Große Unruhe

Julian Barnes, Vom Ende einer Geschichte, Kiepenheuer & Witsch

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Jemand sagte einmal sinngemäß, wir Menschen glichen einem Film, den die Gegenwart belichtet und der von der Erinnerung entwickelt wird. Aber ist es wirklich so, dass unsere Erinnerungen Erlebtes derart genau wiedergeben, wie Fotografien oder Filmaufnahmen?

Die Hirnforschung hat in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht. In dem Maße, indem das Verständnis über das Entstehen von Bewusstsein zunahm, erweiterte sich auch das Wissen darüber, wie das Gedächtnis funktioniert. Da gibt es keinen Ort im Gehirn, wo alles abgespeichert und nach Belieben abgerufen werden kann, sondern so, wie Bewusstsein aus dem Zusammenspiel unzähliger Vorgänge in verschieden Hirnregionen entsteht, verhält es sich auch mit dem Gedächtnis. Erinnerung ist keine exakte Replikation von Wahrnehmungen aus der Vergangenheit, kein Wiederhervorholen aus dem zerebralen Archiv. Es ist eine Nacherzählung, die das Gehirn mit der gleichen Unabhängigkeit vom bewussten Ich vornimmt, in der es ihm auch das Hier und Jetzt der Gegenwart vorführt. Wie Wahrnehmung beeinflusst wird durch vielfältige Gegebenheiten – von einem Tiefdruckgebiet oder der einfachen Tatsache schlecht geschlafen zu haben, über Liebeskummer bis hin zu schweren psychischen oder physischen Erkrankungen – unterliegt auch das Wiedererzählen unseres Gehirns, das wir Erinnern nennen, den unterschiedlichsten Einflüssen. Was beträchtliche Verschiebungen hervorrufen kann, zwischen dem, was wirklich passiert ist, und dem, was erinnert wird. (Näheres dazu kann man z.B. in dem sehr interessanten und sich auf dem neuesten Wissensstand befindenden Buch „Inkognito“ von David Eagleman nachlesen.)

In einfachen Worten: Unsere Erinnerung ist oftmals weniger Chronist als vielmehr erfindungsreicher Märchenonkel.

Soweit die Fakten.

Gute Literatur nun schafft es immer wieder, theoretische Erkenntnisse lebendig werden zu lassen, indem sie dessen trockenes Gerippe mit Fleisch und Blut zu ummanteln weiß.

Ein Beispiel dafür ist das Buch „Vom Ende einer Geschichte“ des britischen Schriftstellers Julian Barnes. Zu Recht wurde es 2011 mit dem Booker-Prize ausgezeichnet. Barnes, bekannt geworden durch Romane wie „Flauberts Papagei“, „Eine Geschichte der der Welt in 10 ½ Kapiteln“ oder der wunderbaren Geschichte von „Arthur & George“, ist ein Meister des ironischen Erzählens und des subtilen und feinsinnigen Humors.

In „Vom Ende einer Geschichte“ erzählt der pensionierte und geschiedene Tony Webster. Er berichtet von seiner Schulzeit, seinen Kameraden und einem besonderen jungen Mann namens Adrian, der eines Tages in seine Klasse kommt. Eine Freundschaft entsteht, von der man aber merkt, sie steht auf etwas wackligen Füßen. Und Tony erzählt von Veronica, seiner ersten Liebe. Irgendwann ist die Schule zu Ende, man wird ins Leben entlassen, aber die Verbindungen halten noch für eine Weile. Dann ist plötzlich alles vorbei. Vorbei die Freundschaft zu Adrian, vorbei die Beziehung zu Veronica, vorbei die sporadischen Zusammentreffen mit seinen alten Schulkameraden. Einmal noch trifft er einen von ihnen. Bei dieser Gelegenheit erfährt Tony von Adrians Selbstmord.

Danach nimmt Tonys Leben seinen Lauf, mit Beruf, Ehe, der Geburt einer Tochter, Scheidung und schließlich dem Ruhestand. Tony ist mit sich selbst und seinen Erinnerungen im Reinen. Dann bekommt er einen Brief, und plötzlich findet Tony die Interpretation seines bisherigen Lebens in Frage gestellt.

Mehr will ich nicht verraten, aber die Geschichte nimmt noch vielfältige Wendungen und bleibt bis zum Ende hin interessant. Aber sie lebt keineswegs nur von der Spannung, sondern mehr noch von der Anschaulichkeit mit der Barnes beschreibt, wie sich Tonys Sicherheit was seine Erinnerungen betrifft langsam auflöst und er immer mehr erkennen muss, dass seine Version der Vergangenheit nicht mit dem übereinstimmt, was wirklich passiert ist.

Ganz am Anfang des Buches gibt es eine Szene, die exemplarisch ist und den Weg, den die Erzählung gehen wird, vorzeichnet. Auf die Frage des Geschichtslehreres: „Was ist Geschichte?“, antworte der junge Tony nassforsch: „Geschichte ist die Summe der Lügen der Sieger.“

Die Antwort des Lehrers: „Nun gut, so lange Sie im Auge behalten, dass sie auch die Summe der Selbsttäuschungen der Besiegten ist.“

Und der geheimnisvolle Adrian gibt noch ein Zitat von Lagrange zum Besten: „Geschichte ist die Gewissheit, die dort entsteht, wo die Unvollkommenheiten der Erinnerung auf die Unzulänglichkeiten der Dokumentation treffen.“

Was hier noch als jugendliche Besserwisserei daherkommt, ist am Ende des Romans auf eindringliche Art bildhaft geworden.

Und noch ein Kreis schließt sich am Ende des Buches. Ein Mitschüler Tonys wird vom Geschichtslehrer gefragt, wie er die Herrschaft Heinrichs des Achten beschreiben würde. Nach längerem Nachdenken sagt dieser: „ Es herrschte Unruhe, Sir.“ Der Lehrer bittet ihn, das etwas näher zu erläutern. Darauf kommt die Antwort: „Ich würde sagen, es herrschte große Unruhe, Sir.“ Das ist auch Tonys Fazit am Ende, als die Vergangenheit ihr wahres Gesicht gezeigt hat und er aus dieser letzten großen Erfahrung seines Lebens die Schlüsse zieht: Es herrscht Unruhe. Es herrscht große Unruhe.

Eine ebensolche Unruhe mag auch dem Leser überkommen, nicht aus Unzufriedenheit mit der abgeschlossenen Lektüre, sondern weil er sich wohl unweigerlich die Frage stellen wird, inwieweit er eigentlich seinen eigenen Erinnerungen vertrauen kann. Ich denke aber, das Lesevergnügen, welches einem Barnes Roman bietet, ist dieses Risiko wert.

Julian Barnes, Vom Ende einer Geschichte, Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-04433-1

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