Juden raus!

Beim Gipfeltreffen der Afrikanischen Union wurden einige Teilnehmer gezwungen, die Veranstaltung zu verlassen. Nicht etwa, weil sie aus Israel kamen, sondern nur, weil sie Juden waren.

Unter den Anwesenden befand sich unter anderem der Generalsekräter der UNO Ban-Ki-Moon, sowie der spanische Ministerpräsident.

Zu lesen hier.

Dazu ebenfalls sehr lesenwert.

 

 

29/VI/14

Seit einiger Zeit sammele ich erste Sätze aus ungeschriebenen Romanen. Man findet sie überall, aber niemals vorsätzlich. Diesen hier entdeckte ich gestern bei meinem Therapeuten in der Couchritze (die Länge des Satzes und die leicht angestaubte Grammatik lassen mich vermuten, er steckte da schon eine ganze Weile):

„Obwohl sein Name das Gegenteil vermuten ließ, war Enrico Quasselstripp ein schweigsamer Mensch, der von sich behauptete, niemals dem Irrtum erlegen zu sein, aus dem Besitz einer Meinung ließe sich automatisch das Recht ableiten, diese auch unaufgefordert zu äußern.“

Vor drei Tagen lag dieser Satz hinter der Kaffeemaschine:

„An ihrem vierzigsten Geburtstag gab Sagitta Schütz endgültig die Hoffnung auf, jemals die Liebe ihres Lebens zu treffen.“

Heute fand ich beim Spazierengehen im Wald einen kleinen ersten Satz zwischen dem feuchten Laub. Wahrscheinlich hatte ihn jemand einfach weggeworfen, weil er an dessen Lebensfähigkeit zweifelte. Zunächst wollte ich ihn liegen lassen, aber er tat mir irgendwie leid. Also hob ich ihn auf und nahm ihn mit. So hilflose und unterernährte erste Sätze sind ja doch irgendwie niedlich. Er lautet:

„Jetzt haben Sie es bis hierher geschafft – dann können Sie den Rest des Buches ja auch noch lesen.“

Der Untergang von Kasch

Napoleon nannte seinen Außenminister Talleyrand einmal “Scheiße in Strumpfhosen”. Auf die heutige Zeit heruntergebrochen, wäre das so, als bezeichnete Angela Merkel Frank Walter Steinmeier als “Scheiße in Nadelsteifen”. Das ist, selbstredend, eine sehr problematische Gleichsetzung. Man kann A.M. natürlich nicht mit Napoleon vergleichen (beiden geschähe damit grobes Unrecht). Noch viel weniger allerdings Steinmeier mit Talleyrand. Was bleibt, ist die auf politischer Opportunität beruhende Zwangsverbindung sich gegenseitig abstoßender Pole.

Wer sich abseits der aktualitätsfixierten Presse dem Thema der pragmatischen Ambiguität auf Regierungsebene am Beispiel der französischen Revolution und der von ihr in die Welt gesetzten politschen Wirrnisse literarisch/essayistisch nähern möchte, dem sei empfohlen:

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Roberto Calasso – Der Untergang von Kasch, Suhrkamp, ISBN 3-518-39925-X

Die Geschichte ohne Ende

Gestern erzählte mir ein Bekannter eine Geschichte, von der er behauptete, sie habe sich tatsächlich so zugetragen.

Ein junger Mann, der sich viele Gedanken über die Vorhersehung und den Zufall machte, wollte sich durch ein mutiges Experiment Klarheit über diese Dinge verschaffen. Der Versuch sah folgendermaßen aus:
Seinen beiden engsten Freunden gab er zwei versiegelte Briefumschläge und bat sie, zu einer genau festgelegten Zeit gegeneinander zu würfeln. Der Gewinner würde einen der Umschläge auswählen, ihn aber erst öffnen, nachdem er den anderen Umschlag verbrannt hätte. Zur gleichen Stunde, in der die Freunde ihr Würfelspiel beginnen sollten, ließ der junge Mann sich von einem Fremden an einem bestimmten Ort in einer Holzkiste vergraben. In einem der Umschläge war auf einem Zettel dieser Umstand und der Ort genau beschrieben. Der andere Umschlag enthielt einen Abschiedsbrief des jungen Mannes, in dem er mitteilte, er hätte aus persönlichen Gründen das Land verlassen und würde sehr lange auf Reisen sein.

An dieser Stelle brach mein Bekannter seine Erzählung ab, mit der Bemerkung, er wisse leider nicht, was mit dem jungen Mann geschehen sei und wie die Sache endete. Aus diesem Grund nahm ich an, seine Geschichte wäre erfunden.

Seither denke ich ständig an den jungen Mann, der in jener Holzkiste liegt und nicht weiß, ob dies nun sein Grab werden wird oder nicht.

Ich frage mich, wie die Geschichte endet. Erwählt der Gewinner des Würfelspiels den richtigen Umschlag, werden die Freunde den jungen Mann aus seinem Gefängnis befreien. Öffnen sie den Umschlag mit dem Abschiedsbrief und haben sie den anderen Umschlag vorher verbrannt, so wird der junge Mann in seinem Grab verbleiben und für immer dort beerdigt sein. Es sei denn, der Fremde, der ihn dort vergraben hat, beschließt zurückzukehren um nach dem jungen Mann zu sehen, trotz des Geldes, das er erhalten hat und der strikten Anweisung, die Stadt sofort zu verlassen.
Vielleicht haben aber die Freunde den zweiten Umschlag doch nicht verbrannt und öffnen ihn, nachdem sie den Abschiedsbrief gelesen haben, und der junge Mann wird noch gerettet. Eine weitere Möglichkeit bestünde darin, dass die beiden Freunde keine richtigen Freunde sind, der junge Mann in ihren Augen ein eitler Schwätzer ist, dieses Würfelspiel nie stattfindet und die Umschläge ungeöffnet fortgeworfen werden. Oder die Freunde würfeln zwar nicht, lesen aber aus Neugier die Briefe. Sie können dem, was darin geschrieben steht, Glauben schenken oder auch nicht. Möglicherweise werden sie dem jungen Mann helfen. Sind sie aber neidisch auf dessen Intelligenz oder Mut, beschließen sie, ihn nicht zu befreien. Vielleicht fahren sie sogar zu der Stelle, an der er vergraben ist und erfreuen sich an dem Gefühl ungeheurer Macht, da ja die Entscheidung über Leben oder Tod des jungen Mannes in ihren Händen liegt.
Denkbar aber auch, dass sie die Uhrzeit verpassen, das Würfelspiel hinauszögern, irgendetwas dazwischen kommen lassen. Das Spiel findet noch statt, sogar der richtige Umschlag wird erwählt, aber sie kommen zu spät und der junge Mann ist inzwischen in seinem Grab erstickt. Sie könnten das Spiel auch zu früh beginnen und, im bestimmten Falle, an den Ort kommen und den Fremden gerade dabei antreffen, wie er den jungen Mann begräbt. Es mag zu einem Kampf kommen und womöglich sterben die Freunde durch die Hand des Fremden, der vorher schon ein Verbrecher war oder dadurch zu einem Verbrecher wird.

Der junge Mann jedenfalls liegt wartend in seinem Grab, und die Dinge, die passieren könnten, sind so vielfältig, dass er sie gar nicht alle zu denken vermag.

Heute erzähle ich die Geschichte einem Freund. Bis zu jener Stelle, an der auch mein Bekannter aufhörte und bemerke, ich wisse leider nicht, wie die Sache mit dem jungen Mann ausging. Mein Freund glaubt mir nicht, obwohl ich beteuere, die Geschichte sei wahr.

Ich stelle mir vor, mein Freund erzählt die Geschichte wiederum einer anderen Person. Auch diese behält sie nicht für sich, und irgendwann, so hoffe ich, wird jemand sie zu Ende erzählen, damit der junge Mann in seinem Grab endlich erfährt, was mit ihm passiert ist.

Die Kreuzigung

„So etwas hatten wir schon lange nicht mehr“, sagt Erzapfel zu seinem Assistenten Hagen. „Ein Kreuz mit jemanden drangenagelt.“

„Besonders angestrengt haben die sich aber nicht“, bemerkt Hagen. „Mal eben schnell zusammengekloppt sieht das aus. Keine Facharbeit.“

„Aber es hat seinen Zweck erfüllt, lieber Hagen. Der Leiche ist ja noch gut anzusehen, wie viel Mühe das Sterben gekostet hat.“

Erzapfel betrachtet noch ein wenig das Kreuz.

„Und wem haben wir das zu verdanken?“ will er wissen.

„Dem Dorf da unten. Zweihundert Seelen, ungefähr“, antwortet Hagen und zeigt auf eine kleine Ansammlung von Häusern am Fuße des Hügels, auf dem sie sich befinden.

„Dann lassen sie uns mal gehen“, sagt Erzapfel.

 

Man bringt die Dorfbewohner in der Kirche zusammen. Auf den Bänken sitzen die Männer. Die Frauen stehen und haben die Kinder unter ihren Röcken verborgen.

Es wäre Zeit zu bekennen, wird ihnen gesagt. Alle schweigen jedoch und blicken dumm oder verächtlich.

„Sie reden nicht“, sagt Hagen zu Erzapfel.

„Sie werden reden“, erwidert dieser. „Die Menschen sind auf ihre schlechten Taten genauso stolz, wie auf ihre guten.“

Aus den Frauen bricht es schließlich hervor.

„Er hat unsere Töchter verführt auf die Straße zu gehen“, rufen sie. „Und unsere Männer, sie von dort abzuholen.“

 

Erzapfel (zu Hagen): „Sehen Sie?“

Und nach einer kurzen Pause: „Sorgen sie dafür, dass ein gescheiter Zimmermann besorgt wird. Und Holz. Reichlich. Genug für 200 Kreuze.“

„Was ist mit den Kindern?“, will Hagen wissen.

„Beeindrucken sie mich doch mal mit ein wenig Eigeninitiative.“

„Nun, ich würde sie an die Füße der Eltern nageln.“

„Das ist“, stellt Erzapfel fest, „eine Idee, die ihre Ausbildung bis zu diesem fortgeschrittenen Stadium rechtfertigt, Hagen.“

 

Später treffen sie ihren Vorgesetzten. Der grüßt freundlich und fragt, was es denn gegeben hätte.

„Ach nichts weiter“, antwortet Erzapfel, „nur eine Kreuzigung.“

„Und, haben sie das geregelt?“

„Natürlich. Wie immer.“

„Ich ruf derweil mal an, dass zweihundert Neue kommen“, sagt Hagen und greift zum Telefon.

„Vergessen Sie die Kinder nicht!“