Adverb

Die Subversivität von Adverben:

Lincoln bezeichnete die Vereinigten Staaten als “this almost chosen people” – dies beinahe erwählte Volk. Henning Ritter dazu in seinen Notizheften: “Wie kann man beinahe auserwählt sein – ohne nicht auserwählt zu sein?”

Ein anderer Fall:

Zephanja 2:3 nach der Übersetzung von Schlachter: “Suchet den HERRN, alle ihr Demütigen im Lande, die ihr sein Recht übet! Suchet Gerechtigkeit, befleißiget euch der Demut; vielleicht werdet ihr Bergung finden am Tage des Zornes des HERRN!”

Allen Anstrengungen zum Trotz, droht ein “vielleicht” über der erhofften (und vermeintlich verdienten) Errettung.

Es scheint, als ob sowohl Lincoln, als auch der alttestamentarische Prophet nach einem Weg suchten, ihre Zweifel zu artikulieren, ohne das zu verraten, wofür sie einstanden. Niemand weiß, wie lange sie über ihrem Dilemma brüteten. Aber beide fanden den Ausweg in einem simplen Adverb.

Die Mitte der Ewigkeit

Der amerikanische Philosoph Thomas Nagel beschäftigt sich mit so spannenden Themen wie dem praktischen Rationalismus und dem Spannungsverhältnis zwischen subjektiven und objektiven Standpunkten im Hinblick auf Ethik, Moral und Politik. Dem Diskurs mit der Welt, den wir mit Hilfe des Verstandes führen, geht ein innerer Diskurs mit uns selbst voraus, der mit Begriffen wie Klugheit oder Moralität noch nichts anzufangen weiß und somit als subjektivitätsmetaphysisch bezeichnet werden kann. Aus der Auseinandersetzung dieser beiden Wahrnehmungsebenen, die ständig versuchen einander zu verdrängen, entstehen die Prinzipien des Handelns.

1979 erschien Nagels Buch „Letzte Fragen“ (Originaltitel: Mortal Questions), mit Essays über verschiedene Themen, wie das Absurde, Krieg und Massenmord, Gleichheit und sexuelle Perversion. Ebenfalls darin enthalten ist sein berühmter Aufsatz: „Wie fühlt es sich an, eine Fledermaus zu sein?“
Der für mich interessanteste Essay ist gleich der erste im Buch, betitelt: Der Tod. Er beginnt mit der Frage:
„Warum eigentlich ist es schlimm zu sterben, wenn doch der Tod das Ende unserer Existenz ist, unwiderruflich und bis in alle Ewigkeit?“
Das Übel des Todes, so stellt er fest, liegt nicht im Zustand der Nichtexistenz, sondern in dem Herausnehmen aus der Zeit, dem Abschneiden der Zukunft. Um das zu verdeutlichen, führt er einen Gedanken von Lukrez an. Dieser meinte, niemand mache sich Gedanken über seine Nichtexistenz vor der Geburt, also gäbe es auch keinen Grund, über die Nichtexistenz nach dem Tod zu grübeln, da diese nur ein Spiegelbild des Vorherigen sei. Aber, so Nagel, die Zeit nach unserem Tod ist Zeit, die uns geraubt wird. Wären wir nicht gestorben, könnten wir noch leben – der Tod also bedeutet auf alle Fälle einen Verlust, und zwar den an Zeit und Möglichkeiten. Die Spanne vor der Geburt wird nicht als Verlust betrachtet, weil jeder Mensch nun mal nur in dem Moment geboren (besser gesagt gezeugt) werden kann, an dem es passierte. Andernfalls wäre er eben nicht dieser Mensch, sondern einfach ein anderer. So sind die biologischen Gegebenheiten. Es gibt also keine Möglichkeiten für das Individuum vor seiner Geburt. Danach aber gibt es davon unzählige, die der Tod zu irgendeinem Zeitpunkt zunichte macht.

Soweit Nagel. Ich möchte nun dieses Gedankenspiel über die vorgeburtliche Nichtexistenz im Vergleich mit der postmortalen noch ein wenig fortsetzen. Dass das Nichtsein vor unserer Geburt von uns nicht als Verlust betrachtet wird, liegt ja nicht nur daran, dass es einfach eine biologische Unmöglichkeit ist, als der gleiche Mensch früher geboren worden zu sein. Es liegt meines Erachtens vor allem an unserer intellektuellen Fähigkeit, die Vergangenheit als einen Teil unseres eigenen Seins zu betrachten. Das betrifft nicht nur Naheliegendes, wie die eigenen Vorfahren, sondern auch die Geschichte des Landes, in dem man lebt, nicht zuletzt die Geschichte der Menschheit selbst. Die Vergangenheit ist, auch wenn wir sie nicht erlebt haben, dennoch Teil unserer Erfahrung (natürlich beschäftigen sich die Menschen sehr unterschiedlich mit der Vergangenheit, die einen mehr, die anderen weniger, manche vielleicht überhaupt nicht. Aber zumindest in unserer Informationsgesellschaft ist es nahezu unmöglich, ohne jegliche Vergangenheitserfahrung groß zu werden oder zu leben). Die Zeit vor unserer Geburt ist deswegen kein Verlust, weil wir sie aufgrund der Beschaffenheit unseres Geistes nacherleben können.
Mit der Zeit nach unserem Tod verhält es sich naturgemäß völlig anders. Sie ist uns nicht zugänglich. Zwar ist es für viele interessant und anregend sich Zukunftsvisionen auszumalen, Science Fiction Geschichten zu lesen oder als Film anzuschauen. Aber daraus entsteht nie das Gefühl einer Erfahrung oder des wenigstens indirekt beteiligt seins, wie beim Betrachten der Vergangenheit. Um Zukunft als Erfahrung zu haben, muss man sie erleben. Die Nichtexistenz nach dem Tod ist also ein Erlebnisverlust.

Noch etwas kam mir bei der Gegenüberstellung von den beiden Formen der Nichtexistenz in den Sinn: das Problem den Begriff Ewigkeit gedanklich zu erfassen.
Mir wurde als Kind beigebracht, Gott habe schon immer existiert. Unzählige Male habe ich versucht, diese Tatsache zu denken, aber es war nicht möglich. Innerhalb weniger Momente kamen ganz banale Fragen auf wie: Was hat er denn die ganze Zeit gemacht? Und davor? Und vor dem Davor?
Es geht einfach nicht, wir sind in unserem Denken sosehr in der Zeit verhaftet, dass wir allem einen Anfang geben müssen. Es ist ein intellektuelles Verlangen, alle Dinge bis zu ihrem Ursprung, ihrem Beginn zurückzuverfolgen. Daher ist die Existenz eines allmächtigen seit Ewigkeiten existierenden Gottes für viele nicht akzeptabel.
Dagegen macht uns unsere genauso ewige Nichtexistenz vor der Geburt keine gedanklichen Probleme. Auch die Vorstellung, vor dem Urknall gab es keinen Raum und keine Zeit, also irgendwie Nichts, ist leichter zu erfassen, als ein schon immerwährendes Etwas. Nichtexistenz ist in der Zeit vor unserer Geburt für uns also gedanklich zu erschließen.
Durch die Tatsache unserer Existenz, drehen die Dinge sich um. Nun ist die Vorstellung des zukünftig ewigen Nichtexistierens nicht mehr wirklich zu denken. Der Tod nimmt uns aus der Zeit und wir haben für diesen Zustand keine Begriffe mehr. Auch wenn unsere Nichtexistenz vor dem Tod theoretisch ebenso ewig war, ist sie es in unserem Denken nicht, denn sie hatte mit unserer Geburt ein Ende. Dem wird aber, unter Ausklammerung jedweden religiösen Hoffnungen, im Falle der Nichtexistenz nach dem Tod nicht so sein.

Sinn & Form

Gut möglich, dass man bei dem Begriff “Literaturzeitschrift” zuerst an ein buntes Magazin denkt, angefüllt mit Rezensionen neu erschienener Bücher, Kommentaren mehr oder weniger bekannter Schriftsteller und Kritiker, Essays zu aktuellen politischen oder gesellschaftlichen Themen, Jubiläen und Jahrestagen berühmter Autoren, Stellungnahmen zu Buchpreisverleihungen und einer Menge leserorientierter Werbung. Das alles eifrig bebildert mit Portrait- oder zeitdokumentarischen Aufnahmen, mit Zeichnungen oder Montagen, die alle ihren künstlerischen Anspruch schon beim oberflächlichen Draufschauen geltend machen. Weniger eine Zeitschrift über Literatur, eher ein Informationsblatt des Buchmarktes.

Mit Literaturzeitschriften verhält es sich wie mit Wahlplakaten: Je mehr Text, desto weniger Aussicht auf Erfolg. Zum Glück gibt es bei den Blättern, die sich dem geschrieben Wort widmen keine Fünfprozenthürde. Man muss nur bereit sein, zu bezahlen. Dann erhält man nämlich etwas, was den Titel „Literaturzeitschrift“ wirklich verdient.

Wie zum Beispiel dieses wunderbare Exemplar, das heute in meinem Briefkasten war:Sinn & Form III

 

Auf Sinn & Form bin ich gestoßen, weil ich ein regelmäßiger Hörer des Deutschland Radio Kultur bin. Einmal war Matthias Weichelt zu Gast, der damalige stellvertretende Chefredakteur von Sinn & Form, und sprach über die Themen der neusten Ausgabe. Daraufhin bestellte ich mir das Heft. Ich war begeistert. Sie enthielt einen Essay über Saint-Exupéry, Norman Maneas Gedanken über Cioran, ein Gespräch mit Enzensberger, Auszüge aus dem Briefwechsel zwischen Hilde Domin und Hannah Arendt, Briefe von Klaus Mann, eine Dankesrede von Durs Grünbein und vieles mehr.

Sinn und Form I

Sinn & Form ist auf eine besondere Weise zeitlos, weil sie nicht auf Aktualität ausgerichtet ist. Jede Ausgabe hat einen thematischen Rahmen, der aber so weitläufig gesteckt ist, dass er meist nur schwer zu erkennen ist. Aber gerade das macht die Lektüre niemals langweilig. Man kann sich bedenkenlos ältere Jahrgänge bestellen, die darin enthaltenen Artikel und Texte haben nichts von ihrer Qualität verloren, weil es sich dabei um Literatur handelt und nicht um bloße Stellungnahmen zu gerade durchs literarische Dorf gejagten Säuen.

Sinn und Form II

Und ja, Sinn & Form hat seine Wurzeln in der DDR. Dieses Echo ist auch heute noch zu verspüren, aber nicht in ideologischer Hinsicht, sondern in einer gewissen Affinität zu osteuropäischen Autoren. Inhaltlich lässt Sinn & Form die Vergangenheit nicht ruhen. Sie scheut weder den Rückgriff auf die Nazizeit, noch auf Leben und Schreiben im Kommunismus. In der neuesten Ausgabe finden sich Tagebuchaufzeichnungen über die letzten Tage Ingeborg Bachmanns. Das klingt nach trockener Literaturgeschichte, ist aber lebendige Vergegenwärtigung einer einzigartigen schriftstellerischen Hinterlassenschaft.

Alle zwei Monate erscheint Sinn & Form. Sechs Mal im Jahr kann man also ein Geschenk in seinem Briefkasten vorfinden. Und im Bücherregal fügt es sich ein in ein vielbändiges Dokument literarischen Schaffens und unermüdlicher Geistesarbeit.