Über Tlönfahrer

Wer nach Tlön reisen will, muss ein Buch aufschlagen. Er sollte nicht allzu leichtes Gepäck bei sich haben. Neben der Neugier vor allem den Wunsch, sich nicht nur seines eigenen, sondern auch des Verstandes vieler anderer zu bedienen, oder wie es der Schöpfer von Tlön einst formuliert hat, mit fremden Gehirnen zu denken.

Man muss übrigens nicht unbedingt ein Buch von Jorge Louis Borges lesen, um auf jenen Planeten mit dem seltsamen Namen zu gelangen, es ist nicht einmal nötig, die philosophisch-fantastische Geschichte von Uqbar, Tlön und Orbis Tertius überhaupt zu kennen. Denn was in ihr beschrieben wird kennt jeder, für den Literatur und das Lesen mehr ist als bloßer Zeitvertreib. Das hat weniger mit der Beschaffenheit dieser Welt zu tun und damit, wie seine Bewohner denken, reden und handeln, sondern dem, was am Schluss der Geschichte passiert: Der Einbruch der Fiktion in die Wirklichkeit. In Uqbar, Tlön, Orbis Tertius ist dieser Einbruch am Ende total, die Welt wird zu Tlön.

Ganz so radikal geht es bei der herkömmlichen Tlönfahrt natürlich nicht zu. Dennoch ist sie immer mehr, als nur ein Lesen um des Lesens willen. Wer sie unternimmt möchte, dass die Welt sich durch die Lektüre ein Stück verändert. Oder wenigstens man selbst in seinem Blick auf die Welt. Der Tlönfahrer ist sich seiner Sache nie so sicher, dass er meint, er wisse genug oder gar alles darüber und es gebe hier nichts mehr hinzuzufügen oder zu lernen. Er hat mehr Bücher als er in der noch zu erwartenden Lebenszeit lesen kann. Und weil dies ein beruhigendes Gefühl ist, kommen immer wieder Bücher hinzu.

Zu den Tlönfahrten gehört naturgemäß auch über das Gelesene zu schreiben. Davon zu erzählen wie es war, dieses Denken mit fremdem Gehirn, das sich Bedienen der Vernunft anderer. Da man am Ende einer Tlönfahrt nicht mehr derselbe Mensch ist, der man an ihrem Beginn war, stellt sich die Frage, was sich verändert hat und worauf diese Veränderung zurückzuführen ist. Das ist immer wieder spannend, denn keine Tlönfahrt ist wie die andere. Man weiß nie, was einem auf der Reise zustößt.

Tlönfahrt ist auch das Erzählen von Geschichten. Man wird zum eigenen Navigationssystem, dessen Funktionsweise sich aber nie vollständig erschließt. Diese Reisen sind die mutigsten und viele werden nie zu ende geführt oder erst gar nicht begonnen. Gelingen sie jedoch, ist dem wieder heimgekehrten Reisenden so wohl, wie nur selten im Leben.

Der Tlönfahrer ist seit Juni 2014 im Netz und war zunächst ausschließlich als literarischer Blog gedacht, in dem der Autor als Person überhaupt nicht vorkommen sollte. Er bestand aus kurzen und längeren Prosatexten, Notizen zu Literatur und aktuellem Zeitgeschehen sowie Buchbesprechungen, alles brav in Kategorien unterteilt. Diese, zwischen 2014 und 2020 entstandenen Texte befinden sich alle im Archiv.

Jetzt, im Oktober 2020, orientiert sich Der Tlönfahrer inhaltlich neu. Er verzichtet auf Festlegungen und Kategorien sondern möchte ein fortwährender Dialog sein mit dem Gelesenen und Erlebten. Eine Mischung aus Lesejournal, politischem Tagebuch, Kolumne und Textbuch.

Der Autor…

…heißt Sven Koether, wurde im Mai 1967 im Taunus geboren und ist nach Lebensphasen in Hamburg, im Sauerland, in Ecuador, in Spanien und in München schließlich am Rand der Eifel sesshaft geworden.

Im Oktober 2016 veröffentliche Sven Koether den Erzählband “Das Albgeräusch”, herausgegeben vom Zuckerstudio Waldbrunn.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.