung und Neid, die große Gleichgültigkeit gegenüber der Lebensweise der Ungläubigen. „Extremismus und Fieber“ weiterlesen