Edit 26.11.2016:

Als Der Tlönfahrer im Juni 2014 startete, sollte er ein rein literarischer Blog werden. Das Konzept ist mittlerweile etwas aufgeweicht, spätestens seit der Reihe „Wen wählen?“, die sich mit der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz beschäftigte. Die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Zeit machen mir große Sorgen, denen ich im Rahmen dieses Blogs ebenfalls Ausdruck verleihen möchte. Aus diesem Grund habe ich die Kategorie „Selbstgespräche“ hinzugefügt, als einen Ort, an dem ich zu verschiedenen Themen Stellung nehmen werde, nicht unter dem Kunstprodukt Der Tlönfahrer, sondern als der Autor Sven Koether.

 

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Tlönfahrer sind ungesellig aber neugierig, schnell zu begeistern und schnell zu langweilen. Sie schlafen wenig und suchen stest den Rausch. Dem Wort zu trauen fällt ihnen schwer, es sei denn, sie haben es selbst geschrieben. Anderen Tlönfahrern begegnen sie mit großem Respekt und noch größerer Skepsis. Sie reisen immer allein.

Der Tlönfahrer weiß: Könnte er sich an seine Geburt erinnern, hätte er keine Angst vor dem Sterben.

Tlönfahrer erzählen nie, was sie wirklich erleben. Sobald sie wieder hinter dem Spiegel hervorkommen, haben sie alles vergessen. Deswegen schreiben sie ihre Berichte, Depeschen und Tagebücher bevor sie aufbrechen. Im Grunde wissen sie gar nicht, was sich hinter dem Spiegel wirklich abspielt.

Tlönfahrer lügen wie gedruckt. Fragt man aber einen von ihnen, ob er jemals die Unwahrheit gesagt habe, antwortet er: „Nein.“

Tlönfahrer sind behauptungsfrohe Fabulierer. Sie hassen Unwissenheit, mehr noch den Mangel an Phantasie. Gottfried Benn lesen sie mit reinem Gewissen und halten weder Thomas Mann noch Goethe oder französische Philosophen für überbewertet. Obwohl sie sich mehrheitlich als Atheisten oder Agnostiker bezeichnen, wohnt ihnen eine unstillbare Sehnsucht nach einer Metaphysik inne, die ihren Verstand nicht beleidigt. Sie fürchten weder das Pathos, noch langen Sätze. Rechtschreibregeln dagegen schon.

Apostaten behaupten, Tlönfahrer huldigten einem argentinischen Gott, dabei bringt dieser nur eine Seite zum Klingen, die von Geburt an in ihnen aufgezogen war. Im Kopf entwerfen sie jeden Tag mehrere Romane, mit den Fingern keinen einzigen. Sie hassen zu schreiben aber lieben es, geschrieben zu haben.

Sie ziert, naturgemäß, die Angst vor Spiegeln.

Am Tage zertreten Tlönfahrer ihre Vergangenheit mit den Füßen, nur um sie nachts in fiebrigen Träumen wieder zusammenzusetzen. Danach trinken sie heiße Milch mit Honig oder schreiben Sonette.

Wenn Tlönfahrer sterben, werden sie zu dem Monster unter den Betten ihrer Kindheit. Keine Eltern zu haben erscheint ihnen auf eine bizarre Weise selbstverständlich. Ihre Melancholie tragen sie mit Stolz, als wäre sie eine japanische Tätowierung.

Reist ein Tlönfahrer für längere Zeit nicht, wird er unleidlich und verschämt aggressiv. Er bekämpft seine Ungeduld mit Empathieglobuli und homöopathischen Dosen fernöstlicher Philosophie. Dummheit verdirbt ihm den Appetit.

Tlönfahrer sind passionierte Pessimisten, die der Zukunft freudig entgegensehen. Sie schreiben philosophische Einlassungen über Selfies und lassen sich ungern beschenken. Mit Science-Fiction-Filmen trösten sie sich über ihre Kurzlebigkeit hinweg.

Tlönfahrer sind Diebe und Hochstapler, Buchschwadroneure und Zitatenklauber. Beerdigen lassen sie sich genau zwei Meter unter einer beliebigen Bestsellerliste.

Die Kirchen des Tlönfahrers sind Bibliotheken und Büchereien. Er ist ein in die Jahre gekommenes Kind und der beste Freund seiner Dämonen.

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