Ines, im Nachhinein.

Ärineus in seiner fünften Beichte:

„ … und Frauen bereist, wie ferne Länder.“

Oder Thackleton, der eine indianische Madonna zeichnete, mit einem Heilgenkranz aus Federn und entblößter Brust. „Das Indianische“, schrieb er kurz vor seinem Tod, vorzeitig herbeigeführt durch ein Messer in der Hand eines mormonischen Eiferers, „ steht in gleicher Distanz zu uns, wie Christentum und Weiblichkeit.“

Man kann auch neuzeitliche Beispiele anführen. John Gray, der die Frauen auf einen anderen Planeten versetzt. Desweiteren bestimmte feministische Literatur, die dem Monotheismus vorwirft, er habe die Frauen dem Patriachart ausgeliefert, die Männer aber dem dummen und aggressiven Unverständnis gegenüber ihrer selbstverschuldeten Annäherungsinkompetenz.

 

Ines sagte bei unserem ersten oder zweiten Treffen: „Auf Abstand gehaltene Liebe beißt nicht.“ Ich musste an einen Hund denken, den man mit kräftigem Leinenzug an jeglicher unkontrollierten Kontaktaufnahme mit seiner Umwelt hindert.

„Abstand = Angst“, ich darauf. „Angst?“, Ines lachend. „Vorsicht und Erfahrung!“

 

Beim Sex, so stellte ich fest, ist die Frage des Abstandes eine metaphysische.

 

Das Internet erlaubt sprachliche Nähe, bei größtmöglichem physischem Abstand. Mit dem Briefeschreiben verhält es sich ähnlich, wobei ihm dennoch etwas Körperliches anhaftet. Die eigene Schrift, der Geruch des Papiers, ein eventuell beigegebener Duft. Ines erzählte, sie hätte früher auf Liebesbriefen den ein oder anderen Wassertropfen aufs Papier geträufelt, damit es so aussähe, als hätte sie beim Schreiben geweint. Meine Liebesbriefe versah ich immer mit einem PS, das meist dazu angetan war, die Distanz, die ich in den vorangegangen Zeilen Stück für Stück verringert hatte, wieder herzustellen. Manchmal auch umgekehrt. Das waren dann diejenigen, die ich nicht verschickte.

 

Meine Mutter ist eine Frau aus einem Bruegelbild. Sie schafft ständig Essen heran. An Konversation ist ihr wenig gelegen, es sei denn, die Informationen bewegen sich auf dem abgegrenzten Terrain ihrer Unbedenklichkeitszone. Bei ihrem ersten Zusammentreffen läuft Ines in ihren Gesichtskreis, als hätte sie dort bereits jeden Sommer die Ferien verbracht. Meine Sprachlosigkeit gegenüber der Oberflächlichkeit meiner Mutter kommentiert sie mit Blicken und Tritten unterm Esstisch. Bald schon aber schreibt sich mich bei den Treffen mit meinen Eltern ab und widmet sich nur noch der Frau. Die Einsilbigkeit meines Vaters perlt an ihr ab und er wird bei unserem Zusammensein genauso beschwiegen wie ich.

 

Hirnhälftenarithmetik

 

Ines arbeitet für einen Steuerberater und ist von Berufs wegen schon dafür disponiert, Abstände in Zahlen auszudrücken. Neulich sagte sie zu mir: „ Du bist genau drei ‚Es tut mir leid‘ davon entfernt, dass ich dich hasse.“

 

Ines Vater ist ein sympathischer Zyniker. Er schaute mich an, als wüsste er genau, wie es um uns steht. Als wären meine Erfahrungen mit den seinen identisch. Dabei trägt seine Frau immer einen leicht devoten Duft, der Ines so ganz abgeht. Sie ist ihm stets einen Schritt voraus und man ahnt, dass dies aus der untergründigen Angst geschieht, das Harmoniebild könne in Schräglage geraten. Ines Mutter lässt in allem was sie tut und sagt niemals Zweifel aufkommen darüber, wer der Herr im Hause ist. Der Vater ist das Zentrum, um das die restliche Familie seine Kreise dreht. Der Beflissenheit der Mutter steht die Bereitschaft der Tochter gegenüber, es jederzeit auf eine Konfrontation ankommen zu lassen. Die aber meist ausbleibt, weil die Mutter interveniert. Eine Wogenglätterin, eine Sturmverhinderin, wie auch ich ein Sturmverhinderer bin und deswegen müsste sie in mir eigentlich einen Verbündeten erkennen. Ihr Blick aber ist stumpf, als sei ich nur irgendein Gast, der im Dunstkreis des hohen Herren ihrer Dienste teilhaftig zu werden begehrt.

 

Ob mir ihre Bräsigkeit denn nicht schon früher aufgefallen sei, fragt Ines. Ich schüttele den Kopf und sage, früher wären mir vor allem ihre Brüste aufgefallen. Die seien so groß gewesen, dass alle Grobheit dahinter verborgen blieb. Sie seien noch so groß wie früher, sagt Ines. Ja, sage ich, aber sie verbergen nichts mehr.

 

Mein Vater ist tot. Ines nimmt mich in den Arm. Wie eine Mutter, die ihr Kind tröstet und dabei trotzdem nicht vergisst, dass sie noch einen Topf mit Kartoffeln auf dem Herd stehen hat.

 

Ines mag Pfarrer noch weniger als ich, kann es aber besser verbergen. Sie nimmt seine zum Kondolieren ausgestreckte Hand und hält sie fest, als sei die Seele des Verstorbenen in ihr gefangen und könne durch sanftes Streicheln der Handwurzelknochen befreit werden. Der blasse Mann lässt es kurz geschehen, wendet sich dann aber schnell dem nächsten Trauergast zu. Ich ergreife die mir dargebotene Hand, wiege ihr Gewicht, fühle die feuchte Haut und versuche zu ertasten, ob Ines Finger irgendwelche Spuren auf Kopf- oder Vieleckbein hinterlassen haben. Das Gelände ist so kalt, wie ich es erwartet habe. Unter Tränen sagt die Mutter später, wie ergreifend die Worte des Predigers gewesen seien. Ines nickt. Ich trinke meinen Kaffee und denke an Sex. Und an die Frau, die mir vor Jahren erzählte, wie sie nach der Beerdigung ihres Mannes von dessen zwei Brüdern vergewaltigt worden war. In ihren Augen schwamm ein schon längst heimisch gewordener Schmerz. Man müsse das verstehen, hatte sie gesagt, der Tod entfessele das Leben und das wiederum wisse in diesem Moment einfach nicht wohin mit seiner Energie. Am Abend erzähle ich Ines von der Frau und sie sagt etwas von Opferrhetorik und dass diese Übereinkunft von Sex und Tod die Schnittstelle zwischen Antike und Romantik darstelle und ihr morbider, wollüstiger Nebel ganzen Generationen das Hirn versumpft hätte.

 

Ines fragt sich nie, warum sie so ist, wie sie ist. Sie hat die Schuldigen schon vor langem ausgemacht. Ich bin mir, was mich betrifft, noch nicht sicher. Außer mir selbst, fällt mir niemand ein.

 

Ines Vater hat einen Schlaganfall und sitzt im Rollstuhl. Die Mutter wischt den ganzen Tag Speichel von seiner Wange, während er Bosheiten in sein Lätzchen nuschelt. Das erste Mal seit ich Ines kenne, scheint sie etwas wirklich zu kränken. Noch habe ich nicht herausgefunden, ob sie sich am Leid der Mutter oder dem Leiden des Vaters abarbeitet.

 

Mein Schwager ist Immobilienhändler. Ines liebt ihn auf eine großschwesterliche Art. Die Bestätigung, die sie ihm verweigert, versucht er sich von mir zu holen. Was weiß ich über Häuser in bester Lage? Nichts, aber ich kann nicken und ihm viel Erfolg wünschen, wenn er mir von seinen Projekten erzählt. Meine Schwester, sagt er dann, ist eine frigide Kuh – wer wüsste das besser als du – aber sie ist meine Schwester, also verlass sie nicht, um Himmels Willen. Er hätte auch sagen können: Verlasse mich nicht. Das wäre ehrlicher gewesen. Aber wir bewegen uns auf Familienterrain, da ist Ehrlichkeit eine Währung, die umgetauscht wird, bevor man zu handeln beginnt.

 

Ines betrügt mich. Nicht so, wie ich sie betrüge, mit billigen Internetpornos und durch feuchtem Duschkabinenklima angefachten Analfantasien. Sie trifft sie sich leibhaftig mit anderen Männern. Wie lange das schon geht – keine Ahnung. Ich bin ein Mann und deswegen leicht hinters Licht zu führen. Herausgefunden habe ich es, weil Ines, wie bei einer Schnitzeljagd, Hinweise ausstreut, die nur jemand erkennen kann, der nicht so ist, wie sie denkt, dass ich es sei. Auch Frauen können sich irren.

Als ich sie darauf anspreche, weist sie alle Vorwürfe von sich, bricht in Tränen aus, akzeptiert aber meinen Vorschlag, die nächsten Wochen bei einem Freund zu verbringen, ohne andere Alternativen ins Gespräch zu bringen.

 

Eine Scheidung ist wie eine Beerdigung. Es werden Dokumente und Träume zu Grabe getragen. Ines kam mit ihrer Mutter. Ich kam alleine. Die Formalitäten hatten wir vorher geklärt, weswegen die Richterin auch nur ihren Text herunterzubeten hatte, wir unsere Unterschriften leisteten und den Raum verließen. Vor der Tür gaben wir uns einen flüchtigen Wangenkuss. Verwundert, wie leicht sich zurückliegende Gemeinsamkeiten auseinander dividieren ließen, gab ich Ines noch einen weiteren Kuss, worauf sie mich ansah, als sei ich übergriffig geworden.

 

Ärineus in seiner dritten Beichte:

„Harte Strände und harte Stirne,

wo die Segel brechen

von Schiff und Liebe“

 

Thackelton hatte seiner Schwester geschrieben, er wünsche sich einen Himmel voller Jungfrauen, um dort in aller Ewigkeit der Versuchung widerstehen zu können. Ines hatte mir einmal geschrieben, sich wünsche sich einen Himmel voller Gladiatoren, die sich gegenseitig die Nasen abschnitten, nur um derjenige zu sein, der ihren Hymnen zerreissen darf.

 

 

 

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