Jenseits von Babel

Ein unendliches Universum wäre eine Potenzierung von Borges „Bibliothek von Babel“. Darin fänden sich nicht nur alle möglichen Kombinationen von Gegebenheiten, sondern sie wiederholten sich auch in der Art, wie zwei gegenüberstehende Spiegel sich bis ins Unendliche reflektieren. Es gäbe uns nicht nur in jeder erdenklichen Form und unser Leben nähme nicht nur jeden Weg, der irgend möglich wäre, wir existierten auch als unser jetziges Ich in unendlicher Anzahl. Diese Tatsache ändert nichts an unserer Einsamkeit, an unserem Wunsch geliebt zu werden, an unserem Bedauern darüber, genau der zu sein, der wir sind. Wenn wir sterben, können wir uns allerdings mit den Gedanken trösten, dass abermilliarden unserer Zwillingsgeschwister in diesem Moment das gleiche erleiden.

14/IV/15

In Gewitternächten durfte ich in das Bett der Eltern flüchten. Obwohl es die Mutter war, die ihre Decke mit mir teilte, rückte ich nah zum Vater hin. Der aber wälzte sich sofort auf die Seite und ich fand meinen Kopf am Fuß der steilen Klippe seiner Schultern. Nichts wünschte ich mir mehr, als dass er sich umdrehen und mir das Gesicht zuwenden möge. Doch er atmete schon wieder so tief, als hätte es diese Unterbrechung seines Schlafes überhaupt nicht gegeben. Also begnügte ich mich mit der Wärme seines Rückens und hoffte auf den nächsten Morgen. Als ich erwachte, war er längst aufgestanden und auch die Mutter hatte das Bett verlassen. Auf der Vaterseite machte ich mich auf die Suche nach Wärme. Seine Decke war schwer und roch wie Bäume im Sommer. Auf dem Kissen dagegen hatte die Nacht saure Schweißspuren hinterlassen.